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2011 -

Rosemarie Vollmer: SCHAUKELN

Kreissparkasse Göppingen - Bad Boll. Zur Ausstellungseröffnung am 16. 03. 2012

Auf einer Schaukel zu schaukeln – allein die Vorstellung schon lässt eine stille Freude in uns aufkommen, ohne dass wir so recht wüssten warum. Und erst eine Vielzahl von Schaukeln – das innere Bild bereitet uns ein sinnliches Vergnügen, vielleicht auch mehr. Dabei ist eine Schaukel doch ein ziemlich simples Ding: Ein einfaches Brett, das an zwei Seilen aufgehängt ist, so dass es frei schwingen kann – einfach hin und her, hin und her. Die Schaukel und das Schaukeln – sie sind in keiner Weise nützlich oder produktiv. Es entsteht nichts Neues, und es gibt keinen Fortschritt. Vielmehr lässt die ständige Wiederholung des immer Glei­chen das Ganze aus rationaler Sicht eher als sinnlos erscheinen.

Wann haben Sie zum letzten Mal geschaukelt? Es ist sicher schon eine Weile her. Und es war auch nur kurz – einige Male hin und her, und Sie befanden sich in einer heiteren und gelösten Stimmung. Aber als Kinder, ja, auch daran erinnern Sie sich, da haben wir doch alle ausgiebig und heftig geschaukelt, bisweilen ge­radezu obsessiv. Wir wollten möglichst hoch hinaus und mochten auch gar nicht aufhören. Die ständige Wiederholung hat uns gar nicht gestört – im Gegenteil: Je länger, je lieber, war damals die Devise. Woran mag das wohl gelegen haben? Was macht die Schaukel, was macht das Schaukeln mit uns? Wie ist es möglich, dass das Schaukeln uns sogar für eine Weile geradezu süchtig machen kann?

Das Schaukeln ist ein Spiel mit der Schwerkraft. Kaum sitzen wir auf dem kleinen Brett, da haben wir schon den festen Halt unter den Füßen verloren, und der Kör­per bewegt sich ohne unser Zutun leicht vor und zurück. Und sobald wir diese ersten Schwingungen mit den Beinen aufnehmen und verstärken, schlägt die Schaukel stärker aus. Zunächst verlieren wir ein wenig die Orientierung, weil die gewohnten Raumbeziehungen sich permanent verschieben; uns beginnt zu schwindeln. Doch nach einer Weile sind wir wieder ganz bei uns, wir sind sitzend fest auf das Brett gepresst, fühlen uns sicher und stabil. Aber nun schwingt un­sere Umwelt. Alles, die Bäume, die Häuser und die Menschen schaukeln, sie schwingen in einer halbkreisförmigen Bahn, die wir mit unserer eigenen Körperbewegung in Gang halten. So ist es nicht nur die subjektive Bewegung, die uns Freude bereitet, es ist das kurze verrückte Erlebnis, wie wir die Weltordnung völlig aus den Angeln heben und durcheinander bringen. Und das bereitet uns zu Recht ein herrliches Vergnügen.

Es dürfte Ihnen nicht entgangen sein, dass dies ein Rückblick war, und ich hoffe, dass es mir gelungen ist, lebhafte Kindheitserinnerungen bei Ihnen zu wecken. Damit wären Sie auch eingestimmt, um den Malereien von Rosemarie Vollmer in der angemessenen Verfassung zu begegnen. Denn die Künstlerin ist auch über das Sehen von Schaukeln in Hausgärten in Erinnerungen eingetaucht und zu ihren Bildmotiven angeregt worden.

Die Schaukel bildet auf den Malereien von Rosemarie Vollmer nicht ein singu­läres, ein dominierendes Motiv, sondern eher ein Attribut. Hauptmotiv ist ein Baum, an dessen Ast die Schaukel befestigt ist und an dem sie, vielleicht von einem Windhauch angestoßen, in eine leichte Schwingung geraten ist. Nie sitzt jemand auf der Schaukel; sie wirkt verlassen, vielleicht sogar vergessen, weil die Kinder, für die sie angebracht worden war, ihr entwachsen sind. – Ja, es gibt Dinge, die ihre Funktion verloren haben, und die wir dennoch an ihrem Ort belassen und sie nicht entsorgen. Als Träger von Erinnerungen haben sie weiterhin eine Funktion und einen Sinn.

Der Baum, an dem die Schaukel hängt, steht nicht im Wald oder im freien Feld, sondern in einem Garten. Weitere Attribute wie eine Bank oder Teile eines zerbrochenen Zauns verweisen auf die Nähe einer menschlichen Behausung. Die Bank ist ein Platzhalter, der in seinen menschlichen Dimensionen, in seiner Funk­tion, menschliche Wesen vertritt. Der Zaun deutet an, dass hier jemand einen Schutzraum geschaffen hatte, der eine Position einnimmt zwischen dem abschließbaren Raum eines Hauses und dem öffentlichen Raum einer Straße oder eines Platzes. Der Garten ist ein privates Stück Natur, ein auf menschliche Di­mensionen und Bedürfnisse hin gestalteter Naturraum. Ein gut angelegter Garten ist mit Blick auf seine Benutzer ein Stück idealer Natur. Im Schöpfungsmythos des Alten Testamentes wird bereits der Garten Eden mit einem Brunnen in der Mitte beschrieben und mit vier Flüssen. Und demgemäß hatten auch die Klostergärten im Mittelalter einen quadratischen Grundriss und einen Brunnen im Zen­trum, zu dem vier kreuzförmig angelegte Wege führten. Der Wald war damals noch Wildnis, die man fürchten musste, im Garten hingegen konnte man sich in Sicherheit und im Frieden fühlen, denn er war, wie wir sagen, eingefriedet.

Die Andeutungen von Gärten sind bei Rosemarie Vollmer ihrer idealen Maße verlustig gegangen. Hier behaupten sich mächtige Bäume, die ihre Äste formatsprengend ausbreiten, und zerfallene Zäune können ihre schützende Funktion längst nicht mehr erfüllen. In derselben Weise ist die Natur auch über das Spielgerät Schaukel hinweggegangen. Wir können nicht sicher sein, dass die Seile und das Brett noch einen Menschen tragen. Aber Erinnerungen tragen und evo­zieren sie allemal.

Auf einigen Bildern von Rosemarie Vollmer sind auch von einer Wasseroberfläche verursachte Spiegelungen dargestellt. Wir kennen Beispiele bereits aus der realistischen Landschaftsmalerei sowie vom Impressionismus. Die Seerosenbilder von Claude Monet mögen wir nicht nur wegen der mit leichter Hand hingeworfenen Blüten und Blätter, sondern vor allem wegen der Spiegelungen einer ansonsten nicht sichtbaren Umgebung. Einige dieser Bilder sind so dicht gemalt, dass es uns schwer fällt, zwischen den direkt sichtbaren Wasserpflanzen und gespiegelten Zweigen einer Trauerweide zu unterscheiden. Aber wir fühlen uns in keiner Weise überfordert von diesen Bildern, sondern wir genießen sie in vollen Zügen.

Schaukeln, Zäune und andere lineare Elemente sind bei Rosemarie Vollmer nicht immer auf einen flächigen Grund gemalt, sondern entstanden dadurch, dass die Künstlerin deren Form mit einem Klebeband abdeckte und das Bild stellenweise oder sogar gänzlich übermalte. Nach Abziehen der Klebestreifen entstanden Linien, die sich eigentlich einer tieferen Schicht des Gemäldes verdanken. Obwohl sie real tiefer liegen, nehmen wir sie räumlich als weiter vorne wahr. Treten wir dicht an das Bild heran, können wir auch die umgekehrte Raumwirkung wieder herstellen. In unserem Sehen passiert also das Gleiche, was wir zunächst als gegenständlichen Vorgang erkannt und beschrieben haben. So wie die Schaukel hin und her schwingt, so kann unsere Wahrnehmung zwischen den Raumebenen, zwischen dem Vorne und dem Hinten hin und herspringen. Als Rosemarie Vollmer das Konzept für diese Ausstellung entwickelte, hat sie dieses dualistische Moment im weitesten Sinne vorausgesetzt. Denn nur so ist es gerechtfertigt, dass auch eine Vielzahl von Bildern gezeigt wird, auf denen das gegenständliche Motiv der Schaukel nicht zu sehen ist.

Schaukeln meint also gar nicht in erster Linie das Spielgerät oder die dazuge­hörige Aktivität, sondern Hin- und Herschwingen, das Umspringen unserer Aufmerksamkeit beim Sehen. Rosemarie Vollmer malt nicht alla prima, das heißt, sie füllt nicht die Leinwand, indem sie die Fläche Stück für Stück mit Farbe bedecken würde. Vielmehr malt sie zwei oder auch mehr Schichten übereinander. Jede folgend Schicht deckt aber die vorige nicht vollends zu, sondern lässt auch immer wieder Durchblicke zu. So können wir zwischen den Schichten hin und hersprin­gen, können mit dem Auge in das Bild eindringen, hineinsteigen und auch wieder herausklettern. Wir können uns quasi schaukelnd im Bildraum bewegen. Das ist anspruchsvoller, allerdings auch lustvoller, als nur die Oberfläche eines Bildes mit den Augen abzutasten.

Natürlich ist das eben beschriebene malerische Konzept keine Erfindung von Rosemarie Vollmer. Jedes, fast jedes anspruchsvolle Werk der Malerei besteht aus Schichten, die wir sehend erkennen können, so dass es uns möglich ist, den Entstehungsvorgang zu rekonstruieren. Meist sind die Abbildungen in Bildbänden zu klein, als dass sich diese Art des produktiven Sehens hier verwirklichen ließe. Aber wenn Sie in einer Ausstellung oder in einem Museum Originale vor sich ha­ben, können Sie die Probe aufs Exempel machen. Bei geduldiger Beobachtung gibt jedes Gemälde mehr preis, als es auf den ersten Blick zu versprechen schien.

Was in Bezug auf bildende Kunst möglicherweise noch ein wenig fremd anmuten mag, das ist uns zum Beispiel in der Musik seit langem geläufig. Zweistimmige Lieder haben wir alle bereits in der Schulzeit gesungen, einen zweihändigen Klaviersatz finden wir bedeutend interessanter als einen einhändigen. So gibt es zahlreiche Klavierstücke von Philip Glass, in denen die rechte Hand ganz gemächlich ihren Bass spielt, während die linke Hand in akrobatischen Sprüngen und einem geradezu irrwitzigen Tempo voranstürmt. Wir empfinden es als besonders spannend und als eine reizvolle Herausforderung, wenn wir unsere Aufmerksamkeit teilen müssen. Deshalb können wir einem Orchesterwerk auch erst in angemessener Weise folgen, nachdem wir es mehrfach gehört haben.

Wenn wir nun zur Malerei von Rosemarie Vollmer zurückkehren, so bedeutet das, dass wir nicht erwarten sollten, dass uns bei diesen Bildern auf den ersten Blick sozusagen alles in den Schoß fällt. Und was ich von den Raumebenen sagte, gilt in analoger Weise auch für die Farbstruktur der Bilder. So können Sie auf Schritt und Tritt zweistimmige Farbklänge beobachten. Es gibt komplementäre, es gibt kalt-warme und auch hell-dunkle Farbklänge.

Wir haben festgestellt, dass die Schaukeln und Bänke unbesetzt sind, dass die menschlich Figur auf den Bildern von Rosemarie Vollmer also ausgespart ist. Doch das trifft nur bedingt zu. Es gibt eine Art Identifikationsfigur, die wohl nicht physisch anwesend ist, sondern als Schemen sozusagen ins Bild hineinprojiziert zu sein scheint. Einmal wird sie als Silhouette, ein andermal als bloßer Kontur angedeutet. Das meint: Stelle Dir vor, dass Du da sitzt oder liegst. Die Figur ist durch keine Details von Kleidung verunklärt, sondern erscheint uns als bloße Gestalt in einer Art heroischer Nacktheit, so wie man von der Antike bis ins 19. Jahrhundert hinein Allegorien, also die Verkörperungen von Ideen (etwa die Freiheit, die Wahrheit oder die Hoffnung) dargestellt hat.

Eine weibliche Gestalt, die sich mit dem Rücken an einen mächtigen Baumstamm lehnt und nahezu mit ihm verschmilzt, mag uns an die mythologische Daphne erinnern, die sich auf der Flucht vor dem zudringlichen Apollo in einen Lorbeerbaum verwandelte. Doch genau genommen findet hier bei Rosemarie Vollmer eine derartige Verwandlung nicht statt, sondern nur eine starke Annäherung, eine Anverwandlung. Einmal sitzt die Figur dem Baum gegenüber, meditiert oder hält Zwiesprache mit ihm. Es entsteht der Eindruck, dass zwei Lebewesen, die im linnéschen System weit voneinander entfernt sind, miteinander kommunizieren. Da versteht sich der Mensch nicht als Herr der Erde, der das Recht für sich in Anspruch nimmt, die Ressourcen dieser Welt auszubeuten, sondern er sieht sich als Teil der Natur.

2011 und 2012 sind kleinere und mittlere Formate mit Stillleben entstanden. Sie sind starkfarbig, das heißt, es dominiert eine reine Farbe, ein leuchtendes Blau, ein lichtes, frisches Grün, ein tiefes Rot, und weitere Farbwerte, auch Schwarz und Weiß, welche die vorherrschende Farbe in ihrer Leuchtkraft verstärken. Der Titel „Schaukelvase“ bezieht sich auf plastische Arbeiten bzw. Combines, die Sie ebenfalls hier in dieser Ausstellung sehen können. In einer handbemalten Vase steckt eine aus Architektenkarton geschnittene Silhouette eines Baumes, an dem eine Schaukel hängt. Das sind heitere plastische Miniaturen, die sich in jeder Privatwohnung wohlfühlen. Dasselbe gilt für die geöffneten Vasen. Rosemarie Vollmer hat diese Gefäße im lederharten Zustand, also vor dem Brennen, aufge­schnitten, verformt und bemalt. Entstanden sind vollplastische skulpturale Objek­te, wunderbare Unikate, die sicher ihre Liebhaber in Bad Boll finden werden. Alle Keramiken sind übrigens von der Künstlerin in der Karlsruher Majolika gefertigt und auch dort gebrannt worden.

Seit mehr als einem Jahr experimentiert Rosemarie Vollmer mit Lichtkästen, die hier zum ersten Mal gezeigt werden. Auf der Vorderseite eines von innen beleuchteten Kastens sind hintereinander zwei Glasscheiben angebracht. Die vordere Scheibe ist sandgestrahlt und zeigt in Weißtönen vegetative Formen. Auf der hinteren Scheibe entwickelt sich jeweils eine in frei fließender Farbe sich ausbreitende Malerei. Auch hier können Sie den Schaukel- oder Klapp-Effekt des Sehens erleben, indem Sie sich mal auf die eine, dann auf die andere Schicht konzentrieren und schließlich auch versuchen, beide Ebenen miteinander zu einem geschlossenen Bildeindruck zu verschmelzen.

Ein Gemälde von Rosemarie Vollmer anzuschauen, das ist wie auf einer Schauk­el zu schaukeln: Das Bild an der Wand erzeugt in uns innere Bilder und diese bereiten uns ein sinnliches Vergnügen, das uns wiederum zum nächsten Bild verlockt.

Mit den Malereien und den plastischen Arbeiten von Rosemarie Vollmer präsen­tiert die Kreissparkasse Bad Boll eine äußerst attraktive Ausstellung mit anre­genden Werken, die zur Beobachtung und zu Gesprächen herausfordern. Dabei wünsche ich Ihnen viel Freude.