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2011 -

Ausstellungseröffnung

Thomas Putze: DIE LETZTEN - Skulpturen und Assemblagen, Malerei und Zeichnung

Städtische Galerie Tuttlingen, 10.06.2011

Was der Ausstellungstitel wirklich meint, so werden Sie sich gedacht haben, hängt davon ab, wie ich ihn ausspreche. Ob ich nämlich die Stimme senke: Die Letzten – dann ist es wohl das allerletzte Aufgebot, von dem nicht mehr viel zu erhoffen ist. Oder ob ich die Stimme hebe: Die Letzten – dann zeigt Thomas Putze seine jüngsten Arbeiten, und das Neueste erweckt ja auch immer unsere höchstes Interesse. Und nun die Überraschung gleich zu Beginn: Der Künstler besteht darauf, dass es keine Alternative gibt. Nicht entweder oder sondern sowohl als auch! Und damit sind wir auch schon mitten im künstlerischen Konzept von Thomas Putze. Sein künstlerisches Denken und Handeln ist nicht geradlinig und verfolgt kein kontrollierbares Ziel. Vielmehr sind die Gegensätze und scheinbaren Widersprüche integraler Bestandteil der Person des Künstlers und seines Werkes. Wenn Sie dieses Prinzip verallgemeinern und mit offenem Blick und ohne vorgefasste Erwartungen auf die Exponate zugehen, dann können Sie wohl keine definierten Deutungsmuster sozusagen Schwarz auf Weiß getrost nach Hause tragen, aber Sie werden Impulse aufnehmen für ein kreatives und produktives Sehen. Sie werden dann nämlich gewahr werden, dass die Kunst von Thomas Putze auch weit über das Muster einerseits – andererseits hinausgeht. Er hätte nichts dagegen, wenn Sie eine Bedeutungsebene entdecken, die er, der Autor, selber nicht gesehen und mitgedacht hat.

Wenn Sie vor diesem unermesslichen Freiraum, der Ihnen als Betrachterin und Betrachter gegeben sein soll, zurückschrecken, weil Sie sich entweder überfordert fühlen oder weil Sie meinen, die Avantgarde wolle hier der Beliebigkeit Tür und Tor öffnen, dann kann ich Sie beruhigen. Denn zum Kronzeugen rufe ich ausgerechnet einen namhaften Philosophen des vorigen Jahrhunderts auf, der nicht nur im schwäbischen Tübingen, sondern mindestens europaweit höchste Reputation genießt. Bereits im Jahre 1949 schrieb Otto Friedrich Bollnow in einer kleinen Schrift, es komme nicht nur darauf an, einen Künstler so zu verstehen, wie er sich selber verstanden habe. Vielmehr sei es notwendig, ihn besser zu verstehen, als er sich verstanden hat. Bollnow meinte, dass ein Kunstwerk an künstlerischer Substanz hinzugewinnt, wenn es produktiv betrachtet wird. Das ist ein sehr aktueller Gedanke, der in den letzten Jahrzehnten bei Künstlern viel Zustimmung gefunden hat, während man ihn zu Bollnows Lebzeiten eher als befremdlich empfand. Das bedeutet: Die Betrachter, Sie und ich, wir sind nicht länger Konsumenten der Kunst, sondern wir werden zu unentbehrlichen Partnern im künstlerischen Prozess.

Damit Sie mich recht verstehen: Mit diesen Vorbemerkungen möchte ich mich nicht als eine Art weiße Maus in die akademische Unverbindlichkeit verabschieden. Ich werde auch zu einzelnen Arbeiten, zu Werkgruppen und zur gesamten Ausstellung etwas sagen, betone aber, dass dies jeweils meine Sicht ist, die keinen unbedingten Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt. Das Verhältnis von Toleranz und Recht zwischen dem Künstler, Ihnen und mir beruht auf Ge­genseitigkeit und ist jeweils austauschbar.

Thomas Putze zeigt in der aktuellen Ausstellung einen konzentrierten Querschnitt durch sein aktuelles Werk. Vertreten sind die Bereiche Zeichnung, Male­rei, Skulptur, Installation und Performance.

Mit einer Auswahl von cartoonartigen Skizzen lässt Putze uns einen Blick in seine Denkwerkstatt werfen. Bruchstücke von kleinen Geschichten lassen erahnen, wie etwas anfängt oder was vielleicht entstehen könnte. Als große Zeichnungen können wir die beiden Affen verstehen. Hier wurde die Zeichnung mit einem Winkelschleifer jeweils in eine Holzplatte eingegraben. Da die rotie­rende Schleifscheibe die Tendenz hat, immerfort auszuweichen, lässt sich zeichnend mit ihr nur äußerst schwer eine einigermaßen planbare Spur halten. Aber wir können den Arbeiten ansehen, dass der Künstler keineswegs verzweifelte, sondern auch die Ausreißer seines ungewöhnlichen Zeichengeräts humorvoll zu nutzen wusste.

Auf die Lehrerin, die Arbeit auf einer Badezimmertür, möchte ich Ihre beson­dere Aufmerksamkeit lenken. Nach dem Zeichnen der Kontur drehte der Künstler die Schleifmaschine um neunzig Grad, so dass er mit der flachen Scheibe die malerischen Werte des weiblichen Aktes modellieren konnte. Das Fell des struppigen Köters entstand als Spur eines widerborstigen Pinsels. Doch nun zum Inhalt des Bildes. Wir beobachten, wie die nackte Frau sich über das Tier beugt und ahnen Skandalöses. Wird den Tuttlinger Kunstfreunden hier etwa eine sodomitische Szene zugemutet? Nun, bei genauerem Hinsehen erkennen wir, dass die Frau mit ihrer linken Hand die linke Vorderpfote des Hundes ergreift und führt. So repräsentiert die Lehrerin die Kulturträgerin, die dem animalischen Wesen eine Kulturtechnik vermittelt. Doch warum ist die Lehrerin nackt? Nun, der Hund schreibt ja nicht A – B – C, sondern den Namen Putze, also die Signatur des Künstlers. Und somit entpuppt sich die Lehrerin zur inspirierenden Muse des Künstlers. Und das Kunstmachen hat in der Tat etwas Erotisches. Ich bin mir nicht sicher, ob man das generalisieren kann, aber Thomas Putze scheint eine animalische Lust an seiner Kunst zu empfinden.

Unversehens sind wir mit dem struppigen Hund von der Zeichnung zur Malerei hinübergewechselt. Bei den drei Bären-Bildern haben wir es aber zweifelsfrei mit Malerei zu tun. Die anwesenden Kinder hätte ich gern gefragt, welche Ex­ponate ihnen denn in dieser Ausstellung am besten gefallen. Es würde mich nicht wundern, wenn ihre Wahl auf die clownesken und verschroben-komischen Bären fiele.

Und damit wenden wir uns den plastischen Arbeiten zu, die diese Ausstellung bei weitem dominieren. Hier können wir noch einmal zwischen Kleinplastiken, größeren Skulpturen und installativen Arbeiten unterscheiden.

Ich glaube, bei den Kleinplastiken werden Sie sich sofort zu Hause fühlen, und Sie werden möglicherweise schon beim ersten Rundgang Ihr Lieblingsstück gefunden haben. Bei einem kleinen plastischen Werk stellt sich ja nicht die Frage nach dem vorhanden Platz, sondern es geht nur darum, ob man etwas mag, ob Sie glauben, dass das Stück Sie auch nach Monaten und Jahren noch ansprechen wird. Hier erweist sich die Mehrdeutigkeit als eine wesentliche künstlerische Qualität.

In dem Alu-Guss seiner Eule hat Thomas Putze seine expressive Formenspra­che mit einer Ausdrucks- und Bewegungsstudie verbunden. Das Tier scheint zu zögern, was zu tun sei. Während der Betrachter ungeduldig zu einer Entschei­dung drängen mag, verharrt der kluge Vogel in seiner ihm eigenen Denkerhal­tung. Für Rodin war das Denken ein bohrendes Grübeln. Thomas Putze versteht es als ein ständiges Zweifeln und ein Offenhalten, das er intelligent und hintersinnig bildhaft ins Werk gesetzt hat.

In der Handschrift der Kettensäge hat Putze aus einer alten Diele einen Wolf geschnitten. Wiewohl das Tier einen gewohnten Weg geht und einer Spur folgt, ist es höchst aufmerksam. Die zackige Kontur des groben Fells verleiht ihm eine robuste Urwüchsigkeit, die von keinerlei Zweifel angekränkelt ist. Stellt der Wolf eine Metapher dar für eine Natur, die uns längst fremd geworden ist, oder offenbart er uns die Illusion von einer vermeintlichen Unangreifbarkeit?

Die folgenden Arbeiten sind Assemblagen, die heterogene Materialien in sich vereinigen. – Die Wurstfrau und der Wurstmann scheinen sich vor allem in ihrer Vorliebe für eine bestimmte Speise einig zu sein. Dabei wiederholen die beiden Wurstköpfe eine parallele Neigung der Körper, die durch ihre gummiartige Kon­sistenz skurril wirken.

Bei den beiden Screw-Girls werden Sie sich fragen: Sind das nun Mädels mit Schrauben oder zum Schrauben? Im Zweifelsfalle trifft beides zu. Dass diese verschraubten Holzplastiken zudem an Nagelfetische erinnern, verleiht ihnen einen besonderen Zauber. Das Screw-Girl hat jedoch keine magischen Kräfte, aber Sie können sich von ihm bezaubern lassen.

Der Mann mit Schlauch erinnert an die bitterbösen zeichnerischen Erfindungen von Tomi Ungerer, der wohl ein Bruder im Geiste von Thomas Putze ist. Indem der Schlauch den gesamten Verdauungstrakt überbrückt, stellt sich die verwe­gene Frage, wozu dieser sehr komplizierte Organismus gut ist, wenn die einfachste Lösung doch auf der Hand liegt.

Der träumende Jüngling, der sich in seiner Krücke äußerst wohl zu fühlen scheint, verwundert uns. Natürlich fordern wir einen ernsteren Ausdruck, wün­schen eine Geste des Leidens. Mit welchem Recht beanspruchen wir eigentlich, besser zu wissen, was Glück ist? In einem Brief an Siegfried Unseld schrieb Thomas Bernhard 1972: Das höchste Glück ist das Glück im Unglück.

Auch mit seinem Ikarus verblüfft uns Putze. Sowohl der Leipziger Maler Wolf­gang Mattheuer als auch der Karlsruher Bildhauer Stephan Balkenhol haben die antike Legende in eine zeitgemäße Bildsprache übersetzt und sie uns somit erneut nahe gebracht. Thomas Putze hingegen erfindet die Geschichte neu. Auch sein Ikarus ist der Sonne zu nahe gekommen, und die Flügel haben arg gelitten. Dennoch ist er auf der Erde gelandet, und er hat nun die Chance, über sein Geschick nachzudenken.

Aus einem Vogelnistkasten ragen zwei kräftige Beine. Kopf und Rumpf eines Mannes stecken in einem Haus, und so läuft dieser umher wie eine Schnecke. Dieser Mensch, der uns an eine Ausgeburt von Hieronymus Bosch erinnert, ist in besonderer Weise geschützt, aber dadurch kommt er der Welt nicht so recht nahe, dieser Hausmann, der mehr Haus als Mann ist.

Der Glaser, die aus einem Fensterrahmen geschnittene männliche Figur mit Glasscheiben unter dem Arm, lässt den Handwerker aus seinem eigenen Me­tier hervortreten. Sollte ein Vertreter dieser luziden Zunft anwesend sein, so wird dieser sicher ganz schnell einen roten Punkt bei dieser originellen Skulptur anbringen lassen – denke ich.

Die Haltestelle ist eine Stelle, an der kein öffentliches Verkehrsmittel hält, son­dern, wo Männer sich aufhalten, sich in besonderer Weise verhalten, weil sie etwas in den Händen halten, das sie den Blicken anderer vorenthalten möch­ten. Während ein System von Gitterrosten den Männern Schutz gewährt, hält es diese zugleich gefangen.

Ähnlich steht es mit dem Mann im Gitterrost. Als zivilisiertes Wesen hat er sich ein technisches Gerüst geschaffen, mit dem er den dreidimensionalen Raum erobern kann. Doch das System entwickelt eine Eigendynamik, so dass der Mensch sich darin verstrickt und letztlich dessen Sklave wird.

Der große Affe, die Rennsau, die Mücke und ein paar weitere mittelgroße As­semblagen, diese absurden Monster aus einer unwirklichen Welt, sind die letz­ten autonomen Wesen, die wir hier noch ausmachen können. Selbst die Wippe, auf der ein Toilettensitz und ein ausgehöhlter Baumstumpf miteinander zu kom­munizieren versuchen und vielleicht auf eine Paarbeziehung anspielen – selbst diese dynamische Skulptur muss sich mit dem Raster eines Fliesenmusters arrangieren.

Die unscheinbare kleine Figur mit den eingefügten Schlauchenden, die zwischen abstrakter und gegenständlicher Figuration changiert, könnten wir als Versuch zu einem blockhaften Netzwerk sehen. Insofern nimmt sie eine bedeutsame Mittlerposition ein.

Natürlich wird Ihnen längst aufgefallen sein, dass wir es hier nicht mit einer Ausstellung von Einzelwerken zu tun haben, sondern einer installativen Ausstellung, die mit Gittern und Netzen zusammengehalten wird. Selbst die Architektur mit der orthogonal kassettierten Decke spielt mit. Menschen, Tiere und Sachen treffen in dieser von Menschen durchorganisierten Welt zusammen, und die Affen sind es, die noch am besten mit den Verfänglichkeiten zurecht kommen. Während die Anthropoiden ihre Geschicklichkeit zum Überleben nutzen, entwickelt der Mensch gewöhnlich defensive Strategien. Thomas Putze hingegen macht sich das Netz dienstbar, indem er es zum Beispiel als Display für seine Zeichnungen nutzt. Im Übrigen versucht er den Spagat zwischen Mensch und Tier. Er kann sich kletternd in den Gittern und Netzen bewegen, und dabei hilft ihm nicht zuletzt auch seine Gitarre. – Dies auch als Versuch zu einer Überleitung zur Performance.