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2011 -

Rosemarie Vollmer SEITLICH

Städtische Galerie Donzdorf. Zur Ausstellungseröffnung am 13.03.2011

Mit ihrer Ausstellung mit Malereien aus den Jahren 2007 bis 2011 bietet Rosemarie Vollmer uns offene Räume für ein freies und kreatives Spiel der Blicke.

Vielleicht möchten Sie mir nach diesem ersten Satz bereits widersprechen und mir gleich zwei oder drei Einwände entgegenhalten – nämlich: Malerei ist ein zweidimensionales Medium, und es entfaltet sich in der Fläche und nicht im Raum. Außerdem sind die Bildflächen keineswegs leer, so dass ich mich beim Betrachten zunächst einmal frage, was da zu sehen ist – und nicht, was ich etwa noch hinzutun könnte. Schließlich: Diese Bilder sind doch fertig, und sie definieren sich in festgelegten Verhältnissen von Form und Farbe. Welche Möglichkeiten sollten mir da noch bleiben?

Damit hätten Sie einige wesentliche und grundlegend wichtige Beobachtungen gemacht, bei denen wir sinnvollerweise ansetzen können.

Außer den Malereien sind hier in zwei Vitrinen eine kleine Sammlung mit Fayencen, mit bemalten feinkeramischen Gefäßen ausgestellt. Diese sind nicht nur schön anzusehen, sondern man kann in ihnen auch etwas aufbewahren. Demnach können sie auch einen nützlichen Zweck erfüllen. Darüber hinaus geben sie uns mit Blick auf die Malerei an den Wänden noch einen diskreten Fingerzeig: Durch ihre räumliche Ausdehnung unterscheiden sie sich deutlich von der Malerei. Sie bestätigen zum einen, dass Malerei in der Tat flach ist, zeigen aber zum anderen, dass sie sich auch ganz leicht in den Raum hineinbegeben kann. – Übrigens wird Rosemarie Vollmer am Ausstellungsstand der Majolika bei der art Karlsruhe mit einer großen Auswahl von neuesten Fayencen vertreten sein.

Die Malerin trägt Farbmaterie mit dem Pinsel, dem Mallappen oder einem anderen Werkzeug auf einen Karton, auf eine grundierte Leinwand oder eine Holzplatte auf. Dabei kommen die Pinselstriche und Farbpartien nicht nur nebeneinander, sondern auch übereinander zu liegen. Es folgt Strich auf Strich, Fleck auf Fleck. Aus dem zeitlichen Nacheinander wird auf der Fläche ein räumliches Über- oder Hintereinander. Wir erkennen vor Farbplänen, die uns an Wiese, Wasser u. ä. erinnern, einen Baumstamm mit Ästen und Zweigen. Lassen wir den Blick eine Weile auf dieser Figur ruhen, so kann sie sich räumlich sehr deutlich von dem Hintergrund abheben. Die reale Raumdifferenz auf dem Bild entspricht Bruchteilen von Millimetern, der von uns wahrgenom­mene scheinbare Raum jedoch ist ganz allein eine Leistung unserer Wahrneh­mung, und er überzeugt umso mehr, je intensiver wir hinschauen.

Schon dieses einfache Beispiel, das Sie an zahlreichen Bildern von Rosemarie Vollmer nachprüfen können, zeigt, dass Malerei tatsächlich eine Raumkunst ist, und dass sie für uns, die Betrachter, Freiräume bereit hält für ein produktives Sehen. Es gibt aber nicht nur eine bildimmanente Räumlichkeit, sondern auch einen Wirkungsraum, den wir im übrigen nicht nur bei Gemälden, sondern bei allen Kunstwerken beobachten können. Wenn Sie nachher durch die Ausstellung gehen, können Sie verfolgen, wie an den Wänden nicht nur Bild auf Bild folgt wie die Perlen auf einer Schnur. Die Künstlerin hat die Ausstellung so aufgebaut, dass sich in jeder Abteilung eine Vielzahl von Beziehungen nicht nur an den Wänden entlang, sondern auch kreuz und quer durch den Raum spannt. Das ist übrigens eine Beobachtung, die Sie in jeder gut gehängten Ausstellung machen können. Problematisch oder schwierig ist eher das Gegenteil, nämlich Beziehungen unter den Exponaten zu vermeiden oder gar zu unterbinden. Vor kurzem besuchte ich eine Vernissage, bei welcher der Kurator beteuerte, die Ausstellung habe keinerlei installativen Charakter, denn jedes Exponat spreche ausschließlich für sich selbst. Das war eine sehr kühne Behauptung. Jedenfalls hat mir noch niemand erklärt, wie man die Bilder einer Ausstellung zum Schweigen zwingen könnte.

Sie haben sicher gemerkt, dass es mir bei meiner Einführung um zweierlei geht. Ich möchte Ihnen nicht nur vermitteln, mit welchen Intentionen Rosemarie Vollmer ihre Werke geschaffen hat, sondern Ihnen auch zeigen, dass Sie selber zur endgültigen Konkretisierung der Werke in der Betrachtung einen eigenen Beitrag leisten und Ihre eigenen Interessen einbringen können. Die offene Haltung der Künstlerin bei der Arbeit ist dazu angetan, das Werk im Schaffensprozess nicht etwa nach einem vorgefassten Plan endgültig zu defi­nieren, sondern es wachsen zu lassen. So kommt es auch, dass wir beim Betrachten eines Bildes manchmal nicht ganz sicher sind, ob wir es denn mit einem gegenständlichen oder einem abstrakten Konzept zu tun haben. Für Rosemarie Vollmer ist das überhaupt kein relevantes Problem, denn als Künstlerin ist sie in besonderem Maße Augenmensch und nimmt ihre Umwelt vor allem visuell wahr. Vor der Staffelei allerdings hat sie es zunächst einmal mit einer anderen Art von Realität zu tun: Da gibt es eine Fläche, auf der mit farbigen Kreiden und mit Ölfarben und Acrylfarben eine Ordnung geschaffen wird. Eher nebenbei tauchen Erinnerungen an Gesehenes und Erlebtes auf, Disparates wird assoziativ verknüpft, so dass Bildwelten entstehen, die es so in der Realität bisher nicht gegeben hat.

Das Malerische und vor allem die plastische Farbe bilden ein in hohem Maße autarkes und eigenwilliges Metier, das der Künstler sensibel und aufmerksam beobachten muss, dessen Formungsprozessen gegenüber er eher Demut als Willensstärke zeigen sollte. Denn die fließende Materie folgt der Schwerkraft, und so entstehen einmal unerwartete Effekte von Leichtigkeit und Bewegung, ein andermal isolierte Verfestigungen und Inseln.

Das Grafische hingegen legt Grenzen fest und zielt auf Eindeutigkeit. Künstler, die nicht zum Konstrukteur werden wollen, lassen die Linie laufen und gehen ihr hinterher, staunend, was da entstehen will. Dabei droht allerdings die Gefahr, in die Falle einer informellen Beliebigkeit zu geraten. Um dem zu entgehen, gibt es die Möglichkeit, den allzu leichten Fluss der suchenden Linie durch Handicaps aufzuhalten. Das tut Rosemarie Vollmer zum Beispiel, indem sie nur eine einzige Linie zulässt und mit dieser erst endet, wenn die zu umreißende Form ausgeführt ist. Die Methode der unendlichen Linie hatten in der klassischen Moderne bereits Paul Klee und Pablo Picasso mit Bravour angewendet. Als eine alternative Möglichkeit greift die Künstlerin in den letzten Jahren bisweilen auch zur negativen Linie, indem sie eine erste Malschicht partiell mit Klebeband abdeckt, welches dann nach Aufbringen einer zweiten Schicht wieder entfernt wird. Das entstehende Lineament wirkt gebremst und brüchig, und seine farbigen Modulationen führen zu überraschenden Irrita­tionen in der Raumwirkung. Denn was materiell hinten ist, erscheint im Bild vorne und umgekehrt.

Über die Motive allein könnten wir keinen geeigneten Zugang zu Rosemarie Vollmers Kunst gewinnen. Wir blieben gänzlich an der Oberfläche, wenn wir konstatierten, dass es da Landschaftliches, stilllebenhaft Pflanzliches, Figu­ratives und Abstraktes gibt. Allerdings lohnt es sich, wenn wir uns vergewis­sern, wie die Künstlerin ihre Außenwelt rezipiert. Denn sie ist keine beschauliche Spaziergängerin, sondern sie bewegt sich zügig und geschwind durch ihre Umwelt, bisweilen sogar im Dauerlauf. Und wenn ihr etwas Bemerkenswertes auffällt, dann hält sie auch einmal für ein bis zwei Minuten inne und zeichnet das Beobachtete mit dem Bleistift auf die Seiten eines winzigen Leporellos. Im letzten Jahr warf sie immer wieder den Blick über die Zäune von Hausgärten, entdeckte Bäume von eigentümlichem Wuchs und da und dort an einem Ast eine verlassene Schaukel. Oder sie wurde auf einem Uferweg an der Saale bei Halle mit Blicken konfrontiert, die an Monets Giverny erinnern. Hinzu kommen Erinnerungsbilder, die auf Reisen gewonnen wurden, etwa die knorrig verwachsenen Olivenbäume auf den Kykladeninseln Siphnos und Lephkas.

Nach diesen Hinweisen macht es durchaus auch Sinn, dass wir uns den Bildwelten und ihren Realitätsbezügen zuwenden. Landschaft und Garten bieten in unterschiedlichen Ausdehnungen Wahrnehmungs- und Lebensräume, in denen wir uns aufhalten oder in die wir uns hinein imaginieren. Während der weite Raum das Erlebnis von Freiheit vermittelt und manche Menschen sogar mit einem metaphysischen Gefühl beglückt, vermag die Begrenztheit des eingefriedeten Gartens Sicherheit und Geborgenheit zu bieten. Emotional kommen hier die Realität und die Wirklichkeit des Bildes einander recht nahe. Doch das Kunstwerk hat gegenüber der realen Welt neben dem Defizit auf der einen Waagschale und der Nützlichkeit auf der anderen einen unschätzbaren Mehrwert zu bieten. Aus seiner Materialität erwächst dem Kunstwerk seine Mehrdeutigkeit, innerhalb welcher der Betrachter seine kreativen Potenzen zur Wirkung bringt. Das heißt, in diesen Bildern kann ich auch meine eigenen Erlebnisse, Wünsche und Träume spiegeln, die mit meiner Beziehung zum Natur- und Kulturraum zusammenhängen.

Im Gegensatz zu anderen Naturdingen wird der Baum von uns mit einer ganz besonderen Wertschätzung und hohen Bedeutsamkeit erlebt. Das mag mit seiner höheren Lebenserwartung zusammenhängen, vielleicht aber auch damit, dass wir in ihm eine Art fremd-vertrautes Pendant zu erkennen meinen, das wie wir eine aufgerichtete Gestalt hat, im Gegensatz zu uns jedoch seinen Standort nicht verlassen kann. Gerade der monumentale Solitär auf dem freien Feld strahlt eine gewisse Würde aus, und sensible Menschen begegnen ihm mit einer gewissen Ehrfurcht.

In Rosemarie Vollmers Malerei ist der Baum, eingebunden in einen malerisch gegliederten Bildraum, ein vielfach anzutreffendes Motiv. Ebenso oft findet sich die eigentümlich ungleiche Beziehung zwischen Mensch und Baum. Der Mensch steht nicht dem Baum gegenüber, sondern ordnet sich diesem unter, lehnt sich an den mächtigen Stamm, sucht Schutz unter dem ausladenden Laubdach. Dabei lässt die Künstlerin sich nicht auf die Schilderung realistischer Details ein – dafür lägen die autobiografischen Züge dann allzu platt zutage. Während der große malerische Wurf als das dominierende Grundthema des Werks in sinfonischer Breite vor uns aufgeführt wird, erscheinen Baum und Mensch oft nur als grafisches Detail skizzenhaft angedeutet. Die allge­meine malerische Idee steht immer im Mittelpunkt des Interesses, während die subjektiven Bezüge tunlichst nicht überbewertet werden sollen. Die Figur bie­tet sich uns durchaus an als Ankerpunkt für die Einfühlung – dafür ist sie offen genug angelegt. Aber sie erzählt nicht eine Episode aus dem Leben von Rosemarie Vollmer vergleichbar einer Videosequenz.

In der Serie der Sophientäfelchen wird der Bezug zwischen Baum und Mensch auf eine spezifische Art und Weise akzentuiert. Sophia steht, wie der Name schon sagt, für Weisheit, für die Erkenntnis, dass der Baum ein Wesen ist, das uns Bescheidenheit lehrt. Der Baum ist das Individuum, während die Gestalt der Sophia in einer geradezu schablonenhaften Allgemeinheit erscheint. So kann sie jedem von uns, ob Jung oder Alt, ob Frau oder Mann, zur Identifikationsfigur werden.

Das Motiv der verlassenen Schaukel, die vom Ast eines Baumes herunterhängt, ist wiederum ein Platzhalter für eine Person. Als Gegenbeispiele bieten sich Bilder aus dem 18. Jahrhundert an. Da gibt es auf der einen Seite die erotisch akzentuierten Schäferszenen mit dem mehrdeutigen Attribut der Schaukel bei Watteau und Boucher. Auf der anderen Seite zeigen die Grafiken des alternden Goya schaukelnde Greise, die zwischen Weisheit und Irresein einen letzten Lebenssinn behaupten. Bei Rosemarie Vollmer gelangte die Schaukel als Synthese eines kurzen Seherlebnisses, das sich assoziativ mit Erlebnissen aus behüteten Kindertagen verband, ins Bild. Es ist das reifere Alter, in dem sich Kindheitserinnerungen wieder aufdrängen und aus neuer Perspektive bearbeitet und bedacht werden wollen. Im Fundus unseres eigenen Erlebens und in tagträumerischen Rückblenden kann die Schaukel Ansatzpunkte für eine Sinndeutung bieten.

Die Schaukel erscheint ebenso wie die Figur seitlich vom Baum. So formuliert es ein Bildtitel, und so heißt auch die Ausstellung: Seitlich. Und analog dazu dürfen wir die Position der Künstlerin zu ihrem Werk sehen. Sie steht seitlich daneben und ganz und gar nicht davor. Das Werk rückt sie in den Mittelpunkt des Interesses, und nach dessen Vollendung tritt sie zur Seite und lässt die Objekte ihre Wirkung entfalten.

Rosemarie Vollmer überlässt uns ihre Bilder, und wir sind eingeladen, in die Welt einer Malerei einzutreten, die uns freudig gestimmt in lichten Räumen empfängt und sowohl heiteren als auch nachdenklichen Genuss verspricht. So bleibt mir nur noch, Ihnen einen freien Blick und von Neugierde und Fantasie beflügelte Gespräche zu wünschen und Ihnen nicht zuletzt für Ihr freundliches Interesse zu danken.