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2010 - 2006

E-Mail an den Bundespräsidenten
(04.10.2010)

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

Ihre Rede zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit habe ich in Ausschnitten gehört, und ich habe sie, um nichts misszuverstehen, noch einmal nachgelesen. Sicher haben Sie mit Befriedigung zur Kenntnis genommen, dass das Echo des gesamten Parteienspektrums positiv ausfiel. So muss ich um Nachsicht bitten, wenn ich als einfacher Bürger und ohne öffentliches Mandat doch ein Kleinigkeit auszusetzen habe. Ich habe mich nämlich gefragt, ob Sie auch mein Präsident sind. Ein erstes Zitat scheint diese Frage zu bejahen:

„Ja, natürlich bin ich Ihr Präsident! Und zwar mit der Leidenschaft und Überzeugung, mit der ich der Präsident aller Menschen bin, die hier in Deutschland leben.“

Doch dann benennen Sie im Einzelnen die Gruppen von Menschen, die für Sie zu Deutschland gehören: Christen, Juden und Muslime:

„Zuallererst brauchen wir eine klare Haltung: Ein Verständnis von Deutschland, das Zugehörigkeit nicht auf einen Pass, eine Familiengeschichte oder einen Glauben verengt. Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“

Hierzu zitiere ich aus dem letzten Newsletter der Giordano Bruno Stiftung:

„Laut einer aktuellen Hochrechnung der "Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland" (fowid) haben die Mitgliederzahlen der beiden christlichen Großkirchen einen historischen Tiefstand erreicht: Beide Kirchen stellen jeweils nur noch 29,9 Prozent der Bevölkerung, während der Anteil der Konfessionsfreien auf 34,6 Prozent gestiegen ist. "Es ist an der Zeit, dass die politischen Entscheidungsträger diese Zahlen zur Kenntnis nehmen", erklärte dazu gbs-Sprecher Michael Schmidt-Salomon am vergangenen Sonntag in Mastershausen.“

Sind Sie wirklich auch mein Präsident? Aus Ihren eigenen Worten müsste man schließen, dass Sie nur der Präsident von rund 65 Prozent aller Deutschen sind, und zu diesem Kreis würde ich nicht gehören. Dem werden Sie wohl widersprechen. Aber wären Sie auch bereit, Ihre Ausführungen vom 03.10.2010 öffentlich zu korrigieren? Wohl kaum. Etwas anderes könnten Sie jedoch tun: Sie könnten dieser großen Gruppe der Menschen in Deutschland, die konfessionell nicht gebunden sind, die aufgrund einer humanistischen Grundhaltung ohne eine Gottesvorstellung diese Republik als Bürger mittragen, einen angemessenen Platz in Ihrem Bewusstsein und danach auch in Ihren Verlautbarungen einräumen. Es sollte nicht länger in Deutschland eine große Gruppe von Menschen im Schatten stehen, die nur deshalb nicht eigens erwähnt werden, weil sie unbescholten sind, ihre Pflicht tun und nicht durch spektakuläre Aktionen oder unbotmäßiges Verhalten die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich lenken. Sie, Herr Bundespräsident, haben eine viel beachtete Stimme, mit der Sie, wie Sie selber einmal sagten, Brücken bauen möchten und die Menschen zusammenführen können. Nicht nur für mich persönlich würde es mich freuen, wenn Sie das versuchen wollten.

Hochachtungsvoll und mit hoffnungsvollen Grüßen verbleibe ich

Helmut G. Schütz

(Anmerkung: Das Bundespräsidialamt hat auf dieses Schreiben nicht reagiert. Vermutlich war der angeschlagene Ton zu moderat.)