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Der rückgewandte Blick

Bildinstallation mit Archivmaterial zur 225-Jahr-Feier der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe

Zur Ausstellungseröffnung am 11.05.1993

Wir haben heute eine Reihe von Reden gehört, wir werden im Laufe dieses Jahres noch einige hören, und wir werden natürlich auch noch Texte zu lesen bekommen, die den rückgewandten Blick auf 225 Jahre Lehrerbildung in Karlsruhe im sprachlichen Diskurs feiern. Die Kunst hingegen hat zu schweigen, wie wir wissen. Die bildende Kunst soll - wie übrigens auch die Musik - einem Ereignis wie dem aktuellen - das nötige decorum und den gebührenden Glanz verleihen. Hierzu wollen wir gerne beitragen - in aller Bescheidenheit.

Ich bin vom Rektor gebeten worden, Ihnen eine kleine Einführung in diese Ausstellung zu geben. Ich komme dieser Bitte gerne nach, wohl wissend, daß ich damit dem anschaulichen Medium den Rücken zuwenden muß. Als Lehrende kennen wir alle die typische didaktische Situation, in der man seine Klientel und den Gegenstand der Vermittlung zugleich im Auge behalten möchte.

Feiert eine derart bedeutsame Institution wie die unsrige so ihre eigene Geschichte? - Das mögen Sie sich vielleicht schon gefragt haben. - Ich möchte versuchen, Ihnen zu zeigen, inwiefern wir nicht nur einen ästhetischen Rahmen um die Archivalien gelegt, sondern diesem auch den ihm angemessenen Glanz verliehen haben. - Zur Sache denn!

Den ebenso plakativen wie durchaus auch pathetischen Auftakt zu unserer Bildinstallation gibt eine Art Triptychon - eine sakrale Bildform also. Beim Blick auf die Mitteltafel werden wir in die verfremdende Perspektive des Bomberpiloten versetzt, der 1944 über der Staatlichen Lehrerbildungsanstalt in der Bismarckstraße in Karlsruhe seine verhängnisvolle Last ausklinkte. - Der Staub hat sich gelegt, der Rauch sich verzogen. Wir blicken in die öden leeren Mauergevierte mit den verkohlten Balken. Das Motiv der Ruine, Vergänglichkeit und Ewigkeit in gleicher Weise symbolisierend, wird auf den Seitenflügeln noch einmal aufgegriffen, nun aber als Bild des Bildes noch einmal zertrümmert und sozusagen falsch rekonstruiert - mit dem Werkzeug des simultanen Sehens, das die Kubisten uns als ein für unser Jahrhundert symptomatisches Wahrnehmungs- und Zeigeinstrument in die Hand gegeben haben.

Damit dies nicht das letzte Wort sei, flankieren die aus unserem postmodernen Logo gebildeten Zwillingsfiguren - goldgerahmt - vor den symbolträchtigen Säulen wie zwei strammstehende Wachposten unser Retabel. Hier nimmt die Ausstellung, die ja als Installation konzipiert ist und nicht als Ansammlung einzelner Objekte, zum ersten Mal explizit Bezug auf ihr Ambiente.

Neben den räumlichen Beziehungen gibt es natürlich auch solche in der Zeit. Das Bauwerk, errichtet 1870, 1944 zerstört, wurde in den 50er Jahren wieder unvollständig aufgebaut und durch einen modernen Treppenhaustrakt ergänzt, in dem wir uns befinden. Überhaupt: Modernität kann sich damals weder im Kontinuum einer direkten Fortsetzung der vergangenen Epoche des Dritten Reiches sehen, noch sich auf ein schlüssiges neues avantgardistisches Konzept beziehen. Das gilt für Pädagogik und Kunst in gleicher Weise. Als Beleg dafür möge das grau-in-graue Relief gelten, das zu übersehen wir uns angewöhnt haben. Das zentrale Motiv ist die Sonne, das Licht der Wahrheit, auf das nicht nur Apollo mit seinem Gespann sich zubewegt, sondern dem auch die drei Epheben entgegenschmachten. Auf der rechten Seiten sehen wir neben dem Adler des Göttervaters Zeus Prometheus, der mit dem Feuer zu den Menschen hinabsteigt, um ihnen die Kultur zu bringen. - Nach den improvisierenden Anfängen der Karlsruher Lehrerbildung ab dem Wintersemester 1951/52 wird also der Einzug in das neue/alte Gebäude 1957 mit einem philosophisch-pädagogischen und zugleich ästhetischen Rekurs auf die Antike verbunden.

Sie werden verstehen, daß ich nicht auf die gesamte Ausstellung in derselben Ausführlichkeit eingehen kann, wie dies mit dem Auftakt hier geschah. Erlauben Sie mir, daß ich noch auf einige Kernpunkte der Installation hinweise.

Wenn Sie von unten den ersten Stock betreten, finden Sie im Zentrum vor der Nordwand ein weiteres Retabel. In malerisches Grün eingebunden und auf zwei Beinen stehend - wie unsere Wachposten hier - erhebt sich in Augenhöhe der goldene Schrein, in welchem auf tief violettem Grund die Urkunde - wiederum im dezenten Goldrahmen - im Jahre 1962 die Errichtung einer Pädagogischen Hochschule simultanen Charakters in Karlsruhe verkündet.

Dieses Epizentrum wird beiderseits begleitet und umspielt von weiteren Objekten, Dokumenten, Bildern und Grafiken mit komplexen räumlichen und zeitlichen Anspielungen. So bedeutsame administrative Entscheidungen wie die Einführung eines einheitlichen Zeittakts für alle Lehrveranstaltungen durch Einbau eines zentral gesteuerten Leutewerks, das Auswählen von Sitzmöbeln oder die Auffächerung eines Spektrums von Entwürfen für ein Hochschulsignet werden als unterhaltsame Variationen vorgeführt. - Darüber blickt das spröde Bild des Symbolvogels antiker Weisheit aus den 50er Jahren unbewegt auf dieses Wechselspiel von Bedeutungsschwere und Capricen.

Die Hauptinstallation entfaltet sich vor der Wand des Rektorats. Wenn Sie dieser den Rücken zukehren, blicken Sie in einen Spiegel und nehmen damit zum Einstieg die angemessene Perspektive ein, indem Sie sich zunächst als Teil der räumlich organisierten Komposition erfahren. Wiewohl der übrige objektive Bestand sich an der Wand entfaltet, sollte jedoch im weiteren der Anteil des rezipierenden Subjekts nicht mehr vergessen werden.

Ein um 1914 entstandenes Originalfoto der Seminaristinnen und des Lehrkörpers des Prizessin-Wilhelm-Stifts wird mit fotografischen Mitteln dem Versuch von Analyse und Rekonstruktion unterzogen. Die erste Phase dieses Prozesses ist uns aus allen wissenschaftlichen Disziplinen vertraut. Wir zerlegen das Ganze in seine Elemente und betrachten diese jeweils für sich. Die goldenen Rähmchen haben die Schülerinnen im Paßbildformat dafür zu entschädigen, daß sie körperlos bleiben müssen. Der Kopf mit seinen Sinnesorganen erscheint als ideale Reduktion der Person zur Lernenden. Die Lehrerinnen und Lehrer präsentieren sich uns um einiges komplexer. Als rechte Nachfahren von Pestalozzi verfügen Sie über Kopf, Herz und Hand - sind also pädagogisch hinreichend handlungsfähig. Da gibt es auch Schuhe, vielleicht sogar Füße für die Damen und Herren. Aber tiefes Schwarz verschlingt alles übrige, was an diesen moralischen Autoritäten noch an Leiblichkeit gemahnen könnte. Nur der Rektor Sallwürk nimmt sich die kleine Freiheit, seinen Dackel mit ins Bild zu setzen. - Wie mag wohl der Unterricht ausgesehen haben in der einen und in der anderen Klasse, bei diesem Lehrer oder bei jener Lehrerin? Je länger ich mir die isolierten Porträts ansehe, um so lebendiger wird das Bild. Dabei ist es nicht ohne Delikatesse und durchaus als gelungene Pointe des Fotografen anzusehen, daß er uns nicht nur die Strenge apollinischer Ideale vermittelt, sondern mit dem Weinlaub über der Gruppe auch einen Hauch von bacchantisch-badischer Lebensfreude anklingen läßt.

Unterhalb der breit angelegten Analyse wird auch ein Rekonstruktionsversuch gezeigt. In eine Reproduktion des Gruppenbildes wurden Porträtfotos implantiert. So entsteht nicht nur eine Komposition mit ästhetischen Brüchen, sondern zugleich eine Versammlung von monströsen Gestalten. - Dies lehrt uns, daß eine Rekonstruktion allein auf der Objektebene nicht möglich ist. Nur wenn der Betrachter sich wieder zum Spiegel umwendet und mit seiner eigenen Person Teil der Installation wird, kann er - bei gehöriger Anstrengung - die Rekonstruktion selber leisten.

Die Fortsetzung der Ausstellung nach beiden Seiten, vor allem in den östlichen Seitenflur, lockert die inhaltliche Verbindlichkeit des Beziehungsgefüges, ohne jedoch je den ästhetischen Zusammenhang zu verlassen.

Im zweiten Stock wird das Wiedererstehen dieses Gebäudes, in dem wir uns befinden, vielleicht aber auch Geschichte überhaupt als eine Summe von Renaissancen reflektiert und zelebriert. Im Zentrum der Nordwand steht ein weiterer Schrein, der in schon stellenweise ermattetem schwarzem Schleiflack gerahmt und mit einem zierlichem Goldrand geschmückt ist. Daraus taucht wie ein Phönix aus seinem noch purpurn glühenden Grund die Miniaturversion eines Nierentisches auf, der seinen zugehörigen Ascher hinter sich gelassen hat. - Die aktuelle Installation korrespondiert mit dem Wandmosaik von 1957, mit dem uns das Bild eines historisierenden und recht eigenwilligen Weltbildes vermittelt wird. Auf der größeren unteren Fläche sind die Fische für das Element des Wassers, die Vögel für die Luft und die Sonne für das Feuer angeordnet. Darüber erscheinen die Attribute der Geisteswissenschaften, der Naturwissenschaften und der Künste, denen schon der Lorbeer des Ruhmes beigegeben ist - in kühner Vorwegnahme universitärer Weihen - im 21. Jahrhundert. - Das Element der Erde ist ausgespart, nicht, weil es damals noch keinen Schulgarten gab, sondern weil die materialen Grundlagen unserer menschlichen Existenz dem hohen Anspruch von Wissenschaft zuwiderzulaufen schienen.

Um Ihre Geduld nicht über die Maßen zu strapazieren, möchte ich es mit diesen eher aphoristischen Hinweisen auf unsere Ausstellung bewenden lassen. - Wenn Sie bei Ihrem eigenen Durchgang das von Herrn Prof. Silberer freundlicherweise erstellte Faltblatt zur Hand nehmen, können Sie nicht nur die einzelnen Objekte identifizieren, sondern auch versuchen, selbst produktiv an der Rekonstruktion des hier fraglos fragmentarischen ästhetischen Zusammenhangs weiterzuarbeiten.

Erlauben Sie mir aber, daß ich noch erwähne, wem wir das Zustandekommen dieser Ausstellung in erster Linie zu danken haben. Mein geschätzter Kollege Kästner hatte die Idee, die er in zahlreichen Gesprächen zu einem überzeugenden Konzept entwickelte. Ralf Bertscheit hat sich nicht nur mit Leichtigkeit in die anschaulichen Strukturen eingefühlt, sondern diese in der Realisierung mit eigenen kreativen Initiativen bereichert. Dafür möchte ich Herrn Kästner und Herrn Bertscheit - ich hoffe, ich darf das auch in Ihrem Namen - sehr herzlich danken.