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2009 - 2006

Krabben im Nebel - Klasse Pia Stadtbäumer - Hochschule für Bildende Künste Hamburg

Kunstverein Wilhelmshöhe Ettlingen. Zur Ausstellungseröffnung am 25.09.2009

(Auszug aus der einführenden Begrüßungsrede)

Unsere aktuelle Ausstellung ist keine Schau von Bildern und Objekten, die man nacheinander abhaken könnte. Alle Exponate sind derart eng ineinander verschränkt und miteinander verwoben, dass es bisweilen auf den ersten Blick schwer fällt, räumliche Grenzen auszumachen. Doch zunächst lassen sich auch einige singuläre Werke herausschälen.

Die Installation „Traurige Tropen“ von Verena Issel ist komisch und tra­gisch zugleich, wenn sie uns eine mit armem Material konstruierte künf­tige Natur als Menetekel vor Augen führt. Dabei paraphrasiert sie in einer erfrischend unbekümmerten Bildsprache die Philosophie des Nichtwis­sens von Claude-Lévi Strauss, in der die großen Existenztragen ange­schnitten werden.

Adelaide Cue Bär hat eine Matte aus Nadelfilz mit Pyramidennieten und Killernieten besetzt und so ihre „Rocky Mountains“ aufgerichtet. Der ex­treme Kontrast zwischen dem warmen weichen Material und den aggres­siven Elemente schließt beides in einer starken Präsenz zusammen.

Verena Schöttmers fast raumhohe Installation changiert zwischen Riesenparavent und Theaterkulisse. Von beiden Seiten her entstehen Räume mit je eigenem Charakter. Im Detail setzt die Künstlerin mit fragmentarischen Zeichen offene Impulse, die als kleine Spielereien die Betrachter verwundern und ihnen Rätsel aufgeben.

Lars Hinrichs hat seine vermeintlichen Naturstudien wie Kalenderblätter an der Wand angeordnet. In der Tat sind es Tagwerke. Allerdings fließen bei seinen gezeichneten Blättern immer mehrere Naturelemente zusam­men, die nach strengen kompositorischen Prinzipien zusammengefügt werden. Sodann lässt sich auch von Blatt zu Blatt eine Kontinuität verfolgen.

Mit ihrem Pferdetorso „Luxuspopo“ dominiert Julia Frankenberg das östliche Kabinett. Allerdings mutet sie dem Betrachter eine doppelte Anstrengung zu: Es gilt zum einen, die gestapelten Keramikteile nicht nur in ihrer dinglichen Präsenz zu sehen, sondern auch in einen neuen abbildhaften Kontext zu stellen. Zum anderen sind wir gefordert, im Torso das Ganze zu sehen, das sich erst auf den zweiten Blick erschließt.

Michael Gösters Malerei erscheint zunächst als autonomes Werk, das sozusagen objekthaft in den Raum gedreht ist. Doch dahinter verbirgt sich eine rätselhafte menschliche Figur, vielleicht der Bewohner des Illusionsraums, der uns den Schein entgegenhält. Was unten wie ein Schatten wirkt, ist ein Eingriff in die physische Substanz des realen Rau­mes.

Hannah Rath hat in der Diagonalen des westlichen Ausstellungsraums aus Alu-Dibond ausgeschnittene und gefräste Elemente ausgelegt, die sich zu den plastischen Buchstaben UVWM zusammenfalten ließen. Doch diese Aktion wird nur angedeutet, bleibt in einem Frühstadium stecken und wird als virtuelle Aktion dem aktiven Auge des Betrachters überlassen.

Suse Itzels Videoinstallation „Gemeine Kinderspiele“ möchte man auf das Gehäuse des westlichen Kabinetts isolieren. Doch dass es sich hier um kein autonomes Werk handelt, werden wir mit Augen und Ohren erleben, wenn die Künstlerin die Filmhandlung noch einmal als Perfor­mance lebendig werden lässt.

Nicolás Osorno stellt nach eigenen Fotos Siebdrucke her, die er durch leichtes Verschieben der Siebe und durch tontrennende Farbbehandlung verfremdet. Die Motive selbst rekonstruiert er frei nach kunsthistorischen Vorbildern. Die überschneidende Anordnung an der Wand nimmt den Blättern den Charakter des Tafelbildes und schafft einen installativen Zu­sammenhang, der durch die von der Decke abgehängten Videobänder eine dritte Dimension gewinnt.

In Sebastian Silveira mögen Sie einen humorvollen figurativen Bildhauer identifizieren. Dabei gilt es zu beachten, dass Amors Pfeile den bereits durch andere Werke besetzten Raum durchmessen müssen, bevor sie den anderen Putto treffen und niederstrecken.

Glenn Gefken hat an der Außenwand des östlichen Kabinetts ein schwingendes Bild aus den Basssaiten eines Flügels angeordnet. Indem er eine Saite durch eine Bohrung durch die Wand zog, besetzt das Werk nunmehr zwei Räume zugleich.

Last not least Max Frisinger: Aus vorgefundenem Material, aus Rohren und Rundstäben hat Frisinger in die sensiblen Raumverhältnisse eingegriffen. Wie ein roter Faden ziehen sich die wechselnden Achsen durch die Räume, sie vermitteln oder stören. Subtil gesetzte kleine Ak­zente und mächtige Gesten sind der Versuch, alle Exponate zu einer Art Gesamtkunstwerk zusammenzuschließen.