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Aus dem Stamm - Die Sinnlichkeit des Materials - Holzskulptur heute. Teil II

Kunstverein Wilhelmshöhe Ettlingen. Zur Ausstellungseröffnung am 29.05.2009

So wie die Blockbuster, damit sie ins Fernsehformat passen, auf zwei Abende verteilt werden, so haben auch wir „AUS DEM STAMM – Die Sinnlichkeit des Materials – Holzskulptur heute“ auf 2 Termine verteilt. Mit anderen Worten: Wir erleben, so könnte man sagen, zum ersten Mal im Kunstverein Wilhelmshöhe ganz großes Kino! Der Teil I rief ein ausgesprochen positives Echo hervor, sowohl bei der Presse als auch beim Publikum. Wir konnten deutlich gestiegene Besucherzahlen registrieren, und auch der Katalog wurde gern gekauft und als Souvenir mitgenommen.

Die Ausstellung AUS DEM STAMM geht auf eine Idee des Stellvertretenden Vorsitzenden unseres Kunstvereins, Prof. Werner Pokorny zurück, und er war es auch, der sich als Kurator dieser Ausstellung angenommen hat. Die Auswahl der Künstler und ihrer Werke sowie der Ausstellungsaufbau weisen darauf hin, dass das Sehen des Künstlers hier immer wieder die entscheidenden Wegmarken gesetzt hat.

Für den Künstler sind Kunstwerke nicht in erster Linie Objekte, sondern diese bilden lediglich die Endpunkt eines Prozesses, innerhalb dessen die Wahl des Materials und der Werkzeuge, konzeptionelle Überlegungen, das Erstellen von Skizzen und Modellen, vielleicht auch offene Experimente zwischendurch, die ersten Schritte markieren. Die Ausführung größerer Werke hingegen ist zunächst einmal körperliche Arbeit, in der Erfahrung, eine geübte Hand und ein sicherer und selbstkritischer Blick von Bedeutung sind. Hier geht der Künstler, ebenso übrigens wie ein guter Handwerker, ganz in der Arbeit und dem Objekt auf, und die Werkzeuge bilden nichts anderes als verlängerte und differenzierte Hände. Je mehr der Holzbildhauer sich in den Holzblock oder –stamm hineingräbt, um so mehr verliert der Blick auf parallele und historische Referenzen an Interesse. In diesem Sinne äußerte sich Georg Baselitz 1983: „… ich fange an, die Dinge zu gestalten, als ob ich der erste wäre, der einzige, als ob es all diese Vorbilder nicht gäbe; obwohl ich natürlich weiß, daß es Tausende von Beispielen gegen mich gibt. Man muss immer etwas Gültiges, das Ende machen.“

Ein Kunsthistoriker würde auch als Kurator dazu neigen, die Werke sti­listisch, formalästhetisch und von ihrer Symbolik und inhaltlichen Bedeutung her einzuordnen und zu beurteilen. Doch wir als Betrachter der Werke, die wir uns die Exponate mit den Augen aneignen und uns im Gespräch über unsere Seherfahrungen austauschen, stehen hier vor keiner Alternative. Vielmehr eröffnen sich uns zwei Perspektiven, die zu nutzen fraglos eine Bereicherung bedeutet.

Skizzen und Entwürfe sind hier nicht zu sehen, allerdings Modelle: Das betrifft die Kathedrale von Matthäus Thoma. Und auch die beiden kleinen Skulpturen von Dietrich Klinge, das Tor von Norman Junge und Gegenläufig von Claus Bury könnten, einen Auftrag vorausgesetzt, monumental ausgeführt werden.

Materialgerechtigkeit war ein Schlüsselbegriff der Klassischen Moderne, dem sich auch heute noch Künstler verpflichtet fühlen. Sie verwenden das Beil und das abgerundete Bildhauerbeitel, beides Werkzeuge, die der Maserung des Holzes zu folgen versuchen oder es schräg anschnei­den. Der Sägeschnitt gilt als materialgerecht, wenn er im rechten Winkel oder schräg zur Maserung führt wird. Klaus Simon und Erwin Wortelkamp setzen das Werkzeug behutsam ein; sie arbeiten mit und nicht gegen den Stamm, modifizieren ihn, damit die Skulptur hernach einen lebendigen Dialog mit dem Raum führen kann.

Das flache Schreinerbeitel hinterlässt Kanten, Grate und Ausspänungen, die den Werken von Stephan Balkenhol einen impressiven und denen von Daniel Wagenblast einen expressiven Charakter verleihen.

Als die jungen Wilden sich in den späten 1970er Jahre mit breiten Ell­bogen in die Szene drängten, griff Georg Baselitz zur Kettensäge. Das war das definitive Signal für das Ende der Materialgerechtigkeit. Denn die mit Zähnen besetzte Kette fräst sich grobschlächtig und ohne Rücksicht auf die Wachstumsrichtung in den Stamm hinein. An dem Kopf von Georg Baselitz ebenso wie an der Figur von Klaus Prior können Sie beobachten, dass die Schnitte eher an Verletzungen gemahnen, als dass sie eine Naturform beschreiben.

Einen geradezu triumphalen Einzug hat die Kettensäge in die Bildhauerateliers gehalten. An einigen Exponaten können Sie beobachten, dass das einstmalige Holzfällerwerkzeug mittlerweile eine vielfältige Formensprache ermöglicht. So bilden die eleganten Figurationen von Karl-Man­fred Rennertz einen Kontrapunkt zu den äußerst filigranen und span­nungsgeladenen Formfindungen von Armin Göhringer. Werner Mally zerlegt seinen Holzblock derart, dass dieser in differenzierte Teile zerfällt, die sich als komplementäre Elemente wiederum zum Block zusammenfinden könnten. Stefan Pietryga verweist in seinen Werken deutlich auf den Stamm, aber er mutet dem Material mit seinen fragilen Skulpturen viel zu, wodurch er beim Betrachter ein hohes mentales Spannungspotenzial aufbaut.

Der Werkstoff Holz wird von den Künstlern nicht ausschließlich als Stamm bearbeitet. Auch Halbfertigfabrikate wie Balken, Bretter, Sperrholz, Spanplatten usw. finden das Interesse der Bildhauer.

Tony Cragg und Ingrid Hartlieb leimen sich geschichtete Rohlinge zusammen, denen sie durch Nachbearbeiten der Oberfläche eine organi­sche Form verleihen. Die aus minderwertigem Weichholz gesägte Dachlatte verleimt Jin-Ho Heo zu Blöcken, um dann das Leimholz in figurative Skulpturen zu verwandeln. Für Georg Herold hingegen liefert die Latte den Baustoff für luftige Raumkonstruktionen, die von Spax-Schrauben zusammengehalten werden.

Die Skulptur aus dem Holzblock hat sich ungeahnte Freiheiten erobert und sich in einer erstaunlichen motivlichen Vielfalt aufgefächert. Neben den strengen, konstruktiven Formfindungen von David Nash und Rudolf Wachter stehen die symbolträchtigen Kürzel von Werner Pokorny als monumentale Piktogramme im Raum.

Auch das Prinzip der dadaistischen und surrealen Montage hat seinen Weg in die Holzskulptur gefunden. Während Axel Heil mit disparaten Fundstücken sein leichtes Spiel treibt, gelingt Thomas Putze in der Kombination von Holz und Metall auch immer wieder ein Pointe, die zum Schmunzeln anregt. Das installative Arrangement von 33 schwarzen Holzhänden in einer schwarzen Öltonne von Franz Gutmann hingegen steht hier als eine ernste Mahnung und lässt einem geradezu das Blut in den Adern gefrieren.

Es bleibt erstaunlich, wie Oliver van den Berg aus Leimholzteilen seine Kamera gebaut hat. Würde sie sich auf das bunt lackierte Unglückshuhn von Gerhard Kehl richten, entstünde eine irritierend komische kommu­nikative Situation. Doch die ignorante Abwendung ist nicht weniger ko­misch.

Andreas Welzenbach ist der einzige Künstler, der eine bewegliche Skulptur mit zwei Ansichten zeigt: eine Stadtansicht vor und nach der Explosion einer Autobombe. Das Moment der Überraschung, das mit der Verwandlung der Szene verbunden ist, mischt dem Menetekel auch einen Schuss schwarzen Humor bei. Dabei bleibt der Lacher uns aller­dings im Halse stecken.

Es gibt auch Beispiele von Künstlern, die zeitweise eine distanzierte Position zum Werkstoff Holz einnehmen, ihn verwandeln oder ihn gar in einem anderen Medium darstellen. Die Verwandlung und insofern Idea­lisierung geschieht durch die Glättung, durch Schleifen, Polieren und Lackieren, so dass der Unterschied zu einem Kunststoff bisweilen schwer zu erkennen ist. Eine nicht nur optische, sondern auch substan­zielle Verwandlung geschieht durch das Anbrennen und Verkohlen, wie David Nash und Werner Pokorny sie bisweilen anwenden. Bei diesem Vorgang wird eine messbare Schicht von Holz in Kohlenstoff überge­führt. Schließlich sind hier zwei Künstler vertreten, die nicht den Werkstoff Holz verarbeiten, sondern mit dem Stamm als Motiv umgehen. Christoph Loos arbeitet performativ mit dem Baum und dokumentiert diese Aktionen fotografisch. Ulrich Möckel interessiert sich für die Wachstumsformen von Bäumen; er zeichnet Querschnitte von Stämmen, die er in Beton oder Metall gießt. Ein derartiger Betonguss nach einem Weißdornstamm steht auf der Terrasse, und über uns allen schwebt eine Lichtkontur nach einem Eichenstamm, der sozusagen substanzlos hier als Metapher für die Aura der Kunst figuriert.

Ich wünsche Ihnen erhellende Blicke auf die Skulpturen und gute Gespräche!