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Ein Kind erobert kritzelnd seine Welt  

Monografische Bilddokumentation zum Zeichnen im Vorschulalter

Zur Eröffnung der gleichnamigen Ausstellung in der PH Karlsruhe 1992

Dies ist eine ganz persönliche (allerdings nicht subjektive) Ausstellung. Deshalb will und kann ich es nicht mit einer sachlich distanzierten Einführung bewenden lassen. Indem ich Ihnen berichte, wie die Ausstellung zustande kam, möchte ich versuchen, sozusagen unter der Hand auch die notwendigen Schlüsse zu ziehen. Diese beziehen sich auf das Zeichnen im Vorschulalter und auf das Kritzeln überhaupt. Daß das mit Kunstpädagogik nebenbei auch etwas zu tun hat, dürfte wohl unausweichlich sein.

Diese Ausstellung zeigt 83 Bilder meines Sohnes Lennart, der 1980 als mein drittes Kind geboren wurde. Die Auswahl wurde aus rund 200 Blättern getroffen, die im Vorschulalter entstanden waren.

Von den ersten beiden Kindern könnte ich Ihnen auch nicht annähernd eine vergleichbare Auswahl zeigen. Dies liegt nicht daran, daß die beiden etwa nicht so produktiv gewesen wären. Vielmehr machte ich den weitverbreiteten Fehler, dem sowohl ignorante als auch aufgeschlossene Eltern genauso wenig entgehen können wie studierte Kunstlehrer. Die einen fragen: Wann kommt denn nun endlich ein richtiges Bild, das aufzuheben sich lohnt? Die anderen warten ungeduldig auf den ersten Kopffüßler, so wie sie es in der entwicklungspychologischen Literatur gelernt haben. Wenn das so weit ist, hat man wahrscheinlich schon das erste Hundert Zeichnungen weggeworfen!

So war es mir auch ergangen bei meinen ersten beiden Kindern. Und als diese eingeschult wurden und schon ganz routiniert Bäume und Häuser und Menschen zeichneten, war für mich die Frage, wie denn das Zeichnen anfängt, immer noch offen. Deshalb nahm ich mir vor, bei dem dritten Kind wirklich jeden Fetzen Papier aufzuheben und die Ergebnisse nachträglich zu sichten. Da ich mich nicht auf mein Gedächtnis verlassen wollte, versah ich auch jede Zeichnung mit dem Datum, einer laufenden Nummer und einigen Bemerkungen zu den Entstehungsbedingungen.

Zu meinem Erstaunen verlief die Entwicklung langsamer und weniger kontinuierlich, als ich das nach meinen Leseerfahrungen erwartet hatte. Um es einmal paradox auszudrücken: als einzige Konstante schälte sich im Laufe der Jahre das Kritzeln heraus. Während der Duktus sich festigte und zunehmend differenziertere Bildzeichen entwickelt wurden, lief das Kritzeln wie eine Art Generalbaß weiter.

Natürlich dürfen wir Beobachtungen, die an einem monografischen Konvolut gewonnen wurden, nicht leichtfertig verallgemeinern. Doch dürfte es legitim sein, Thesen zu formulieren, die durch das Beobachten und Beschreiben weiterer Fälle zu verifizieren wären.

Zunächst sollte die Ausstellung selbst, ihre Konzeption, als These verstanden werden. Denn natürlich hätte man bei einer strengeren Auswahl durchaus auch vertraute Schulmeinungen stützen können. Z.B. diejenige, daß es eine Kritzelstufe als einen geschlossenen Entwicklungszeitraum gibt, oder daß jede Entwicklung dem Fortschritt verpflichtet sei.

Nach einer eingehenden Sichtung und Diskussion mit meinem verehrten Kollegen Kästner bin ich zu einer anderen Bewertung gekommen:

1. Das Zeichnen beginnt mit dem ersten Kritzeln und nicht erst danach.

2. Das Kritzeln differenziert sich in einem allmählichen Prozeß, der sich über das gesamte Vorschulalter erstreckt.

3. Mit der Entwicklung gegenständlicher Bildzeichen verliert das Kritzeln an Bedeutung, aber es verschwindet nicht völlig.

4. Regressionen ins Kritzeln bei Schulkindern (oder auch bei Jugendlichen und Erwachsenen) haben eine entlastende Funktion und sollten deshalb toleriert werden.

5. Das Kritzeln spiegelt den Prozeß der kindlichen Aneignung von Wirklichkeit wider. Genauer: Im Kritzeln erobert das Kind sehend und handelnd seine Welt.

Befragt man die entwicklungspychologische und die kunstpädagogische Fachliteratur nach der Bedeutung des Kritzelns für die zeichnerische Entwicklung des Kindes, so findet man immer wieder punktuell interessante Hinweise und Deutungen. Es verdichtet sich bei der Lektüre der Eindruck, daß es sich um eine nicht zu unterschätzende Phase, aber letztlich doch um eine Art Vorspiel handele. - Aber gerade aus der Perspektive einer peripheren Einschätzung geraten wesentliche Antriebe und Funktionen des Kritzelns allzu leicht aus dem Blick. - Denn wenn ich als Wissenschaftler eine größere Anzahl von Kritzelzeichnungen untersuchen will, muß ich dies analytisch tun; ich muß das Typische herausfinden, um so allgemein vermittelbare Begriffe zu gewinnen. Diese dienen dann als Werkzeug, um vergleichbare Phänomene zu messen und zu beurteilen.

Eltern, Erziehern und Lehrern sollte dieser verallgemeinernde Zugriff nicht genügen, denn sie haben es immer mit konkreten und insofern eben individuellen Zeichnungen eines je einzelnen Kindes zu tun. Und hier gilt es, noch einmal genau hinzuschauen und zuzuhören, was das Kind zu seinem Werk erzählt. Denn die lakonischen Kommentare der Kinder geben in der Regel schon den Schlüssel zu einer angemessenen Deutung. - Insofern könnte die in einer Auswahl hier ausgestellte monografische Dokumentation auch eine Anregung für eigenes Beobachten und Sammeln sein.

Nun einige Hinweise zur Entstehung der Zeichnungen:

Lennart wurde im Mai 1980 geboren. Als er zu krabbeln begann, weitete er binnen kurzem seinen Aktionsradius auf das ganze Reihenhaus aus und drang so bis ins Dachgeschoß vor in mein Arbeitszimmer. Hier spielte er besonders gern unter dem Schreibtisch zwischen meinen Füßen. Um zu verhindern, daß er mir die Bücherregale ausräumt, machte ich für einige seiner Spielsachen die unterste Schreibtischschublade frei. So hatte er sein Revier mit klar definierten Rechten. - Hier entstanden auf dem Fußboden oder auf der Schreibtischplatte nicht nur die ersten, sondern die überwiegende Mehrzahl seiner frühen Zeichnungen unter meinen Augen.

Seinen ersten Kritzelversuch unternahm Lennart im Alter von 15 Monaten im August 1881. Durch die wochenlange Unruhe eines Umzugs trat dann eine längere Pause ein. Es folgte eine sehr produktive Phase. 1982 zeichnete er 105 Bilder, die er zunehmend selbst kommentierte. 1983 kamen 46 Blätter dazu. Bedingt durch einen weiteren Umzug, kam es zu einer Unterbrechung von 4 Monaten. Der Beginn 1984 schien zunächst eine Retardation zu signalisieren. Doch dann eignete Lennart sich zunehmend alle anschaulichen Dimensionen seiner Umwelt an. - Danach scheint das bildnerische Medium seine Schlüsselrolle mehr und mehr an die Sprache und das direkte Handeln abzutreten. Der Hauptgrund dürfte darin liegen, daß das Anregungspotential zurückging, nicht zuletzt, weil Kindergarten und Schule in bekannter Weise andere Prioritäten setzen.

Wenn Sie die Ausstellung durchmustern, werden Sie sich vielleicht fragen, weshalb die Dokumentation so willkürlich um das 6. Lebensjahr abbricht. Denn die realistischen Tendenzen haben schon bedeutend früher eingesetzt, und das Kritzeln hat noch nicht aufgehört. Nun, genau dies wollten wir zeigen: Das Kritzeln ist keine Episode, die man als Klein-Kinder-Kram abtun kann. Da es immer wieder einmal hervorbricht, drängt sich der Eindruck auf, daß es sich um ein durchgängiges anthropologisches Moment handelt.

Jeder Mensch kritzelt gelegentlich vor sich hin - beim Telefonieren oder sonst in Momenten nachlassender Aufmerksamkeit. Wir messen dem keine große Bedeutung bei. Wozu auch, da es sich ja um eine Tätigkeit handelt, die innerhalb unseres Bewußtseins keinen Raum findet. - Immerhin hatten die informellen Künstler im Gefolge von Max Ernsts aleatorischen Experimenten das halbautomatische Zeichnen zu einer Kunstform erhoben. - Berechtigt all dies schon zu dem Schluß, daß das Kritzeln in seiner anthropologischen bzw. künstlerischen Bedeutung höher einzuschätzen sei als die Mimesis, als das realistische Moment? - Ich denke, es drängt sich wenigstens die Frage auf, ob nicht jenes chaotischen Prinzip des Kritzelns, welches dem von Struktur und Ordnung zuwiderläuft, mehr Beachtung in Unterricht, Erziehung und Gesellschaft eingeräumt werden sollte als bisher. - Über pädagogische Begründungen und didaktische Konsequenzen wäre an einer anderen Stelle nachzudenken.

Noch ein Wort zu den beigegebenen schriftlichen Kommentaren:

Das gesamte Konvolut der Zeichnungen wurde in chronologischer Folge durchnumeriert. Bei der für diese Ausstellung getroffenen Auswahl wird jeweils die laufende (3-stellige) Nummer genannt, so daß auch der zeitliche Bezug der Bilder zueinander ablesbar bleibt. In Klammern steht das Alter (Jahre; Monate). Alle authentischen Aussagen des Kindes erscheinen kursiv.

Bevor ich Ihnen - der Hochschulöffentlichkeit - diese Ausstellung übergebe, erlauben Sie mir, daß ich mich bei all denen bedanke, die zu deren Zustandekommen beigetragen haben. Da ist an aller erster Stelle mein Kollege Kästner zu nennen, der nicht nur gut-akademisch gesagt hat: "Man sollte...", sondern der auch ganz unakademisch angepackt und alle mitgerissen hat. Da sind die Tutoren und weitere Studierende des Faches Kunst zu nennen - vor allem Elisabeth Söllner, Claudia Quellmalz, Ursula Fritsch, Christina Bathke, Ulrike Pfaff, Holger Erbach und Michael Winkler, die uns beim Rahmen und Hängen unentbehrlich waren. Auch Mitarbeiterinnen der Verwaltung waren beteiligt. Frau Leicht hat die Einladungen verschickt, und Frau D'Aiuto hat Plakate und weitere Schrifttafeln in das rechte Format gebracht. - Auch im Namen all derer, die unsere Ausstellung mit Freude und Erkenntnisgewinn oder auch aus Freude am Erkenntnisgewinn ansehen, danke ich allen Beteiligten sehr herzlich! - Und Ihnen allen danke ich für Ihre Aufmerksamkeit.