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2008 - 2006

CHC Geiselhart: Neue Arbeiten aus dem Transitus-Projekt. Malerei, Skulptur, Druckgrafik

Galerie Thron. Reutlingen. Zur Ausstellungseröffnung am 09. März 2008

Sie empfinden es sicher nicht immer als eine leichte Übung, sich innerhalb weniger Minuten einen verlässlichen Überblick über eine Kunstausstellung zu verschaffen – zumal wenn sie so komplex ist wie die aktuelle von CHC Geiselhart. In der Tat erschließen sich die plastischen und flächigen Werke des Nehrener Künstlers nicht auf den ersten Blick; sie sind vielschichtig, muten bisweilen auch geheimnisvoll verrätselt an, jedoch sind sie durchaus nicht kryptisch. Mit ein wenig Geduld und gutem Willen können auch kunstinteressierte Laien sich einen Zugang verschaffen.

Ich schlage Ihnen vor, dass wir den Einstieg bei derjenigen Werkgruppe versuchen, die schon wegen ihrer Dimensionen zuerst ins Auge fällt, das sind die Skulpturen. Durch ihre schiere Größe beherrschen sie den Raum. Wie der Titel Wächter andeutet, kommt ihnen eine spezifische Funktion zu. Ein Wächter muss von außen unangreifbar erscheinen, deshalb verbirgt er seine Individualität und Emotionalität. Scheinbar sieht er einem Roboter ähnlicher als einem Menschen – aber wie gesagt: nur dem Scheine nach. Denn in Wirklichkeit steckt natürlich in jedem Wächter ein Mensch. Und jeder von uns übernimmt vorübergehend (also transitorisch) diese Funktion. So gilt es, die Unversehrtheit eines Kindes oder eines anderen geliebten Menschen zu hüten – Leben überhaupt ist zu schützen, und auch unsere gute alte Erde ist zu bewahren. – Diese zunächst sehr fremd und abweisend anmutenden Wächter von Geiselhart kommen demnach aus keiner fremden Welt, sondern haben durchaus etwas mit uns zu tun.

Im Jahre 2007 vollzog sich ein bedeutsamer Wandel in der plastischen Arbeit von Geiselhart, denn bis dahin waren die Skulpturen mit Kopf und Schulter Büsten, oder wenn die Büste auf einem Pfeiler saß, war die Skulptur als Stele zu bezeichnen. Die Stele, bei der Rumpf und Gliedmaßen durch einen Pfeiler oder durch eine Säule ersetzt sind, ist ein statisches Bildwerk, das in der Antike als Grab-, Gedenk- oder Grenzstein diente und somit bereits eine Art Wächterfunktion übernahm. – Vor etwa einem Jahr begann Geiselhart, den Pfeiler zu öffnen und in vier Stelzen oder Ständer zu aufzugliedern. Damit eröffnete sich auch ein Fächer von Bedeutungsvarianten, so dass wir vierbeinige, sich mit den Armen aufstützende Wächter, Kopftische oder auch mit einem Stuhl verwachsene Figuren zu erkennen meinen. Wenn den Füßen auch die Standplatte genommen ist, kann die Figur sich in Bewegung setzen. Eine besondere Variante bilden die Doppelfiguren, die auf ein Spezifikum unserer Lebenswirklichkeit verweisen.

Schließlich muss ich noch auf eine Büstengruppe hinweisen, deren blockhafte Basis sich auf einer Seite zu einer bugartigen Kante zuspitzt. Auf hoher See nennt Geiselhart diese Skulpturen, die paarweise mit Mannschaftsmitgliedern und Decksaufbauten bestückt sind. Natürlich soll man die Metaphern nicht so vordergründig, sondern allgemeiner lesen, denn wir sind es, die sich auf einer Überfahrt befinden, und wichtige Hilfsmittel zum Überleben sind dabei Behausung und Nahrung. Die Hausform ist leicht zu erkennen, für die Nahrung steht eine Lanzettform, die an ein Blatt erinnert.

Übrigens ist die Fassung oder Bemalung der Holzskulpturen durchaus keine Nebensache und eingehender Betrachtung wert, denn sie entsteht bei Geiselhart in zahlreichen Arbeitsgängen, wobei helle, dunkle und farbige Schichten aufeinander folgen.

Es böte sich an, nun mit den groß- und mittelformatigen Malereien weiterzufahren. In einer überschaubaren und aufgeräumten Komposition mit 1, 2 oder 3 Figuren und wenigen offenbar symbolhaften Attributen innerhalb eines definierten kubischen Raumes erkennen wir die Phänomene, doch der Sinn bleibt uns zunächst versperrt. Wir können uns den Zugang zu den komplexeren Malereien erleichtern, wenn wir uns zunächst einer Werkgruppe zuwenden, in der die Elemente als Einzelfiguren quasi didaktisch geordnet und als System von Bildelementen ausgebreitet werden. Hierzu bieten sich die mit Feder auf kleinformatigen Graukarton gezeichnete Suite Africaine sowie die 24 Blätter des im Hochdruck ausgeführten Transitus-Alphabets an. Jede Figur ist klar erkennbar gezeichnet, ohne dass sich eine direkte Entsprechung zu unseren Seherfahrungen in der Lebenswirklichkeit ausmachen ließe. Die teils plastisch, teils silhouettenhaft gesehen Figuren muten surreal an wie aus Bildern von René Magritte oder Giorgio de Chirico, denn sie sind physisch, aber nicht real. Da gibt es Lebewesen und Dinge. Die Lebewesen können an Menschen und Tiere erinnern, die mit dinghaften Elementen kombiniert sind: mit lanzettförmigen Blättern, die als Ohren, Hände, Ruderblätter, Lanzenspitzen oder Bootsrümpfe fungieren. Wenn die Lanzettform direkt mit dem Körper einer menschlichen Figur verschmilzt, entsteht daraus ein Kanufahrer, der mit seinem kleinen Fahrzeug eine Einheit bildet und der wohl nicht auf hoher See, aber doch im Sinne der Transitus-Thematik unterwegs ist. Zu jeder dieser kleinen Figurationen gibt es in den Malereien Entsprechungen.

Die wirklichen Elemente von Geiselharts Kunst, soviel dürfte deutlich geworden sein, liegen also noch hinter dem Transitus-Alphabet. Es sind die Gestaltungselemente und -prinzipien, wie sie vor einem knappen Jahrhundert Künstler wie Kandinsky, Klee und Malewitsch in ihren theoretischen Schriften in das Bewusstsein von Künstlern und einer kunstinteressierten Öffentlichkeit gehoben haben. In unserer Zeit, in der es keine weltanschaulichen Grenzen zwischen Abstraktion und Figuration mehr gibt, stehen jedem problemoffenen Künstler sowohl jene Elemente als auch die gesamte visuelle Wirklichkeit zu Gebote. CHC Geiselhart, der sich vor drei Jahrzehnten, als wir uns kennenlernten, dem realistischen Bild verpflichtet fühlte, hat jene selbst gewählte Bindung im Jahre 1986 gelockert und sich den Werkzeugkasten der bildnerischen Mittel zu Nutze gemacht. Die Wende geschah bei der Nehrener Denkpflockaktion, innerhalb deren der Künstler schlanke Baumstämmchen zu geometrischen Figuren formte, schnürte und arrangierte. Es entstanden monumentale Runen, in denen die Naturform und das natürliche Material in konkrete Zeichen verwandelt waren, ohne dass sie einem diskursiven Text als Bedeutungsträger zu dienen hatten. Dies war auch der Zusammenhang, in dem Geiselhart die Lanzettform entdeckte, die im Zusammenführen der beiden Enden einer Astgabel entstand. Es handelte sich zunächst also nicht um das realistische Abbild eines Weiden- oder Olivenblatts, wie man meinen möchte, und es leitet sich auch nicht von der mittelalterlichen Pathosformel der Mandorla her, sondern es ist zunächst nichts als ein Ding, das zur Übernahme von symbolhaften Bedeutungen noch offen ist. Mittlerweile ist die Lanzette so etwas wie ein Markenzeichen von Geiselhart geworden. Und ihre Wandlungsfähigkeit können Sie an einer Vielzahl von Beispielen in dieser Ausstellung nachvollziehen.

Die Bildzeichen des Transitus-Alphabets schließen sich auf den großformatigen Malereien zu komplexen Kompositionen zusammen, die ihrerseits untereinander kommunizieren, so dass immer wieder neue und überraschende Bilderfindungen mit bisweilen heiteren, aber auch dunklen und geheimnisumwitterten Botschaften aufscheinen. Die Bildzeichen selber sind mehrdeutig, und somit lässt sich zu einem Werk auch kein definitiver Sinn formulieren. Es lohnt sich für den Betrachter, sich in die Figuren und Attribute zu vertiefen und diese im Zusammenhang nach Möglichkeiten einer Deutung zu befragen, wobei der Horizont immer die eigene Person sein sollte. Die Frage lautet also nicht: Was hat der Künstler sich bei diesem Bild gedacht? oder: Was will er mit diesem Bild sagen? sondern: Was sagt das Werk mir, wenn ich es auf meine eigene Lebenswirklichkeit beziehe?

Wie hartnäckig sich einzelne Werkkomplexe von Geiselhart einer rationalen Deutung entziehen, können wir exemplarisch an der kleinen Reihe von Zeichnungen nach Gedichten von Ernst Herbeck nachvollziehen. Zum Exempel lese ich Ihnen ein Gedicht des geistig behinderten Autors vor.

Der Spiegel

Der Spiegel an der Wand.
Wer Spiegel hat heißt Spiegler.
Der Spiegel ist rechteckig.
in der Spiegelscheibe ist silberpapier.
und Spiegelscheibe heißt grote.
sie glitzert matt im Schnee.
gehört zum hineinschaun.
sie ist rechteckert dann ist sie zer-
brochen unser alter Spiegel.

Die poetischen Texte von Herbeck zeichnen sich durch eine rätselhafte Schönheit aus, die man genießen kann, ohne einen tieferen Sinn zu ergründen. Für Geiselharts 10 Miniaturen nach den Gedichten gilt dasselbe.

Bisher konnten Sie den Eindruck haben, als ginge es hier nur um grafische Figuren und durch diese vermittelte Inhalte. Aber die Zeichen werden körperhaft modelliert und – je nach Produktionsverfahren – auch malerisch vorgetragen. Und sie kleben nicht auf einer und stehen nicht vor einer neutralen Fläche, sondern in einem knapp angedeuteten Bühnenraum, so dass sie ihr Spiel treiben können. Insofern können wir als übergeordnetes Thema der Malereien auch eine Art theatrum mundi – ein Welttheater – sehen. Mit Recht wäre zu konstatieren, dass hier absurde Akteure absurde Stücke aufführen, die allerdings nicht im Gegensatz zu unserer Wirklichkeit stehen, sondern in einer erschreckend realistischen Entsprechung. Wenn wir uns vergewissern, wie die Repräsentanten unseres Staatswesens, die Politiker, es verstehen, in prekären Situationen mit wortreichen Sätzen nichts zu sagen, wie sie einander in der Öffentlichkeit attackieren, um hinterher als Duzfreunde miteinander ein Bier zu trinken, dann erleben wir absurdes Theater im Alltag.

Die Malerei von CHC Geiselhart vermittelt sich in einer ernsten Atmosphäre. Die meist dunklen Räume zwischen Schwarz und tiefem Grau werden mit Englischrot akzentuiert, und vereinzelt tauchen Gelb-, Grün- und Blautöne auf. Dabei ist Geiselhart um eine zarte, von hoher handwerklicher Verantwortung getragene Modulation bemüht, die dem Betrachter mit seinem Anspruch auf Schönheit und sinnlichem Genuss entgegen kommt. Zugleich entspringt das Hinarbeiten des Künstlers auf eine bewegte und schwebende Oberfläche auch einer subjektiven Intention. Allein der Umgang mit dem Material – mit Leinwand, Holzplatte, Karton, Papier, Tusche, Kreide und pastoser Farbe – hat für den Künstler eine eigene und als solche bereits sinnstiftende Qualität. Dies hat zur Folge, dass er auf vorbereitende Arbeiten wie das Schleifen oder das Grundieren eines Malgrundes die gleiche Sorgfalt aufwendet wird für das anspruchsvollere Zeichnen und Malen. – Bei den kleinen Blockbildern, die sozusagen eine Brücke bilden zwischen den Skulpturen und der Malerei, lässt sich das besonders gut ablesen.

Mit den Palimpsestdrucken hat Geiselhart 2006 ein neues Kapitel in seiner künstlerischen Arbeit aufgeschlagen. Mit mehreren Druckstöcken überdruckte er zunächst Konstruktionspläne der Stahlfabrik Petrozavodsk zu seiner dortigen monumentalen Skulptur aus dem Jahre 1993/94. Es folgten Palimpsestdrucke über Andrucken zu einem Ausstellungskatalog. Diese Drucke besitzen mehrere räumliche Ebenen: die des Unterdrucks und diejenigen der sich mehrfach überschneidenden Überdrucke. Dabei lassen sich nicht alle entstehenden Überschneidungen und alle sich neu bildenden Figurationen planen. Neben dem komponierenden Kalkül erhält somit der Zufall großen Einfluss auf das Gesamtergebnis. Jeder Palimpsestdruck ist ein Unikat, und jedes Blatt steckt voller unerwarteter Überraschungen – auch für den Künstler. Wir finden es recht selten, dass ein reifer Künstler mit einem großen Repertoire an Motiven und Verfahren noch einmal Neues wagt, sich sozusagen auf hohe See begibt und sich den kaum kalkulierbaren Risiken der Aleatorik aussetzt. Mein Eindruck ist, dass diese Expedition erfolgreich verlaufen ist und wir können gespannt sein, welche Rückwirkungen die gewonnenen Erfahrungen auf die als gesichert geltende Zeichnung, Malerei und Skulptur haben werden.

Mit einem Überblick über eine Schaffensperiode von knapp zwei Jahren im Werk von CHC Geiselhart präsentiert Ihnen die Galerie Thron hier eine Ausstellung, der man durchaus auch einen Zeitrahmen von zwei Jahrzenten zutrauen könnte. Ich wünsche Ihnen, dass Sie die bildgewordenen Wechselbäder heil überstehen und unter den Exponaten vielleicht sogar Ihren Favoriten entdecken.