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2007 - 2006

Horst Peter Schlotter: "Autopoeisis" - Bilder und Objekte

Kunstforum Hochschwarzwald. Titisee-Neustadt. Zur Ausstellungseröffnung am 14. September 2007.

Vielleicht haben Sie sich schon einmal in einer alltäglichen und eher nüchtern und kritisch aufgelegten Stimmung gefragt, wodurch sich denn ein Kunstobjekt, ein Kunstwerk von einem anderen, einem nützlichen Gegenstand unterscheidet. Nun, wenn Sie so fragen, wie ich es eben formuliert habe, dann führt diese Frage geradewegs zu einer sinnvollen Antwort. Das Kunstobjekt ist der Nützlichkeit entzogen, es ist verfremdet. Ein solcher Gegenstand, also ein Gebilde, das aus Materie, aus einem Text oder aus Tönen besteht, nennen wir poetisch – im Gegensatz zu den nützlichen Dingen des täglichen Gebrauchs.

Im Griechischen bedeutet poiev machen, schaffen, aber auch erfinden. Und entsprechend bedeutet poihsiz Schöpfung oder Dichtung. Ein poetisches Gebilde ist also immer etwas Neues, etwas, was es zuvor noch nicht gab. Aus realer Materie schafft der bildende Künstler mit Farben, Formen und Räumen neue Eindrücke für unsere Sinneswahrnehmung – vor allem für die Augen. – Nun ist es allerdings nicht so, dass der Künstler ein geheimnisvolles künstlerisches Werkzeug hätte, eine Art Zauberstab, mit dem er in der Lage wäre, alles in Kunst zu verwandeln. Der künstlerische Prozess ist um einiges komplexer und andererseits auch weniger geheimnisvoll, als man sich das gemeinhin vorstellt. Der Künstler muss vor allem offen sein für das, was seine Umwelt ihm an Eindrücken bietet und vor allem, in welcher Weise Material und Werkzeuge ihm entgegenkommen und ihm Form- und Bedeutungsangebote machen.

Und deshalb genügt es für mich auch nicht, ein schmeichelhaftes Porträt zeichnen oder malen zu können, um mich mit Fug und Recht als Künstler bezeichnen zu dürfen. Es sind nicht die anspruchsvollen Absichten, die ausholenden Konzepte, die das wirkliche Künstlertum ausmachen, sondern es ist eine große Offenheit und Risikobereitschaft im Wahrnehmen und Handeln. Denn der künstlerische Schaffensprozess ist ein interaktiver Vorgang, bei dem immer wieder der Künstler auch der Empfangende ist und das Werk auch vorübergehend in der Rolle des aktiv Handelnden schlüpft. Und nichts anderes meint der Begriff Autopoiesis: Das Werk schafft sich selbst, und der Künstler verändert sich, während er arbeitet – auch er erschafft sich neu.

Wenn es nun so ist, dass das Werk nicht allein vom Künstler geschaffen wird, sondern dass es an der eigenen Entstehung auch selbst beteiligt ist, dann kann der Künstler es letztlich auch nicht definieren; er kann nicht dafür einstehen, dass das Werk ein für alle Mal fertig ist. Diese Tatsache weist uns als Betrachter eine neue und besonders anspruchsvolle Rolle zu. Ein Kunstwerk, welches das Atelier verlässt, ist nur zu einem vorläufigen Abschluss gekommen. Aber der künstlerische Prozess geht weiter, sobald wir vor das Werk treten und es wahrnehmen. Die veränderte Rolle des Betrachters sieht so aus, dass es nicht in erster Linie darauf ankommt, aus dem Werk die Absichten des Künstlers herauszulesen, sondern, dass wir im Werk auch etwas von uns entdecken und ihm damit etwas an Substanz, an neuer Bedeutung hinzufügen. – Und damit sind wir beim Kern des Begriffes Autopoiesis angelangt, der alle Aktivitäten umfasst, die zwischen dem Künstler und dem Werk einerseits und dem Werk und dem Betrachter andererseits stattfinden. Der Begriff Autopoiesis stammt ursprünglich aus der Biologie und steht dort für sich selbst erzeugende und steuernde Lebenssysteme. Bei Schlotter verweist er auf die komplexen Prozesse der künstlerischen Arbeit, die nicht als Einbahnstraße vom Künstler zum Werk verstanden werden sollte, sondern als zirkularer Prozess: Indem das Werk sich erzeugt, schafft auch der Künstler sich selbst – und umgekehrt.

Die neuesten Bilder von Horst Peter Schlotter sind Ihnen gleich beim Betreten des Galerieraums ins Auge gefallen durch jeweils eine großflächig ins Format gesetzte in leuchtendem Krapprot gemalte vegetabile Figur. Dabei nehmen die Titel „Nachtrag zu Linné II“ und „III“ nicht direkt Bezug auf den Erfinder des Systems der Benennung von Tieren und Pflanzen Carl von Linné; sondern auf ein Gedicht, in dem Günter Kunert sich mit der Gesellschaft als System befasst. Über diesem Umweg findet Schlotter wieder zu den Lebewesen zurück, wobei es ihm jedoch nicht um biologische Funktionen und Begriffe geht, sondern um anschauliche Erfindungen, um quasi natürliche Wesen, eben Geschöpfe des Künstlers und nicht solche der Natur. Trotz des großen Formats sind die beiden Nachträge mit großer Leichtigkeit, sehr spontan und tatsächlich alla prima gemalt. Das dritte Bild aus etwa demselben Zeitraum ist hingegen während eines langen Arbeitsprozesses in mehreren Schichten entstanden. Wenn Sie die drei Gemälde aus nächster Nähe betrachten, werden Sie die Unterschiede sofort erkennen.

Der Zweiteiler „Ohne Titel“, zeigt eine liegende Figur. Dieses Gebilde spekuliert nicht darüber, was natürlich sein könnte, sondern es scheint sich offensichtlich um ein Pflanzenteil, vielleicht eine Hackfrucht zu handeln. Aber hier wurde nicht mit der Hacke der Boden gelockert, und es wurde auch nicht das Unkraut ausgehackt, sondern die nützliche Frucht selber wurde ausgehackt, oberes und unteres Ende abgehackt und schließlich wurde sie in der Mitte in der Teilung der Tafeln noch einmal in zwei Teile zerhackt. Hier hat sich also eine grausame Prozedur vollzogen, und gleich zu Beginn der Ausstellung mutet es wie ein Aufschrei an. Die Mahnung, an die Kürze des Lebens zu denken, ist nicht zu überhören. – Hackfrüchte gehören überdies zu denjenigen Kulturpflanzen, deren Blüte unerwünscht ist. Sie werden bereits im jugendlichen Alter geerntet. Demnach geht es nicht einmal um die objektive Dauer einer Lebenszeit, sondern um deren künstliche Abkürzung. Vielleicht kommt Ihnen Manuel de Fallas Operntitel in den Sinn: „La vida breve“, wo das Leben einer jungen liebenden Zigeunerin ein all zu schnelles Ende findet. Oder Sie denken an den auf Hippokrates von Kos zurückgehenden Aphorismus "Das Leben ist kurz, die Kunst lang ...“. Hier bietet sich die Gelegenheit, der Inhaltsebene den Rücken zu kehren und uns dem Bild wieder als Kunstwerk zuzuwenden. Nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit ist unser aller Lebenszeit überschaubar. Das Kunstwerk aber, auch dieses, das wir als Metapher für die allzu kurze Frist unseres Daseins verstehen können, kann bei pfleglicher Behandlung auch nach einem Jahrhundert und mehr immer noch Menschen ansprechen.

In der Längsachse des Raums direkt gegenüber hängt ein weiteres Diptychon, das unmittelbar vor den krapproten Bildern entstanden ist und zu dem zuletzt angesprochenen einen entschiedenen Gegenakzent setzt. Der Titel „Still III“ signalisiert uns, dass es sich um eine Art Stillleben handelt. Das Hauptmotiv bilden drei Schalen, die dicht aneinandergerückt sind. Die vordere dunkle enthält eine schwarzbraune Flüssigkeit, und obwohl wir nicht sehen können, worauf die Schale steht, wirft sie doch einen deutlich umrissenen dunklen Schlagschatten auf ihre Standfläche. Die hintere linke Schale ist zur Hälfte mit einer gelben Flüssigkeit gefüllt und wird von zwei schwachen Linien überkreuzt – vielleicht sind es Zweige, die wie absichtslos auf dem Schalenrand aufliegen, weil sie einfach so heruntergefallen sind. Geradezu gewaltsam zerteilt die Fuge zwischen den beiden Tafeln diese beiden Schalen in der Vertikalen und zwingt sie zugleich wie unter einer technischen Konstruktion zusammen. In der dritten Schale scheint sich eine weißliche Flüssigkeit zu befinden, aus der drei lineare Gebilde herausragen, die man als Dampf oder Stöckchen deuten könnte. Es gibt keinerlei Hinweis auf eine Bewegung in der Szene, höchstens die Vorstellung, dass da und dort gerade ein leichtes Zittern war, das gerade zur Ruhe gekommen ist. Und diese kleinen Nichtse von Flecken oder Flocken in tiefem Kadmiumgelb könnten eher schweben als fallen. So vermittelt uns das Gemälde „Still“ eine Vorstellung von Stille, die nicht die absolute Ruhe eines schalltoten Raumes ist, sondern wir sind es selbst, die vor diesem Bild und im Dialog mit demselben still werden und zur Ruhe kommen.

Nach rechts folgen drei kleinformatige Gemälde mit dem Titel „Pflanzenwesen“. Pflanzliches und Menschliches verschränkt sich auf symbiotische Weise wie in einer surrealen Welt. Es sind Traumbilder, die dazu einladen, die Gedanken und Fantasien frei schweifen zu lassen, ohne dabei in eine Meditation zu hinüberzugleiten, wie das bei dem Diptychon „Still“ möglich wäre.

Die sechs Bilder an den beiden folgenden Wänden tragen den rätselhaften Titel „Roll Over Rrose“. Es handelt sich um übermalte Digi-Prints, wobei die gedruckten Passagen auf vergrößerten Collagen und Mischtechniken von Schlotter beruhen, die ihrerseits auf Bildausschnitten von Marcel Duchamps Großem Glas entstanden waren. Vergleichbares finden Sie unter den Titeln „Variation M. D.“ und „Stolen Images“. Die fünf Stelen mit dem Titel „Stèle Mâlic“ korrespondieren nicht nur in der Präsentation direkt mit der vis à vis hängenden Vierergruppe. Auch sie nehmen Bezug auf ein Detail aus Duchamps Großem Glas, den Moules Mâlic oder maskulinen Gussformen. Um den Titel „Roll Over Rrose“ zu deuten, muss ich aber noch eine kurze Erläuterung zu Marcel Duchamp geben. Dieser hatte sich nämlich als alternative Identität noch das Pseudonym Rrose Selavy zugelegt, das wie ein Frauenname klingt. Aber man muss das doppelte „R-r“ artikulieren und den Namen französisch aussprechen (woran in New York damals kaum jemand dachte), um die richtige Bedeutung zu hören: Eros – çe la vie! Schlotter bekennt sich hier nicht einfach in der Nachfolge des großen Dada-Künstlers zu Vitalität und Erotik als treibender Kraft unserer Existenz. Vielmehr unterwirft er Rrose oder Eros einem wilden und ekstatischen Roll-over und macht es zu etwas Neuem, das nur noch in einem entfernten Zusammenhang mit Duchamp steht. Sie erkennen unschwer, dass wir unversehens bei einem weiteren Gegenpol zu dem meditativen Gemälde „Still“ angelangt sind. – Zweifellos handelt es bei der Gruppe „Roll Over Rrose“ wie auch bei einigen weiteren Werken um sehr komplexe Zusammenhänge, die sich erst allmählich erschließen, wenn man sich nicht nur mit der Oberfläche, sondern auch mit den Hintergründen befasst. Ein derartiges Werk kann über viele Jahre eine Quelle immer neuer Entdeckungen sein – wenn man das möchte. Aber es ist ebenso gut denkbar, dass Sie sich eines dieser Bilder in Ihre Wohnung hängen und sich immer wieder aufs Neue von dessen enigmatischer Schönheit erfreuen und anregen lassen.

In und vor der Nische in der Mitte des Ausstellungsraumes finden sich in kleinen und mittleren Formaten Collagen und Mischtechniken sowie drei kleine plastische Arbeiten. Gemeinsam ist diesen, dass Schlotter zu ihrer Herstellung von vorgegebenem Material ausging, einer Grafik, die er überzeichnete und übermalte bzw. einem Objekt, das er im Sinne eines Ready made added weiterverarbeitete. Gerade diese Miniaturen veranschaulichen auf besonders instruktive Weise noch einmal die Methode der Autopoiesis. Es handelt sich immer um Fundstücke, die auf den Künstler zukommen, sich ihm in den Weg stellen, sich anbieten zur Verwandlung. Ihr Rätselcharakter liegt in dem Bruch, der sich zwischen dem ursprünglichen illustrativen oder nützlichen Zweck einerseits und der neu hinzugewonnenen poetischen Aura andererseits auftut. Um dieses Poetische zu erkennen und zur Wirkung kommen zu lassen, ist es für den Betrachter notwendig, selbst aus den zeitrationalen Zwängen herauszutreten, und wenigstens für Momente die Freiheit von Zeitlosigkeit zuzulassen. Der Lohn solcher Bemühung ist weniger ein wissendes Erkennen als vielmehr erlebtes Glück.

Somit ist das Kunstwerk letztlich für uns, für die Betrachter, eine Art Katalysator, der uns eine Fülle an Möglichkeiten eröffnet, künstlerisch zu sehen, ästhetisch zu erleben und poetisch zu genießen – und all dieses wird uns geschenkt. Wir brauchen lediglich einen angemessenen Preis zu bezahlen dafür, dass wir der Mühe der künstlerischen Produktion enthoben sind. Ihnen ist sicher bekannt, dass dies nicht für alle aktuelle Kunst gilt. Was mich betrifft, so ist es mir eine angenehme Aufgabe, Ihnen in Horst Peter Schlotter einen Künstler empfehlen zu dürfen, dem die künstlerische Qualität seiner Werke weitaus wichtiger ist als die erzielten Marktpreise.