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Ulrich Klieber: Tokyo – Peking und zurück.

Galerie Gottschick Tübingen. Zur Ausstellungseröffnung am 04.03.2007

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.“ Uns allen ist diese biedere und nicht besonders aufregende Volksweisheit geläufig. Aber was, wenn ein Maler unterwegs ist? Nun, wir können erwarten, dass er unsere Augen nicht mit schön gewachsenen Menschen und Palmen unter glühenden Sonnenuntergängen verwöhnt, sondern dass er uns neue Sichten auf eine nur scheinbar vertraute Welt eröffnet. Wenn Reiseziele dann noch abseits der ausgetretenen Pfade des Massentourismus liegen, können wir auch auf Überraschungen gefasst sein.

Tokyo – Peking und zurück, und als weitere Stationen sind hier auch noch Vietnam und Kuba präsent.

Das Reisen begann bei Ulrich Klieber bereits, als er nach seiner Studienzeit an der Universität und an der Kunstakademie Stuttgart 1978/79 zu einem einjährigen Studienaufenthalt nach London ging. Dort collagierte und übermalte er eine Unzahl von Spielkarten, die, bedingt durch ihre kompakten Maße, ohne Schwierigkeiten im Bordgepäck unterzubringen waren. Erst danach folgten die großen britischen Serien: Virginia Woolf mit Familie und Freunden rückten in psychologisch durchleuchtete Bilder, als seien sie unsere Zeitgenossen. Sodann avancierten Kliebers Beobachtungen im Covent Garden Market zum Bildmotiv, wo Alltagsszenen, Typen und Kuriositäten sich zu einem wahren Panoptikum versammelten. Sesshaft geworden zunächst in Esslingen und dann in Adelberg, hatte Klieber sich binnen kurzem einen Namen gemacht als junger figurativer Maler, der ebenso geschätzt und gefürchtet war, weil er sich nicht einmal scheute, sein eigenes Publikum kritisch aufs Korn zu nehmen. Nur einigen Freunden war bekannt, dass Klieber sich auch mehrmals im Jahr Murnau aufhielt, wo er den Blick aus dem Fenster immer wieder auf die Bergkulisse über dem Murnauer Moos richtete. Erst nach 10 Jahren präsentierte Klieber zum ersten Mal seine Landschaften der Öffentlichkeit, und es erwies sich, dass jenes von der Avantgarde nahezu vergessene Motiv unversehens zu Aktualität gelangt war.

Seit 1996 lehrt Ulrich Klieber an der Burg Giebichenstein, Hochschule für Kunst und Design in Halle, und seit 2001 vertritt er die Hochschule auch nach außen offiziell. Klieber kam es nicht in den Sinn, den Kolleginnen und Kollegen etwa Nachhilfeunterricht in westlicher Lebensart zu erteilen, sondern er akzeptierte die DDR-Phase als ein legitimes Stück Geschichte der Hochschule, so dass er auch die Kontakte zu den früheren so genannten Bruderstaaten wieder aufnahm. Soweit wir die Subtexte der ausgestellten Werke entschlüsseln können, zeigen diese, dass Klieber mit seinen Reisen eine bedeutsame kulturpolitische Arbeit leistet, die jenseits aller DDR-Nostalgiepflege liegt.

Kommen wir also zur Ausgangsfrage zurück und versuchen sie zu präzisieren: Was bewirkt die Reise bei einem Reisenden, und was kann ein reisender Künstler uns vermitteln? Nach der ersten, einer eher abgedroschenen Volksweisheit, bevorzuge ich eine zweite, die allerdings auch allzu gerne missverstanden wird: „Reisen bildet.“ Gemeint ist nicht, dass man als gebildeter Mensch die Akropolis in Athen, das Kolosseum in Rom und die Pyramiden von Giseh gesehen haben muss. Vielmehr ist es so, dass das Unvertraute unser verändert; wir werden durchgeknetet wie ein Klumpen Lehm, und wir kehren zurück nach Hause als ein Mensch mit gewandeltem Bewusstsein. Denn wir haben die Selbstsicherheit der unhinterfragten Konventionen verloren, so dass wir wieder in der Lage sind, unsere eigenen Überzeugungen und Urteile in Frage zu stellen. Durch Reisen erhalten wir Impulse, um uns weiter zu entwickeln.

Ulrich Klieber reist anders, und er macht seine Reiseerfahrungen anders als wohl die meisten von uns. Sie dürfen sich ihn nicht als einen Nachfahren von Carl Spitzweg vorstellen, der mit dem Skizzenbuch in der Hand auf der Parkbank sitzt. Auch mit den Flaneuren vor einem Jahrhundert hat er nichts gemein, die gern das Leben auf der Straße von einem Caféhaustisch aus beobachteten. Klieber ist auch immer selbst in Bewegung, und im zügigen Voranschreiten saugt er die Bilder, die an ihm vorüber ziehen, in sich auf. Neben dem Auge akzeptiert er noch die fotografische Kamera als visuelle Gedächtnisstütze. Die Fotos entstehen serienweise, und sie sind völlig unkapriziös, haben fragmentarischen Charakter, als seien sie einem kubistischen Gemälde oder einer dadaistischen Collage entsprungen.

Lassen Sie uns auf einige ausgewählte Werke den Blick werfen, damit wir uns exemplarische Gesichtspunkte von Kliebers Bildsprache ins Bewusstsein rufen. Das eigentliche Verstehen, die Aneignung eines Werkes hingegen ist eine Aufgabe, die letztlich jeder für sich leisten muss.

Das wandfüllende 17-teilige Bild „Hanoi Altstadt“ (2001) gewährt uns einen Blick in einen kleinen Laden, der bis unter die Decke angefüllt ist von Stoffballen und Garnrollen. In bunter Vielfalt ist alles aufeinandergestapelt. Inmitten der Waren sitzt die Verkäuferin und wartet geduldig darauf, dass wir uns zum Kauf entschließen. Erst auf den zweiten Blick haben wir sie entdeckt, weil ihre Figur sich auf vier Tafeln verteilt: Anscheinend trägt sie eine rote Hose und ein schwarzes Oberteil. Im gelben Feld hat sie ihre Hände untätig übereinander gelegt, während der lange schwarze Zopf sich als Silhouette vor der weißen Wand abzeichnet. – Auch wir sehen das wohl so, dass die Warenwelt eine zerstückelte ist: Jedes einzelne Teil kann hinweggenommen und durch ein beliebiges anderes Stück ersetzt werden. Aber dass die junge Frau derart in ihr eigenes Angebot eingepasst wird, muss ein wenig befremden. Schließlich beanspruchen wir, dass die Person ein Ganzes sei – jeder möchte doch für sich selbst darauf bestehen! Dabei ist das wohl eher Wunsch als Wirklichkeit, wenn wir bedenken, wie der Mensch tagtäglich sich in seinen Entscheidungen auf Sachzwänge beruft, wie er sich nacheinander den unterschiedlichen privaten und beruflichen Rollenerwartungen beugt. Vietnam ist nicht Deutschland, und Hanoi ist nicht Tübingen, mögen Sie sagen – gewiss. Aber dass man weder hier noch dort in einer heilen Welt lebt, das ist auch wahr!

Vietnam hat eine einzigartige jüngste Geschichte, und Ulrich Klieber fasst seine Quintessenz gesprächsweise in einen knappen Satz: „Letztlich haben die Amerikaner den Krieg doch gewonnen.“ Auf der dreiteiligen Malerei „Good morning Vietnam“ (2001) steht im Zentrum eine propere puppenartige Figur auf dem Kopf, die sich mit Stars and Stripes in der Sprechblase stolz zu ihrer Nation bekennt. Die vietnamesische Dolmetscherin zur Linken antwortet darauf mit einem fünfzackigen Stern. Während sich zur Rechten ein Funktionär mit einer Phrase an die Genossen wendet, kehrt das Mädchen in Jeans ihm den Rücken zu und bedeutet ihm, dass seine Zeit vorbei sei. – Was hat das alles mit uns zu tun? Sicher, nicht viel, außer, dass auch wir die Jeans freudig übergestreift und den Amerikanern erlaubt haben, sämtliche Sprachen des alten Europas zu kolonialisieren.

Tokio bzw. Japan wird uns von Ulrich Klieber als ein Land der großen Kontraste vorgeführt. Da gibt es die zu Meditation einladenden Gärten, die geradezu minimalistisch anmuten, ebenso wie das japanische Design, das sich zu seiner Tradition bekennt. Wo Grund und Boden extrem teuer sind, wächst die Stadt mit ihren hypermodernen Bauten in die Höhe, oder sie lässt gerasterte Blöcke entstehen, in denen der einzelne Mensch zur Termite wird. Ein Blick aus der Vogelperspektive macht die strenge Ordnung mit einem Schlag zunichte, wenn ein Gespinst aus Oberleitungen den Blick nach unten durchkreuzt. In „Tokyo-Tube“ (2004/2005) werden die menschlichen Figuren überlagert von einer abstrakteren Form des Warenfetischismus; es sind die Einkaufstüten und die internationalen Marken als Symbole. In „Mega Store“ (2005) ist der Abstraktionsprozess weiter fortgeschritten, denn die Stadtlandschaft wurde zu Farbfeldern reduziert, die den Markennamen als bunte Folie dienen. Dass Klieber hier keine bitterböse Anklage führt, können Sie daran erkennen, dass er seine Signatur augenzwinkernd in gestempelten Lettern den großen Namen der Konsumwelt zuordnet. Klieber ist eine internationale Marke vergleichbar mit Hugo Boss, Versace, Kenzo und Chanel !

Kuba unter dem mittlerweile siechen Fidel Castro ist der letzte kommunistische Staat der Welt, der seinen alten Idealen treu zu bleiben versucht, wobei eine tragische Komik sich nicht vermeiden lässt, wenn sich die Offiziellen vor der Kamera selber Mut machen. Ulrich Klieber gewährt uns in seinen Bildern ganz besondere Blicke in jenes lebende Museum des Kommunismus. Auf „Kuba“ (2003) schleichen Straßenkreuzer amerikanischer Bauart über eine marode Betonplatten-Autobahn direkt zu den Plattenbauten am Horizont. Der Straßenrand ist gesäumt von Reklametafeln, deren Sinn wir nicht immer ausmachen können, außer, dass sie den Rest von Landschaft verstellen, die zu düsteren Pappkulissen geschrumpft ist.

In Trinidad ist Klieber immer wieder dem Bild des Windhundes mit kupierten Ohren begegnet. Seit den Zeiten des Sklavenhandels ist dieser, wie der Titel des gleichnamigen Bildes sagt, „Symbol of the City“ (2003). – Auf Schritt und Tritt begegnet der Tourist ebenso wie der Kubaner der Geschichte des Landes. Die koloniale Vergangenheit, Relikte des Amerika-freundlichen Batista-Regims und die Symbole einer letztlich am Handelsembargo der USA gescheiterten sozialistischen Revolution überlagern einander und vermischen sich im Elend der Städte zu grauer Tristesse.

Zum touristischen Pflichtprogramm auf Kuba gehört auch eine Fahrt nach Mojito, wohin sich der alkoholabhängige Hemingway abgesetzt hatte, um der Prohibition in den USA zu entkommen. In dem ins steile Hochformat gesetzten Bild „Mojito“ (2003) vermittelt uns ein an der Decke rotierender Ventilator die Atmosphäre eines schwülen Sommernachmittags. Darunter spielt sich auf der beengten Tischplatte die eigentliche Handlung ab. Der rechts außerhalb des Bildformats sitzende Hemingway beachtet uns, den ungebetenen Gast, nicht, der den Literaten mit Good morning Mr. Hemingway begrüßt. Die schlanke Hand zittert vier mit Rum gefüllten Gläsern entgegen. Rote Pfeile in beide Richtungen überschneiden die mit dem Wort Prohibition markierte Mittelachse und bedeuten uns, dass Hemingway während des Schreibens trinkt und dass er während des Trinkens schreibt. Dabei beschäftigt ihn noch die theoretische Frage, wie er die Balance findet zwischen den Wörtern und der Inspiration. Dass zu beiden Seiten der Demarkationslinie auch zwei konträre politische Systeme, zwei verfeindete Staaten einander gegenüberstehen, zeigen uns im unteren Drittel die aus dem Dunkel auftauchenden Flaggen von Kuba und den USA.

Vor drei Jahren hat Ulrich Klieber auch begonnen, Einblicke in das neue China zu gewinnen. Für uns Europäer ist es ein Rätsel, wie das nachmaoistische Regime die kommunistische Diktatur beibehalten konnte, während es mit erstaunlichem Erfolg das kapitalistische Wirtschaftssystem übernahm. Bei den beiden Querformaten „Peking“ (2006) verzichtet Klieber auf jeglichen Kommentar. Die Bilder sind so lakonisch formuliert, dass sie unsere Stellungnahme geradezu provozieren. „Peking I“ lässt den Blick von einer Straße der Zehn-Millionen-Metropole über eine Absperrung auf eine riesige Baustelle gleiten, vor der in gleichförmigem Takt die roten Fahnen den unbeugsamen Willen der künftigen Wirtschaftsgroßmacht signalisieren. „Peking II“ zeigt einen Blick auf den Platz des himmlischen Friedens, der in seiner gewaltsamen Leere beängstigend wirkt. 

Das künstlerische Werk von Ulrich Klieber, von dem Ihnen hier eine kleine Kostprobe geboten wird, ist äußerst vielseitig und komplex. Die Motive und Themen sind durchaus gesellschaftskritisch und bisweilen auch politisch, und es werden auch immer wieder existenzielle Fragen angeschnitten. Der Vortrag jedoch kommt mit ungeahnter Leichtigkeit und bisweilen auch einer fröhlichen Buntheit daher, so dass man dazu neigt, den Unterhaltungscharakter im Vordergrund  zu sehen. In der Tat ist vielen Bildern durchaus ein feiner Humor eigen, was jedoch nicht ausschließt, dass auf den zweiten oder dritten Blick auch tiefere und gewichtigere Sinnschichten auszumachen sind. Vielleicht nehmen Sie sich die Zeit, heute Nachmittag noch einmal in die Galerie Gottschick zu kommen, um sich ein weiteres Mal in das eine oder andere Werk zu vertiefen. Dabei bitte ich Sie zu bedenken, dass weder die Galerie noch das Museum die eigentliche Heimat eines Kunstwerks sein kann, weil man hier doch selten mehr als nur flüchtige Kunstbekanntschaften machen kann. Kunst ist ein Lebensmittel wie gutes Essen, Trinken und Liebe, und warum wollen Sie nicht mit einem Klieber in den eigenen vier Wänden Ihre Lebensqualität noch ein wenig steigern?