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Geiselhart; Grunert; Schlotter; Stockhus; Uhlig

Ausstellungseröffnung 19.02.1978. Rathaus Waiblingen

Als die Kleinstadt mit der großen Kunstszene hat Waiblingen sich einen guten Ruf erworben. Durch kontinuierliche Ausstellungstätigkeit seit 14 Jahren hat sie nicht nur dem künstlerischen Nachwuchs von Stadt und Region ein Forum zur Präsentation geschaffen; nicht zuletzt mit pädagogischer Absicht bietet die Stadt mit ihren regelmäßigen Ausstellungen ihren Bürgern - Erwachsenen wie Kindern - eine Informationsmöglichkeit von unschätzbarem Wert an. Die qualitativ sehr breit angelegte Spannweite sollte durchaus positiv beurteilt werden, wiewohl Namen nicht grundsätzlich für Qualität einstehen können.

Obgleich in Waiblingen die Kunst nie spektakulär an die Öffentlichkeit getreten ist, scheint mit der 60. Ausstellung sich eine neue Dimension zu eröffnen. Vor nurmehr 2 Jahren haben Geiselhart, Grunert, Schlotter und Stockhus sich zum ersten Mal gemeinsam mit ihrer Grafikmappe "Ansichten" vorgestellt. Es war sogleich offensichtlich, daß hier 4 junge Künstler, deren Namen man nur im Stuttgarter Raum kannte, mit ihren sehr anspruchsvollen Arbeiten die Maßstäbe internationaler Grafik berührten. So wird man heute wohl zum letzten Mal diese Mappe als 'Geheimtip' bezeichnen können, bevor sie nur noch unter Sammlern gehandelt wird. - Im letzten Jahr präsentierte die Gruppe ihre ungewöhnlich schöne Mappe "angesichts" mit 12 Farbradierungen. Man kann überzeugt sein, daß die minutiösen und sensibel gestochenen Blätter von Curt Geiselhart, die spontanen und nicht minder nachdenklichen Blätter von Andreas Grunert, die kraftvoll gefügten und dynamisch gezeichneten Blätter von Peter Schlotter und die mit artistischer Raffinesse konzipierten Blätter von Norbert Stockhus zahlreiche Liebhaber in Waiblingen finden werden.

Fragt man die 5 Künstler, was sie zur Gruppe macht, so erfährt man von der gemeinsamen Akademiezeit bei Prof. Grau, wobei die Kontakte untereinander oft nur lose waren. Man erfährt von der Einsicht in die notwendige Solidarität der Neulinge auf dem Kunstmarkt und schließlich von den wöchentlichen Gesprächstreffs, wobei man mit kritischer Offenheit und mit Witz über Arbeiten spricht und etwas Gutes ißt. Einen gemeinsamen Stil, ein gemeinsames Konzept oder gar ein Programm gibt es nicht - nicht einmal einen Namen. Doch sollte, vielleicht den Künstlern unbewußt, ein gemeinsames spezifisch künstlerisches Interesse vorhanden sein, das sich darauf richtet, Wirklichkeit ins Bild zu bringen, Wirklichkeit anschaubar, einsichtig zu machen. Beim Gang durch die Ausstellung läßt sich dieses Interesse aus fünf verschiedenen Perspektiven beobachten.

Im Erdgeschoß zeigt die Ausstellung Malereien von Andreas Grunert. Grunert hat ein seltsam ambivalentes Verhältnis nicht nur zu seinen Arbeiten, sondern auch zu seinen eigenen Intentionen. Allgemeines und Besonderes, Konstruktion und Destruktion, Gewolltes und Gewordenes bilden als Antipoden eine durchgängige Tendenz, welche auch in Gestalt der Bildtitel signalisiert wird. "Figur auf hohem Berg" - das ist ein Sitzender, Thronender, ein durchsichtiges Menschlein auf einem differenziert gestuften Podest - unter sich ein vielschichtiger Berg, ein Haufen von Trümmern, vielleicht sind es die Folgen einer Usurpation. Oder: "Mit dem Lamm auf dem Schild". Das Symbol von Leiden und Opfertod tragen sie vor sich her, den Hirtenstab drohend erhoben, selber schon senil und vom Tod gezeichnet. Die Aura des Heiligen ist von diesen Bischöfen geschwunden, statt dessen schwitzen sie einen fürchterlichen Geist aus - nicht einmal Pech und Schwefel, sondern Blut und Verderben. - Schließlich: "Eine Art Handwerker". Die Polyvalenz und potentielle Offenheit bei Grunerts Bildtiteln soll keineswegs auf vermeintlich Ungefähres der Form verweisen. Grunert hat sich eine Leichtigkeit im Arbeitsprozeß bewahrt, die es ihm erlaubt, zuzusehen, wie das Bild entsteht, und er kann sich selber gelegentlich über die Resultate wundern. "Eine Art Handwerker", das ist wohl der Mensch, der mit seinen Gerätschaften sich in die Natur begibt, diese verändert und zerstört. "Eine Art Handwerker" ist aber auch der Künstler, der wie der Engel mit dem Flammenschwert jedoch mit trivialen Mitteln das Feuer seiner Idee in unsere triste Alltäglichkeit bringt.

Beim Aufstieg zum 1. OG. kommt man an den Arbeiten von Wolfgang Uhlig vorbei. Es handelt sich um sehr differenzierte Aquarelle, in denen sich nicht nur Sensibilität für Valeurs, sondern auch eine große stilistische Spannweite offenbart. "Ohne Titel" meint hier sicher nicht: ohne Intention ‑ eher, daß diese erst im Entstehen ist. Innerhalb einer durchaus einheitlichen und persönlichen Handschrift präsentiert Uhlig Arbeiten, die von dreifachem Interesse geprägt sind. Die erste Gruppe wäre zu umschreiben mit dem Stichwort 'Spiel mit den bildnerischen Mitteln', wobei die Bildfläche als eigene Wirklichkeit erlebt wird. Die zweite beruht auf sensibler Naturbeobachtung, wobei Impressionen und Kubismen zu einer neuen Synthese finden. In der dritten schließlich wird ein realistisches Interesse spürbar, weil diese Bilder nicht nur schön sind, sondern auch Partei ergreifen. Wenn da z. B. im Blatt XI zwei Männer mit einem Bretterzaun ein Stück verwüstetes Land gegen die üppig wuchernde Natur meinen verteidigen zu müssen, so ist diese ins Bild gesetzte ökologische Unmöglichkeit in der Lage, auch einem Ignoranten die Augen zu öffnen.

In dem langgestreckten Flurteil des I. OG. wurden die Arbeiten von Curt Geiselhart aufgereiht. Diese Blätter sind klein von Format, aber nicht unbedeutend. Der Künstler hat nicht nur differenzierte Bildtitel formuliert, er hat diese sogar den Bildern integriert, aber deshalb erschließen sie sich bei weitem nicht von selber. Schließlich verzichtet Geiselhart auf Vielseitigkeit; er hat ein einziges Sujet: das eigene Subjekt. Für Geiselhart bietet das Auge nicht ein objektives Bild der Wirklichkeit, sondern diese wird immer nur sichtbar im Spiegel des eigenen Selbst. Auch sind es nie rein visuelle Sensationen, auch nicht pure Sinnlichkeit, sondern die Welt als Ganzes wird vom Künstler reflektiert, bricht sich in seiner Seele. In der Tat, diese altmodische Einrichtung gibt es noch bei Curt Geiselhart. - "Thuer und Thor", das sind nicht nostalgische Überbleibsel von Gestern, sondern fürs erste ein Symbol des Bezugs zwischen Innenwelt und Außenwelt. Nur läßt dieser sich nicht allgemein und ein für alle Mal erschließen, etwa insofern, als die Tür den Zugang zum anderen eröffnete und zugleich versperrte. Der sechsteilige Zyklus zeigt uns die Einmaligkeit eines jeden Zuganges, d. h., es ist notwendig, vor der Tür innezuhalten und sich von dieser eine möglichst vollkommene Anschauung zu bilden. - Geiselharts Methode von Selbsterkenntnis und Welterkenntnis ist nicht die des Chirurgen. Er legt vielleicht einmal ein Büschel Haare beiseite, aber er greift nicht ein, sondern beschränkt sich auf das Anschauen. Das wird deutlich bei den 6 "Tessiner Landschaftsbildern", in denen die Produkte menschlicher zivilisatorischer Arbeit im Zerfall begriffen sind , so daß am Ende die unberührte Natur in vollkommener Ruhe wiederkehrt, wie am ersten Tag. - Curt Geiselhart macht eine Annäherung an seine intimen Kleinformate mit ihren interpretierenden und zugleich distanzierenden Texten gewiß nicht leicht. Man sollte hier eher zu taktvollem Umgang raten, denn es ist tatsächlich weder notwendig noch möglich, daß wir Geiselhart ganz verstehen.

In dem breiteren Flurteil des I. OG. sind die Arbeiten von Peter Schlotter ausgestellt. Die besondere Form von Gegenständlichkeit und Räumlichkeit machen den Reiz dieser virtuosen Radierungen und Zeichnungen aus. Die Spannweite des Temperaments ist nicht etwa Stimmungsschwankungen unterworfen, sondern Schlotter setzt das ganze Spektrum seiner Möglichkeiten in jedem Blatt ein: Vom minutiösen Detail in der Tiefe über die entschlossen und kraftvoll gesetzte Figur in der vorderen Ebene bis hin zu der spontan anmutenden Geste einer Eruption aus dem Innern. Dabei verleiht die Ambivalenz der Gegenstände, erreicht durch Verfremdung in den maßstäblichen Dimensionen, den Blättern einen neuen surrealen Charakter. Die bedrängende Direktheit der Figur im Vordergrund droht den Betrachter zu überrennen, und es gelingt kaum, in der stark beschnittenen Tiefe einer Flachlandschaft Beruhigung zu finden. - Peter Schlotter ist sicher kein Realist, wenngleich seine Bilder Wirklichkeit reflektieren, aber das Interesse fluktuiert doch weitläufig zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit, zwischen der Realität der Welt und der von Bildfläche und Produktionsprozeß. - Wenn uns da als "Insel" ein Kübel voller Unrat vorgehalten wird, wenn die "Landschaft" als "Architektur" den Regeln der Geometrie unterworfen und als Kubus ausgeschnitten wird, dann werden hier die Grenzen des - l’art-pour-l’art sichtlich transzendiert. - An den "Vorrichtung" genannten Studien läßt sich ablesen, wie ein neuer dinglicher Impuls - es sind hölzerne und eiserne Wagenteile, die kooperativen Arbeitsprodukte eines Wagners und eines Schmieds - bildhaft assimiliert und endlich in den drei "Ortsbeschreibungen " in das geläufige Raumkonzept eingebracht werden.

Im II. OG. hängen schließlich die Arbeiten fron Norbert Stockhus. - Allem Spekulativen skeptisch und gelegentlich sogar amüsiert gegenüberstehend, verläßt sich Stockhus auf das, was Material und Werkzeug hergeben und was er kann. Während die Hand das Werkzeug bewegt und das Auge beobachtet, entstehen auf der Fläche Punkte, Linien, Flächen, Modulationen und, bei Stockhus ist es immer wieder wie ein Wunder, es entsteht der Eindruck von Plastizität und Tiefe. Diese Symbiose von Auge und Hand bringt eine Illusion von äußerer Realität hervor. - Stockhus hatte bei seinen großen Landschaften seinen Radierstil zu derartiger Perfektion gesteigert, daß er sich selbstkritisch dem Detail zuwenden mußte. Und hier stieß er notwendig auf den Trompe-l'oeil-Effekt, den Augentrug. Aber auch hier gilt, daß mit einem Exempel der Unterschied zwischen bildhafter und realer Wirklichkeit nicht ein für alle Mal zu klären ist. So wie wir täglich auf die Verführungen der um Konsum werbenden Bildmedien hereinfallen, so muß Stockhus hier und dort zeigen, wie die Bildfläche aufbricht in den Raum, wie aus der scheinbar leblosen Puppe, jenem Bild von Utopie und gärender Zukunft, der schönste Schmetterling hervorkommt und sich, so ein Bildtitel, zum "Jungfernflug" aufmacht.

Ich habe versucht, auf das Individuelle wie auf das Gemeinsame bei den Arbeiten von Grunert, Uhlig, Geiselhart, Schlotter und Stockhus hinzuweisen. Sollten möglichst viele Rathausbesucher durch das Betrachten dieser Bilder angeregt werden, über schlechte Realität und bessere Utopien nachzudenken, so hätte diese Ausstellung ihren Zweck erfüllt.