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Paul Z. Rotterdam: Bilder und Zeichnungen

Ausstellungseröffnung 24.04.1979. Galerie im Hause Behr Stuttgart

Wenn Kunstwerke nicht im sozusagen keimfreien Rahmen des Museums oder einer Nur-Galerie, sondern in einer solcherart ambitionierten Umgebung präsentiert werden, sind wir weniger geneigt, nach einer stilistischen und gesellschaftlichen Bestimmung des Kunstwerks bzw. des Künstlers zu fragen, sondern stellen mehr unbewußt als willentlich subjektiv interessierte Vergleiche an. Indem wir die Objekte in einem möblierten, d. h., unserem alltäglichen Lebensraum analogen Ambiente erleben, fragen wir sogleich, wie sich's wohl mit diesem oder jenem Bild leben ließe, welche Emotionen geweckt würden, wenn wir das fragliche Objekt täglich sähen. - Dieser quasi-natürliche Rahmen bahnt uns einen direkten Zugang an, könnte allerdings auch leicht den Blick für eine kritische Würdigung verstellen. Beides jedoch ist nötig.

Aufgrund ihrer autonomen Struktur, ihrer nivelliert heteronomen Farbigkeit und der Distanz zum Dinglich-Abbildhaften, ließen sich Paul Rotterdams Bilder wohl leicht auch in unterschiedlich konzipierte Räume einbeziehen, böten sich an zum puren sinnlichen Genießen, da sie doch visuell ganz unproblematisch sind - wie es scheint.

Als gebürtiger Österreicher lebt der Künstler Paul Rotterdam in New York. Hier hat er das amerikanische Hard-Edge in seiner ganzen Perfektion adaptiert und mußte zugleich ein Ungenügen an jener kühlen Unverbindlichkeit finden. Die rationale Struktur - zugleich dem nach Form und Sinn Suchenden eine Orientierung und ein Halt - war noch nicht zu überwinden. Doch sah der heimatlos gewordene Europäer die Gefahr, sein Selbst nicht nur in jener monströsen Stadt, sondern auch im orthogonalen Liniengerüst zu verlieren. Hier bot sich die spontane Geste des Informel an: Der Automatismus ihrer Produktion als eine Art Selbsttherapie, das Produkt als malerisches Element, welches dem Betrachter emotionale Werte signalisiert.

Während Rotterdam mit den Gegensätzen operiert, nähert er sie einander an. Denn seine Expressivität gerät nie zügellos, sondern ist geführt, so daß zwangsläufig Modulationen und damit ansatzweise die Illusion von Plastizität und Tiefe sich einstellen. Die stilistische Parallele zu dem Heraufkommen eines neuen Wirklichkeitsverständnisses, wie es sich in den aktuellen Realismen spiegelt, ist also kein Zufall.

Wir können an Rotterdams Bildern bereits ein Interesse des Künstlers an Wirklichkeit ablesen, doch erscheint dieses vorerst noch unspezifisch. Kunst verstehen heißt, sie erklären können. Wie soll man Rotterdam erklären? Natürlich lassen sich seine visuellen Zeichen nicht in Sprache übersetzen. Wären sie eindeutig, hätten sie ungemalt/ungezeichnet bleiben können. - Gewiß, wir können hie und da Bildstrukturen begrifflich fassen, können Variablen des Formvokabulars beschreiben oder Konstanten festhalten; z. B., daß Rotterdam sich auf die Mitte seines Formats konzentriert, daß er durch Symmetrie den Betrachter sozusagen fixiert und nicht einfach vorübergehen läßt, wie wir das von der Minimal-Art und dem Tachismus her kennen.

Verstehen und Erklären kann nur stattfinden am individuellen Werk; es läßt sich nicht allgemein leisten. Bei Paul Rotterdam gibt es auch keinen allgemeinen Schlüssel, der uns einen allgemeinen Zugang eröffnen könnte. Rotterdams Bilder sind schwierig. Rotterdam ist ein schwieriger Künstler.

Bildtitel bieten oft jenen Impuls, der, auf verbaler Ebene angestoßen, dann den sinnlichen Vorgang in Bewegung setzt. Bildtitel zielen selten direkt auf das Zentrum der Intention, sondern liegen meist auf einer anderen Ebene. Indem sie aber eine andere Saite zum Tönen bringen, lassen sie das ganze Werk mitschwingen und erzeugen auch im Betrachter, sofern dieser zu Resonanz fähig ist, einen verwandten Klang.

Ganz anders verhält sich das bei Rotterdams Arbeiten. Hat man sich einem Bild sehend bereits etwas genähert und liest den Titel, so wird man eher irritiert, als daß man einem vermeintlichen Sinn auf die Spur käme. Da gibt es zahlreiche Titel mit Namen oder Themen aus dem Alten Testament, gelegentlich konkrete, jedoch allgemeine Begriffe sowie zahlreiche Wortspiele, die begrifflich nicht zu fassen sind. Hier läßt sich in dem Dreieck zwischen Bildform, Titel und Betrachter beim besten Willen keine Korrespondenz herstellen.

Eine schmale Verstehensbrücke könnten gewisse porträthafte Zeichnungen bieten (die jedoch hier nicht vertreten sind), wobei offenbar wird, wie wesentlich der Künstler sich selbst ist, wenn er z. B. durch den Titel 'Self-pro-traitor' eine Gefahr für die Person signalisiert. Indem er Selbstdarstellung an Selbstverrat grenzen läßt, muß er als Künstler sich verstecken. Und in der Tat thematisiert Rotterdam nicht das Subjekt des Künstlers, sondern macht Aussagen von höchster Allgemeinheit. - Doch was bedeuten diese Aussagen uns? Sobald wir jene Divergenz von Bildform und Titel entdeckt haben, die doch nur die Person des Künstlers zusammenhalten könnte, müssen wir nach diesem fragen.

Um seine Person und deren Intentionen anderen verstehbar zu machen, inszenierte Paul Rotterdam ein fiktives Gespräch mit Rockstone, das in der Form eines Erinnerungsprotokolls 1976 publiziert wurde. - Der Künstler Rockstone ist Rotterdams zweites, sein ideales Ich. Er ist derjenige, der dieser als Intention schon immer war und der er wirklich einmal sein wird. Rockstone hat die Malerei als ein Spiel mit den bildnerischen Mitteln und als eine Kunst der Illusion hinter sich gelassen. Er macht Plastiken, die er im unbestimmten Raum der Wüste läßt. So bleiben sie funktionslos, doch sind es konkrete Gegenstände (eine Art Pilz, Tisch, Stuhl). Es muß nur noch der Mensch kommen, der sie adoptiert und sie so wirklich macht.

Kunst ist für Rockstone nicht das Sichtbare, sondern der artikulierte Raum. Es ist abzusehen, daß taktile Werte für Rotterdam an Bedeutung gewinnen werden, wenn er Rockstone einen weißen Raum durch einen in diesen hineinragenden Elefantenrüssel ertasten läßt. Indem Rotterdam als Rockstone sich erinnert, daß man im Traum nicht an Flächen, sondern an Dinge denkt, erkennt er seine Künstlerrolle derzeit als eine entfremdete. Doch sieht er hierin keinen Grund zum Resignieren, denn er befindet sich auf dem Weg. Darauf verweisen zum einen seine Malereien (zwischen 1976 und 1977), die, aus mehreren Leinwänden zusammengesetzt, nicht nur illusionäre, sondern auf 2 bzw. 3 Ebenen auch reale Räume bilden. Rotterdam deutet jene Aussicht zum anderen durch die Zahlensymbolik an, die sich wie ein roter Faden durch das Rockstone-Protokoll zieht:

Rotterdam verliert durch Reflexion die Einheit seiner Person. Im Vergleichen von Sein und Sollen, von Physis und Psyche fällt er in das Unvollkommene der Zweiheit. Bei ihrem Gespräch sitzen Rotterdam und Rockstone in einer gestuften quadratischen Grube in der Wüste. Die Grube ist 7 m tief, während die beiden Gesprächspartner sich auf der 4 m-Stufe aufhalten. D. h.: Die Wüste des ungegliedert Unendlichen, das Rockstone Angst vor dem Nicht-Sein einflößt, hat er hinter sich gelassen und befindet sich in der relativen Sicherheit des Diesseitigen. Die Dreizahl als Inbegriff höchster metaphysischer Vollendung müßte die 4 Weltrichtungen überlagern, damit der Künstler auf die 7. Stufe hinabsteigen könnte, um so die Einheit des Kosmischen zu erleben.

Dies alles klingt zunehmend antiquiert und reizt zum Widerspruch. Übersetzt in die Sprache unserer Zeit, besagt es jedoch, daß Paul Rotterdam nicht nur die fortschreitende Atomisierung unserer Lebenswirklichkeit anprangert, sondern sich selbst in diesen Strudel der Spezialisierung gezogen sieht. Da er im Getriebe des Alltags jenem Sog nicht widerstehen kann, geht er in die Wüste, denn in der äußersten Distanz fand schon Rockstone die wirksamste Erkenntnismethode. - So präsentiert sich uns jene unerträgliche Spanne zwischen Bildern und Titeln bei Rotterdam als eben die gleiche Diskrepanz, welche insgesamt (d. h. nicht allein in Gestalt der Bilder) seine Intention spiegelt: Das Auseinanderfallen der Wirklichkeit ist getreu sichtbar gemacht im Werk Paul Rotterdams, das somit als eine philosophische Kunst verstanden werden muß. Die Suche aber nach der verlorenen Totalität wird des Künstlers wie auch unser Traum bleiben.