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Philippe Sautrec und Guido Messer

Ausstellungseröffnung 06.05.1979. Werkstattgalerie Nassachmühle

Eine Eröffnungsrede soll sicher nicht Kunst erklären, d. h., Sichtbares und Greifbares in Sprache übersetzen. Sie soll einführen, Zugänge eröffnen, hie und da Verstehensdispositionen schaffen, Vorurteile abbauen, Mißverständnissen vorbeugen. - Dies alles ist nötig, wenn man zum ersten Mal den Arbeiten von Philippe Sautrec begegnet.

Philippe Sautrec kommt von seiner Ausbildung und Entwicklung her aus einer informellen und - was man bei den hier gezeigten frühen Arbeiten gelegentlich erahnen kann - aus einer monochromen Tradition. Ich möchte versuchen, die neuere Entwicklung einschließlich der in dieser zutage tretenden Tendenzen an wenigen Beispielen nachzuzeichnen.

In dem hier gezeigten frühesten Bild (1973) tritt uns die Intentionen deutlich im Zentrum des Formats gerafft, im übrigen jedoch nur schwach artikuliert entgegen. Eine Tendenz zum Rapportartigen, d. h., zur unendlichen Fortsetzung ähnlicher Elemente oder Formkomplexe zeichnet sich bereits ab.- Im zweiten Beispiel aus demselben Jahr beobachten wir drei einander ähnliche Formkomplexe, die jedoch nicht mehr so spontan hingeschrieben wurden, also weniger vom Zufall, sondern mehr durch das experimentelle Verhalten des Künstlers bestimmt sind. Während die Form an Eigenleben gewinnt, plustert sie sich auf, gerät in die Enge. Die verkrusteten Grenzzonen zeugen von Konflikten, die vergangen aber nicht vergessen sind. Zurückhaltende Farbakzente lassen das Bildgeschehen lebendiger werden, verstärken die expressive Tendenz. Diese erweist sich schon 1 Jahr später als Sprengsatz, der die ganze immanente Ordnung - das Geschehen in der Fläche - zerreißt und sich bis ins Unendliche fortsetzt. Vergleichbar den Gestirnen im All breiten sich diese neuen Ordnungen in einem unermeßlichen Raum aus. Wie bei organischem Wachstum Zelle sich an Zelle fügt, so läßt Sautrec auf großformatigen Skizzen aus nur zwei Elementen seine Strukturen entstehen: Aus massiv gestauchten Blöcken, die wie Energiezentren wirken und aus fast schwerelosen Kuben, die in unmerklichem Schweben die Balance suchen.

Seit 1974 malt Sautrec nur noch an einem Bild. Auf Skizzen läßt er seien Kosmos sich entfalten, um jeweils Details auf eine Leinwand zu projizieren und dann plastisch und farbig auszuführen. Insofern ist es auch einsichtig, wenn Sautrec sich gegen Bildtitel wendet und wenn er seine großen Bilder nicht auf der Vorderseite signiert. - Doch trotz des fragmentarischen Charakters kann ein jedes Bild als Modell für die Idee des Gesamtkomplexes stehen.

Philippe Sautrecs Bilder entstehen in der Stille des meditativen Selbstgesprächs. Doch vermitteln sie dem Betrachter kaum Einsichten über diese unsere dingliche Realität, vielmehr stellen sie Fragen, die wir selbst beantworten müssen, um unsere Wirklichkeit hernach vielleicht ein wenig besser zu verstehen.

Auch Guido Messers Arbeiten thematisieren unser Verhältnis zur Wirklichkeit - doch auf welch andere Art und Weise! Messer spricht nicht nur eine andere Bildsprache, er verfolgt auch eine andere Intention.

Guido Messer kommt, was man an den hier gezeigten Arbeiten kaum noch ablesen kann, von einem streng kalkulierten Konstruktivismus her, den er jedoch bereits 1967 aufgab, um sich, unter dem Einfluß von Pop Art, einer scheinbar vordergründigen, jedenfalls in keiner Weise überhöhten Dinglichkeit, zuzuwenden.

Das sitzende Figurenpaar vor der plastischen Draperie (1969/76), das in strenger Frontalität aber im Ausdruck so undifferenziert wie ein schwaches Zeitungsfoto sich uns zuwendet, kann Ihnen, wenn Sie weiter gar nichts damit anfangen können, auch als Buchstütze dienen . Das wäre Guido Messer auch recht.

In ähnlicher Weise findet man bei den beiden Urlaubern (1974) jene beiden für Messers Arbeiten so bezeichnenden Dimensionen: das Ästhetische und das Triviale. Dieses raumgreifende Ehepaar, jeder der beiden schon ein Querformat, lacht breit, macht sich breit und vereinnahmt die für den Tourismus käuflich gewordene Landschaft.

Die behäbig hinpolierten Bäuche, die gebleckten Zähne, die Sonnenbrillen - vielleicht entdeckt man da oder dort sein Spiegelbild und wendet sich erleichtert den banalen Badekostümen zu und hat seine Freude dran.

Im englischen Sprachraum würde man das Objekt "Hosenträger" (1976/77) als ein "Ready-made-Added" bezeichnen – also ein Fundstück, dem der Künstler noch etwas hinzufügte. Als erster Impuls diente Guido Messer hier eine Schiene mit Fleischerhaken, an die er mit blutroten Bändern in Hosen gesteckte Väter und Söhne hängte. Obgleich sie sich gar nicht mehr selbständig bewegen können, finden's die Väter lustig, wenn wir sie wippen lassen. Auch bei den Söhnen verstärkt sich der Ausdruck durch unser Spiel, und wir werden angeregt, den ganzen Weltschmerz des Neugeborenen - übrigens ähnlich wie bei den hier gezeigten Linoldrucken - nachzufühlen.

Die Bierköpfe (1978),entwickelte Guido Messer aus den Köpfen der lachenden Hosenträgerväter, indem er sie mit Flaschen verband und in einen Kasten einordnete. So beobachten wir drei Stadien einer Entwicklung: die Flasche, den Kopf auf der Flasche und den mit der Flasche vereinigten Kopf. - Auch die willfährige Subordination unter dem strengen Raster obrigkeitlicher Ordnung kann nicht verhindern, daß wir uns schließlich nur noch unter Flaschen und Bierköpfen wiederfinden.

Am Ende dieses Raums schließlich, bei dem alten "Nazi" (1978) ist es endgültig vorbei mit dem Spaß. Dieser unbewältigte Vater, dieser sterbende Löwe erregt kein Mitleid, obgleich er sichtlich leidet. Dem in Starrsinn verbohrten Blick kann man nicht begegnen, denn er richtet sich nur auf Dinge. Rücksichtslos konnte er einst über Leichen gehen, um der Sache willen, als er noch konnte. Jetzt ist er unfähig zum Handeln und nur noch blinder Wille.

Zum Schluß noch ein Lichtblick bei dieser von Depression bedrohten Stimmungskurve. Nicht der Bildinhalt jenes Türgriffpaares selbst, sondern die Tatsache, daß ein Geldinstitut trotz zweifelsfreien Interessenkonflikts zum Künstler sich dazu durchringen konnte, öffentlich auf die Kehrseite unseres Wohlstandes hinzuweisen, verdient Beachtung und ermutigt, auf eine weniger verlogene Zukunft zu hoffen.