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CHC Geiselhart: Zeichnungen und Radierungen

Ausstellungseröffnung 23.09.1979. Galerie auf dem Weißenhof Weinsberg

Wenn es ums Betrachten und Verstehen von Kunstwerken geht, hört man oft den Satz, das Werk müsse sich als je einzelnes eröffnen, es habe aus sich selbst zu sprechen. Der sensibilisierte Betrachter könne darin lesen wie in einem aufgeschlagenen Buch. - Arnold Gehlen fand hingegen, daß moderne Kunst kommentarbedürftig geworden ist. Die in historischer Kunst für eine breite Population geläufige Ikonografie sei ersetzt worden durch die Theorie, die Künstlertheorie. So bietet die Theorie des Kubismus ein Instrument zum Deuten des Werkes von Braque, und die Schriften von Paul Klee sind unentbehrlich, wenn wir das Werk durch weiteres Didaktisieren dem Verständnis näher bringen sollen. - Beide Positionen enthalten einen Wahrheitskern, bleiben jedoch zu plakativ, um mit ihrer Hilfe die inzwischen wieder sehr komplex gewordene weil mit der pulsierenden Lebenswirklichkeit verwobene aktuelle Kunst erklären zu können. - Angesichts der Arbeiten von CHC Geiselhart drängen sich uns zwei Fragen auf:

- Was können wir aus Geiselharts Arbeiten ablesen?
- Was müssen wir über die Person des Künstlers wissen, um die Arbeiten recht zu verstehen?

Geiselhart datiert den Beginn seiner künstlerischen Laufbahn mit dem Abschluß seiner Studien an der Kunstakademie Stuttgart im Jahre 1974. Seine ersten Radierungen entstehen spontan und ohne aufwendige zeichnerische Vorarbeit. Ein Jahr später beginnt er jeweils Variationen zu einem Thema zu zeichnen, bevor er es radiert. Doch schon bald verselbständigen sich die Zeichnungen insofern, als sie zu nicht ausgeführten Radierungen werden, in denen der Künstler ein weites Feld für Experimente mit dem müheloseren Werkzeug, mit neuen Dimensionen und insgesamt einer breiteren Palette der Ausdrucksmöglichkeiten findet. In der Radierung hat Geiselhart schon früh eine treffsichere und unverwechselbare Handschrift entwickelt. Hier wird auch die thematische Intention in konsequenter Strenge präzisiert, während die Zeichnungen mit ihrer ästhetischen Offenheit dem Beschauer sozusagen ein Genießen an der langen Leine erlauben.

Indem ich mit den erst kürzlich entstandenen Zeichnungen beginne, möchte ich zu einer Auswahl der Exponate einige Anmerkungen machen.

Die neuesten Landschaften machen eine allgemeine, nahezu begriffliche Aussage über das, was Landschaft ist. In ihnen vermittelt uns Geiselhart ein Gefühl für Raum, und die Blätter sind insofern romantisch, als sie mit größter Anstrengung versuchen, uns eine Anschauung von Unendlichkeit zu geben. - Im Zeitalter der Maschinen und mehr noch der Elektronik mag es problematisch geworden sein, beim Betrachten von Kunst Gefühle zu investieren. Geiselhart aber zeigt uns, daß man Natur nur so ernsthaft betrachten, verstehen und schließlich im Werk objektivieren kann. - Noch vor einem Jahr mußte er mit der Tiefe ringen, benötigte er einen scharfen Horizont und verspannte die sich im Raum verlierende Fläche mit einem diagonalen Netzwerk, das gleichwohl malerischen Reiz besitzt.

Vergleichsweise anspruchslos muten die Mauerzeichnungen an. Es sind Studien, die mit ihren reichen Valeurs sich zum Augenschmaus anbieten. Aber man sollte diese unscheinbaren Blätter nicht unterschätzen, sind sie doch nach und nicht vor verwandten Radierungen entstanden. Trotz der Flachheit des Motivs üben sie eine ungeheure Sogwirkung auf den Betrachter aus, und wir kommen ins Sinnieren, was da wohl vermauert ist, oder was eine Mauer ist, was eine Wand ist.

Ohne ins Spielerische abzugleiten, gelangt Geiselhart bei seinen figürlichen Zeichnungen zu größter Freiheit von Linie und Fläche. Hier springt sein Anspruch auf künstlerische Monumentalität am deutlichsten ins Auge. - Geiselhart zeichnet eigentlich keine Figuren, sondern immer Bildnisse, die uns ohne Umschweife eine Anschauung von einer personalen Beziehung vermitteln.

Das mehrteilige Bild hat eine spezifisch didaktische Funktion im Werk von CHC Geiselhart. Das Triptychon mit seinen minimalen Differenzen regt zur differenziert vergleichenden Betrachtung an und kann seine Herkunft als Gegenstand von Andacht und Meditation nicht leugnen. - Die thematischen Zyklen unter den Radierungen werden mehr intentional als formal zusammengehalten. Sie geben eine komplexe Anschauung von einem Gegenstand und aktivieren so das Sehen des Betrachters. Eine besondere Bedeutung erhält hier der dem Bild zugeordnete Text. Paradoxerweise verschlüsselt und entschlüsselt er das Bild zugleich und verweist so einmal mehr auf den lehrhaften Charakter dieser Blätter. - Die Serie "Von Thuer und Thor" stellt Fragen und gibt Impulse. Der Betrachter hat für sich zu bestimmen, was ihm eine Tür ist, wo er anderen Zugang gewährt, wo er sich versperrt.

Mit seinen durch Initialen chiffrierten Widmungen markiert CHC Geiselhart für seine Person ein emotionales Territorium. In dem Dreierzyklus "Der Ablauf des Empfindsamen" aus der Mappe "Ansichten" muß des Künstlers Erleben von Hoffnung, Schmerz und Glück uns allgemein und äußerlich bleiben. Es fordert einen sensiblen Betrachter, der seine komplexe Wirklichkeit mitbringt, wenn er sich anschickt, jene Sprache aus winzigen Pünktchen und Strichlein zu lesen. - Im Gegensatz zu anderen dedizierten Blättern sollte es hier dem Betrachter leichter fallen, dem Künstler ein Stück Wegs zu folgen. Denn, da sich hinter den Initialen J. P. Jean Paul verbirgt, handelt es sich um eine literarische Beziehung, welche man mit einiger Mühe nachvollziehen kann.

Für den Außenstehenden schwerer zu erfassen sind diejenigen Blätter, in welchen Geiselhart personale Beziehungen thematisiert. Als Exempel mögen zwei seiner jüngsten Radierungen dienen. Das erste Blatt nennt Geiselhart "Haus mit Vergangenheit" und widmet es der neugeborenen Tochter. - Ein Gehäuse zu haben, in dem er leben und arbeiten kann, bedeutet ein wesentliches Stück von Geiselharts Bewußtsein. Ihm ist das Haus nicht ein nützlicher und komfortabler Kasten. Es hat eine eigene Physiognomie, und je mehr Geiselhart an seinem eigenen Haus arbeitet, umso mehr wird dieses ein Stück seiner selbst, Der kleinen Catharina aber hat Geiselhart ein besonderes Gehäuse errichtet. Inmitten einer unwirtlichen und lebensfeindlichen Landschaft steht es auf den Fundamenten einer Festung eher eingeigelt als wehrhaft. Nur ein winziges Fenster erlaubt einen Blick nach draußen. - Dies ist Geiselharts "Erster Hinweis auf eine Welt ohne Berührung".

Der "Baum mit Vergangenheit" - das zweite Blatt - ist mehr als eine Figur im Raum, wiewohl er auch dieses ist. Denn bewußt setzt CHC die kugelige Gestalt in die Symmetrieachse des Formats und läßt - ganz im Sinne der Logik seines neuen Raumverständnisses - den Horizont grenzlos sich auflösen. Jener Baum ist aber auch ein Bildnis und darüber hinaus ein Gleichnis. Indem Geiselhart das Blatt seiner Frau und seinem Sohn widmet, fragt er, was das sei: Zweisamkeit, Gemeinsamkeit - und er findet: Einsamkeit. Doch weder Angst noch Resignation ist aus diesem Bild zu lesen, sondern Einsicht: Während das Subjekt in dem Haus sich zu verschließen trachtete, öffnet es sich hier ganz der Welt, um mit dem Kosmos eins zu werden. - Das ist Geiselharts "Zweiter Hinweis auf eine Welt ohne Berührung".

Die Kunst von CHC Geiselhart ist verführerisch. Auf den ersten Blick könnte man geneigt sein, die scheinbar integrationsbereiten Kleinformate dekorativ zu mißbrauchen. Doch läßt man sich mit einem Blatt ein, wird man gepackt und geschüttelt, denn selbst ein gezeichneter Mauerstein, ein Balken hat Geschichte; nichts ist Dekor! Selbst ein punktiertes Stück Himmel hat Spannung genug, um der konstruktiven Monumentalität eines schlichten Mauerkubus' standzuhalten.

CHC erhebt nicht den Anspruch, uns etwas lehren zu wollen. Er zeichnet - zunächst - für sich; Zeichnen und Radieren ist für ihn ein Stück Lebensbewältigung. - Aber aus der Distanz können wir von Geiselharts Bildern nichts erfassen. Solange wir in der Rolle des Zuschauers verharren, begreifen wir nichts. Wir können Geiselharts Kunst nur recht verstehen, wenn wir uns selbst in ihr wiederfinden.