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CHC Geiselhart: Zeichnungen und Radierungen

Ausstellungseröffnung 18.01.1980. Galerie Fritz Gerster am Ledergraben Reutlingen

Nachdem zwischen 1974 und 1977 im Reutlinger Spendhaus jeweils einzelne Arbeiten von CHC Geiselhart zu sehen waren, scheint es an der Zeit zu sein, daß die Stadt, in der der Künstler bis 1970 lebte, eine Kollektivausstellung präsentiert, denn bereits seit 1975 waren solche in Tübingen, Schwäbisch Gmünd, Köln, Nürnberg, Weinsberg und Bamberg zu sehen.

Über den Tübinger Raum hinaus ist Geiselhart vor allem durch seine Radierungen bekannt geworden. Diese setzen 1973 ein, und es ist kein Zufall, daß eins der wichtigsten unter den hier gezeigten frühen Blättern ein Reutlinger Motiv hat: Der "Elephas Maximus".

Große Bedeutung kommt unter den Radierungen den thematischen Zyklen zu, welche mehr intentional als formal zusammengehalten werden. Sie geben eine komplexe Anschauung von einem Gegenstand und aktivieren so das Sehen des Betrachters.

Die den Bildern bisweilen zugeordneten Texte verstellen gelegentlich den Zugang zum Bild und eröffnen ihn in paradoxer und doch charakteristischer Weise. So stellt die Serie "Von Thuer und Thor" Fragen und gibt Impulse. Der Betrachter hat für sich zu bestimmen, was ihm eine Tür ist, wo er anderen Zugang gewährt, wo er sich verschließt.

Gelegentlich markiert Geiselhart für seine Person ein emotionales Territorium, indem er Blätter mit durch Initialen chiffrierten Widmungen versieht. Doch besitzt man noch keinen hinreichenden Schlüssel, wenn man weiß, daß sich hinter J. P. in dem Zyklus "Der Ablauf des Empfindsamen" Jean Paul verbirgt. Vielmehr ist der sensible Betrachter gefordert, welcher nicht nur jene feinen Spuren der Radiernadel sich auf der Zunge zergehen läßt, der nicht nur des Künstlers Erleben von Hoffnung, Schmerz und Glück nachfühlt, sondern es ist immer notwendig, daß er seine eigene komplexe Wirklichkeit mitbringt zu den Bildern.

Die ersten Radierungen von Geiselhart entstehen spontan und ohne aufwendige zeichnerische Vorarbeit. Erst Mitte der 70er Jahre beginnt er mit Studien, die sich bald zu verselbständigen beginnen. Während bei den Radierungen die treffsichere und unverwechselbare Handschrift und eine mit konsequenter Strenge präzisierte thematische Intention auffällt, halten sich die Zeichnungen in eigentümlicher ästhetischer Offenheit.

Ohne ins Spielerische abzugleiten, gelangt Geiselhart bei seinen figürlichen Zeichnungen zu großer Freiheit von Linie und Fläche. Hier wird sein Anspruch auf künstlerische Monumentalität deutlich. Geiselhart zeichnet eigentlich keine Figuren, sondern immer Bildnisse, die uns ohne Umschweife eine Anschauung von einer personalen Beziehung vermitteln. Hierzu bilden die ganzfigurigen Zeichnungen des "Onkel Arthur" anschauliche Beispiele.

Die Landschaften aus der 1. Hälfte des Jahres 1979 machen eine allgemeine, nahezu begriffliche Aussage über das, was Landschaft ist. In ihnen vermittelt uns Geiselhart ein Gefühl für Raum, und die Blätter sind insofern romantisch, als sie mit größter Anstrengung versuchen, uns eine Anschauung von Unendlichkeit zu geben. - Im Zeitalter der Maschinen und mehr noch der Elektronik mag es problematisch geworden sein, beim Betrachten von Kunst Gefühle zu investieren. Geiselhart aber zeigt uns, daß man Natur nur so ernsthaft betrachten, verstehen und schließlich im Werk objektivieren kann. - Noch 1978 mußte Geiselhart mit der Tiefe ringen, benötigte er einen scharfen Horizont und verspannte die sich im Raum verlierende Fläche mit einem diagonalen Netzwerk, das gleichwohl malerischen Reiz besitzt.

Doch dann verzichtet er auf das lineare Gerüst und versucht, malerische Werte aus mehr oder minder verdichteten Schraffuren zu gewinnen.

Zur echten Modulation findet er jedoch erst in der 2. Hälfte des letzten Jahres und eigentümlicherweise über einen poetischen Impuls. Im Oktober hatte er begonnen, sich mit dem Werk des 1830 im Alter von 26 Jahren in Rom verstorbenen schwäbischen Dichters Wilhelm Waiblinger zu befassen. Da man auf den ersten Blick keine direkte Brücke erkennt zwischen der zornigen Radikalität des wildromantischen Poeten und der eher empfindsamen Wesensart Geiselharts, kann man gespannt sein auf das Ergebnis jener Arbeit.

Aus Verzweiflung über die unerfüllte Liebe zu der schönen Tübingerin Julie Michaelis - aber nicht allein darüber - schrieb„Waiblinger 1824 seine "Lieder der Verirrung", die er später in den Roman "Olura" einarbeitete. Da die Textvorlage nur vordergründig mit Bildern aufwartet, darüber hinaus jedoch dem Leser Eruptionen einer gequälten Seele entgegenschleudert, kann ein Illustrator sich hier nicht in kühler Distanz halten - dies bleibt dem goutierenden Publikum vorbehalten. Geiselhart, dessen Strich sich bereits in den Landschaften seit 1978 gelockert hatte, wird von dem poetischen Furor Waiblingers mitgerissen. Während bisher das Malerische sich nurmehr als Summe des Zeichnens, als Produkt der Schraffur zu erkennen gab, fallen nun alle äußerlichen und selbst auferlegten Bescheidungen. Die Palette von Geiselharts Bleistiften verbreitert sich bis zu weichsten Gradationen, und er zeichnet nicht mehr nur mit der Spitze seiner Stifte, sondern radiert und wischt mit Gummi, Handballen und dem Ellbogen.

Waiblingers "Verirrungen", das sind nicht etwa Irrtümer; es sind Gefühle des von allen Seiten disziplinierten Studenten des Tübinger Stifts, der bereits einen Hauch von urbaner Freiheit in der Metropole Stuttgart verspürt hatte. In seinem unbändigen Freiheitsdrang mußte er irre werden an sich selber vor jener Realität in spießbürgerlicher Enge. die Geiselharts Zeichnungen sowie seine Radierungen, die mit ihren Mezzotinto-Valeurs trotz der spontanen Handschrift den zeichnerischen Vorlagen überraschend nahe kommen, bieten in der Zeit einer beginnenden Waiblinger-Renaissance einen anschaulichen Beitrag zur Textinterpretation.

Das Titelblatt zeigt in fast plakativer Einfachheit einen janusköpfigen, zerrissenen Geist, der in gleicher Weise Vergangenheit und Zukunft, Anfang und Ende im Blick hält, der trotzig zurück und der ruhig aber entschlossen vorausschaut.

Im 1. Blatt wendet sich der Dichter mit bohrend irrem Blick und wütender Stimme an uns, sein Publikum:

Ich hab' nichts, glaub' nichts, lieb' nichts.
Ich verachte dies Geschlecht.

Ein Freund wendet sich fragend an Waiblinger:

Warum, so sprachst Du, willst Du
immer nur in ferne Länder pilgern,
immer auf die weißen Alpen,
immer nur in Dein Italien,
in Dein wildes Griechenland?

Ja, so mußte wohl dem zufriedenen Spießer jenes ferne Land erscheinen. - Nicht zuletzt der vermarktete Tourismus hatte uns im ionischen Kapitell, jenem Produkt aus Volute und Sofakissen, längst einen Ausbund an Harmonie zu sehen gelehrt. Geiselhart fühlt sich ein in den erschreckten Blick des Biedermannes und zeichnet auf dem 2. Blatt das wilde architektonische Detail - pars pro toto.

Das 3. Blatt spricht unverhüllt das Thema an:

Mein Himmel, meine Hölle,
Süss Kind, süss Herz und Teufel.

Nachdem die Frau zwischenzeitlich zwei Emanzipationsbewegungen durchlebt hat, aktualisiert Geiselhart im 3. Blatt nicht nur einen historischen Text , sondern fragt auch, weshalb noch immer jener blasse Engel von einem übermächtigen Schatten ständig begleitet wird.

Die unendliche Traurigkeit einer tiefen Liebe spricht aus dem 4. Blatt wie auch aus Waiblingers Worten:

So voll Lust, im dunklen Grunde
zu leben des Elements.

Waiblinger macht sich ein Bild von seiner Geliebten, und Geiselhart verweist im 5. Blatt durch Monumentalisierung der Figur auf die bereits vollzogene Entfremdung:

Wohl stellt ich Dein Bild mir vor
Reitzend rein, voll düstrer Anmuth.

Im Verzicht auf die Geliebte verblaßt deren Bild. Im 6. Blatt läßt Geiselhart die Grenzen zwischen Figur und Grund verschwimmen und Todessehnsucht kommt auf:

Ich hätt' im Bett recht einsam,
Bey mir, oh wollustig Liebchen
Deinen kahlen Totenkopf.

In der Betrachtung der Natur findet der Melancholische Trost und Besinnung. Die Weite der Landschaft läßt ihn aufatmen, stimmt ihn wohl:

Vor einigen Tagen ging ich
Zum ersten Mal seit langer,
Oh langer Zeit vergnügt,
Durch abendliche Wiesen.

Geiselharts 7. Blatt verlegt den Ort nach Italien. Eine Zypressengruppe gibt den lodernden Auftakt zu einer ruhigen, nahezu flachen Landschaft. Während der tiefliegende Horizont sich nach rechts zu einer leichten Bodenwelle erhebt, schiebt sich vorne von der Baumgruppe her eine dunkle und deutlich fallende Bodenkante nach rechts. Hier kann sich die Stille bei sinkender Stimmung nur schwer gegen die weiterhin ungestillte Sehnsucht des unglücklich Liebenden behaupten.

Schließlich läßt Waiblinger sich in tiefe Resignation sinken:

Und ich bin so düster und einsam
Habe satt am schwülen Tag.

Geiselharts 8. Blatt zeigt uns den Dichter, der sich von uns abwendet, in sich gekehrt und verbittert. Während die tiefen Schatten des Mantelkragens einen düsteren, doch noch massiven Eindruck vermitteln, beginnt der Kontur des Profils zu zittern, um sich im Haarschopf gänzlich zu verflüchtigen.

Nach der etwas ausführlicheren Besprechung der Waiblinger-Illustrationen muß ich noch 3 Zeichnungen besonders erwähnen, die erst um die Jahreswende und schon im Blick auf diese Ausstellung entstanden sind. Da es sich um Reutlinger Motive handelt, können wir davon ausgehen, daß Geiselhart sie Ihnen, d. h., seiner Heimatstadt gewidmet hat.

Da ist die Marienkirche, wie sie sich monumental mit ihrem platt schließenden Chor düster heraus erhebt, bis der Westturm im Hintergrund sich mit seinem Schleierwerk wieder aufzulösen beginnt.

Das 2. Blatt bringt die Ansicht eines Seitenschiffes, an dem Geiselhart zeigen wollte, wie das Licht über das geometrisch konstruierte Skelett spielt und es lebendig werden läßt.

Das 3. Blatt schließlich nennt Geiselhart "Das schwarze Haus", zu dem ihn seine alte Penne, das Johannes Kepler-Gymnasium, inspirierte.

Gemeinsam ist den drei Architekturbildern, daß der Bau jeweils unangefochten durch das alltägliche Getriebe zu einem Stück eigener und in seiner bildnerischen Autonomie bedrohlichen Realität wird.

Die Tatsache, daß Geiselhart bei diesen völlig undramatischen Motiven die am Waiblinger-Stoff gewonnene malerische Freiheit und Lebendigkeit festigen konnte, läßt vermuten, daß wir hier vor den ersten Zeugnissen einer neuen Schaffensperiode Geiselharts stehen.