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Ernst Lutz: Gemälde und Zeichnungen

Ausstellungseröffnung 17.03.1980. Stadthalle Göppingen

In Abwandlung eines Satzes von Bernard Berenson könnte man, um die Kunst von Ernst Lutz zu charakterisieren, von dieser sagen: Das Bild des Menschen "... ist nicht nur der beste Träger alles dessen, was in der Kunst lebensbestätigend und lebenssteigernd ist, sondern an sich das eigentlich Bedeutsame in der Welt des Menschen". Während Berenson mit diesem Satz die Bedeutung des menschlichen Aktes in der florentinischen Malerei der Renaissance deutet, gilt das Gleiche für das menschliche Antlitz, jenem Spiegel der Persona, in den Bildern von Ernst Lutz.

Um es sogleich und ohne Umschweife zu sagen: Die scheinbare Paradoxie und zugleich ein wesentliches Charakteristikum jener Bilder, die aufgrund unserer anerzogenen Sehgewohnheiten oder wegen der biblischen Thematik von uns als Sakralkunst genommen werden, besteht darin, daß es sich bei diesen um eine durchaus diesseitige Kunst handelt. Ihr Thema ist der Mensch, sein Hier und Jetzt. Wäre es anders, so hätten wir's leicht. Wir könnten das Illustrative ablesen; das, was wir nicht verstehen, als Transzendentales pietätvoll beiseite schieben und uns ganz dem Genuß der malerischen Qualität zuwenden. Aber diese Form von Rezeption wäre durchaus unangemessen. Die Bilder von Ernst Lutz fordern einen sensiblen und nichtsdestoweniger wachen und kritischen Beschauer.

Im folgenden möchte ich einige erläuternde Hinweise zu den hier ausgestellten Arbeiten geben.

Mit zwei Selbstbildnissen stellt sich Ernst Lutz selbst vor - genauer: Er nimmt sich selbst zum Modell. Diese Arbeiten versteht Lutz zunächst als maltechnische Studien. So gibt es hier keine Pose fürs Publikum. Der Künstler beobachtet sich einmal im Halbprofil vor der Staffelei und das andere Mal en face - beide Male in Arbeitshaltung. Thema ist also weniger das Selbst, als vielmehr die Arbeit, wie sie auf die Person des Arbeitenden wirkt.

Am schwersten macht Ernst Lutz es uns wohl mit der monumentalen Tafel, der zwischen Mitte des letzten und Anfang dieses Jahres entstandenen "Passion". Ja, mit jener biblischen Thematik hat er es sich selbst nicht leicht gemacht; die lange gehegte Idee verschob er immer wieder zugunsten einer attraktiveren Alternative: der Veranschaulichung unserer heutigen Alltagswirklichkeit. Doch entstanden vor dem Karton bereits in der ersten Hälfte des Jahres 1979 "Das letzte Abendmahl" und die Studie "Kaiphas und Annas". Dazwischen malte Lutz die lyrisch-phantastische Komposition "Der Blaue". Hier auf diesem Bild scheint es, als wollte die rätselhafte Konstellation sich bereits im Beschreiben eröffnen: Offenbar wird eine Audienz gegeben. Unter einem Baldachin, jenem Symbol des Himmels, der von zwei würdig schnatternden Enten bekrönt und von einem völlig angepaßten Kamel arg belastet wird, steht der Repräsentant der Macht. Blau eingehüllt verbreitet er Kälte und verbirgt seine Angst. Als Bittsteller treten sie erwartungsvoll vor ihn: die Alte, die Naive und das ahnungslose Pferd. Nur der Narr hat die Situation durchschaut. Vermutlich weiß er, daß dieser Würdenträger nichts für die Menschen tun will, ist doch seine Galionsfigur nach rückwärts gewandt, und die Lazarus-Gestalt hinterm Baldachin steht wohl für den Rest der darbenden Menschheit.

Wenn Ernst Lutz die Bibel liest, findet er weder Erhebendes noch Wunderbares, sondern ausschließlich Menschliches; so das "Leiden und Sterben des Jesus von Nazareth" - die Tragödie eines Menschen, der doch nur anderen helfen wollte und dem man höchstens vorhalten könnte, daß er etwas gewagte Behauptungen über seine Herkunft verbreitete. Aber jene Gerüchte, angebliche Wunderheilungen und seine dauernde Kritik an der damaligen Amtskirche untergruben deren Autorität ... So oder ähnlich könnte man die Geschichte weiter erzählen. Wir kennen die Meldungen von Radikalen hier und Regimekritikern dort, die man durch Berufsverbot, Verbannung oder Einweisung in eine Psychiatrische Klinik mundtot zu machen sucht.

Auf den Bildern von Ernst Lutz geht keine metaphysische Ausstrahlung von diesem Jesus aus. Statt dessen fällt nur schwaches Licht auf ihn. Er ist nicht das Licht, und das Licht ist weit weg von ihm. So suchen wir auch keine Gloriole. Statt dessen erscheint beim "Ecce-homo!" die Hand des kompromißbereiten und auf Imagepflege bedachten Pilatus hinter dem Haupt des Jesus.

Von der Anlage her wäre die "Passion" wohl als Polyptychon zu bezeichnen, dem jedoch das wesentliche Merkmal des Wandelaltars, die Symmetrie, fehlt. Diese aber steht nicht nur für höchste Autorität und verlangt Demut, sie symbolisiert auch eine Geschichte, die in vollkommener Geschlossenheit aufgeht. Somit setzt Ernst Lutz in bewußter Antithese zur historischen Struktur die Asymmetrie für das endgültig Unvollkommene des Menschen.

Es gibt noch ein weiteres Bild mit einem biblischen Thema in dieser Ausstellung. Es trägt den Titel "Zueignung" oder auch "Dreikönigsbild". Der doppelte Titel signalisiert eine Doppelbedeutung. Die Legende von den drei Königen aus dem Morgenland war lediglich der literarische Stoff, an dem Ernst Lutz die zweite und eigentlich bedeutsame Inhaltsebene zur Anschauung bringen konnte: Er selbst schlüpft in die Rolle des Königs, der vor der Mutter und dem Kind kniet, um etwas sagen und überreichen zu können. In der Hand hält er ein kunstvolles Gebilde. Von der Goldschmiedearbeit sehen wir nur den gleißenden Deckeldekor, der so schön und nutzlos ist wie eine gotische Kreuzblume. - Will Ernst Lutz damit etwa sagen, daß seine Kunst doch nur schön zu sein hat? Fürs erste trifft das zu, denn innerhalb der intimen Beziehungen der Familie genügt diese Eigenschaft. Doch hat der König in der Hand das Gefäß verborgen, das nur im Augenblick der Zwiesprache und der "Zueignung" nebensächlich wird. Der materiale Inhalt ist also durchaus präsent, jedoch im Moment verborgen. - Die "Zueignung" bildet innerhalb der hier ausgestellten Arbeiten insofern eine Ausnahme, als sie das einzige Bild ist, in dem überhaupt menschliche Beziehungen positiv thematisiert werden. Der Grund ist darin zu suchen, daß Ernst Lutz sein Verhalten zu seiner Familie ins Bild setzt und nicht Menschliches an sich analysiert.

Bei den übrigen hier gezeigten Malereien und Zeichnungen ist die Gefahr einer Fehldeutung durch den Betrachter nicht so groß, doch muß er auch diese erst entschlüsseln. - Die folgenden Arbeiten sind alle innerhalb der Entstehungszeit der "Passion" entstanden, so daß wir auch keine vollkommen anders gearteten Intentionen erwarten dürfen.

Die Thematik, welche sich wie ein roter Faden durch das Werk von Ernst Lutz zieht, ist der einsame, der leidende Mensch. Nur in einem Bild dieser Ausstellung wird auf die Gegenseite, auf die Verursacher des Leids deutlich verwiesen. Indem sich der Mensch die Erde untertan macht, wird diese zerstört. Die "Hexenküche" gibt dazu ein Exempel. Anstatt ihre Verantwortung wahrzunehmen, geben sich hier die Mächtigen einer Orgie hin. Inmitten der stillebenhaft arrangierten Todessymbolik betreiben sie mit Lust und ohne vitale Notwendigkeit das Werk der Ausrottung. Weder kann der ausgemergelte Krüppel Mitleid erregen (sondern dient noch der Belustigung), noch wird die unscheinbare weiße Maus verschont. Durch mutwilliges Aufspießen hindert man sie daran, aus diesem Bild des Grauens zu fliehen. Lediglich der schöne Schein der trompe-l'oeil-Effekte im Vordergrund macht das Bild dem Beschauer erträglich, gibt ihm einen sublimen Abglanz jener orgiastischen Genüsse.

Auf die besondere Funktion des Lichts werden wir in den letzten Bildern von Ernst Lutz aufmerksam. - Auf dem Gemälde "Die Kinder" stehen diese im Schutz und Schatten rechteckiger Paravents. Was es mit dem grellen Licht auf sich hat, das zwischen den Wänden durchbricht, läßt sich nicht genau ausmachen, doch verheißt es nichts Gutes.

Der silhouettenhafte Don Quijote läßt uns einen Moment an Daumier denken. Aber Ernst Lutz beteiligt sich nicht an jener Kampagne, in der man sich über den Ritter von der traurigen Gestalt lustig macht, um nur sich selber nicht im Spiegel tragischer Komik sehen zu müssen. Die Rolle des verdrängenden Publikums übernimmt im Bild von Ernst Lutz Dulzinea, welche in der Schwäche ihrer Konventionalität dem Licht nicht standhalten kann, während Don Quijote und sein Gefährte zu einer monumentalen Form miteinander verschmelzen.

Das Gemälde "Der Stollen" zeigt uns exemplarisch, wie Ernst Lutz unsere Existenz sieht. Was diese Menschen in ihrem Versteck zusammenhält, ist die Angst. Das Licht von Wahrheit und Freiheit hat seine Idealität verloren, seitdem es im Dienste derer steht, die mit einem Knopfdruck und einem einzigen Lichtblitz den ganzen Erdball sprengen können. In dieser Situation gibt es trotz räumlicher Nähe keine Kommunikation und auch keine Liebe mehr.

Die neuesten Zeichnungen könnten vermuten lassen, daß der Mensch in der Kunst von Ernst Lutz an Bedeutung eingebüßt hat. Doch trifft das nicht zu. Diese Zeichnungen verdeutlichen zum einen die genuin künstlerische Arbeitsweise von Ernst Lutz, dessen Erfindungen als Produkte der Phantasie im Dialog zwischen Auge und Hand entstehen und von ihm entdeckt werden. Zum anderen müssen wir beobachten, daß der Mensch noch tiefer in den Schatten getreten ist, in der Transparenz von Licht und Raum aufgesogen wird und, wie Ernst Lutz selber sagt, nur noch durch Zufall dabei ist.

Kein Zweifel, die Kunst von Ernst Lutz ist alarmierend. Wenn wir dies ernst nehmen und nicht zu verdrängen suchen, dürfen wir auch die grafische Schärfe und die malerische Delikatesse genießen.