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Andreas Grunert und Hans-Peter Hauf

Ausstellungseröffnung 28.02.1980. Kunststiftung Baden-Württemberg Stuttgart

In ihrer zweiten Stipendiatenausstellung präsentiert die Kunststiftung Baden-Württemberg die beiden Maler Andreas Grunert und Hans-Peter Hauf. Auf den ersten Blick zeigen die beiden Künstler von ihrem Temperament her gewisse Gemeinsamkeiten, welche vor allem in der spontanen Handschrift deutlich werden. Dies ist ein hinreichender Grund, beider Arbeiten miteinander der Öffentlichkeit vorzustellen. Die Konfrontation aber macht neugierig, provoziert den Vergleich, läßt uns nach dem je Besonderen suchen und fragen, wo dies auf das Allgemeine zielt, welches ja auch das Unsrige ist.

Seitdem ich vor 2 Jahren Andreas Grunert kennengelernt habe, verfolge ich fasziniert, wie er in traumwandlerischer Sicherheit und scheinbar mühelos seine Arbeit vorantreibt. In der Tat gibt es einige Bilder, die in wenigen Stunden entstanden sind, jedoch ist das eher atypisch. Grunert arbeitet intuitiv, so daß er nicht nach einem Konzept vorgehen, d. h., die Realisierung einer Bildidee verfolgen müßte. Als typisch könnte man hingegen folgende Situation bezeichnen:

Die aufgespannte Leinwand hängt direkt an der Atelierwand, so daß sie nicht in unkontrollierter Reaktion ausweichen kann. Grunert steht davor, und indem er seinen Pinsel über die Fläche gleiten läßt, entsteht eine hockende Figur in einer Art Kanu. Im Verlauf der Arbeit können Figur und Boot mehrfach ihre Gestalt, Größe und Position ändern. Solche Verwandlungen vollziehen sich zum einen als Übermalungen. So bilden sich gelegentlich rätselhaft und dunkel verwirrte Linienbündel und -haufen. Zum anderen klärt Grunert bisweilen die Situation, indem er Bildteile übergrundiert, um sich einen neuen Start zu ermöglichen. Doch sieht man auch jenen Metamorphosen einen über Wochen sich ausdehnenden mühvollen Arbeitsprozeß nicht an, zeichnen doch auch sie sich durch dieselbe Leichtigkeit in der Faktur aus wie die zuvor erwähnten geglückten Würfe. - Gemeinsam ist diesen wie jenen Arbeiten, daß sie als Synthese von Auge und Hand und in Anwesenheit der Erlebnisse und Erfahrungen der Person, jedoch unter vorläufiger Dispensierung des Intellekts entstehen. Es wäre allzu voreilig, Grunerts Arbeit deshalb als pure Retinalkunst zu deklarieren. Denn Problematisches bahnt sich während des Arbeitsprozesses einen direkten Weg vom Unbewußten zu den Organen der Produktivität, und nachträglich bekennt sich der Künstler hierzu, wenn er das ins Licht des Bewußtseins Gehobene in einen Bildtitel einfließen läßt.

Kürzlich schrieb Andreas Grunert: "'Eine Art Mensch in einer Art Zustand' wäre vielleicht ein angemessener Titel für jedes meiner Bilder. Je genauer ich hinschaue, um so weniger eindeutig, umso verschlüsselter sehe ich die Dinge". Die offenen Bildtitel machen deutlich, daß hier für den Beschauer noch etwas zu sehen, zu denken, zu tun bleibt. Und was sich nicht schlüssig ins Bild setzen läßt, das muß erst recht im Titel unsagbar bleiben. Verfolgen wir die Genese von Grunerts Hauptthemen, so ist nicht zu übersehen, daß diese nicht ohne Konsequenz und durchaus auch mit einer kritischen Intention verbunden sind. Da gibt es 1978 den "Salatfresser", der Mensch, der nicht nur ein paar Pflanzen, sondern seine ganze Umwelt zerstört, indem er sie sich einverleibt. Aus den Schulterblättern Wachsen dem Blattmenschen Blätter, Ruderblätter, Flügel. Doch kann jener Dädalus sich nicht erheben, eher gelingt es ihm, auf dem ihm ebenfalls fremden Medium Wasser zu erleben, was Freiheit sein könnte. Als Ruderer erfährt er zwischen Anspannung und totaler Erschöpfung sich selbst, findet er ein Symbol unserer Existenz.

"Eine Art Beziehung" ist wohl ein Schlüsselwerk Andreas Grunerts in dieser Ausstellung, denn die Problematik findet sich mehrfach wieder:

- Beziehungen auf der elementaren Ebene von Bios und Materie - trotz räumlicher Distanz. Das ist immerhin mehr als Isolation.

- Beziehung als Kurzschluß in der isolierten Person.

- Pervertierte Beziehung als Versuch, den anderen wie eine Marionette am Spielkreuz zu führen.

- Beziehungen zwischen dem Künstler und seiner Arbeit. Im materiellen Grund sind Künstler und Werk miteinander verwachsen.

So läßt die Kunst von Andreas Grunert uns fragen, inwieweit wir wohl selber in unseren Beziehungen den anderen als Person erreichen oder doch immer wieder bei uns bleiben und bestenfalls zu einem Produkt unserer eigenen Arbeit werden.

Hans-Peter Hauf habe ich erst kürzlich und im Zusammenhang mit den Vorbereitungen zu dieser Ausstellung kennengelernt. Während für Grunert sein Werkzeug und sein Material längst der Intention subordiniert wurde, hat Hauf sich erst in den letzten Jahren die volle Freiheit im Umgang mit den Mitteln erobert, experimentiert er nun neugierig und lustvoll mit der Sache und seiner Person.

Interessanterweise gibt es bei Hans-Peter Hauf ein ähnliches Schlüsselerlebnis wie bei Grunert. Zu Beginn seiner Akademiezeit unternahm Hauf mit einem Kajak eine Wildwasserfahrt. Im Kampf mit der elementaren Gewalt des Wassers erfuhr er seine Körperlichkeit auf neue Weise, konnte mit einem Mal seine Faszination für technische Geräte und Maschinen als entfremdet erkennen und in der Balance des eigenen Körpers mit der Kraft des Wassers einen neuen Maßstab finden. In den Ruhepausen zwischen den Stromschnellen beobachtete er die aufragenden Felsen, die plötzlich seine Phantasie affizierten. So drängten sich im Unwiederbringlichen des Vorbeigleitens momentane Bilder auf, ließen den Fels als das Monumentale der Natur überhaupt erscheinen.

Das Erlebnis von 1973/74 verarbeitete Hauf in drei Phasen, Welche sich zeitweise auch durchdringen.

Die erste Phase beschränkt sich auf eine visuelle Übertragung, auf die Suche nach bildhaften Analogien zu der gesehenen Felslandschaft mit ihren phantastischen Seh-Fallen. Aus dieser Zeit sind hier in der Ausstellung keine Bildbeispiele vertreten.

In der zweiten Phase wird das Moment der vom Element aufgedrängten, der gewaltigen Bewegung im eigenen Körper erfahren und auf der Bildfläche objektiviert. Maßstab ist hier ausschließlich die Motorik des künstlerischen Subjekts, das die Befreiung vom Gegenstand gewinnt. - Gelegentlich mischt sich Landschaftliches ein - die Andeutung eines Horizonts oder eines Dachgiebels. Doch sind das nur Reminiszenzen und Ausblicke auf die Freuden eines Lebens in ländlicher Abgeschiedenheit. Denn im Augenblick hegt Hans-Peter Hauf keinerlei Zweifel an seiner urbanen Existenz.

Einen Übergang zur dritten Phase finden wir in dem großformatigen Bild "Umkreisung" von 1979. Dieses besitzt bereits konstruktive Festigkeit in den dominierenden senkrechten Pfosten, welche in rotierender Bewegung umschlungen werden. Dieses Gebilde hebt sich, umgrenzt durch ein mit spielerischer Leichtigkeit gezeichnetes lineares Gerüst, räumlich aus der Fläche heraus. Bewegungsspuren als Tachismen, konstruktive Elemente und ornamentales Experiment gelangen hier zu einer glücklichen Synthese.

Auf die naturalistisch orientierte erste Phase und die subjektiv bestimmten Experimente der zweiten Phase im Werk von Hans-Peter Hauf folgte erst in den letzten vier Wochen die dritte Phase als ein Versuch, das Bildgeschehen zu ordnen, die Bildmittel von einer stärker objektivierten Position her zu untersuchen. Während der Künstler nach subjektiver Ruhe sucht, beginnt er, die Linie, welche sich bisher im Bildraum frei entfalten konnte, zu disziplinieren. Jene Kontrolle durch das orthogonale System befreit die Bildmitte von allen Turbulenzen und öffnet aufs neue die Schleusen der Phantasie - nun auch für den Betrachter. Denn indem Hauf die Linie mit malerischen Mitteln veranschaulicht, sie an die Peripherie drängt und dem Bildraum dienstbar macht, gewinnt die Fläche in ungeahnter Weise an Sensibilität. Zugleich beginnt Hauf, ein bildnerisches Vokabular zu entwickeln, das in seiner Exaktheit an Begriffliches grenzt.

Unsere Vermutung geht wohl nicht zu weit, wenn wir annehmen, daß auch jene konstruktive Phase in der Arbeit von Hans-Peter Hauf nur eine weitere Station in einer völlig offenen Entwicklung ist, auf deren Fortgang man gespannt sein kann.