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Kunst im Freien

Ausstellungseröffnung 15.06.1980. Kirchheim unter Teck

Der Titel der Ausstellung, die nun zum dritten Mal in Kirchheim stattfindet, war wohl ursprünglich ganz schlicht und unkapriziös gemeint. Zum einen: Kunstwerke, deren Dimensionen und deren mitvermeinte negative Räumlichkeit einen Innenraum sprengen würden, müssen nach draußen. Zum anderen: Eine Kunst, die nicht nur für eine vermeintliche Elite, fürs Bildungsbürgertum da sein will, sondern - sagen wir's ruhig noch einmal - die für alle da sein soll, muß im Freien ihren Ort finden. Sie muß zu den Menschen gebracht werden, wenn diese nicht den Weg zu ihr finden. Daß dieser Gedanke, der weiterhin hinter dem Ausstellungskonzept steht, auch diesmal nicht konsequent realisiert wurde, daß also die Plastiken sehr schön plaziert hier im Kornhaus und im Mackschen Garten stehen und nicht etwa in der Marktstraße, hat versicherungstechnische (d. h. genauer: finanzielle) Gründe. Der Grundgedanke bleibt nichtsdestoweniger wesentlich und letztlich der Kern des Ausstellungskonzepts der 'Kunst im Freien'. Dieses wäre realisiert, wenn z. B. im nächsten Jahr wie bisher Objekte im Kornhaus und im Garten Mack zu sehen wären, darüber hinaus aber einige unempfindliche Skulpturen und Stahlplastiken im Fußgängerbereich aufgestellt werden könnten. Ich möchte den Kunstbeirat ermutigen, diesen Gedanken weiter zu verfolgen. Ich möchte die Stadtväter ermuntern, die zusätzlich anfallenden Transport- und Versicherungskosten großzügig zu bewilligen. Denn hier bietet sich die Möglichkeit, Kulturpolitik einmal anders als nach dem üblichen zweigleisigen Schema zu praktizieren. Nämlich: Theater, Konzerte und Ausstellungen für den einen Teil der Bevölkerung und das sog. volkstümliche Vereinsleben für den Rest. Ich weiß, daß es nicht einfach ist, die angedeutete Alternative in die Praxis umzusetzen. Aber es ist notwendig und eine kommunalpädagogische Aufgabe, auch anspruchsvolles Kulturgut an alle Bevölkerungsschichten heranzutragen. Damit eröffnen wir der Bevölkerung nicht nur neue Quellen des Genießens, sondern leisten auch ein Stück ästhetische Erziehung im ursprünglichen Sinne.

Natürlich wäre es erfreulich und auch wünschenswert, wenn die Stadt jährlich eine monumentale Plastik erwerben, einen Auftrag vergeben oder einen Preis aussetzen könnte. Doch sieht auch der Laie, daß die Kommune bald an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit stoßen müßte. Allerdings gäbe es hier durchaus ein mäzenatisches Betätigungsfeld für größere ortsansässige Industriebetriebe. Ich könnte mir durchaus vorstellen, daß ein aufgeschlossener Unternehmer, der seine öffentliche Verantwortlichkeit erkannt hat, in dem Kunstbeirat der Stadt Kirchheim einen kooperativen Gesprächspartner fände.

Ich sagte eingangs, daß das Ausstellungskonzept der 'Kunst im Freien' einen durchsichtigen und einleuchtenden Grundgedanken hat: Indem sie räumlich expansive Objekte zeigt, muß sie ins Freie gehen, und sie tut dies aus Überzeugung, weil sie die Öffentlichkeit erreichen will. Darüber hinaus können wir einem weiteren Charakteristikum jenes Verhältnisses von Kunst und Öffentlichkeit auf die Spur kommen. Fast von selbst stellt sich bei näherem Hinsehen eine Frage: Nicht nur die Kunst im Freien - hat nicht Kunst überhaupt etwas konstitutiv mit Freiheit zu tun? Nun, sie hat es in der Tat und gleich in zweifacher Beziehung: Als Bedingung und als Folge. Das ist so zu verstehen: Kunst benötigt Freiheit. Nur in einem freien Gemeinwesen, in dem weder die Freiheit des Denkens noch die des Redens beschnitten wird, kann die Kunst sich so entfalten, daß sie alle ihre Funktionen erfüllt. D. h., sie wird nicht nur das Schöne und das Gute ins Bild setzen, sie wird nicht nur diese Wirklichkeit anschaubar und begreifbar machen, sondern auch immer einen Schritt darüber hinaus tun. In einem intakten Gemeinwesen ist sie es, welche in Gestalt von Kreativität Entwicklungen vorantreibt und Zukunft letztlich ermöglicht. Denn vom Ticken der Uhr und vom Fallen der Kalenderblätter allein kommt noch kein besseres Morgen. Wohlstand und wirtschaftliche Prosperität einerseits und geistiger Stillstand andererseits schließen einander keineswegs aus.

Doch ist uns schon jeder neue Tag etwas schuldig geblieben, und meist wissen wir heute schon, woran es morgen gebrechen wird: An Liebe, an Toleranz, an Freiheit. Nun will ich nicht etwa behaupten, daß ein Kunstwerk oder eine ganze Ausstellung eben jene Lücke füllen könnte. Aber dies ist die der Kunst in die Zukunft. gerichtete, ihre utopische Funktion. - Über Geschmack und selbst über künstlerische Qualität kann man streiten; aber niemals darüber, daß ein kritisches Kunstwerk in seiner Negativität unsere Realität überträfe, d. h., schlechter sei als unsere schlechte Wirklichkeit. Machen Sie in dieser Ausstellung die Probe aufs Exempel, und Sie werden zu keinem anderen Resultat kommen!

Wenn ich heute und an dieser Stelle darauf verzichte - ganz gegen meine Gewohnheit übrigens - auch in das Verständnis der ausgestellten Werke einzuführen, so geschieht das zum einen, weil man nicht immer alles sagen kann. Zum anderen aber ist es eigentlich die Konsequenz eines Eröffnungsredners von 'Kunst im Freien'. Auch der Besucher soll die Freiheit behalten, mit eigenen Augen zu sehen und selber zu fragen.

Hüseyin Altin, Ingrid Dahn, Wolfgang Klein, David D. Lauer, Heinz Pistol, Max Schmitz und Raymond E. Waydelich haben bereits Fragen gestellt, und ihre Antworten stehen nun sichtbar und unbequem im Raum. Die Künstler werden gerne mit Ihnen über ihre Arbeiten sprechen, wenn Sie keine endgültigen Antworten und keine Patentrezepte erwarten.

Ich wünsche der Ausstellung 'Kunst im Freien' insgesamt einen guten Verlauf, d. h., den Künstlern einige Verkäufe und Ihnen viele Anregungen und ein wenig Freude.