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Hans-Peter Hauf und Jürgen Kierspel

Ausstellungseröffnung 29.06.1980. Spendhaus Reutlingen

Im Reutlinger Spendhaus stellen ein Maler und ein Kastenmacher gemeinsam aus. Wie reimt sich das zusammen?

Hans-Peter Hauf und Jürgen Kierspel sind seit Jahren miteinander befreundet. Beide fanden über Umwege zu ihrer künstlerischen Arbeit. Sie studierten an der Kunstakademie in Stuttgart, wobei ihnen die gemeinsame Zeit bei Prof. Haegele besonders wichtig war. Seit 1977 sind die beiden Künstler freischaffend tätig. - Was die beiden unterschiedlichen Charaktere miteinander verbindet, ist weniger eine gemeinsame künstlerische Intention als vielmehr persönliche Sympathie sowie die Achtung und Wertschätzung der Arbeit des Freundes. Ihre Beziehung fassen Hauf und Kierspel nicht konkurrierend, sondern komplementär auf. So können sie über die Toleranz zum andern auch durchaus bis zu konstruktiver Kritik vordringen, ohne dem anderen die eigenen Absichten aufdrängen zu wollen. - Was macht nun aber das je Eigene der beiden Künstler aus?

Hans-Peter Hauf ist Maler mit Haut und Haaren. Ihn fasziniert der Umgang mit der Farbmaterie seit seiner Jugend. Während er früher, dem elterlichen Wunsch nachkommend, genötigt war, Holz, Metall u. a. Materialien durch Auftragen homogener Farbmassen in leblose Flächen zu verwandeln, behauptet er nun bewußt seine Freiheit vom falsch verstandenen handwerklichen Perfektionismus. Trotzdem haben seine Bilder nichts Ungefähres; was sie charakterisiert, ist die Genauigkeit des Informellen, die Präzision ihrer Freiheit. Insofern ist auch der Begriff des Realismus für Hauf durchaus nicht tabu. Doch bezieht er sich für ihn nicht auf die äußere Realität, sondern auf die Mittel und den Umgang mit dem Werkzeug.

Hans-Peter Hauf zeigt hier Arbeiten aus den letzten beiden Jahren. Dabei ist es für mich faszinierend, wie diese Bilder eines Künstlers, dessen Denken ungetrübt ist von jeglichem Zweifel an der Autonomie der Kunst, immer wieder bestimmt werden durch ein didaktisches Moment. Doch dürfen wir dieses nicht als etwas Lehrhaftes, etwas Schulmeisterliches mißverstehen. Was in der chronologischen Abfolge von Haufs Bildern sichtbar wird, ist eher eine Art Autodidaktik der Malerei, also eine Didaktik des Malens für das Subjekt des Künstlers.

Jene autodidaktische Dimension zieht sich wie ein roter Faden durch Haufs Bilder, während andere Faktoren - etwa Thematisches, Strukturelles oder Technisches - nur als transitorische Momente die Intention des Künstlers mitbestimmen.

Die Bilder von Hans-Peter Hauf offenbaren sich dem Betrachter leicht, wenn dieser sie schlicht gemäß ihrer Struktur, möglichst von hinten nach vorne, d. h. im Sinne ihrer Genese beschreibt. Dann zeigt sich, daß sie nichts Geheimnisvolles mit sich führen, sondern das bildnerische Denken des Künstlers auf eine ganz unkapriziöse Weise anschaulich machen.

In den Arbeiten von 1979 beginnt Hauf meist mit einer Kreideskizze, wobei er direkt auf dem Grund sein intentionales Feld abschreitet. Als nächstes folgt eine flächige Schicht, die, geometrisch gespachtelt oder als spontane Geste gemalt oder gewischt, einen ersten Prospekt bildet. Mit ihren bizarren Konturen verlangen diese Spuren einer eher verspielten als kontrollierten Motorik nun nach Ruhe. So übermalt Hauf weite Partien seiner Tachismen, so dass nurmehr Akzente für die streng abgesteckten Rechtecke sichtbar bleiben. In diesem Stadium kann das Bild bereits in sich Genüge finden, oder es treten gelegentlich noch zeichenhafte Grapheme hinzu, welche nur selten eine semantische Funktion übernehmen. Der Horizont als allgemeinstes Zeichen für Landschaftliches hat sich bei Hauf bis in das Jahr 1979 durchgehalten. Doch sind das eher Relikte, und Hauf bemüht sich nun schon seit Jahren, die Naturalismen aus seiner Kunst konsequent zu verdrängen. Deshalb ist die zweite Entwicklungsreihe von 1979 wohl typischer, in welcher er mit gespachtelten Feldern und Balken seinen intentionalen Raum bestimmt. Erst dann treten Linien hinzu; so bei dem Bild "Gleitende Linie" mit einem Geviert und Mittelachse, an welche sich rechtsseitig eine Schraffur anschließt. Wie der Titel uns signalisiert, geht es Hauf hier nicht um statisch Kompositionelles, sondern um Bewegung in der Fläche. Ähnliches finden wir bei weiteren Bildern von 1979, nicht zuletzt bei der monumentalen "Umkreisung".

Wenn man früher die weiß gekalkten Wände eines Zimmers mit einem tapetenartigen Muster einwalzte, tat man dies gegen Gebrauchsspuren, gegen die tötende Klarheit, gegen den horror vacui. Hans-Peter Hauf hat seit etwa einem Jahr mit einem Walzapparat konsequent experimentiert, bevor er die Resultate der Öffentlichkeit vorstellt. Um das Ornamentale zu überwinden, verdichtet er die Muster, so daß grafische Irritationen, malerische Verwerfungen und räumliche Verschiebungen entstehen. Schließlich trägt er bei den großflächigen Tafeln modulierte Kanten auf, so daß Kulissenartiges oder Taschenartiges sich bildet, worin Hauf eine mögliche inhaltliche Intention noch einmal verschwinden lassen kann.

Die fast quadratischen Tafeln mittleren Formats machen deutlich, wie Hauf die rationale Flächenfüllung hinter sich läßt und gestaltete Fläche neu definiert. Dabei gibt es für ihn keinen qualitativen Unterschied zwischen Pinsel und Walze.

Über den Rand hinaus, um die Rahmenkante herum zieht sich das Pattern-Bild oben, links und rechts. Nur unten läßt Hauf die Schichten sich auflösen, so daß der Arbeitsprozeß ein Stück Wegs sichtbar bleibt.

Mit dem erst in diesen Tagen fertiggestellten Exponat zieht Hans-Peter Hauf eine Summe und eröffnet Perspektiven. Den Pattern-Würfel sieht Hauf als umgestülpten Raum. Nach dem Verzicht auf den illusionistischen Raum vollzieht er den Schritt von der Fläche in den realen Raum. Dies geht nicht zuletzt auch zurück auf die Zusammenarbeit mit Jürgen Kierspel.

Ist Jürgen Kierspel eigentlich ein Künstler? Er selbst bekennt sich zu dieser Berufsbezeichnung lediglich im Telefonbuch. Gelegentlich bezeichnet er sich als Kastenbauer oder Boxer, und es freut ihn, wenn ein Kritiker eine neue Berufsbezeichnung für ihn findet, z. B.: Steinbohrer. Durch solch ironisierendes Pars-pro-toto macht er jedoch einmal mehr deutlich, daß man über derartige Kategorisierungen seine Person sicher nicht treffen kann, sondern eben nur einen recht begrenzten Aspekt. Kierspel sieht diesen Widerspruch, doch hält er es nicht für seine Aufgabe, ihn aufzulösen - im Gegenteil. Da seine Zeitgenossen unwissend und neugierig in gleicher Weise sind, neigt er eher dazu, das Paradox auf die Spitze zu treiben, bis auch der Letzte merkt, daß es dies wohl doch nicht sein kann. - Da ist z. B. Kierspels Bart. In mehreren Bildern und Kästen wird er thematisiert. Ja, sogar in einem Siegel und einem Signetstempel finden wir ihn wieder. Sind das etwa die eitlen Ausgeburten eines künstlerischen Narzisten oder gar masochistische Anwandlungen eines Menschen, der sich stilisiert, weil er seine Identität verloren hätte? Nun, Jürgen Kierspel sind solche Gedankengänge nicht fremd. Er kennt die Bedingungen des Kunstmarkts, und Wissen und Selbstbewußtsein sind ihm relative Begriffe. Aber gerade deshalb steht er sicherer in seiner schlapprigen Cordhose als mancher Zeitgenosse im Maßanzug. So muß ihm die Berufsbezeichnung "Künstler" ebenso suspekt erscheinen wie eine Künstlerexistenz, welche die Totalität des Lebens verfehlt. Angedeutet finden wir diese auf einem Schild, das in Kierspels Werkstatt hängt:

Jürgen Kierspel
Mensch
Sprechstunden täglich nach Vereinbarung

Dies ist denn auch das Thema der Arbeiten von Jürgen Kierspel: Der Mensch und das Ich. Der sich selbstironisch als Spezialist stilisierende Künstler erweist sich somit als der eigentliche Generalist. Inwieweit läßt sich das in den Arbeiten von Jürgen Kierspel ablesen?

Im Gegensatz zur black box der Lernpsychologie ist der Inhalt von Kierspels Kästen einsehbar. Die vermittelten Einsichten jedoch streuen weit. Gemeinsam ist allen gezeigten Objekten, daß es sich um Fundstücke handelt. Dabei haben die frühen Kästen als Reisebeschreibungen dokumentarischen oder als Selbstbildnisse im weitesten Sinne subjektiven oder auch psychografischen Charakter, während die letzten Kästen einen deutlich didaktischen Zug mit sich führen. Die Kästen, welche ursprünglich Schutz- und Rahmenfunktion hatten, beginnen sich dem Objekt anzupassen, um dieses schließlich frei zu umspielen. Ein ungebundener Umgang mit Figur und Grund relativiert beide und setzt neue Maßstäbe - auch über die Formalien hinaus. Da wird nicht. nur die schwäbische Kehrwoche mit Schippe und Besen traktiert, denn Putzwut im Kleinen und Umweltverschmutzung im Großen bilden unsere Realität.

Jürgen Kierspels Bücher in dieser Ausstellung sind Literatur, Grafik und Plastik in einem. Die manifeste Gestalt gibt den Titel und verweist auf den sichtbar und greifbar gewordenen Inhalt, welchen man darüber hinaus auch lesend - und zwar innerhalb von wenigen Sekunden - erfassen kann.

Jürgen Kierspel mag Kiesel - schon wegen des hinkenden Reims. Er durchbohrt Steine, schraubt sie zusammen bzw. verbindet sie über Gewindestangen. Oder er schraubt sie an eine Glaswand oder an ein Beil. Die so entstehenden Objekte erinnern trotz der Heterogenität der Materialien und der Form an Prähistorisches - überzeugen uns intuitiv von ihrer Authentizität. Eine Primärhandlung mit Schlüsselfunktion bedeutet für Kierspel das Bohren des Steins - nicht nur Wegen der damit verbundenen technischen Schwierigkeiten. Diese Arbeit können wir als Symbol eines Suchens nach Sinn sehen, wobei gezeigt wird, wie man es anzustellen hat, das Unwahrscheinliche zu vollbringen. Bezeichnenderweise entsteht als Resultat kein futuristisches, sondern ein eher pseudo-archaisches Objekt.

Zeichnung und Malerei als die traditionellen und sozusagen branchenüblichen Verfahren der bildenden Kunst übt Jürgen Kierspel mit Zurückhaltung aus. Auf Zeitungspapier zeichnet und malt er schlichte aber ausdrucksstarke Stilleben - Gegenstände aus seiner alltäglichen Umgebung. - Dem weißen Zeichenkarton zieht Kierspel das durch vorherige Benutzung zum Abfall gewordene Papier vor. So kann er unmittelbar und unbefangen mit der Arbeit beginnen, ohne vorher, wie Kandinsky das einmal beschrieben hat, vor der weißen Fläche in Andacht meditieren zu müssen. - Mit den Briefumschlägen als Zeichen- und Malgrund hat das eine eigene Bewandtnis. Vor knapp zwei Jahren entdeckte Kierspel, daß die Rückseite eines Briefumschlags ja bereits eine fertige Landschaft ist. Daß auch das Bild des Hauses in den Briefumschlag eingegangen ist, verdankt Kierspel der Zusammenarbeit mit Hans-Peter Hauf. - Später kommen zu den überzeichneten und übermalten Briefumschlägen noch Reihungen, welche durch eine einfache malerische Geste akzentuiert werden. Hier demonstriert Kierspel ähnlich wie Hauf autodidaktisch Gestaltungsprinzipien und läßt diese auch in Dingliches hinüberspielen.

Beim Thema Landschaft kommen Jürgen Kierspel und Hans-Peter Hauf einander besonders nahe. Wiewohl beide auch hier ihre je besondere Intention verfolgen, gehen kreative Impulse herüber und hinüber. Diese Form der freien Kooperation, in der man den anderen in seiner Individualität sein läßt und darauf verzichtet, an ihm schulmeisterlich herumzuerziehen, sollte wohl auch über das künstlerische Metier hinaus in unserer Gesellschaft an Bedeutung gewinnen.