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Jürgen Mack: Reliefbilder und Collagen

Ausstellungseröffnung 27.01.1981. Galerie Domberger Reutlingen

Die Reliefbilder und Collagen von Jürgen Mack halten sich in scheuer Distanz zum Betrachter, schotten sich ab vor diesem. Selbst wenn die Bilder dinghafte Assoziationen wecken, werden diese doch sogleich wieder zurückgenommen, noch bevor plumpe Vertraulichkeit sich einstellen kann. Illusionistische Momente deuten sich wohl bisweilen an, doch werden sie nie bis ins Didaktische vorangetrieben. Jürgen Mack verweigert sich dem eiligen Zeitgenossen, der sozusagen im Vorbeigehen plakativ Vertrautes aufschnappen möchte. Mack lehnt es ab, den Erwartungen des Kunstmarkts auf Selbststilisierung des Künstlers entgegenzukommen. Anstatt natürliche Akzente bis zur Banalität zu überhöhen, nimmt er diese eher zurück und sucht nach Zwischentönen dort, wo wir schon Leere vermuteten.

Gewiß, der sensible und geduldige Beschauer wird nicht enttäuscht von Macks Reliefbildern. Ihm bieten sich differenzierte Flachräume sowie Valeurs und Farbvibrationen in ausbalancierter Komposition zum sinnlichen Genießen an. Diese unliterarische und durchaus musikalische Abstraktheit kann sowohl in der Stilgeschichte der sog. Moderne als auch innerhalb der Biografie des Künstlers legitimiert werden. In eigenen Deutungsversuchen hält Jürgen Mack sich selber in diesem Rahmen, wenn er Bildtitel ausschließt und Interpretationen innerhalb formalisierter ästhetischer Kategorien halten möchte. - Diese Form eines gemäßigt kontrollierbaren und gewissermaßen abgesicherten Rezipierens und Vermittelns von Kunstwerken mag ihren Sinn haben, kann Interesse wecken und Freude bereiten. Doch darf der Betrachter auch weiter fragen - darf ich fragen: Wenn Kunstwerke Wirklichkeit vermitteln - was ist dann die Wirklichkeit des Malers Jürgen Mack?

Jürgen Mack wurde 1931 geboren. Er studierte Musik in München, Detmold und Paris. Ab etwa 1960 beginnen seine Versuche mit experimenteller Fotografie, aus denen bisher unbeachtete Dokumente des fotografischen Tachismus hervorgingen. Vor allem unter dem Eindruck von Antonio Tapies malt, spachtelt und montiert Jürgen Mack Mitte der 60er Jahre seine ersten informellen Reliefbilder von geradezu archaischer Struktur: Auf den massiven Malgrund setzt Mack eine blockhafte plastische, meist schwarze Masse, innerhalb deren er lediglich die Horizontale markiert. Diese frühen Arbeiten sind von einer unbändigen Dynamik, welche den direkten Weg von der Motorik in die Materie nehmen.

Nach einer deutlichen Zäsur Ende der 60er Jahre sieht Fritz Ruoff die frühen Arbeiten von Jürgen Mack und ermutigt diesen zu intensiverer Weiterarbeit. Durch den nun folgenden kontinuierlichen Kontakt mit Ruoff, durch Ermutigung, Anregung und Kritik werden aus autodidaktischen Experimenten bald Lehre und systematische Versuche in den strengen Regeln eines reduzierten Konstruktivismus. Die plastisch bildbare Materie wird durch festes Plattenmaterial ersetzt, Farbnuancen bilden nur noch minimale Vibrationen um das Zentrum Schwarz, die Struktur befragt immer wieder das Gesetz der Horizontalen und nur nebenbei die Vertikale. Alle Vitalität der tachistischen Geste scheint verloren und vergessen. Die Person des Künstlers tritt ganz hinter den Anspruch der Sache, hinter die strengen Regeln der Komposition zurück.

Die dritte Schaffensperiode Jürgen Macks beginnt 1978, als er kleinformatige Collagen aus Zeitungspapier klebt und diese zunächst fast völlig mit Grafit abdeckt. Bei dem von Mack für seine Arbeiten bevorzugten Streiflicht zeigt sich, daß nun alle bisherigen Versuche zu einer Synthese finden. Während die strenge Zucht der Struktur nur mäßig gelockert wird, tritt der Materialcharakter der Papierschichten, der Wechsel glänzender Grafitmasse und vom spitzen Stift aufgepflügtem Grund mit sich sträubenden Papierfasern deutlich hervor.

Ab 1980 gewinnt Jürgen Mack, nicht zuletzt unter dem Eindruck der Begegnung mit Person und Werk Raymond Waydelichs, seine ursprüngliche Dynamik in geläuterter Form zurück. Die Freiheit der unbewußten Geste konnte nach der Schule des Konstruktiven zu handwerklicher Virtuosität sich fortentwickeln. So vermag Jürgen Mack nun auch heterogene Materialien und bisweilen raumgreifende Elemente in das Relief zu integrieren. Hier kann der Betrachter nachvollziehen, wie der Künstler von der Poesie der Dinge erfaßt wurde.

Besondere Beachtung verdienen die jüngsten Collagen, da sich hier neue Perspektiven im Werk Jürgen Macks eröffnen. - Bereits in den konstruktiven Reliefs wurden dem Betrachter gelegentlich Assoziationen an Landschaftliches oder auch Figürliches angeboten. Doch war das kaum mehr als eine freundliche Beigabe zum ästhetisierenden Konstrukt. Seitdem Jürgen Mack seine Collagen jedoch nicht mehr gänzlich einschwärzt, treten zwischen den schmalen Schattenbahnen überraschende Realitätsfragmente hervor. Es sind Versatzstücke unserer und des Künstlers Wirklichkeit, welche in eigentümlichen Konstellationen irritierende Raumillusionen vermitteln, die an de Chirico oder Max Ernst gemahnen. - Da Jürgen Mack eine gesunde Abneigung gegen alles Naturalistische hat, erhält die Verfremdung eine Schlüsselfunktion in seinen Collagen. Der bisweilen angewandte Kopfstand der Dinge zeigt in exemplarischer Weise, wie formale und inhaltliche Funktion in einem schlüssigen Bild in eins gehen kann. Denn die Verkehrung des Gewohnten irritiert nicht nur den Betrachter, sie aktiviert ihn auch, indem dieser zum Fragen angestoßen wird. Und schließlich ist es noch gar nicht ausgemacht, ob nicht - ganz im Gegensatz zu unserer selbstverständlichen Überzeugung - der Künstler gar die verkehrte Welt auf die Beine stellt!