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Sigrun C. Schleheck: Malerei; Collagen

Ausstellungseröffnung 21.03.1981. Galerie Arte-Fakt Unterenseingen

Um die hier ausgestellten Malereien und Collagen von Sigrun C. Schleheck adäquat beurteilen zu können, ist es notwendig, diese innerhalb des Gesamt-Oeuvres einzuordnen. Sigrun Schleheck kultivierte ab 1973 über etwa 5 Jahre die Aquarellmalerei für sich. Dabei ging sie zunächst von Farbproblemen aus, um später in mehr selbsterzeugten als intendierten Modulationen Raumtiefe zu gewinnen. Als sie das eigenwillige Verfahren zum Erzeugen malerischer Qualitäten zunehmend beherrschte, wandte sie sich wieder der schon länger vertrauten Zeichnung zu. Doch die Situation hatte sich grundlegend geändert, da die Präzision der Bleistiftspitze, welche zugespitzte Intentionalität überhaupt repräsentieren kann, jetzt nicht mehr fremdbestimmt war. So konnte alle Genauigkeit nun in den Dienst des künstlerischen Subjekts treten. - Es entstehen um 1978 Buntstiftzeichnungen von unglaublicher Präzision, skurriler Surrealität, aber kühler Distanz. In dieser Zeit brilliert Sigrun Schleheck geradezu mit ihrem Können und ihrer Phantasie. Mit dem Höhepunkt beginnt sich aber auch ein krisenhafter Umschlag abzuzeichnen. Sicher war es nicht zuletzt das Aktzeichnen, das die Aufmerksamkeit auf Bedeutsameres gelenkt hatte. Symptomatisch für die Wende scheint mir die Montage einer weiblichen Halbfigur, die in der gesichtslosen Allgemeinheit eines Brettumrisses eine Identifikation der Künstlerin nahe legt. Der perforierte Kopf signalisiert Aggression gegen die eigene Person. Der Grund könnte wohl in den beiden Aspekten liegen, in welchen dieses Materialbild sich von allen bisherigen so grundlegend unterscheidet. Die primären Geschlechtsmerkmale verweisen auf ein spezifisches Rollenproblem; das grobschlächtig bearbeitete Brett zeigt, daß Sigrun Schleheck nach neuen Maßstäben sucht. Sie mußte erfahren, daß die Präzision des scharfen Konturs, dass die Exaktheit der Geometrie nur scheinbare Sicherheit gewährt, und daß wirkliche Sicherheit aus der Person selber kommen muß. Die darauf folgenden Bemühungen, die Dokumente einer anschaulichen Erforschung des Subjekts, der ästhetischen Darstellung primärer Beziehungen und der Versuch, aus bewußter Introspektion objektive Maßstäbe zu gewinnen, werden in dieser Ausstellung vorgeführt. Diese gliedert sich in drei Hauptgruppen: Es sind dies die Lyrik-Serie, die stillebenhaften Tafelbilder und die COL-Serie.

Die Lyrik-Serie war ursprünglich als Mappe geplant, d. h., als Konfrontation von Bild und Text in dem Sinne, daß ein gefalteter Doppelbogen als Träger des Textes das jeweils dazugehörige Bild umschlossen hätte. Lediglich aufgrund pragmatischer Überlegungen ist Sigrun Schleheck von dieser Form einer introvertierten Anti-Präsentation abgekommen. Das Interesse der Künstlerin an der adäquaten Rezeption ihrer Werke als Produkte von körperlicher Arbeit und von Bewußtseinsprozessen einerseits und das Interesse des goutierenden Publikums an distanzierender Präsentation andererseits bilden für Sigrun Schleheck weiterhin einen unauflöslichen Widerspruch. Insofern bedeutet die hier versuchte Präsentation einen Kompromiß, der den Interessenkonflikt insofern darstellt, als Arbeitsspuren sichtbar bleiben, welche zugleich im Rahmen und hinter Glas eine Entfremdung erfahren.

Sigrun Schleheck befaßte sich über ein viertel Jahr mit lyrischen Texten u. a. von Giuseppe Ungaretti, B. Brecht, G. B. Fuchs, Max Jacob, Karin Voigt und Baudelaire. Während einer Woche ging sie mit einem Text um und malte ein Bild. Entstanden sind keine Illustrationen. Es sind Dokumentationen - von Arbeit. Es sind Illuminationen - also sichtbar gewordene Einsichten. Schließlich bleiben es Konfrontationen - von Text und Bild. Doch sind die Stege schmal geworden zwischen beiden und für den Rezipienten kaum noch begehbar. Selbst die Künstlerin gesteht zu, daß das fertige Bild nur noch wenig mit dem Text gemein hat. Der Text hat Impulse gegeben, Gedanken in Bewegung gesetzt und Imaginationen evoziert. - Es ist durchaus nicht so, wie der Laie gelegentlich meint, daß etwa Arbeitsteilung herrsche zwischen den Organen der Künstlerperson. Vielmehr werden diese universell eingesetzt. Am vielseitigsten ist die Hand, denn sie dient nicht nur als Werkzeug, sondern auch als Wahrnehmungsorgan. Sie nimmt die eigenen Aktionen sowie das Verhalten von Material und Werkzeug wahr und reagiert sinnvoll darauf. Deshalb wurde auch gelegentlich gesagt, die Hand sei das Denkorgan des Künstlers. Und das Auge, es nimmt nicht nur wahr, es wertet bereits das Erkannte positiv oder negativ und steuert so vor dem Intellekt die Aktion der Hand.

Sigrun Schleheck hat mit ihren nunmehr ca. 3 Jahre zurückliegenden Buntstiftzeichnungen bewiesen, daß sie fähig ist, eine intelligente Kunst zu schaffen. Inzwischen sind ihr anschauliche und emotionale Qualitäten wichtiger geworden.

Die großformatigen Tafelmalereien mit stillebenhaften Motiven sind, wie alle übrigen hier gezeigten Arbeiten, mit Tempera auf ein leichtes Leintuch, also nicht wie üblich, auf Roh-Leinwand gemalt. Obgleich Sigrun Schleheck bei dieser Gruppe die beim Aufspannen zustande kommenden Texturverschiebungen nicht sichtbar werden läßt, bleibt ein den spezifisch künstlerischen Arbeitsprozeß dokumentierendes didaktisches Moment erhalten. Denn die illusionistische Projektion plastischer Dinglichkeit in die Fläche wird nie stringent durchgehalten. Vielmehr wächst Gegenständliches aus unbestimmtem malerischem Raum oder aus der unbekümmert gesetzten grafischen Geste heraus. So kann der Rezipientenwunsch nach distanzierter Illusion nicht erfüllt werden und das Werk kann auch nie zum schönen Schein verkommen.

Die COL-Serie macht die quantitativ größte Gruppe unter den hier gezeigten Bildern aus und repräsentiert wohl auch am deutlichsten den derzeitigen Schwerpunkt in Sigrun Schlehecks Arbeit. - Bei der COL-Serie handelt es sich, wie die Abkürzung sagt, um Collagen, jedoch nicht im üblichen Sinne des 'papier collé', sondern es sind wohl eher Montagen oder Mischtechniken. Denn auf den straff aufgespannten grundierten von Sigrun Schleheck bevorzugten Leinenfetzen zeichnet, malt, klebt, montiert, assembliert und schreibt sie. Diese Freiheit in der Methode findet ihr Äquivalent in einer offenen Intentionalität. Offenheit in der COL-Serie bedeutet, daß die Künstlerin sich hier keine maltechnischen Beschränkungen auferlegt und die puristischen Grundsätze von Materialgerechtigkeit unbekümmert umstößt. Dies schließt nicht aus, daß sie neben der Arbeit an der einzelnen Collage maltechnische Experimente durchführt und dann auch in das aktuelle Vorhaben einfließen läßt. - Eine offene Intention bedeutet für Sigrun Schleheck auch, daß die Inhalte sich aus dem experimentellen Umgang mit dem Material ergeben, daß sie aus dem ästhetischen Alltag unversehens auf das Leintuch rücken, oder daß sich ganz schlicht kaum rationalisierbare Vorlieben bzw. Aversionen zu bestimmten Dingen, wie der Feder oder dem Fisch, aufdrängen. Die Thematik eines Bildes oder einer Serie ist für Sigrun Schleheck durchaus wichtig, doch verfolgt sie diese nie dogmatisch, sondern bleibt flexibel. So gibt es innerhalb der COL-Serie Arbeiten, die gleichzeitig einer Serie der Gefühle angehören, andere, die sich einer Weiß-Serie zuordnen lassen u. s. w. Die größte Freiheit zeigt Sigrun Schleheck jedoch im Umgang mit den formalen Mitteln. Diese handhabt sie souverän und sozusagen mit traumwandlerischer Sicherheit. Das bestätigt sich auch im Gespräch, wenn sie bei Erklärungsversuchen niemals formal argumentiert.

Gerade weil Sigrun Schleheck nicht versucht, Themen und Inhalte auf einen repräsentativen Geschmack, auf das intersubjektive Interesse einer künftigen Rezipientenschaft auszurichten, bleiben ihre Arbeiten, vor allem die aus der COL-Serie, hermetisch. Noch bevor jedoch aus dieser Tatsache der Kritiker seine spitzen Pfeile schnitzt, muß der Interpret das Umfeld absichern. Das soll heißen: Das solide Handwerk, die rückhaltlose emotionale Ehrlichkeit und die starke Intentionalität, womit die Künstlerin ihre Person in das Werk eingehen läßt, sollten ihr bereits einen Vertrauensvorschuß zusichern. Um der COL-Serie wie allen anderen Arbeiten näher zu kommen, wird von dem Betrachter neben ästhetischer Sensibilität vor allem Selbstkritik gefordert. Denn diese wie Sedimente einer Biografie abgelagerten Gedanken, Vorstellungen und Bilder können unversehens zum Spiegel werden, so daß die scheinbar singuläre künstlerische Dingwelt sich als unsere eigentliche Wirklichkeit erweist.