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Zur Verabschiedung von Prof. Dr. Richard Bellm

am 04.11.1987 an der PH Karlsruhe

In zweierlei Funktion bin ich gebeten worden, hier einige Worte zu sprechen: zum einen als Fachkollege und zum anderen für den Fachbereich V, dessen Leiter, Herr Kollege Fuchs, dem der Termin erst vor zwei Wochen mitgeteilt wurde, nun aufgrund einer anderweitigen Verpflichtung verhindert ist und sich entschuldigen läßt.

Ich lernte Herrn Bellm 1975 kennen. Wir begegneten uns natürlich in den Fachräumen der hiesigen Hochschule, und ich sah ihn in der Rolle des Direktors eines Hochschulinstituts, eines Leiters, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. Anlaß war eine Konferenz der Kunstdozenten des Faches in ganz Baden-Württemberg, und ich konnte beobachten, wie mancher nicht ohne Neid zur Kenntnis nahm, daß hier ein eigenwilliger Kollege seinen eigenen, seinen subjektiven Weg geht.

Als ich 1981 nach Auflösung der PH Esslingen endgültig nach Karlsruhe kam, war das Kollegium in erschreckender Weise geschrumpft. Die Stellen von Herrn Prof. Rumpelhardt und von Herrn Diehl waren dem Rotstift des Finanzministers zum Opfer gefallen, so daß ein bedeutender Teil der fachpraktisch-künstlerischen Ausbildung durch Lehrbeauftragte abgedeckt werden mußte. Das ist übrigens ein Zustand, an dem das Fach noch heute unverändert leidet.

In meinen ersten Monaten konnte ich Herrn Bellm und seinen Stil nun näher kennenlernen. Herr Bellm wußte, was in den einzelnen Veranstaltungen geschieht; er besuchte Lehrbeauftragte, begutachtete Arbeitsergebnisse und gab - keine Weisungen - nein: Ratschläge. Wohlbegründet und so bestimmt, daß ein junger Lehrer sich schon zum Widerspruch wappnen mußte, um dem väterlichen Charme des Professors zu widerstehen.

Natürlich standen bei solchen Gesprächen Fragen der Qualität im Vordergrund - aber Herr Bellm wachte auch immer darüber, daß aus den künstlerischen Studien der angehenden Lehrer keine heimliche Akademie erwuchs. Er forderte das Habhafte für den Alltag des Kunsterziehers: "Themen und Techniken" war ein Standardveranstaltung, die Herr Bellm geprägt hat. Neben dem Machen und der Reflexion der gewonnenen Erfahrungen ging es des weiteren um den schulpraktischen Transfer:

- Wo kann ich das einsetzen?
- Warum nicht früher?
- Wie modifiziere ich die Aufgabe für jüngere/ältere Schüler?
- Welche Probleme können auftreten?

Vor allem die gemeinsamen Prüfungen gaben mir immer wieder Gelegenheit, dem Kollegen Bellm über die Schulter zu schauen. - Nicht daß ich jemals in der Versuchung gestanden hätte, auch nur das kleinste Detail zu übernehmen! Das ließ schon diese verflixte Differenz von einer dreiviertel Generation nicht zu - Sie verstehen mich. Aber die Sicherheit, mit der Herr Bellm jederzeit seine Überzeugungen vertrat - ohne die Spur eines Selbstzweifels - das mußte ich doch bewundern!

Die wohl sympathischste Seite unserer Beziehung waren gewisse kuriose Situationen, die sich in den letzten Jahren öfter wiederholten und die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Da beobachtete ich unvermutet, wie Herr Bellm sich darüber amüsierte, daß ich mich darüber amüsiere, wie er sich amüsiert ... Nur mit größter Mühe konnte er seine Ironie bändigen, wenn es um die neuen Medien Fernsehen, Video und Computer und gar deren Einsatz im Kunstunterricht ging. Andererseits ist bekannt, daß Herr Bellm sich nicht nur für die Verwendung von Unterrichtsmedien eingesetzt hat, sondern auch selber Lichtbildreihen und Unterrichtsfilme hergestellt hat. - Nun, die Monitoren werden zunehmend flacher, und bald kann man sie sich an die Wand hängen wie ein Bild. Und dann, so hat Herr Bellm mir beschieden, wird er sich und seiner Familie einen Fernseher kaufen. Bis es aber so weit sein wird, treffen wir uns immer wieder und manchmal etwas verwundert - vor dem Original - das scheint wohl der adäquate gemeinsame Nenner zu sein.

Zurück zum Fach: Erwähnenswerte Meinungsverschiedenheiten sind wohl nie in diesen gemeinsamen sechs Jahren aufgetreten. So gab es Konsens darüber, in welchem Rahmen das Lehrangebot zu strukturieren ist, was jeder der sog. Hauptamtlichen leisten könne und was durch Lehrbeauftragte abgedeckt werden müßte. Auch konnten wir uns darüber verständigen, gewisse Veranstaltungstypen und -zyklen im Wechsel anzubieten. Im übrigen setzte natürlich jeder seine eigenen Akzente.

Unsere Außenaktivitäten waren hingegen so konträr, wie man sich das nur denken kann. Außerhalb der PH sind wir uns recht selten begegnet. Es waren andere Ausstellungen, die wir besuchten, andere Themen, zu denen wir Vorträge hielten, andere Reiseziele, die wir uns setzten. Trotzdem war man jederzeit informiert, was der Kollege tat, woran er gerade arbeitete. So gab Herr Bellm mir regelmäßig seine Bildbetrachtungen aus dem Konradsblatt zu lesen, während ich ihn mit meinen eigenen Druckwerken versorgte. Ausgetauscht wurde - wie gesagt - was austauschbar war.

Von Hochschul- und Fachpolitik hatte Herr Bellm seine eigene Vorstellung. Die Effektivität langwieriger Sitzungen schätzte er recht skeptisch ein. Da war seine Zeit als stellvertretender Fachbereichsleiter noch vergleichsweise produktiv, denn da gab es wenigstens etwas zu protokollieren oder - wenn's gar zu turbulent wurde - auch etwas zu skizzieren. - Saß man hingegen etwas abseits mit ihm, so konnte er sich nur selten eine ironische Bemerkung verkneifen, in der er andeutete, worauf das Ganze hinauslaufen würde, notwendig hinauslaufen müßte, wenn erst alle den Kropf geleert hätten. Und meistens behielt er recht. - In einem persönlichen Gespräch am Rande erreichte er dann müheloser, was auf dem öffentlichen Forum kaum realisierbar schien. - Ähnlich stand es mit seiner Rolle in der Fachpolitik. Bei Sitzungen der Landesdozentenkonferenz sah man ihn selten, es sei denn, sie hätte in Karlsruhe getagt. Doch hatte Herr Bellm längst sein fachpolitisches Arbeitsfeld gefunden. Da waren außer der Hochschule die Museumspädagogik der Kunsthalle, das Landesmuseum, die Landesbildstelle und nicht zuletzt die Schulen der Stadt und des Schulamtsbezirks Karlsruhe. Wurde hier eine Mentorin, ein Ausbildungslehrer, dort ein Rektor, eine Fachlehrerin gesucht - Herr Bellm wußte durch behutsamen Hinweis und auch mit Nachdruck den richtigen Kollegen an den rechten Platz zu vermitteln.

Von dem Künstler Richard Bellm kenne ich kleinformatige Gouachen und Aquarelle, auf denen der Pinsel mit leichter Hand geführt wurde und er den kühlen Dunst mit frappierender Sicherheit eingefangen hat. Noch wichtiger scheint für Herrn Bellm das Zeichnen zu sein. Ich vermute, es gibt für ihn kaum etwas Beständigeres. Es bildet sozusagen sein permanentes Notationsmedium. So kommt es, daß sich hier auch das Repertoire am weitesten öffnet - das Grafische reicht von der flüchtigen Skizze über die zweckgebundene Illustration bis hin zum kleinen aber ambitionierten Kunstwerk.

Es gäbe sicher noch einiges zu sagen über die wissenschaftliche Arbeit von Herrn Bellm, dessen Publikationsliste allein 70 Titel umfaßt. Dazu vor Ihnen weiter auszuholen, hieße aber Eulen nach Athen zu tragen. Deshalb fasse ich mich kurz und persönlich.

Lieber Herr Bellm, ich wünsche Ihnen, daß Sie nun viel Zeit haben zum Schreiben und noch mehr Zeit zum Zeichnen hier in Karlsruhe, im Schwarzwald sowie auf den Ihnen vertrauten und vielleicht auch auf neuen Reiserouten zwischen der Toscana und dem Niederrhein.

Schließlich habe ich Ihnen auch zu danken: Nicht nur für das, was Sie für den Fachbereich und das Fach Kunst getan haben. Ich danke Ihnen auch dafür, daß Sie so oft für mich die Rolle eines wandelnden Nachschlagewerks zur christlichen Ikonografie übernahmen und überhaupt, daß Sie sehr viel Geduld mit dem oft ungeduldigen jüngeren Kollegen hatten.