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Horst Peter Schlotter: Mischtechniken, Radierungen

Ausstellungseröffnung 28.11.1981. Galerie im Atelier Remshalden-Geradstetten

Wenn wir feststellen, daß 'Zeichnen' und 'Zeichen' als Wörter nicht nur zum Verwechseln ähnlich, sondern als Begriffe derart aufeinander bezogen sind, daß sie einander definieren, so ist das mehr als ein launiges Wortspiel. Dies besagt, daß, wer zeichnet, zugleich Zeichen setzt für ein anderes, das auf anderem Wege nicht zur Anschauung gebracht Werden, gezeigt werden kann. - Eine solche Feststellung bliebe an dieser Stelle müßig, spielte nicht das Verhältnis von 'Zeichnen' und 'Zeichen' in der künstlerischen Arbeit von Horst Peter Schlotter eine so dezidierte Rolle, daß mit jener Beziehung bereits die entscheidende Thematik umrissen wäre. Also gehe ich von der These, daß Schlotter Zeichen setzt, die weniger für den Kunsthändler oder Sammler, als viel mehr für unser aller Lebenspraxis von fundamentaler Bedeutung sind - um dann nach dem Blick auf das Werk zu derselben 'in concreto' zurückzukehren.

Sieht man nicht nur den relativ homogenen Ausschnitt aus dem Werk eines Künstlers, wie er innerhalb von 1 bis 2 Jahren entstanden ist, sondern versucht man wenigstens ein halbes Jahrzehnt zu überblicken, so drängt sich die Frage nach der allgemeinen Intention, nach der Entwicklung, nach Tendenzen und Perspektiven auf. - Was man bei dem einzelnen Bild über das bloße Gefallen hinaus nur suchen und vermuten könnte, drängt sich bei der Breite eines Oeuvres geradezu auf.

In HP Schlotters Arbeit treten deutlich zwei Entwicklungslinien hervor:

- Ein konzeptionelles Werk, das sowohl konstruktiv als auch thematisch gebunden ist und
- ein experimentelles Werk, das sozusagen spontan niedergeschrieben wird, keine Grenzen in Thematik und
  Technik kennt und gelegentlich sogar psychografische Züge annimmt.

Zunächst zum konzeptionellen Werk: Aus dem Werkzeug, dem Material, der zeichnerischen Motorik, einer subjektiv reduzierten Palette und aus einem besonderen Rauminteresse heraus entwickelte HP Schlotter seine Handschrift und sein Formenvokabular. Der tief gelegene Blickpunkt läßt auch schon bei kurzen Distanzen den Eindruck von Tiefe entstehen, und selbst kleine Gegenstände wachsen sich ins Monumentale aus. Jene Figur im Raum können wir in Schlotters Bildern seit der Mitte der 70er Jahre bis auf den heutigen Tag beobachten. Anfangs sind es eher Tachismen, die da aus dem Grund hervorbrechen, und erst allmählich verdichten sie sich zu einer greifbaren Dinglichkeit.

Es bedeutet einen wichtigen Einschnitt und zugleich einen Entwicklungsschub, als Schlotter 1977 im Sieben-Mühlen-Tal einen zusammengebrochenen Leiterwagen betrachtet und nach Detailstudien diese in Bilder eingehen läßt. Er ist fasziniert von der Hinfälligkeit des Ganzen - trotz der Solidität der Teile. Einerseits läßt ihn jene Anschauung eines Exempels für Vergänglichkeit nicht mehr los, und ein Anflug von Vanitas haftet seitdem an jedem seiner Bilder. Andererseits erliegt der Künstler als ein Augenmensch nicht ungern der Verführung durch ästhetische Reize der Oberfläche. Das verrottete Holz und das angerostete Eisen affizieren ihn, und gelegentlich verselbständigen sich ästhetisierende Studien als Vorrichtungen, die, eingebettet in eine Flachlandschaft, von der Natur sozusagen assimiliert werden. Unter der Hand des Zeichners gewinnen sie eine neue Lebendigkeit, und sie erinnern an Fangeisen, Fallen, Kokons oder Flugobjekte. Es entstehen aber auch jene Vorrichtungen und Klappermechanismen, Bilder von der aufgeblasenen Lächerlichkeit eines technischen oder technokratischen Apparats, dessen Teile sich ratternd und quietschend bewegen, dessen Effekt sich jedoch auf das unvermittelte Schwenken eines läppischen roten Wimpels beschränkt.

Nun zu dem experimentellen Werk: HP Schlotter zeichnet permanent. Gerade jene Konsequenz des Produzierens erlaubt es ihm, sich über alle thematische, konzeptionelle und stilistische Kontinuität hinwegzusetzen. Die kleinen Blätter haben den Charakter eines Tagebuchs, das eigentlich nicht für die Öffentlichkeit gedacht ist. Es gelten hier nicht die profilierenden Grenzen der Selbstdarstellung, und es können mehr Fragen als Antworten formuliert werden. Im Tagebuch führt der Künstler Selbstgespräche. Viele Blätter sind und bleiben rätselhaft und lassen sich nur schwer in einen Zusammenhang bringen.

In das experimentelle Werk geht Vielfältiges und auch Disparates ein. Es werden Befindlichkeiten, Anmerkungen zu Gefühlen und Erfahrungen anschaulich notiert. Der Künstler hält Zwiesprache mit Texten und auch mit der Arbeit von Künstlerkollegen. Und schließlich gibt es Reflexe und Rückgriffe auf frühere Bilder und Probleme. Thema ist Gesehenes, aber oft auch mehr - so bei einem Blatt mit der Notiz: 'Tinte, Tusche, Chianti, Gorgonzola vermalt'.

Das experimentelle Werk, das Tagebuch, ist der Fundus und die Quelle aller Innovation für Schlotters Werk. Es bildet jenes Arbeitsfeld, das Kunst im allgemein vertrauten Sinne transzendiert. - Wenn Schlotter ein Blatt betitelt mit 'Auf der Suche nach verlorenen Gegenständen', so meint er mehr als einen Rekurs auf Marcel Proust. Er spricht die Rolle des Künstlers an, wie er sie definiert: Der Künstler als der Sucher nach Hinterlassenschaften, nach Zeugen des verlorenen Menschengeschlechts. Denn jene Gegenstände, mögen sie noch so marode sein, strahlen doch noch etwas von der Lebendigkeit dessen aus, der sie hergestellt, der mit ihnen gearbeitet hat. Die verlorenen Gegenstände, die Vorrichtungen, die unbekannten Objekte, oder wie sie auch umschrieben werden, sind Zeichen einer vergangenen Lebendigkeit, sie sind, wie HP Schlotter eines seiner Tagebücher überschrieben hat, 'Lebenszeichen'.

Hier scheint die prinzipielle Differenz zwischen dem experimentellen und dem konzeptionellen Werk noch einmal sehr deutlich auf: Das experimentelle Werk behandelt die Gegenwart ganz unprätentiös und ohne den Anspruch auf Perspektiven. Der Wert jener Blätter liegt in ihrer Vielfalt, Buntheit, Offenheit, Widersprüchlichkeit und in den gelegentlich frappierenden Bilderfindungen. In einigen Blättern rekurriert Schlotter auf Vergangenes, aber die Zukunft bleibt grundsätzlich ausgespart. Das konzeptionelle Werk hingegen kennt weder Gegenwart noch Vergangenheit. Was es neuerdings zeigt, sind sozusagen Szenen vom Tag nach der Apokalypse. Und die dargestellten Gegenstände zeigen, daß da einmal Leben war, daß dahinter noch ein Funken Leben sein könnte. - Neben der grundsätzlichen Differenz des zeitlichen Standpunkts treffen jedoch an dieser Stelle Experiment und Konzept komplementär zusammen. Denn die im Alltag gefundenen, oft unanschaulichen Lebenszeichen, die im Tagebuch dem Künstler selbst als rätselhafte Chiffren erscheinen, verfestigen sich allmählich zur Form. Als ein magischer - oder besser: als ein utopischer Spiegel reflektieren sie für uns das Jetzt aus der Perspektive von übermorgen.

Als deutlich wurde, daß die zunächst relativ eigenständigen Entwicklungslinien sich zunehmend aufeinander zu bewegten, hat HP Schlotter, noch bevor ein geschlossenes Modell sich etablieren konnte, den sich schließenden Kreis gleich mehrfach durchbrochen und neue Impulse zugelassen.

Da gibt es ein neues Thema, das beileibe noch nicht erschöpfend bearbeitet ist: Das 'Haus' wird Schlotter sicher noch längere Zeit beschäftigen. - In den Bildern zum 'Objekt Elinika' sind nicht nur neue Gegenstände und Relikte eingegangen; diese wurden zunächst aufgrund eines spezifisch ästhetischen Interesses arrangiert und in den realen Landschaftsraum eingebunden, bevor die Arbeit auf der Bildfläche begann. - Auch ist neuerdings eine Bilderfindung aus dem Tagebuch in mittlere (konzeptionelle) Formate eingegangen: 'Ganz allein im Kopf' wagt mit dem Doppelsinn des Wortes und der Verdoppelung einer Kopfgeburt einen Ausbruchsversuch aus der Hoffnungslosigkeit jener langen Reihe von apokalyptischen Utopien. - In dem letzten der großformatigen Bilder findet sich nicht nur die Kopfthematik wieder, es gelingt Schlotter darüber hinaus, der Spontaneität seiner Handschrift jene Frische zu erhalten, wie man das sonst nur aus den Kleinformaten kennt.

In dieser Ausstellung kann sichtbar werden, daß in der Entwicklung des Werkes von HP Schlotter sich zwischen 1980 und 1981 das Ende einer Periode konzeptioneller Stringenz abzuzeichnen beginnt. Neue inhaltliche und auch stilistische Tendenzen werden vereinzelt sichtbar, ohne daß daraus bereits die Richtung einer Weiterentwicklung eindeutig abzuleiten wäre. Doch können wir sicher sein, daß HP Schlotter jener Thematik, die er seit kaum mehr als 2 Jahren mit zunehmender Bewußtheit verfolgt, treu bleiben wird, d. h., daß er - in welcher Form und in welchem Medium auch immer - weiterhin für sich und für uns nach 'Lebenszeichen' suchen wird.