Archiv                                                                                                               

Norbert Stockhus: Malerei und Grafik

Ausstellungseröffnung 17.01.1982. Altstadtgalerie Horb

Wozu eigentlich eine Einführung zu einer Ausstellung mit Bildern von Norbert Stockhus? Hat nicht jeder Augen zu sehen? Und Stockhus läßt es ja keinesfalls an Klarheit fehlen. Im Gegenteil: Der Spiegel, den er mit seinen Bildern der Realität vorhält, klärt den Dunst, schafft Durchblicke. Darüber hinaus gibt er seinen Bildern ausführlich formulierte Titel vorwiegend beschreibenden Charakters.

So möchte man meinen, daß doch alles offen auf der Hand liege. - Trotzdem mußten wir uns kürzlich wieder einmal belehren lassen, daß der Weg zu Norbert Stockhus und seinem Werk mit Mißverständnissen gepflastert ist und daß sogar der professionelle Kunstvermittler in Fußangeln tritt, die da unter einer hauchdünnen Decke selbstverständlicher Deutlichkeit lauern.

Bedürfen also die Bilder von Norbert Stockhus doch des Kommentars - trotz ihrer Klarheit? Und noch einmal die Frage explizit: Was bleibt zu erklären, wenn alles notwendig Sichtbare vorhanden und darüber hinaus noch ausführlich verbal umrissen ist?

Nun, Norbert Stockhus ist ein sorgfältiger Beobachter, ein bohrender Frager, ein fast abgefeimt perfektionistischer Handwerker, ein kritischer Chronist, ein skeptischer Selbstbespiegler, ein verbissener Arbeiter und ein schalkhafter Spieler. Trotz einer durchweg optimistischen Lebenseinstellung wird ihm gelegentlich bange, wenn er die schwindelerregenden gesellschaftlichen Veränderungen als Folge einer sich zunehmend verselbständigenden Technik erkennt; wenn sich ihm, in der selbstgewählten Malfron der Blick öffnet und er 'in nuce' - in scheinbar wertlosem und gleichgültigem Detail den Anfang nach dem Ende erkennt, welches uns noch bevorsteht.

Wer möchte den Anspruch erheben, sich selbst zu begreifen, geschweige denn einen Mitmenschen? So wie wir uns selbst immer zu nah sind, uns selbst im Weg stehen, so sind wir auch immer zu weit weg vom anderen, um ihn je als ganzes Wesen verstehen zu können. So mögen wir eine Vielzahl auch einander widersprechender wahrnehmbarer Charakteristika finden, ohne deshalb schon Wesentliches von der 'persona' erfaßt zu haben.

Damit ich recht verstanden werde: Ich möchte Norbert Stockhus nicht als einen außergewöhnlichen Menschen darstellen. Ich möchte nicht mehr und nicht weniger als der Frage nachgehen, was seine individuelle Menschlichkeit ausmacht, soweit sie sich in seinem Werk abzeichnet. Bei einem Künstler diesem Problem nachzugehen, ist immer interessant und lohnend. Denn der Künstler als ein aus seiner Sinnlichkeit lebender und arbeitender Mensch demonstriert uns anschaulich, wo unsere Entfremdung uns umschließt. Insofern kann Kunstgenuß auch niemals um seiner selbst willen angestrebt werden, sondern er soll mich über das andere zum Selbst führen. Dieses andere aber ist zunächst einmal nicht der Künstler, sondern es ist das Werk.

Das in dieser Ausstellung präsentierte Oeuvre umfaßt einen Zeitraum von etwa 3 Jahren. Diese Werkgruppe wirkt auf den ersten Blick so homogen, daß wir fürs erste davon absehen können, Entwicklungstendenzen hervorzuheben. Sinnvoller erscheint hingegen eine Gliederung in Gruppen nach genetisch-technischen und nach thematischen Gesichtspunkten. Dabei kann man bei den Malereien und Grafiken beobachten, daß Norbert Stockhus sich ein je unterschiedliches Maß an Freiheit erlaubt bzw. sich eine mehr oder weniger große Bindung auferlegt. Jenes sehr empfindliche Gleichgewicht muß Stockhus sich immer wieder aufs neue erarbeiten; d. h.: die Freiheit ist ihm nie endgültiger Besitz, und Bindung läßt er nie zur Unfreiheit geraten. - Es ist allgemein üblich und auch dem Laien bekannt, daß Künstler in Zeichnungen, Skizzen und Studien sich größere Freiräume offen halten, welche im ausgeführten Werk weitgehend geschlossen werden. Dies gilt auch für die Arbeitsweise von Norbert Stockhus. Darüber hinaus jedoch differenziert er auch innerhalb der thematischen Bereiche. Jenes doppelte Ausbalancieren aber macht, so glaube ich, einen wesentlichen Gesichtspunkt der künstlerischen Intentionalität von Norbert Stockhus aus. Diese durchgängige Tendenz wird ergänzt durch einen gewissen natürlichen didaktischen Zug im Wesen von Stockhus, den er sich offenbar trotz seiner akademischen Ausbildung erhalten konnte. Denn das Lehrhafte in jenen Bildern kommt so elementar und unprätentiös auf uns zu, es paßt so gar nicht in unsere Zeit, daß es den Betrachter eher befremdet als überrascht. Gerade wer die aktuelle Szene zu kennen meint, versucht geflissentlich das Didaktische in Stockhus' Bildern als etwas Verzichtbares, fast als eine Peinlichkeit, zu übergehen. - Ich bin hingegen der festen Überzeugung, daß jene didaktische Dimension in Verbindung mit dem Ausbalancieren zwischen Freiheit und Bindung als einem fortschreitenden Prozeß in unserer Zeit eine Wesentliche sozial-ästhetische Funktion haben könnte. Ich meine damit, daß Bilder wie die von Norbert Stockhus in der Lage sind, uns allergische Punkte unserer individuellen Wie gesellschaftlichen Existenz anschaulich vor Augen zu führen.

An dieser Stelle hielte ich es nicht für angebracht, einzelne Bilder zu interpretieren. Doch könnte es nützlich sein, die allgemeinen Ausführungen durch ein paar exemplarisch kommentierende Hinweise zu ergänzen.

Die etablierte Kunstkritik ist sich einig nicht nur über den hohen qualitativen Standard der Bildnisse von Norbert Stockhus, sondern auch darüber, daß bei dieser Bildgattung formale und inhaltliche Bindung sich zu einem Höchstmaß steigern. Doch was macht die künstlerische Qualität eines Bildnisses wirklich aus, dessen Genauigkeit bis in die Poren reicht? Was bleibt, wenn wir die Bewunderung handwerklicher Brillanz einmal hinter uns gelassen haben? Nun, zunächst einmal sind jene Bildnisse nur dem Scheine nach naturalistisch. Denn alles was auf die porträtähnlichen Studien folgt, entspringt der Fantasie des Künstler. Gerade all das, was diese oder jene Person so lebendig auf der Leinwand vor uns erscheinen läßt, ist nicht diese selbst, ist vielmehr, wie sie sein könnte, ist eine Spiegelung im denkenden Auge des Künstlers, besteht in einer Unzahl von Spuren seiner Hand. - Dies könnte uns nicht vermittelt werden durch eine Malerei des Lichts und seiner Reflexe, welche nach Immaterialität strebt. Eine Malerei, die Lebendigkeit zur Anschauung bringen will, geht, wie Bernard Berenson dies für die italienische Renaissancekunst dargetan hat, auf eine überzeugende Wiedergabe von Plastizität und Stofflichkeit aus. - Schließlich haben alle Porträts von Stockhus auch eine symbolische Dimension. Diese ist jedoch nicht primär und programmatisch, sondern sie geht während des langen Arbeitsprozesses aus einer spontan und permanent produzierenden Fantasie hervor, ungefragt sozusagen oder, wie Stockhus es formulierte, als ein Produkt eines Staus von Ideen, die sich spielend ausleben wollen.

Ähnliche Zusammenhänge lassen sich auch bei den übrigen ausgeführten Malereien konstatieren. Doch im Gegensatz zu den Bildnissen handelt es sich bei den Landschaften und Interieurs um Begriffs- und Denkbilder, bei welchen der gedankliche Funke als ein anschaulicher Kern am Anfang stand. Mit illusionistischen Mitteln überzeugt der Künstler als ein Jongleur von Vorstellungen uns von der Möglichkeit des Unmöglichen. Einen Steinbruch, eine Wüstenlandschaft oder einen Baum malt Stockhus niemals um dessen selbst willen. Vor allem die Landschaft demonstriert uns Zeit: Der Steinbruch wird zum Ausgrabungsfeld, und die Wüste, das ist unsere Wüste, das ist das Ergebnis unseres Umgangs mit der Natur. - Ein frisierter Baum oder ein Baum am Tropf signalisiert uns, daß hier Anthropomorphes oder auch die Natur allgemein angesprochen ist. Doch sollte man nicht der Versuchung erliegen, nach einem Repertoire der Zeichen im Werk von Norbert Stockhus zu suchen. Es gibt durchaus eine Vielzahl von Symbolen mit übertragbarer Bedeutung. Darüber hinaus jedoch fließen auch immer wieder subjektive Erfahrungen und Erlebnisse und individuelle Erinnerungen in die Bildwelten von Stockhus ein.

Die ausgeführten Bilder von Norbert Stockhus treten uns so massiv und in sich geschlossen entgegen, daß es uns nicht leicht fällt, neben dem nachvollziehenden Betrachten auch noch eine spontane und eigenproduktive Kreativität zu entfalten. Ganz anders liegt der Fall bei den kleinformatigen Mischtechniken, die für Stockhus einfach Zeichnungen sind. Hier werden nicht Ideen ausgeführt, sondern in der Produktion erst hervorgebracht. Die Inhalte sind weit gestreut und reichen von Kindheitserinnerungen über aktuelle Erlebnisse und x Vorhaben bis zu Tagträumen, und sie können von ihrer Intention her sowohl zeitkritisch als auch von einem sachlichen Interesse geleitet - oder ganz und gar verspielt sein. Insgesamt aber bleiben sie intentional offen. Jenem 'infinito' des Inhalts entspricht nun auch eine Leichtigkeit des Vortrags, welche vor allem Malerfreunde begeistert.

Doch der gelegentlich einseitige Beifall irritiert Stockhus nur wenig. Für ihn sind das Wollen und das Können die beiden notwendigen Komponenten zur Realisierung seiner Intention, ebenso wie man nur mit zwei Augen plastisch sehen kann. Und er gesteht sich bisweilen die Freiheit des Improvisierens und Spielens zu, doch in derselben Weise bereitet es ihm ein spürbares Vergnügen, eine Sache mit illusionistischen Mitteln auszuführen bis zum letzten Punkt.

Auf seinem jüngsten Selbstporträt zeigt Norbert Stockhus sich mit auf die Malfläche gefesselten Handgelenken. Während er uns vorführt, wie die Figur plastisch aus der Fläche herauswächst, führt er den Betrachter zurück zu dem, was das eigentliche Thema des Künstlers immer war. Es ist neben dem Verhältnis von Fläche und Raum eben auch das dahinter stehende Bild von Freiheit und Unfreiheit und allem, was dazwischen möglich ist: Es sind die facettierenden Ausblicke auf eine schreckliche oder auf eine glückliche Zukunft.