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Christiane Reinhardt: Bilder in Mischtechniken und Terrakottaplastiken

Ausstellungseröffnung 28.01.1982. Galerie am Alten Rathaus Esslingen

Will ein Einführungsredner nicht unversehens in die Rolle eines Hofnarren des Ausstellungsbetriebs geraten, muß er sich fragen, ob das zu präsentierende Werk, ob die Exponate überhaupt des Kommentars bedürfen. Denn vom Erwartungshorizont des Publikums her wird die Vernissage immer mehr als gesellschaftliche denn als didaktische Situation begriffen, so daß man im Einführungsredner lieber den Festredner oder den Träger einer intellektuellen Performance als den Kunstvermittler sehen möchte. Dessen Aufgabe wäre es aber nicht, das Publikum zu entmündigen, indem er es an die Hand nimmt und, wie man bezeichnenderweise zu sagen pflegt, durch die Ausstellung führt, sondern Vorurteile abzubauen und Mißverständnissen vorzubeugen. - In einem spektakulären Werk trägt bereits das Sensationelle, in einem aspektreichen Werk könnte sich der Beschauer mit einer einzigen Betrachtungsweise zufriedengeben, und in einem fleißigen Werk möchte schon die Konsequenz beeindrucken (und sich der Frage nach einer weitergehenden Intention in den Weg stellen). Jeweils wäre es die Aufgabe des Vermittlers, den Blick auf den größeren Zusammenhang zu richten: auf Qualitäten hinter dem Spektakel, auf das Gesamt der Aspekte (die sich - hoffentlich - zu einem Ganzen zusammenfügen) und auf einen Zielpunkt, welcher auch das vereinzelte Exponat vor den Augen des kritischen und nicht ausschließlich wohlwollenden Betrachters bestehen läßt.

Ich stelle diese drei Typen von Künstler-Oeuvres voran, vor allem um sie auszuschließen, denn das Werk von Christiane Reinhardt hat mit diesen nichts gemein. Liest man Rezensionen oder rekapituliert man frühere Eröffnungsreden, so stellt man fest, daß es nur geringe Differenzen gibt, daß die Interpreten sich einig sind in der Einschätzung der Qualität und Bedeutung von Christiane Reinhardts Kunst. Trotzdem bleibt ein problematischer Punkt, in dem der Betrachter sich der Intention der Künstlerin entziehen könnte. Denn legt er einen ausschließlich ästhetisch-gestalterischen Maßstab an, so wird er sich die Möglichkeit zu einer subjektiven Auswahl besonders gelungener Arbeiten schaffen, ohne je beim Gesamtwerk und dessen Intention anzukommen, welche auch in jedes einzelne Blatt, in jede einzelne Plastik eingegangen ist. Er hätte durch seinen formalisierenden und ästhetizistischen Standpunkt vermieden, das Werk auf die eigene Person zu beziehen. Aber gerade dieses ist bei Christiane Reinhardts Kunst unabdingbar, will man dieser und will man sich selber Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Alle Themen bilden in Christiane Reinhardts Kunst eine Einheit. Die Figuren (in den Terrakotten) standen am Anfang. Sie setzten sich fort in Aktstudien und figürlichen Zeichnungen. Während eines Griechenlandaufenthalts entdeckte die Künstlerin den physiognomischen Charakter der Landschaft und den Landschaftscharakter des menschlichen Körpers. Seitdem gibt es bei ihr Figuren als Körperlandschaftten und Landschaften, welche durch ihre anthropomorphe Struktur figürliche Assoziationen hervorrufen. Das Thema ist also der Mensch als ein handelndes und leidendes Wesen, und es ist sein Lebensraum, welcher diesen prägt und zugleich von demselben verändert und deformiert wird.

Christiane Reinhardt zeichnet und malt ihre Landschaften niemals vor der Natur, sondern im Atelier, wobei sie ihre Vorstellungen aus der Erinnerung reproduziert. Dies mag verwundern, denn diese Bilder sind in keiner Weise idealisiert, haben so gar nichts Schematisches, sondern wirken völlig authentisch. Lediglich die anthropomorphen Strukturen mögen ein Hinweis auf einen wesentlichen Anteil der produktiven Fantasie sein. - Dies ist der Eindruck, der auch nach größerem zeitlichem Abstand nicht verloren geht und der auch bei direkter Konfrontation beeindruckt:

Diese kraftvoll gezeichneten und gewischten Landschaftsräume erwachsen aus dem Zeichnen selber - wie am ersten Tag. Sie haben noch genug Vitalität, um sich aufbäumen zu können gegen den destruktiven und nivellierenden Eingriff des Menschen. Jene Kraft schöpfen sie zum einen aus dem grafischen Duktus, denn Christiane Reinhardt gewährt dem Material und dem Werkzeug freies Spiel. Zufälligkeiten läßt sie gelten, ausfahrende Gesten beobachtet sie, aber kontrolliert sie nicht.

Die Figuren - was für eine eigentümliche Expressivität tritt uns hier entgegen -‑ sie sind weniger mit dem Auge als mit der Seele (man verzeihe mir hier diese altmodische Metapher) erfaßt! Es ist eher ein mitfühlendes als ein denkendes Auge, das die Hand beim Zeichnen führt. Und die Kontrastwirkungen, welche vom schroff gezeichneten Lineament über wechselnde Gradationen bis zur schwarz-weißen Matrix des Schachbretts reichen, verstärken noch jenen Eindruck.

Der Mensch als Einzelfigur in Christiane Reinhardts Bildern ist immer ein gewordenes, ein sich veränderndes und vergehendes Wesen, ein Stück Natur, das deren Gesetzen unterliegt und das unter den Repressionen der eigenen Spezies mehr als unter etwas anderem zu leiden hat. - Die weiblichen Figuren vermitteln ein elementares Körpergefühl, sind ganz 'physis'. Als Ausfluß von anschaulicher Fantasie und von Einfühlung können sie niemals schön sein im heutigen Sinne, widerlegen jedoch zugleich das vordergründige Vorurteil, nur das Häßliche sei als Alternative möglich. In der Mühsal des Alltäglichen haben jene Frauen und Scham als Attitüde längst hinter sich gelassen und sind noch knapp vor der Resignation sozusagen 'in den Stand der Unschuld' zurückgekehrt. Für den modischen Mann haben sie so wenig Eros wie die Venus von Willendorf, aber sie wirken auf seine Vitalität; man möchte sie keineswegs besitzen, jedoch anfassen mit beiden Händen.

Der Einzelne ist immer auch der Einsame in den Bildern von Christiane Reinhardt; oft thematisiert sie noch in aller Deutlichkeit Unfreiheit durch Fesseln, selbstverschuldete Enge durch das Korsett und Fremdbestimmung am Topos der Marionette. Gerade wenn es gilt, psychische Zustände anschaulich ins Bild zu bringen, müssen alle Register der bildnerischen Mittel gezogen werden. Auf bunte Farbigkeit kann Christiane Reinhardt verzichten, jedoch umso weniger auf das Entgegensetzen von grober Werkzeugspur mit hauchfeinen, empfindsamen Valeurs, Die Einzelfigur mit überindividueller Bedeutsamkeit trägt auch anschauliche Deutungen zu den Lebensaltern, und das 'memento Mori' scheint immer wieder hindurch.

Schon bei den kleinen und mittleren Figurenbildern formuliert Christiane Reinhardt die Bildtitel ausführlich und mit großer Sorgfalt. Ähnliches gilt für die monumental aufgefaßten größeren Bilder, in denen die Künstlerin zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen Stellung nimmt. Hier scheut sie sich auch nicht, bis an die Grenze zum Literarischen zu gehen, um nur möglichst genau zu sein, um die Vielfalt heterogener Deutungen einzuengen und womöglich auf einen Punkt zu konzentrieren. - Dies ist ein problematischer Sachverhalt, den wir wegen seiner tiefgreifenden Konsequenzen für die weitere Beurteilung der Arbeit von Christiane Reinhardt nicht beiseite schieben dürfen. Was bedeutet es, wenn eine Künstlerin willentlich die Polyvalenz eines Werkes beschneidet, d. h. bereichernde Mehrdeutigkeit unterbindet und so das Objekt einer fundamentalen ästhetischen Qualität entkleidet? Sie signalisiert damit, daß sie die Funktion ihres Werkes vor allem als pragmatisch, d. h., als aufklärerisch und handlungsorientiert betrachtet. Andererseits nimmt sie in Kauf, daß der Rezipient in seiner Spontaneität gehemmt wird. Ihm wird statt dessen nahegelegt, die anschaulich überzeugend vorgetragenen Schlüsse nachzuvollziehen und für seine Person anzunehmen.

So besehen wäre es ziemlich plakativ, bei Christiane Reinhardts Kunst von einem expressiven, einem politischen oder einem moralischen Realismus zu sprechen. Sicher trifft dies alles zu, aber es ist zu einfach, als daß es die einzige Wahrheit sein könnte. Sicher handelt es sich bei diesen Bildern und Plastiken um eine Spielart von Realismus, welcher stilistisch sowohl durch expressive als auch durch informelle Züge modifiziert wird. Die Intention kann aber auch als eine pädagogische und als eine moralische bezeichnet werden, da sie auf eine Veränderung und Besserung des Menschen abzielt. Doch haben wir hier Stilbegriffe im strengen Sinne weit hinter uns gelassen. Denn im Gegensatz zur allgemein bekannten Praxis kann man adäquaterweise nicht sagen, daß die Künstlerin Christiane Reinhardt über diesen oder jenen Kunstbegriff oder Stil verfüge. Da gibt es nichts Austauschbares, keine Entgegensetzung von Künstler und Werk. Vielmehr muß man im vorliegenden Fall, wofern jene Beziehung noch nicht als zweifelsfreie Einheit sichtbar wird, von einem dialektischen Vorgang sprechen, welcher Totalität anstrebt.

Wer die bescheidene aber geradlinige und kompromißlose Christiane Reinhardt kennt, für die auch nur eine geringe Differenz zwischen Privatperson und Künstleridentität Selbstverrat wäre, weiß, daß sie ein ungutes Gefühl beschleicht bei so anspruchsvollen Worten. - Deshalb bitte ich Dich, liebe Christiane, zu bedenken, daß ich meine Ausführungen nicht als kompetente Deutung verstehe, sondern als Hypothesen, als monologisierende Fortsetzung unserer Ateliergespräche. Und diese fragmentarische Form könnte vielleicht für Sie, die Vernissagenbesucher, die Chance eröffnen, Anregungen für eigenes kreatives Betrachten und Verstehen jener Werke zu schöpfen.