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Horst Peter Schlotter: Mischtechniken und Radierungen

Ausstellungseröffnung 23.05.1982. Altstadtgalerie Horb

Wenn man Horst Peter Schlotters künstlerische Entwicklung über ein halbes Jahrzehnt verfolgt bis auf den heutigen Tag, wird offenbar, daß dieser Weg eine klare Konsequenz aufweist, allen scheinbar zufälligen Einflüssen und überraschenden Wendungen zum Trotz. - Schlotter zeichnet von Anfang an eine vorwiegend grafische Bildsprache, welche in ihrem Duktus fast notwendig Präzision hervorbringt, eine Genauigkeit, die mehr der Motorik bzw. der Schnelligkeit des Zeichnens als einem Sehen mit der Meßlatte sich verdankt. Obwohl jene Ziel- und Treffsicherheit also genuin aus dem Arbeitsprozeß hervorgeht, d. h., in keiner Weise etwa intellektuell aufgesetzt wäre, beobachtet Schlotter selber sie mit einer gewissen Skepsis. Was dem Betrachter, dem Kunstfreund und dem Sammler als eine zweifelsfreie Qualität entgegentritt, erscheint dem Künstler als eine permanente Verführung zur Routine. Die Maßnahmen, welche er nun ergreift, um jener Gefahr entgegenzuwirken, lassen sich in zahlreichen Arbeiten dieser Ausstellung ablesen. Und hier erfüllen sie mehr als die defensive Aufgabe, welche ihnen ursprünglich zugedacht war. Ich neige dazu, sie ganz in die Reihe jener kreativen Impulse zu stellen, welche die Produktion qualitativ vorantreiben. - Auf einige dieser Momente will ich kurz eingehen.

Da gibt es kleinere Blätter oder auch Bildpartien auf größeren Formaten, auf denen Schlotter die Geschwindigkeit des Zeichnens deutlich zurückgenommen hat, ohne die entstehenden Freiräume intentional auszufüllen. Insgesamt verzichtet er in solchen Momenten auf gesteigerte Geschicklichkeit und eröffnet dem Material, dem Werkzeug und der Hand breitere Entfaltungsmöglichkeiten. - Mit einer vergleichbaren Absicht setzt er die Farbe ein, d. h., er bindet sie kaum an Punkt oder Linie, sondern erlaubt ihr ein freieres Wachsen auf der Bildfläche. In diesem Sinne sollten wir auch den Schritt von der Farbradierung zur handkolorierten Radierung verstehen. In ähnlicher Weise tritt hier die intentional gesteuerte Arbeit zugunsten einer mehr freien und individuell gewordenen Produktion zurück.

Auch die Weiterentwicklung der Bildräume bei H P Schlotter muß in derselben Tendenz gesehen werden. - Mitte der siebziger Jahre setzt Schlotter oft recht eigenwillig flächige oder nur mäßig körperhaft modellierte Elemente in exakt konstruierte Tiefenräume mit niedrig liegendem Horizont. So genügt oft eine Tischplatte, um bei niederem Augenpunkt die Assoziation einer Flachlandschaft mit monumentalen Figuren zu vermitteln. - Mit dem Verzicht auf den konstruierten Raum wird auch eine andere Dinglichkeit virulent, welche sich diagonal in einem zentralperspektivischen Schrägraum entfaltet. - Erst in jüngster Zeit tritt uns in Schlotters Bildern eine eigentümlich flache und zugleich komplexe Räumlichkeit entgegen. Diese hatte sich nahezu unbemerkt innerhalb von mehreren Jahren in den tagebuchartigen kleinen Zeichnungen, die erst vor einem halben Jahr zum ersten Mal der Öffentlichkeit gezeigt Wurden, entwickeln können.

Schließlich haben sich auch die Mal‑ und Zeichengründe verändert, von welchen Schlotter sich anregen läßt. Zunehmend verwendet er auch bei größeren Formaten vorgefertigtes Bildmaterial, Collagen o. ä., die er dann überzeichnet, übermalt und so durch Umgestalten in seinem Sinne verfremdet und der eigenen Intention annähert.

Noch vor kurzem konnte man in HP Schlotters Werk 2 Entwicklungen deutlich unterscheiden:

- Ein konzeptionelles Werk, das sowohl konstruktiv als auch thematisch gebunden ist und

- ein experimentelles Werk, das sozusagen spontan niedergeschrieben Wird, keine Grenzen in Thematik
  und Technik kennt und gelegentlich sogar psychografische Züge annimmt.

Im konzeptionellen Werk entwickelt Schlotter aus dem Werkzeug, dem Material, der zeichnerischen Motorik, einer subjektiv reduzierten Palette und einem besonderen Rauminteresse heraus seine Handschrift und sein Formenvokabular. Seit längerem spielen Fundstücke als Thema die zentrale Rolle. Oft hat Schlotter aufgefundene Gegenstände, welche ihre ursprüngliche Funktion längst nicht mehr erfüllen konnten, als Vorrichtungen umgedeutet und zu einem Bild verdichtet. Doch bisweilen verselbständigte sich die Ding- und Bildidee, so daß auch nicht vorhandene und unbekannte Fundobjekte entstehen konnten.

Das experimentelle Werk entsteht im täglichen und kontinuierlichen Zeichnen und zunächst in einem intimen Schonraum. Wie in einem Tagebuch führt der Künstler Selbstgespräche, frei von dem öffentlichen Druck, sich mitteilen, sich verständlich machen zu müssen. So konnte Schlotter in Zwiesprache mit dem zurückliegenden Oeuvre, mit Texten und auch mit der Arbeit von Künstlerkollegen eine neue und ganz atypische Bildwelt schaffen, bei der Qualität sich nicht an der Wirkung bemißt, sondern unlösbar in den Entstehungsprozeß integriert ist.

Als HP Schlotter vor längerer Zeit gelegentlich äußerte, er wolle seine gezeichneten Tagebücher auflösen und ausstellen, riet ich davon ab, und als er vor einem halben Jahr den Schritt tatsächlich vollzog, war ich persönlich fest davon überzeugt, daß dies ein Fehler sei. Inzwischen muß ich eingestehen, daß ich die Situation falsch gesehen hatte. Jene öffentliche Preisgabe der Subjektivität und ihre Konfrontation mit dem offiziellen Werk, das Eingeständnis der Zweigleisigkeit beschämte nicht den Künstler, sondern die Öffentlichkeit, welche sich als Verursacher jener entfremdeten Produktion erkennen mußte. Und die Präsentation der Doppelbödigkeit geriet zum Anfang vom Ende desselben.

Wir haben diesen Punkt in unserem letzten Ateliergespräch nicht berührt. Aber für mich drängt sich der Eindruck zwingend auf, dass sich in den letzten Monaten jene beiden Entwicklungslinien deutlich aufeinander zu bewegten, daß ihre Grenzen sich zu verwischen beginnen und daß sie sich bereits mit sichtbaren Folgen gegenseitig befruchten. - Auf zwei Gruppen von Arbeiten dieser Ausstellung, welche die neue Entwicklungstendenz sichtbar vor Augen führen, möchte ich besonders hinweisen.

"Die täglichen Übungen 1 ‑ 4" sind übermalte Fotokopien einer Collage. Thema ist zunächst einmal das visuelle Tagebuch, Selbstbespiegelung und ästhetisches Reflexionsmedium und nicht zuletzt ein Trainingsfeld für Auge und Hand. Doch hat der Künstler das intime Kleinformat und den Schutzraum des verschließbaren Tagebuchs verlassen. Er hat ein öffentliches Interesse an seiner Subjektivität von Anfang an zugelassen. Auffällig ist hier, daß Schlotter den diagonal orientierten Tiefenraum verlassen hat und ausgehend von den unprätentiösen Tagebuchblättern, die vorwiegend flächig aufgefasst sind, zu einer achsialsymmetrischen Struktur findet, in der flächige und räumliche Qualitäten einander noch die Waage halten. - "Die täglichen Übungen" ‑ dies nur nebenbei: Das ist ein Thema, das Autobiografisches längst transzendiert hat und infolgedessen von jedem Betrachter als Spiegel der eigenen Existenz akzeptiert werden kann.

Bei weitem schwieriger ist der Zugang zu den "Nachträgen zu Linne", die Schlotter auch als "Hommages à Günter Kuhnert" versteht. Denn in einem Text, welcher den gleichen Titel trägt, hat Kuhnert das System jener hypothetischen Morphologie zertrümmert, um das Individuum zu retten. - Schlotter hat nun nicht etwa Kuhnert illustriert; vielmehr stieß er erst durch Kuhnert auf Linné, der sich ihm in der Folge nicht in der verkürzten Form als formalistischer Systematiker, sondern als Sammler, als Spurensicherer erschloß, der mit langem Atem, mit Geduld und Akribie und scheinbar ziel- und absichtslos sammelte und dann unvermutet frappierende Verbindungen herstellte. Zur eigenen Überraschung mußte der Künstler entdecken, daß hier ein Naturforscher vor zweieinhalb Jahrhunderten nach der gleichen Methode gearbeitet hatte wie er selber. - Diese neuen bildhaften Dokumentationen einer Sammeltätigkeit benötigen keinen Illusionsraum mehr, sondern hier präsentieren sich Objekte und vieldeutige Beziehungen in einem komplexen Flächenraum, der jedem systematischen Denken vorausgeht. Zugleich steht hinter solchen anti-systematischen Bildräumen ein Stück Anarchie, welches in unserer heutigen verwalteten Welt kein Schreckbild mehr ist, sondern eine Ahnung von Freiheit vermittelt.

Ich neige zu der Vermutung, daß die Perspektiven für eine Weiterentwicklung in HP Schlotters Kunst in einer weitgehenden Integration der "täglichen Übungen" mit den "Nachträgen" zu seiner Sammeltätigkeit liegen. Wie Schlotter die auftretenden formalen Probleme bewältigt, können wir in dieser Ausstellung in Ansätzen bereits beobachten. Darüber hinaus müssen wir darauf gespannt sein, wie er die thematische Problematik weiterspinnt, wenn sich im Sinne von Kuhnert das selbstkritische Moment der "Übungen" mit dem Plädoyer für mehr Freiheit (des Künstlers, des Sammlers, des Menschen überhaupt) verbindet.