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CHC Geiselhart: Zeichnungen und Radierungen zu Hölderlin und Waiblinger

Ausstellungseröffnung 03.06.1982. Hölderlinsturm Tübingen

Der Künstler als ein ästhetischer Arbeiter hat sich Klarheit darüber zu verschaffen, in welchem Verhältnis seine Tätigkeit zu dieser Realität steht, die wir die unsrige nennen. Wenn ich ihn, den Künstler einen ästhetischen Arbeiter nenne, so will ich damit sagen, daß er wahrnehmbare Begriffe, d. h., die sinnlichen Voraussetzungen für eine Theorie der Praxis schafft. Darüber hinaus haben die Künstler verschiedener Epochen Ziel und Aufgabe Ihrer Arbeit je spezifisch gesehen. Von der schmückenden und interpretierenden Darstellung reicht das Spektrum über die kritische Analyse bis zur Schaffung einer neuen ästhetischen Wirklichkeit, sozusagen parallel zu Natur und Zivilisation und bis zur Umgestaltung als direkter Eingriff in eine schlechte Realität. Was in begrifflichen Kategorien noch klar voneinander zu scheiden ist, geht in der künstlerischen Praxis, beim Produzieren und Präsentieren von Werken der bildenden Kunst meist grenzlos ineinander über: In der Entwicklung des Oeuvres von CHC Geiselhart läßt sich ablesen, daß gerade die Momente von selbstvergewissernder Darstellung und von kritisch-anschaulicher Interpretation bis an die Grenze zum realen Eingriff in die gesellschaftliche Alltagspraxis reichen können, ohne daß der Künstler je den Boden der ästhetischen Formung als sein zentrales Anliegen verlassen hätte. - Über die genannten Besonderheiten hinaus, die man bei zahlreichen Künstlern der Gegenwart feststellen kann, finden wir noch zwei spezifische Merkmale des methodischen Zugangs, welche dem Werk Curt Geiselharts ein individuelles, ein unverwechselbar subjektives Gesicht geben.

Geschichtliches im weitesten Sinne bildet seit etwa 1974 das Hauptthema in Geiselharts Kunst. Landschaften und Bauten als gewachsene Zeugen der Geschichte stehen am Anfang, danach symbolträchtige Details wie wege sowie in einer Serie 'Thuer und Thor' als Schlüsselbilder zwischen Außenwelt und Innenwelt. Zunächst war es ein unspezifisches, ein eher subjektiv-emotionales als sachlich-gesellschaftliches Interesse, von dem Geiselhart sich bei der Formulierung seiner Themen leiten ließ. - Einen wichtigen Einschnitt im Schaffen von CHC Geiselhart bedeutete es, als er sich von der anschaulichen Aufarbeitung der eigenen Biografie ab und einer historischen Persönlichkeit zuwendet. Dabei bildet die Gestalt Jean Pauls noch eine Brücke zwischen den bisher mehr subjektiv-biografischen Themen und den neueren Arbeiten, welche an den Beispielen der Werke von Wilhelm Waiblinger und Friedrich Hölderlin im anschaulich-bildhaften Medium einen intersubjektiv interpretierenden Zugang suchen.

Bei Jean Paul hatte Geiselhart einen Spiegel seiner eigenen Empfindsamkeit entdeckt. Indem er sich die Freiheit nahm, Jean Pauls Ironie beiseite zu lassen, konnte er in landschaftlichen Details 'Ansichten' seines Erlebens von Hoffnung, Schmerz und Glück vorstellen. Doch forderte er einen sensiblen Betrachter, der bereit war, seine eigene komplexe Wirklichkeit mitzubringen zu den Bildern und sich doch ganz von der anschaulichen und emotionalen Aura der ästhetischen Exponate einnehmen zu lassen.

In ganz anderer Weise haben sich Geiselharts Annäherungen an Waiblinger und Hölderlin vollzogen. - Dabei ist er der grafischen Formsprache treu geblieben, welche ein Mindestmaß an Rationalität gewährleistet. Gerade der Verzicht auf Farbe hat es Geiselhart ermöglicht, sowohl die eigene als auch die Emotionalität historischer Persönlichkeiten in eine objektivierbare Form zu gießen, welche diesen Bildwerken einen hohen kommunikativen Wert verleiht.

Noch bevor Geiselhart mit dem Illustrieren von Waiblingers 'Liedern der Verirrung' begann, hatte er in großflächig konzipierten Flachlandschaften binnen weniger Monate eine malerische Formsprache entwickelt, die zunächst die ganze voraufgegangene grafische Produktion vergessen ließ. Bisher hatte er ausschließlich Strich- und Punktstrukturen verwendet, wobei Ballungen und Streuungen sich zu Modulationen verbanden, welche jedoch bei den kleinen Formaten vom Auge jederzeit wieder aufgelöst werden konnten. Bei den neuen Großformaten mußte Geiselhart, um die Raumillusion zu vollenden, linearperspektivische Mittel und die malerische Modulation anwenden. So gewann er einen freieren Umgang mit dem Werkzeug, indem er großzügiger zeichnete und durch Wischen ein neues Negativverfahren entwickelte.

Vermutlich begann Geiselhart mit der Waiblinger-Lektüre, als er noch an den letzten der freien Landschaften zeichnete. So war er bereits aufgeschlossen für den Furor des wildromantischen Poeten. Geiselhart ließ sich zunächst nur zögernd auf Waiblinger ein; d. h. er unterbrach die Lektüre immer wieder durch Zeichnen, wodurch die Identifikation nur langsam fortschreiten, sich aber zu größerer Intensität steigern konnte. Das Resultat waren keine der ursprünglichen Aufgabenstellung entsprechenden Illustrationen im strengen Sinne. Durch den Wechsel von Lesen und Zeichnen, von Identifikation und Distanzierung hatte Geiselhart eine Art anschauliche und ganz persönliche Interpretation geschaffen, welche den Text durch neue Aspekte bereichert. - Nach denselben Zeichnungen fertigte Geiselhart später Radierungen an, die hier in der Ausstellung zu sehen sind. - Für jeden künftigen Leser von Waiblingers 'Liedern der Verirrung' drängt es sich nun geradezu auf, die eigenen Vorstellungsbilder, welche bei der Lektüre sich einstellen, mit Geiselharts eigenwilligen Illustrationen zu konfrontieren. So kann es nicht ausbleiben, daß Wilhelm Waiblinger wieder lebendig wird im Gespräch zu dritt mit dem Leser und dem Illustrator. Da Geiselharts Zeichnungen zu Waiblinger alles Gefällige abgeht, haben sie den Zugang zu dem fast vergessenen Dichter nicht erleichtert. Aber wir werden Waiblinger wohl doch eher gerecht, wenn wir einerseits mit strengem Blick auf den Text den Autor sehen und andererseits uns durch die Facetten von Geiselharts Waiblinger-Bild ermutigen lassen zu Perspektiven, welche bis in den subjektiven Kern der Leserperson reichen.

Geiselharts Zugang zu Hölderlin gestaltete sich in ganz anderer Weise, denn er kannte bereits Teile des Werks. Die Lektüre von Waiblingers 'Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn' gab einen neuen Impuls, sich intensiver mit dem Dichter zu befassen. So folgte die Lektüre des Hyperion, und biografisch näherte Geiselhart sich Hölderlin über Pierre Bertaux, Peter Härtling und nicht zuletzt über Hermann Hesse.

Bei den Zeichnungen zu Hölderlin muß man zwei bzw. drei Gruppen unterscheiden. - Die erste Gruppe ist wohl die lebendigste, da sie im unmittelbaren Eindruck von Waiblingers biografischem Essay und Hesses Erzählung entstanden ist. Hier charakterisiert Geiselhart anschaulich Situationen, wie Waiblinger sie im sprachlichen Medium nicht treffender hatte formulieren können. - 'Die Begegnung' zeigt, wie Waiblinger mit Hölderlin zusammentrifft: Die Annäherung bleibt ein Versuch, dem Hölderlin sich zu entziehen weiß. - Beim 'Spaziergang zum Presselschen Gartenhaus' sehen wir Waiblinger voranstürmen und gestikulierend auf Hölderlin einreden, der seinerseits nur unwillig mitzieht. Mörike trottet, in seine Lektüre versunken, mit großem Abstand hinterher. - Auch 'Die Begrüßung der Besucher' hatte Waiblinger beschrieben. Geiselhart macht anschaulich, wie Hölderlin seine Gäste überschwenglich begrüßt, um sich nur umso weiter in das Dunkel seiner Einsamkeit zurückzuziehen. - Während das Blatt 'Hölderlin im Selbstgespräch' noch einen direkten biografischen Bezug hat und die Unruhe des Einsamen sichtbar macht, bleibt 'Die Kommission' als Situation fiktiv, wenngleich es zahlreiche Momente in Hölderlins Leben gab, in denen er sich vor hohen Herren zu verantworten hatte. - Den Vorzug dieser Gruppe von Zeichnungen sehe ich in der Tatsache, daß sie zugleich eine überzeitliche und überindividuelle Bedeutung besitzen, welche direkt abgelesen werden kann, auch ohne Kenntnis des literarischen Bezugs.

Zur zweiten Gruppe gehören die Bildnisse sowie die Schilderungen von Zuständen und Beziehungen. - Die Bildnisse gehen größtenteils auf Bildquellen zurück; in expressiven und auch in realistischen Details wurden sie durch die biografische Literatur angereichert. - Das Triptychon möchte ich in denselben Zusammenhang stellen. Auf der Mitteltafel finden wir die Silhouette des armen Hölderlin in der bedrohlichen Enge des Turms. Auf den beiden Seitentafeln sehen wir die zwei Frauengestalten, die für Hölderlins Entwicklung bestimmend waren. Links steht die Mutter, der Hölderlin sich immer zu Gehorsam verpflichtet fühlte, obwohl diese sich nie um den Bedürftigen bemüht hatte. Dies wird auch in der Bildstruktur sichtbar: Sie wendet sich von dem Sohn ab, und nur die Schraffur als eine Art Grundsubstanz verweist auf eine geheime und nicht minder machtvolle Bindung. - Auf der rechten Tafel erscheint nur vag umrissen die weiße Frau, Diotima.

Bei der dritten Gruppe der Blätter, die sich mit Hölderlin befassen, handelt es sich um jene fünf Radierungen, welche als Mappe erschienen sind. Während das fünfte Blatt Stationen des Lebenslaufs in Gestalt von Bildnissen markiert, zeichnen die ersten vier Blätter verschlüsselte Bilder von Hölderlins Geisteswelt. Dem ursprünglichen Zusammenhang entfremdet, verwandelt Geiselhart die Vorlagen in Bildmetaphern, die als Figurenbildparaphrasen und als ausgesprochen intellektualisierte Gebilde den Zusammenhang von Hölderlins Leben, Werk und Wirkung anschaulich interpretieren.

Um eine Schaffensperiode von nunmehr zweieinhalb Jahren, innerhalb deren Geiselhart mit vorwiegend literarischem Bezug gearbeitet hatte, abzuschließen, entwarf und radierte er in den letzten Wochen ein großes Blatt: 'Allegorische Heimsuchung im Atelier oder: Gewissenhafter Versuch über die Melancholie'. Mit dem selbst organisierten Figurenbild greift Geiselhart eine verdrängte und nahezu vergessene Bildform auf, die in der Lage ist, auf souveräne Weise auch überzeitliche kommunikative Zusammenhänge zur Anschauung zu bringen. War in den Paraphrasen der Künstler auch immer schon präsent, so thematisiert er nun seine Rolle explizit. Während bisher er versuchen mußte, seine Gestalten in der Geschichte anzutreffen, wird er jetzt von diesen im Atelier aufgesucht. Doch die Melancholie bleibt in gehöriger Distanz, muß sich mit der Rolle des Gastes bescheiden im Hause des Künstlers und seiner Diotima, welcher das Blatt dediziert ist. Nur die beiden Töchter, mehr Penaten oder Genien als Putten, dürfen sich im Vordergrund tummeln. Sie machen vor allem anderen die Realität des Künstlers aus.

Erst in diesen Tagen radierte Curt Geiselhart sein 'Trostblatt für Jochen Vollmer', Theologe und bis vor einem Jahr Lehrerkollege des Künstlers, der mit Berufsverbot belegt wurde, weil er Differenzen wahrnahm zwischen dem Freiheitsbegriff des Grundgesetzes und unserer eingeschränkten demokratischen Praxis. Mit Text und Bild verlieh Geiselhart dem aktuellen Fall eines radikalen Demokraten eine historische Dimension.

Kunst hat nicht nur eine hedonistische, sondern auch eine kritische und eine pragmatische Funktion. D. h., wir dürfen diese schönen Produkte aus Fantasie und Realität durchaus guten Gewissens genießen. Doch wollen sie auch den Intellekt ansprechen, und sie appellieren an unsere Fähigkeit zum Handeln.