Archiv                                                                                                               

Karl Heger: Zeichnungen

Ausstellungseröffnung 07.09.1982. Kunsthandel Helga Paepcke Karlsruhe

Bekanntermaßen sind Eröffnungsreden im allgemeinen beinahe überflüssig. Denn die Exponate sprechen für sich (oder sie sollten es), so daß die Funktion des Redners mehr darin besteht, dem Ereignis selber zu einer ästhetischen, d. h., schönen oder erhabenen Form zu verhelfen - mit freundlichen Worten über den Künstler und seine Produktion. - Interessant wird die Aufgabe für den Eröffnungsredner erst, wenn eine Ausstellung auch nicht annähernd in der Lage ist, einen repräsentativen Blick ins Atelier, d. h., in den Produktionsprozeß zu vermitteln. Und dies ist bei Ausstellungen von Karl Heger, besonders bei dieser, welche fast ausschließlich Zeichnungen vorstellt, in besonderem Maße der Fall.

Der Künstler Karl Heger ist Objektemacher und Zeichner, wobei die beiden Produktionszweige nur selten parallel verlaufen, sondern in der Regel in einem periodischen Halbjahresrhythmus aufeinander folgen. Das hängt primär mit den Materialien zusammen, die Heger verarbeitet. Es sind dies Naturmaterialien vorwiegend pflanzlicher Herkunft. Im Sommerhalbjahr sammelt, trocknet und verarbeitet er seine 'Ernte' bis in den späten Herbst hinein. Im Winter wendet er sich neuen Projekten zu, indem er diese skizziert und als Handzeichnungen oder Radierungen detailliert ausführt. Der zeitliche Abstand von bis zu 6 Monaten bis zu einer möglichen Realisierung bringt es mit sich, daß nicht jede Bildidee tatsächlich zum Objekt heranreift. Es ist möglich, daß das Interesse an einer gefaßten Idee erlahmt oder umgekehrt, daß unvermutet das Auffinden bisher nicht beachteter Dinge die Aufmerksamkeit des Künstlers fesselt und ihn zum direkten und kaum geplanten Handeln anspornt. So gibt es zwischen der grafischen Produktion und den Objekten einerseits einen direkten Bezug, auf der anderen Seite Wahren jedoch beide ihre Eigenständigkeit. D. h.: Die Objekte verdanken ihre Formung direkt den Eigenschaften und der Struktur des Materials. Umgekehrt sind die Zeichnungen zunächst einmal autonome Bilder, welche ihren ästhetischen Wert in sich tragen, unabhängig davon, ob das Konzept nun realisiert Wird oder nicht. So enthält jede Zeichnung auch ein utopisches Moment, das umso stärker ist, je offener und unbestimmter die materiale Beschaffenheit bleibt. An einigen Beispielen möchte ich versuchen, jene Differenz zwischen Konzept, Bild und Objekt deutlich zu machen.

Die Zeichnung 'Lebensmittelboote' zeigt in isometrischer Perspektive hintereinander zwei offene und zwei sargartig aufeinandergeklappte Boote. Das mittlere Fahrzeug ist leer und läßt vermuten, daß es aus Plattenmaterial zusammengesetzt werden soll. Länge und Form des Paddels paßt sich exakt der geometrisch abstrahierten Kanuform an. Bei dem vorderen Boot ist angedeutet, wie es gefüllt werden soll: Der größere kubische Raum mit einem lockeren Polster, der kleinere und die beiden Zwickel an Bug und Heck mit pyramidenförmig angeordneten Lebensmitteln unbekannter Materialität. Wie man sieht, läßt sich das Paddel aus dem Boot herausnehmen. - Inzwischen stehen die beiden Boote in Karl Hegers Atelier - nahezu fertiggestellt. Aus groben Brettern sind sie zusammengefügt, verdübelt, von außen geteert und von innen mit Bienenwachs abgedichtet. Als sich herausstellte, daß der kleinere kubische Raum für den knienden Kanuten ausreicht, füllte Heger ihn mit zwei Reihen kleiner Heubündel aus. In die übrigen Räume hatte er provisorisch einige Dinge gelegt, vermutlich, um die Raumwirkung anschaulich zu testen. Bei meinem Atelierbesuch vor zwei Wochen kreisten Hegers Überlegungen um die Frage, welche ihm verfügbaren Dinge wohl wichtig wären als Lebensmittel. oder wie er auch sagt als 'Überlebensmittel'. Wie die Wortprägung uns schon ahnen läßt, meint diese mehr als Nahrung; auch das Boot selber versteht Heger als ein 'Lebensmittel'.

Dieselbe Thematik, nämlich 'Leben' und 'Überleben' spielt noch in einem zweiten größeren Projekt eine Rolle, das ebenfalls in dieser Ausstellung mit mehreren Zeichnungen dokumentiert wird. Es ist die 'Einsitzlebensmittelpyramide' bzw. die 'Pyramide zum Einsitzen'. Dieses Objekt besteht aus Holz, ist etwa brusthoch und kann im oberen Drittel aufgeklappt werden. Die Ränder des Einstiegs sind an allen vier Seiten etwa eine Handspanne lang und etwa einen Fingerbreit vertieft, so daß für den Einsitzenden, wenn die Pyramidenspitze zugeklappt ist, nach allen vier Seiten Sehschlitze entstehen. Von außen ist die Pyramide mit Lehm, von innen mit Gold verkleidet. Außerdem enthält sie einen kleinen Sitz sowie eine noch nicht endgültig festgelegte Anzahl von Überlebensmitteln:

etwas zum Beißen
etwas zum Abziehen
etwas zum Riechen
etwas zum Handhaben
etwas zum Begreifen
etwas zum Entspannen etwas zum Durchgucken etwas zum Brechen.

Während wir bei den Lebensmittelbooten noch recht spielerische und märchenhafte Vorstellungen entwickeln können, die in ihrem Realitätsgehaltsgehalt weit vor Robinson Crusoe ansetzen müssen, scheint die Pyramide in ihrem Lebensbezug sehr direkt unsere vitalen Gegenwarts- und Zukunftsprobleme anzusprechen. Wir wissen ja längst, daß die Entwicklung der Massenvernichtungswaffen so rasend schnell fortschreitet, daß es sinnlos geworden ist, für den akuten Fall Schutzeinrichtungen zu schaffen. Was wir heute planen und morgen bauen, war gestern schon überholt. So formuliert Karl Heger die einzig sinnvolle Lösung; er sagt: "Wir müssen uns einen Bunker im Kopf bauen." Dieser Kopfbunker aber ist der Schutz gegen die Idee des Krieges, gegen aggressive Politik und auch gegen die Wahl machthungriger Politiker. - Womöglich täuschen wir uns auch in der Primitivität der Lebensmittelboote. Vielleicht müssen wir sie als einen ebenso wichtigen Hinweis auf eine unmittelbare und vitale Gefahr begreifen. Ich meine die Gefahr eines Verlustes der Individualität in der modernen Massengesellschaft. Auch hier bietet Heger keine Patentlösung an. Seine Objekte und Bilder sind lediglich anschauliche Hinweise und eher Seismografen als Alternativen, wenn er z. B. dem Individuum eine urtümliche Arche zimmert.

Ich möchte nun noch einige aspekthafte Anmerkungen zur Arbeitsweise und zur Ikonografie von Karl Heger ergänzen. Diese werden notwendig, da gewissen Mißverständnisse und Fehldeutungen sich wiederholen. - Gelegentlich hält man Karl Heger vor, er setze sich für einen ehrfürchtigen Umgang mit Lebensmitteln ein, vergeude dieselben aber gleichzeitig zu ästhetischen Zwecken. Bei diesem Vorwurf wird übersehen, daß Heger grundsätzlich nur Nahrungsmittel verarbeitet, die nicht mehr genießbar sind. - Bisweilen wird auch gefragt, ob der Abfallcharakter des Materials, seine Hinfälligkeit (welke Blätter, Früchtemumien, Tierkot etc.) nicht doch auch den ästhetischen Wert der Objekte tangiere. Nun, in der Tat wäre es sehr schwierig, einen realistischen Marktwert für Karl Hegers Objekte zu ermitteln. Doch der Künstler nötigt sie niemanden auf, ja, in jüngster Zeit hat er sogar eine eigene Taktik entwickelt, um den Verkauf von Objekten weitgehend zu unterbinden. Die Objekte machen denjenigen Teil seines Oeuvres aus, von welchem die stärksten didaktischen Impulse ausgehen. Die entsprechende Wirkung kommt vor allem in öffentlichen Ausstellungen zustande, aber kaum in einer privaten Sammlung. Ganz anders sieht es mit den Grafiken aus. Diese dokumentieren die Idee eines Projekts sehr weitgehend und sind in ihrer Machart von großer ästhetischer Delikatesse. Insofern wird bei diesen ein Kunstfreund wohl kaum die Frage stellen, ob er denn auch einen angemessenen Gegenwert für sein Geld bekomme. - Vielleicht möchte man auch spekulieren, Karl Hegers Produktion sei sehr viel effektiver, wenn er ausschließlich zeichnete. Dem wäre energisch zu widersprechen, denn die primäre Innovation kommt aus dem sinnlichen Umgang mit dem Material. Umgekehrt gehen die sinnlichen Erfahrungen mit dem Material in die Zeichnungen ein und bilden insofern einen Bestandteil ihres Wertes. Dies darf nicht nur inhaltlich verstanden werden. Neben den unsichtbaren Erfahrungen gehen gelegentlich auch ganz handfeste Fragmente des Naturmaterials in die Bilder ein. M. a. W.: Ohne jenen komplexen materialen Hintergrund wären Hegers Zeichnungen womöglich raffiniert ausgedachte und ausgetüftelte literarische Gebilde - aber sie müßten blutleer bleiben. So aber vermittelt sich uns in jedem Blatt die Lebendigkeit eines direkten Realitäts- und Naturbezugs.

Im Zusammenhang mit den Objekten hatte ich eingangs zu zeigen versucht, daß Karl Heger von wechselnden Blickpunkten her existenzielle menschliche Grundprobleme anschaulich behandelt. Hierfür gibt es über die bisherigen Hinweise hinaus weitere Anzeichen, auf die ich abschließend noch kurz eingehen möchte. - Fragt man nach einer kunsthistorischen bzw. systematischen Einordnung der Arbeiten von Karl Heger, so kommt der entscheidende Hinweis von dem verwendeten Naturmaterial her. Hier liegt die Verbindung zu einer Spielart der Stillebenmalerei auf der Hand, die im 16. und 17. Jahrhundert von Bedeutung war. Gemeint ist das sog. Vanitasbild, das mit Symbolen der Vergänglichkeit alles Diesseitigen zur Einkehr und Umkehr ermahnte. Diese Sinnebene spielt sicher eine nicht unwesentliche Rolle in Hegers Arbeiten. - Bei der formalen Untersuchung der Arbeiten von Karl Heger fällt die Konsequenz in der Bevorzugung des Dreiecks und der Pyramide auf. Beim Dreieck spricht Heger gern vom Zipfel, bei der Pyramide von der Spitze eines Eisberges. Nach unserem allgemeinen Verständnis führt die Eisbergspitze leicht etwas Beunruhigendes, etwas Bedrohliches mit sich, während der Zipfel etwas Läppisches hat. Womöglich geben beide zusammen die richtige Dosis an Ernsthaftigkeit. Das Gemeinsame besteht jedoch darin, daß Zipfel und Pyramidenspitze als ein Ende trotz ihrer lächerlichen Kleinheit das Ganze recht gut repräsentieren können. Und um dieses Ganze geht es Karl Heger, z. B. um die Zukunft der ganzen Menschheit, für die wir auch die ganze Verantwortung tragen. - Wenden wir das Bild auf unsere Beziehung zur Zeit an, so kann das erhellend wirken: Im Verhältnis zur Menschheitsgeschichte bedeutet unsere Existenz, unser Heute, nur einen winzigen Zipfel. Nehmen wir uns also nicht so wichtig! Im Verhältnis zur Zukunft, welche die Menschheit vielleicht noch hat, zeichnet sich das Heute als die Spitze eines Eisberges ab. Diese winzige Spitze kann der Anfang vom Ende sein!