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Norbert Stockhus: Malerei und Grafik

Ausstellungseröffnung 19.09.1982. Galerie im Kornhaus Kirchheim unter Teck

Mit dem Anbruch der Neuzeit  also um das Jahr 1500  beginnt die Malerei, die zuvor ausschließlich religiösen Zwecken gedient hatte, sich aufzufächern gemäß ihren Inhalten. Es entstehen u. a. die Porträtmalerei, die Landschaftsmalerei, die Stillebenmalerei, die Genremalerei. Mit der Differenzierung der Aufgaben geht auch eine Arbeitsteilung, eine Spezialisierung der Künstler einher. Im 17. Jahrhundert ist es gang und gäbe, daß der Maler sich bereits frühzeitig zwischen Figur und Landschaft entscheidet. Dabei genießt die Figurenmalerei zu Recht das höhere Ansehen, gilt als das höhere Fach, während Landschaft und Stilleben zu den niederen Fächern zählen. Eine weitere Entscheidung wird dem Maler derselben Zeit zugemutet: Es ist die Alternative zwischen Nähe und Ferne. Vor allem beim Stilleben hatten die Maler gelernt, die Struktur des Stofflichen wiederzugeben. Dies war in der Landschaft nicht nötig und auch nicht möglich; statt dessen konzentriert der Landschafter sich darauf, die Tiefe des Horizonts überzeugend wiederzugeben.

All diese Fähigkeiten - die Wiedergabe der Tiefe, die Wiedergabe des Stofflichen und die Wiedergabe des Individuellen - gehen mit dem Ende des letzten Jahrhunderts zugunsten einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Licht, dem Ausdruck, den bildnerischen Mitteln und den bildnerischen Medien verloren. In der neueren Kunst muß man schon genauer hinsehen, um Maler zu finden, denen nicht bange War oder ist vor einer unmodernen Handwerklichkeit und bei denen solche Bemühungen nicht auf Kosten der Intensität (und d. h. auch: der Qualität) gehen.

Wenn man nach repräsentativen Namen fahndet, so müßte man unbedingt Christian Schad erwähnen, der gegen Ende der 20er Jahre einen sehr eindringlichen und unsentimentalen Porträtstil entwickelte. Die besten Stücke zischen 1927 und 3.929 sind seither in ihrer Qualität Wohl kaum übertroffen worden. - Vor einem Jahr konnten Sie hier in der Kornhausgalerie eine Ausstellung mit Bildern von Hans-Martin Erhardt sehen. Da gab es am Rande Beispiele für den völlig unmodernen trompe-l'oeil-Effekt, vor allem war zu beobachten, wie Erhardt mit scheinbarer Leichtigkeit in seinen Landschaften seit 1975 überzeugend Zeichen für Raumtiefe schafft, wozu es derzeit schwerlich Vergleichbares gibt. - Suchen wir nach Malern, die in der heutigen Szene die Nähe beherrschen, die Stofflichkeit wiedergeben können, so darf man den Namen Norbert Stockhus nicht unerwähnt lassen.

Nun wäre der Aufwand einer derart weit ausholenden Einleitung kaum zu rechtfertigen, hätte ich nur einen Teil des Werks von Norbert Stockhus kunsthistorisch einordnen und qualitativ bestimmen wollen. Über die Tatsache hinaus, daß Porträt, Landschaft und Stilleben, d. h, das Individuelle, das Ferne und das Nahe kaum von namhaften Künstlern zum Gegenstand ihrer Bemühungen gemacht werden, gibt es bei Stockhus noch eine Besonderheit. Diese besteht darin, daß er nicht nur ein Spezialist für das trompe-l'oeil ist. In der Kontinuität seines Schaffens, die sich innerhalb eines Zeitraums von 6 Jahren in dieser Ausstellung sehr gut ablesen läßt, wird deutlich, daß ihm der Gesamtkomplex jener nahezu vergessenen Malerprobleme gegenwärtig ist. Wollen wir Norbert Stockhus also gerecht werden, wo müssen wir fragen: Worin liegt das Individuelle, das Bildnishafte, worin liegt das Allgemeine, das Landschaftliche, worin liegt das Stoffliche, das Stillebenhafte in diesen Bildern? Es kann also nicht darum gehen, jene 90 Exponate etwa in Gruppen zu zergliedern. Vielmehr haben wir mit den bisherigen Überlegungen durchgängige Kategorien gefunden, welche für das Gesamtwerk konstituierend sind. D. h., ich behaupte - da Stockhus kein Spezialist für ein Fach ist, sondern im traditionellen Sinne ein Universalist - daß auch alle drei Kategorien in alle von ihm gepflegten Bildgattungen eingehen.

Beginnen wir also mit der kleinsten, der am ehesten überschaubaren Gruppe, den Bildnissen. Es handelt sich um Porträts insofern, als die Abgebildeten von jedem wiedererkannt werden können, der diese bereits kennt oder die Person nach dem Bildnis identifiziert. Dies ist sozusagen der naturalistische Anspruch eines Bildnisses, der jedoch bei Stockhus nicht an der Oberfläche bleibt, sondern bis in die Poren eindringt. Realistische Züge nehmen die Porträts an, wo ein charakteristischer Zug, eine momentane mimische Bewegung erfaßt wird. Vor allem aber, wenn aus dem Auge der Blick wird, ist der Schritt vom naturalistischen zum realistischen Bildnis vollzogen. - Gewiß, Gesicht und Hände sind Stockhus sehr wichtig, doch läßt die Intensität der Malerei bei der Wiedergabe der Gewandung keinesfalls nach. Wie die Hautfältchen werden auch Gewandfalten sorgfältig modelliert, ohne Effekte, ohne karikierende Expressivität. Die Wahrheit des retinalen Eindrucks gilt Stockhus als einziges Richtmaß. Doch mit der Wiedergabe von Plastizität und Räumlichkeit wendet sich die Aufmerksamkeit des Malers bereits dem zu, was an einem Gesicht, an einer Figur bzw. an einem Gewand das Landschaftliche ist. Das Sehen vollzieht sich nun als ein sehr distanziertes. - Doch am Schluß, so jedenfalls stelle ich mir die Arbeitsfasen bei einem Bildnis von Stockhus vor, sieht er sein Modell noch einmal ganz aus der Nähe - aber sachlich, sozusagen als Stilleben, und er entdeckt, wo die Haut glänzt, wo die Adern durchscheinen, wo man einzelne Haare erkennt u. s. w. Doch bevor er die Schwelle zum reinen trompe-l'oeil überschreitet, wendet er sich dem Hintergrund bzw. den Requisiten zu. Hier ist er vollkommen frei und kann seiner Lust am spielerischen Erfinden und Verschlüsseln freien Lauf lassen. Die Hintergründe sind reinste Stilleben. Das Tüpfelchen auf dem 'i' schließlich ist der Porträttitel, welcher der sehr ernsthaften Arbeit gern eine schalkhafte Wendung gibt.

Die Landschaft bildet für Norbert Stockhus sozusagen die Alternative zum Bildnis. Hier kann der Blick frei schweifen, ist zunächst weder an Proportionen noch an Stofflichkeit gebunden. Die traditionellen Probleme der Landschaftsdarstellung müssen auch von Stockhus immer wieder aufs neue gelöst werden: die Gliederung des Flachraums als plastisches und als räumliches Gebilde zur Gewinnung einer überzeugenden Tiefenillusion; und der Prüfstein ist schließlich der Horizont als ein visueller und suggestiver Übergang des Endlichen ins Unendliche, des Materiellen ins Immaterielle. Das universelle Denken und Sehen von Stockhus würde es ihm nicht erlauben, einen leeren Tiefenraum bereits als Landschaft gelten zu lassen. Damit dieser ein Lebensraum wird, braucht er die Figur. Dies muß nicht notwendig ein Mensch sein. Auch ein Baum oder ein Stein kann stellvertretend für das Individuelle und Menschliche einstehen. Überhaupt sieht Stockhus die Grenzen fließend zwischen den Stufen der Materie. So kann ein Stein Wurzeln schlagen, und Pflanzen können leidend oder handelnd auftreten. - Gerade in den Landschaften bildet der Tiefenraum oft nur eine Bühne für Visionen von einer Endzeit, in der Lebendiges nur noch als Vegetation existiert. - Schließlich geht auch Stillebenhaftes in die Landschaften ein: ein Stein, ein Ei, eine Kugel, ein konkaver Abdruck oder auch nur Tropfen einer geheimnisvollen Flüssigkeit. Diese Details geben dem Bild jene eigentümliche Stimmung der 'nature morte': Es ist eine undefinierbare Stille nach großen Umwälzungen - und gelegentlich auch davor. Nur die Zeiträume bleiben völlig offen, so daß man öfter Dokumente archäologischer Ausgrabungen vor sich zu haben meint. - Bei wenigen Landschaften tat Stockhus ein übriges, indem er durch diffizile trome-l'oeil-Effekte vor allem in der oberen Bildhälfte die größte Tiefe aus der Illusion in die Realität der Fläche zurückholte. Auch dies ist ein stillebenhaftes Element.

Von echten Stilleben kann man bei Norbert Stockhus nur selten sprechen. Doch gibt es vor allem unter den Mischtechniken und Aquarellen zahlreiche Blätter, die man eher als Interieurs oder auch als Bildnisse von Gegenständen bezeichnen möchte. Die Interieurs haben keine einheitliche inhaltliche Tendenz. Das Spektrum ist vielmehr weit gespannt ‑ etwa von der ökologischen und gesellschaftlichen Kritik (z. B. bei 'Insider' oder 'Frühe Ernte') über fantastische Alpträume (z. B. bei jener hinterhältigen Falle 'Warten auf gelöste Nährstoffe') bis zu radikalen Fragen nach Sinn und Ursprung unseres Seins ( z. B. in 'Ungeeigneter Standort'). Oft verjüngt sich der Boden des Innenraums wie eine Flachlandschaft, die nur durch die Kastenkulisse der Wände wieder zurückdimensioniert werden kann. - Gerade die Innenräume wirken sehr kalkuliert 'und scheinen von höchster Raffinesse Umso mehr muß man sich wundern, wenn man die Fluchtlinien verfolgt und feststellt, daß die Raumordnung nicht konstruiert, sondern rein intuitiv geschaffen wurde. - Neuerdings hat Stockhus mehrfach fantastische Dinge porträtiert und dabei darauf verzichtet, den Umraum vollständig zu definieren. Die Bildidee konzentriert sich auf das Ding, auf die vom Menschen vollkommen in seinen Dienst genommene Natur.

In seinen Malereien und Grafiken, die das Allgemeine mit dem Individuellen, das Unendliche mit dem Vordergründigen und das Immaterielle mit der Materie zu versöhnen suchen, spricht Norbert Stockhus seit Jahren vorsichtige Mahnungen aus. Er zeigt modellhaft, wie bei konsequenter Weiterentwicklung bald das Absurde das Alltägliche sein wird. Nur so kann man auch die jüngsten Bilder verstehen, wo mit nur geringem strukturellem Aufwand Schreckbilder einer völlig technisierten Natur vorgeführt werden. In einem seiner letzten Bilder versucht Stockhus erstmals, sich konkreter zur Notwendigkeit von Problemlösungen, von eingreifendem Handeln, zu äußern. Denn jener 'Knoten' wird gebildet von einem Gewirr von Pflanzentrieben, wo kein roter Faden mehr auszumachen ist, außer, daß offenbar ein Stromkabel bereits mit den Trieben zu einer Einheit verwächst. Hier stößt Stockhus uns auf eine dringende Aufgabe für die Zukunft: Er zeigt uns den Knoten und überläßt es vorerst uns zu entscheiden, ob dieser wohl zu entwirren sei, oder ob wir ihn durchhauen müssen.