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Christiane Reinhardt: Mischtechniken, Plastik. Hans-Peter Hauf: Mischtechniken

Ausstellungseröffnung 17.10.1982. Rathaus Waiblingen

Wenn in einer Ausstellung mehrere Künstler mit ihren Arbeiten präsentiert werden, so gibt es meistens einen gemeinsamen konzeptionellen oder thematischen Zusammenhang. Sind es lediglich 2 Künstler, so fällt es ...

schwer, das Publikum davon zu überzeugen, daß die Kombination notwendig und nicht zufällig ist. - Fragen wir in aller Offenheit, wie die Verhältnisse bei Christiane Reinhardt und Hans-Peter Hauf liegen, so muß man erwähnen, daß beide einander während eines Jahres gemeinsamer Arbeit im Atelierhaus der Landeskunststiftung in Stuttgart kennen und schätzen gelernt haben. Sicher kann eine solche Zeit dazu beitragen, in Gesprächen auf einem sehr allgemeinen Niveau Klarheit über das zu gewinnen, was ich als Bildung eines künstlerischen Selbst- und Berufsbewußtseins bezeichnen möchte. Ganz am Rande und ohne nachweisbare Wirksamkeit werden gerade bei persönlichen Kontakten zwischen Künstlern oft auch Wertvorstellungen über Material, Faktur und Duktus vermittelt. - Ich bin sicher, daß zwischen Christiane Reinhardt und Hans-Peter Hauf solche Fäden geknüpft wurden. Doch könnte ich dies nicht nachweisen, obgleich ich die beiden Künstler während ihrer Stuttgarter Stipendiatenzeit Anfang 1980 kennenlernte.

Gewiß, Kunstbetrachtung und Interpretation kann ohne sensibles Sehen, ohne Intuition und ohne einen Schuß spekulativer Phantasie nicht auskommen. Doch gerade wenn wir uns dessen bewußt sind, müssen wir umso drängender fragen: Wo bestehen Gemeinsamkeiten, worin besteht das je Eigene bei Christiane Reinhardt und bei Hans-Peter Hauf? Die Entfaltung der Antwort auf diese Frage soll Inhalt und Ziel meiner Einführung sein. Vorweg läßt sich so viel sagen: Gemeinsam ist beiden Künstlern das emotionale Zugehen auf diese Wirklichkeit, und es ist die anschauliche und d. h., künstlerische Verarbeitung in einer expressiven Formsprache. Doch fragen wir nach Modalitäten im einzelnen, so scheiden sich die Wege schon früh.

Das aufnehmende und gestaltende Auge des Künstlers richtet sich niemals auf die ganze Wirklichkeit, sondern auf die Wirklichkeit ganz. Auf diesen wesentlichen Unterschied hat Lukács in seiner Ästhetik hingewiesen. Das bedeutet: Der Künstler kann natürlich niemals die Realität mit allen ihren Verzweigungen und Reflexen aufnehmen und verarbeiten. Er nimmt wahr, was für seine Person wirklich ist, und er sieht es aus seiner ganz spezifischen Perspektive. Dieser Blickwinkel entspricht jedoch nicht jener singulären Subjektivität, wie wir sie an uns selbst erleben. Der Künstler sieht das einzelne, und er gestaltet es immer zum Ganzen; also zu einer Art Mikrokosmos. - Jene spezifische Sicht des einzelnen Künstlers führt natürlich Subjektives mit sich, doch ist sie immer gültig über das Subjektive hinaus. D. h., die Person des Künstlers mit all ihren menschlichen Schwächen und Krisen schafft ein Werk von allgemeiner Verbindlichkeit.

Die Künstler Christiane Reinhardt und Hans-Peter Hauf sind ein anschauliches Exempel dafür, daß unterschiedliche, ja gegensätzliche Produkte entstehen können, selbst wenn zwei Künstler eine vergleichbare Realität wahrnehmen. Denn beide Künstler verstehen ihre Rolle unterschiedlich. Christiane Reinhardt öffnet der Realität nicht nur die Pforten ihrer Sinne, sondern ihre ganze Person, und die Realität dringt in sie ein nicht nur optisch und akustisch, sondern real. So kann, die Künstlerin nicht einfach registrieren und wiedergeben, sondern sie wird immer selbst betroffen. Sie leidet an der Realität, und sie schreit heraus, sie schleudert uns entgegen, was die Welt an Leiden und Unmenschlichkeit dem Menschen zumutet. - Ganz anders verhält sich Hans-Peter Hauf. Er ist ganz Auge; er nimmt die Welt mit den Sinnen auf und selegiert gemäß der Frage, was denn anschaulich, was denn für ihn sinnlich ist. Denn das Sinnliche ist für Hauf auch immer zugleich das Hedonistische, d. h., dasjenige, was in der Rezeption angenehme Gefühle hervorruft, Freude bereitet. So ist es letztlich die optimistische Lebenseinstellung von Hans-Peter Hauf, seine Freude am Leben und seine Freude am Malen, welche der Künstler mit seinen Bildern uns mitteilt.

Vor einem halben Jahrzehnt hatte Christiane Reinhardt begonnen, ihre Thematik einzugrenzen und zu formulieren. Da die Malerin Christiane Reinhardt von der Bildhauerei her kommt, muß es nicht verwundern, daß ihr ursprüngliches Interesse der Figur galt. - Es war wohl die Folge einer persönlichen Krise, einer existentiellen Grenzsituation, die der Künstlerin die Augen öffnete und sie in Landschaften Anthropomorphes entdecken ließ. Damit war der entscheidende Schritt zur Herausbildung der künstlerischen Intention getan. Denn die Figuren, die Akte mußten nun nicht mehr schön sein im landläufigen, im modischen Sinne. Der Körper konnte zur Landschaft werden, in die sich Erfahrungen und Leiden eingegraben hatten. - Inzwischen hat Christiane Reinhardt beim Malen und Zeichnen das plastische Metier weit hinter sich gelassen, denn die bildnerischen Mittel verwendet sie primär malerisch und grafisch, und die Figuren bilden mit dem umgebenden Raum eine vollkommene Einheit.

Mit dem Übergang vom plastischen zum flächigen, zum malerischen Medium, gewann auch die inhaltliche Relevanz der Gegenstände zunehmend an Bedeutung. Es waren nicht primär die Sinnesreize, etwa das interessante, das ins Auge fallende Sujet, das den Impuls zur Bildfindung gab, sondern es wurde zunehmend und ist heute ausschließlich die Betroffenheit der Künstlerin vom Elend dieser Welt, das nach einer adäquaten Form verlangt.

In den letzten beiden Jahren haben die Motive in den Bildern von Christiane Reinhardt an Lebensnähe gewonnen. Auf Figuren und Landschaften folgten illustrierende und interpretierende Darstellungen zu Texten oder auch zu Situationen, deren Schlüssigkeit und moralische Tendenz bereits literarische Qualität annahm. In jüngster Zeit hat die Künstlerin sich stärker von ihrer unmittelbaren Umwelt, von deren Aggressionen und Leiden anschaulich anregen lassen. Bei den Griechenlandbildern, die in diesem Sommer entstanden sind, handelt es sich um visuelle Erlebnisse, welche direkt ins Bild übersetzt wurden. Doch sind auch diese Bilder, trotz ihrer Distanz zum mitteleuropäischen Alltag, niemals ästhetizistisch empfunden. Vielmehr spiegelt sich in ihnen der ganze Widerspruch im Leben der Menschen jenes Landes, so etwa die Doppelmoral zwischen religiösem Ethos und modernem Anspruchsdenken.

Wohl mit Ausnahme der Landschaften, die ganz aus dem Sehen geboren sind, enthält jedes Bild von Christiane Reinhardt einen anklagenden oder einen appellierenden Aspekt. Dieser intellektuellen Ebene des Bildes entspricht ein komplexer ästhetischer Kern, der jedoch keinesfalls trocken dozierend ins Bild gesetzt wird. Der kraftvolle und geradezu männlich expressive Vortrag in toniger Farbigkeit überzeugt uns ohne Umschweife, daß hier ein Mensch ganz unsentimental Verantwortung übernimmt und sich in einer skrupellosen Gesellschaft die Bürde des öffentlichen Gewissens aufladen läßt, Wie schwer eine derartige Aufgabe zu einem schlüssigen Ende zu bringen ist, zeigt die konkrete Situation einer solchen Ausstellung. Das Produzieren ist die eine Seite, doch dann ist die Öffentlichkeit, sind wir gefordert. Und es kommt sozusagen die Stunde der Wahrheit, wenn es gilt, der Künstlerin mit den Bildern auch die Last von Leiden und Depression abzunehmen.

Mit Hans-Peter Haufs Bildern tritt uns eine ganz andere Welt entgegen. Doch genügt es nicht, die Unterschiede zu konstatieren; sie müssen auch begründet werden. - Es gibt in Hans-Peter Haufs künstlerischem Schaffen trotz seiner Flexibilität, seiner Fähigkeit, neue Impulse aufzunehmen und ästhetisch zu integrieren, einen roten Faden, eine deutliche Konsequenz in der Thematik, in der künstlerischen Intention und in der Lebenseinstellung.

Es ist sinnvoll, den Beginn von Hans-Peter Haufs eigenständigem Schaffen noch vor Abschluß des Akademiestudiums zu datieren, nämlich 1975, dem Jahr seiner ersten Einzelausstellung. Damals malte er landschaftliche Details, wie er sie im momentanen Hinsehen, im Vorbeigleiten vom Boot aus erfassen konnte. Damit hatte er bereits den thematischen Kern seiner künstlerischen Arbeit umrissen: Die Landschaft nicht als retinales Dokument, sondern als Erlebnisspur, wie sie sich in bewegter Rezeption in die visuelle Erinnerung einprägt. - Das noch recht naturnahe Sujet streifte Hauf in den folgenden Jahren ab. Es begann eine Phase der Befreiung, in der er ganz aus den Möglichkeiten des Werkzeuggebrauchs, des Materials und dessen Eigengesetzlichkeit heraus arbeitete. Das war vor allem in der Zeit des Stipendiums in der Stuttgarter Kunststiftung zwischen1979 und 1981. In der Geste der Umkreisung gewann Hauf eine schwebende Leichtigkeit seiner malerischen Handschrift, zugleich vollzog sich eine Konzentration auf das Subjekt der Produktion. Die existentielle Selbstgewißheit des Künstlers, die Formulierung des 'Ich bin' ist die erste und unabdingbare Voraussetzung für jede weiterreichende ästhetische Arbeit, also auch für die Möglichkeit, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

Bereits 1980 begann Hans-Peter Hauf in parallelen Versuchen, nach neuen Strukturen zu suchen. Bezeichnenderweise wurden diese nicht handschriftlich, sondern mechanisch erzeugt. Doch als Resultat entstand genau das, was der Künstler nun brauchte: Nach der Vergewisserung im eigenen Ich ließ er sich auf vorgegebene, auf fremde Ordnungen ein und unternahm auch Versuche zu einer Synthese.

Noch bevor Hans-Peter Hauf als Stipendiat nach Cardiff in Wales aufbrach, fand er zu seiner originären Bilderfindung, welche er sowohl in England als auch bei seinem diesjährigen Parisaufenthalt weiter ausdifferenzierte. Es ist die Landschaft als horizontales Streifenbild. Trotz der Einfachheit in der Raumstruktur meine ich, daß man diese Bildform würdigen muß, weil sie ohne direktes Vorbild ist: Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf die Ferne, auf den Übergang zwischen Mittelgrund und Horizont. Während Hauf den Vordergrundraum in großzügiger Offenheit als Denkraum zur Disposition stellt, ziehen in objektivierter Distanz die Versatzstücke unserer Wirklichkeit vor dem Auge vorbei. Die frühe Motivation des Vorbeigleitens, die Bewegung, hat der Künstlerwiedergefunden im Bild aneinander vorbeifahrender Eisenbahnzüge oder ganz schlicht im schweifenden Blick. Gelegentlich facettenhaft gebrochen, erscheinen Häuser u. a. landschaftliche Elemente nun dem schnellen Hinsehen. Darüber hinaus ist weiterhin die malerische Geste wichtig, welche dominierend in Richtung der aufsteigenden, oder wie Kandinsky sagt, der harmonischen Diagonalen verläuft. Sie ist Identifikationsfigur und Schrittmacher des Gestimmtseins in einem.

Die positive Emotionalität, wie sie uns durch Hans-Peter Haufs Bilder vermittelt wird, verdankt sich auch einer spezifischen Farbigkeit. Es sind strahlende Farbklänge mit einem jungen Grün, einem vollen oder satten Blau, einem leuchtenden Weiß und immer wieder dem vitalen und zugleich erdverbundenen Eisenoxydrot und dazu die Tiefe des kontrastierenden Schwarz. Inspiriert durch den Parisaufenthalt, sind neuerdings die heraldischen Farben der Trikolore hinzugekommen, die jene lebensbejahende Grundstimmung noch verstärken.

Erlauben Sie mir zum Schluß noch eine ganz persönliche Bemerkung zu den Künstlern Christiane Reinhardt und Hans-Peter Hauf. - Vielleicht liegt Ihnen schon seit einer Weile die Frage auf der Zunge, wie wohl jemand sich gleichzeitig für zwei so grundverschiedene Künstler und deren Werke einsetzen kann. Muß er dabei nicht den einen um des anderen willen verleugnen? Nun, ich glaube das nicht. Denn ich schätze, ja, ich mag die Bilder und Plastiken von Christiane Reinhardt, und ich mag die Bilder von Hans-Peter Hauf, doch hat keines von beiden Oeuvres für mich Ausschließlichkeitscharakter, d. h., mit keinem der jeweils vermittelten Lebensgefühle körnte ich mich voll und ganz identifizieren. Vielmehr gibt Christiane Reinhardt, und gibt Hans-Peter Hauf, so sehe ich es, je eine fundamentale Substanz unseres Daseins. - Meinen Sie also bitte nicht, sich entscheiden zu müssen zwischen diesen beiden Künstlern. Mit beiden zusammen haben Sie das ganze Leben!