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Walter Schöllhammer: Buntstiftbilder - Ölbilder - Grafiken - Zeichnungen - Collagen

Ausstellungseröffnung 05.11.1982. Praxis Dr. Marb Kirchheim unter Teck

Meine Freunde wissen, daß ich es eigentlich nicht für angebracht halte, einer Ausstellung in einer intimen Galerie oder gar in Praxisräumen durch eine Eröffnungsrede in unangemessener Weise einen offiziellen Rang zu verleihen. Allerdings ist jedes Prinzip es wert, daß man seine Gültigkeit auch einmal in Frage stellt. Wenn Walter Schöllhammer zugesagt hatte, in der Praxis von Frau und Herrn Dr. Marb seine Bilder zu zeigen, so bedeutete das zunächst nicht mehr als eine freundliche Geste. Nun, da wir sehen können, daß es sich um Zeichnungen, Malereien, Druckgrafiken und Collagen aus den letzten 10 Jahren handelt, erhält diese Ausstellung unversehens den Rang einer heimlichen Retrospektive. Und dies scheint mir ein hinreichender Grund zu sein, auch ein Wort an die Öffentlichkeit zu richten.

Walter Schöllhammer wurde 1934 in Ulm geboren. Von 1951 - 1953 besuchte er die höhere Fachschule für das Grafische Gewerbe. Anschließend studierte er bis 1957 an der Stuttgarter Akademie bei den Professoren Gollwitzer, Brudi und Rössing. Weitere biografische Daten wie Studienreisen und Ausstellungen können wir überschlagen, da wir hier bereits an einer wichtigen Station in Schöllhammers künstlerischem Werdegang angelangt sind.

Auf den ersten Blick möchte man meinen, daß Walter Schöllhammer sich an keiner Stelle als direkter Schüler eines seiner Lehrer ausweist. Doch gibt es in der Tat Einflüsse von allen drei Lehrern, welche Schöllhammer jedoch vollkommen in die Individualität seiner Konzeption integriert hat. Bei Gerhard Gollwitzer lernte er das sichere Zeichnen in einfachen und geschlossenen Zügen. Den hohen handwerklichen Standard der Technik, der bis in eine inhaltliche Verantwortlichkeit hineinreicht, verdankt Schöllhammer Karl Rössing. Schließlich gibt es in Schöllhammers Arbeiten auch immer eine literarische Ebene, welche gelegentlich bis ins Theatralische ausgespielt wird. Ohne den Einfluß von Brudi hätte sich dieses Moment, ebenso wie der wesentliche Anteil von Reflexivität, sicher nicht in der erreichten Weise ausbilden können.

Dies waren sozusagen die offiziellen Lehrer, welche wir auch aus den biografischen Daten entnehmen können. Darüber hinaus hat Schöllhammer sich noch drei weitere - heimliche - Lehrer erwählt, deren Bedeutung dem Künstler erst später bewußt geworden sind. - Ende der 60er Jahre, in einer Zeit, als eine teils offen vorgetragene, teils verschlüsselte erotische Symbolik in Schöllhammers Zeichnungen eine wesentliche Rolle spielte, war der Künstler gleichzeitig fasziniert von der konstruktiven Strenge und Konsequenz von Fritz Ruoffs symmetrischen Reliefs. Auf wenige Versuche mit enger Anlehnung an das Vorbild folgte bald die Integration in die vorhandene Thematik. Zu Recht wird man angesichts dieser Bilder, welche die Wahrheit der visuellen Realität nur in mehrfach gebrochenen Reflexen vorstellen, fragen, inwieweit Schöllhammer nicht auch ein Nachfahre des Surrealismus sei. Nun, dies trifft durchaus zu. Die Verbindung zu Max Ernst ist im Bildhaften zu suchen, in der verspielten oder auch reflektierten Verwandlung der Materie, kurz: im anschaulichen Charakter der Bilder. Doch hat Schöllhammer sich nie das Grundaxiom des Surrealismus zu eigen gemacht, nämlich das Ziel, das Unbewußte über aleatorische Verfahren oder über den Zufall sichtbar werden zu lassen. Lediglich das freie Assoziieren als eine Methode des sinnlichen brain-storming läßt Schöllhammer zu. Damit wahrt er deutliche Distanz zu den ihm eher suspekten, den anarchistischen Surrealisten, die von der DadaBewegung her kommen, und er wendet sich eher dem verschmitzt-bürgerlichen, aber nicht minder hintergründigen René Magritte zu. Zwischen den Wort-, Denk- und Rätselbildern der beiden Künstler gibt es deutliche Bezüge. In der intentionalen Ebene wahrt zweifellos jeder von beiden seine Individualität, so daß ein qualitativer Vergleich unangebracht erscheint. Doch richten wir unsere Aufmerksamkeit auf Schöllhammers jüngste Arbeiten, so müssen wir hier eine Überlegenheit der malerischen Sensibilität konstatieren.

In den Einflüssen der offiziellen und der heimlichen Lehrer wurden zugleich erste Entwicklungstendenzen im Werk Walter Schöllhammers deutlich. Ich fasse diese zusammen: Ende der 60er Jahre fühlte Schöllhammer sich hin- und hergerissen zwischen klassischer Strenge und einer barockisierend verspielten Linearität. Entsprechend bewegte sich die Thematik von der absoluten Form bis zu Eskapaden des Fantastischen. Doch der Raum war allemal reliefartig flach. Dann begann der Künstler, durch vielfache Staffelung die Tiefe eines Stufenraums zu gewinnen. Erst die technische Weiterentwicklung des Farbstiftzeichnens, der Verzicht auf jegliche Expressivität und auf Spuren des Skripturalen ermöglichten es, die Mittel von Tontrennung und Modulation bewußt einzusetzen, so daß sich die Grenzen des Meßbaren in der Tiefe zu verlieren begannen. In den letzten Jahren eroberte sich Schöllhammer einen kontinuierlichen Tiefenraum, dessen Transzendenz die Bewältigung neuer Aufgaben und thematischer Aussagen ermöglichte.

Bevor wir uns jedoch der inhaltlichen Ebene der hier gezeigten Arbeiten zuwenden, müssen wir fragen, was die spezifische Zeichensprache, was die Bildmethodik ausmacht. - In Bezug auf das Handwerkliche und die Stellung des Künstlers zu Gegenständen bzw. Inhalten habe ich auf den wesentlichen Unterschied zum Surrealismus hingewiesen: Schöllhammer gestaltet seine Traumwelten im vollen Bewußtsein ihres fiktiven Charakters. Genauer: Die Themen verdanken sich wohl einem kreativen Sprung, einem Einfall, doch die Ausgestaltung zum Bildkonzept, die Entfaltung zu einem anschaulichen Programm in seiner Komplexität und nahtlosen Schlüssigkeit kann man treffend nur als manieristisch bezeichnen.

Walter Schöllhammers Zeichnungen und Malereien sind Denkbilder. Man kann sie nicht im Vorübergehen rezipieren. Man muß sich einsehen in das dichte Geflecht der Farb- und Strichlagen, in die irritierenden Konstellationen der Dinge im Raum. Schöllhammers Methode des Umgangs mit der Realität ist durchaus streng und von Regeln geleitet. Frei hingegen ist der assoziative Zusammenhang, ist die Kombinatorik. Dabei verändert der Künstler lediglich die Dimensionen der Dinge; die Proportionen tastet er nicht an. - So ergibt sich aus der Verbindung von Ohr und Schnecke das anschauliche Wortbild 'Ohrschnecke'. - Deutlicher ist der Verfremdungseffekt, wenn die Dimensionen sich verschieben. So erwarten wir von einem 'Gipfel' mit dem Ende zugleich Höhepunkt und Substanz einer Sache, vom Besteigen eines Berggipfels das Hochgefühl eines Raumerlebens nach strapaziösem Aufstieg. Schöllhammer bietet uns etwas ganz anderes: nämlich die närrische Banalität von überdimensionalen Schellen.

In Schöllhammers Bildern spielt der Bildwitz immer eine wesentliche Rolle. Die pastellhaft leichte und weiche Farbigkeit auf kleinem Format kann ein übriges tun, um den Betrachter zum Unterschätzen jener Werke zu verleiten. Gerade in den letzten Jahren, besonders deutlich etwa seit 1978/79, hat die Ernsthaftigkeit in den Bildthemen zugenommen zugunsten existentieller Aussagen. - So zeigt uns ein Bild von 1979, was ein 'Vorwand' ist: Man stellt in den freien Raum eine verschlossene Tür und spickt den Weg dorthin mit schikanösen Häkelnadeln. Natürlich ist es das Ziel, den Bittsteller zur Resignation zu bewegen.

Oder ein anderes Beispiel: 'Der Versuch'. Immer wieder bemühen wir uns, vom Boden der Alltäglichkeit und aus der statischen Schwere unserer Physis zu entkommen. Und ein Stück Wegs gelingt uns das auch mit unserer Imaginationskraft und dem Schwung von Jugend und Fantasie. Doch ist es abzusehen, daß auch der gut trainierte Tänzer nur für Momente sich wie im Flug erheben kann. - Das Bild mit dem Titel 'Absturz' von 1982, versteht man es als Fortsetzung jener Thematik, wirkt nun gar nicht mehr lustig.

Neuerdings hat Walter Schöllhammer sich intensiv mit Momos, der Personifikation des Spottes, befaßt. Dessen Insignien sind die des Narren, doch gerät dem Künstler der Schelm unter der Hand zur tragischen Figur. Vielleicht denkt Schöllhammer auch an die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft, wenn er jene bunte Kappe ins Bild setzt. - Ursprünglich war er, der Künstler oder auch der eine oder andere von uns, mit Siebenmeilenstiefeln losgezogen, um bei einer Veränderung zum Besseren mitzuwirken. Inzwischen hat er diese Stiefel als aufgerissene, aber erloschene Vulkanschlote hinter sich gelassen und schreitet als fröhlicher Gesell - ja, 'Es war einmal' - durch die Luft. Dieser Momos hat sich mit der Narrenrolle beschieden, und seine Freiheit ist die eines Narren. - Die andere Version heißt 'Momos verhindert'. Die Narrenkappe sitzt wie ein Papagei angekettet auf dem Trapez. Darüber hinaus machen die Haizähne am Boden der Realität deutlich, daß dort in der Tat kein Lebensraum für ihn ist.

Mich hat besonders beeindruckt, daß die kritischen und bisweilen sogar pessimistischen Aussagen in den jüngsten Bildern von Walter Schöllhammer vorgetragen werden mit einer delikaten Malerei, in einer ausgesprochen kulinarischen Technik. - Ja, der Künstler liebt sein Metier, das sehen wir, und er beherrscht es derart, daß er uns umso mehr von den Fragwürdigkeiten unseres Daseins anschaulich überzeugen kann.