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Heinz E. Hirscher: Plakate und ihre Objekte - Märchen und ihre Zeichnungen

Ausstellungseröffnung 04.09.1983. Kunstverein Ludwigsburg

Einen Künstler, der durch internationale Ausstellungen bekannt geworden ist, der in der BRD die aktuelle Objektkunst und das Materialbild repräsentiert und der in der Region darüber hinaus als Poet und als schlagfertiger Redner geschätzt ist - wie soll man ihn und wozu soll man ihn da, wo er zu Hause ist, noch vorstellen? Und muß man ein Werk, das bereits durch berufenen Mund, durch namhafte Literaten dieser Epoche gewürdigt wurde, noch interpretieren? Schließlich: Ein Künstler, der selber des Wortes mächtig ist, sollte er nicht für sich selber und für sein Werk sprechen?

Die Gefahr, daß der Versuch einer Deutung durch den eher distanziert analysierenden Wissenschaftler als den emotional ergriffenen Beschauer kaum geeignet sein wird, das Werk dem Publikum anzudienen, wird auch Heinz E. Hirscher sehen. Nun, es ist problematisch, überhaupt pauschale Aussagen zu machen, über ein eventuelles Selbstbewußtsein der Kunstwissenschaft. Aber so viel läßt sich auch hier ganz ungeschützt sagen: In der neueren Kunsttheorie ist das positivistische Vorurteil längst überwunden, welches meinte, durch Herausdestillieren von rationalen Strukturen etwa die ästhetische Substanz zu gewinnen. Im Gegensatz zur anschaulich präsentierten Bildsprache ist die verbale Sprache ein diskursives Medium. Auf Grund dieser Verschiedenheit muß jene dem Kunstwerk äußerlich bleiben. Annäherungen sind möglich, aber zwingend erfassen kann die Sprache den ästhetischen Gegenstand nicht.

In diesem Zusammenhang sollten wir auch zur Kenntnis nehmen, wie der Künstler Heinz E. Hirscher über Wissenschaft denkt. Im Jahre 1977 montierte er 5 x 6 Collagen zu einer Tafel zusammen, die durch einen Text mit der Überschrift 'Das Fruchtregister der Makuibuti' ergänzt wurden. Hier adaptiert und persifliert Hirscher ganz souverän die Attitüde und das im schlichten Gewande der Sachlichkeit nur um so gravitätischer einherstolzierende lächerliche Pathos formalisierter Wissenschaftlichkeit. Nicht nur die einfache Rasterstruktur des Bildes auch die vertrauten Versatzstücke einer scheinbar verstehbaren Sprache und nicht zuletzt die Zahlenkombinationen als Koordinatenangaben überzeugen uns intuitiv vom Sinn der Abhandlung. Wer diesen schlichten Text trotzdem nicht versteht, wird zunächst geneigt sein, dies seiner eigenen Intelligenz bzw. der Tatsache zuzuschreiben,, daß ihm

Artenbezeichnungen wie 'Mastruda-Schote' oder 'Biselta' nicht geläufig sind. Liest man die folgenden Sätze aus Hirschers Abhandlung -

Die Gruppe VI ist nun dem Fruchtregister eines reinen Gebirgsstammes entnommen: Kurze Blütenzeiten hinterlassen feurige Rückstände, an Stelle der Beeren treten Kakteenfrüchte wie (VI/4 und VI/5). Eine Besonderheit, das sogenannte Federspiel (VI/3), nach dem auch (III/4 und II/4) ihren Namen tragen, wächst hier wild!

- so sollte man der Einfachheit halber zustimmend nicken.

Kurzum: Wir können sicher sein, daß Heinz E. Hirscher jenen Glauben hinter sich gelassen hat, wonach etwa das Gewicht eines Amtes auch der vorgestellten Kunst förderlich sei und daß eine Interpretation komplexe ästhetische Zusammenhänge kläre. - Dies entlastet auch den Interpreten, und es eröffnet ihm die Möglichkeit, sich seinen Weg weitgehend frei, d. h., ohne kleinliche Rücksichten auf etwaige Erwartungen, zu bahnen.

Da zu dieser Ausstellung ein Katalog vorliegt, möchte ich davon absehen, bereits Gedrucktes zu verlesen. Ich will mich darauf beschränken, einige wenige Hinweise zur Bedeutung der einzelnen hier gezeigten Werkgruppen zu geben. Im übrigen sollte der Künstler das letzte Wort haben bzw. das Werk sollte für sich selber sprechen. Für den Nachfragenden hält der Katalog weitere Informationen bereit. Ein autentischer Text des Künstlers umfängt noch einmal und sozusagen poetisch unter dem Stichwort des 'bukolischen Dadaismus' das Programm der Ausstellung. Die Studie zu einer analytisch-monografischen Interpretation versucht, das Werk Heinz E. Hirschers historisch und auch logisch-immanent zu bestimmen. Dem aufmerksamen Leser dürfte es nicht entgehen, daß die Wahrheit in der Synthese beider Texte zu suchen ist.

Unter dem Titel 'Plakate und ihre Objekte - Märchen und ihre Zeichnungen' zeigt Heinz E. Hirscher in dieser Ausstellung grafische Arbeiten und Objekte aus 3 Jahrzehnten. Die recht ungewöhnliche Auswahl aus einem komplexen Hauptwerk, welches seinen Schwerpunkt schon früh im Materialbild fand, ist nichtsdestoweniger in der Lage, uns einen repräsentativen Eindruck vom Gesamtwerk bzw. der Intention des Künstlers zu vermitteln.

Am Anfang des Hauptwerks stehen die Objekte und Materialbilder. Hirscher hat selber beschrieben, wie der Ursprung seiner besonderen Materialverbundenheit in seine Kindheit zurückreicht, als er Naturalien sammelte und untersuchte. Als eine spezifische Komponente von Hirschers Künstlertum können wir hier eine urtümliche Form von Naturwissenschaft ausmachen, an deren Anfang die reine Anschauung, die pure Sinnlichkeit, steht, und die zum Handwerk hin sich kaum abgrenzt. - Die zweite wesentliche Komponente in Hirschers Kunst, die einer rationalen Betrachtung kaum zugänglich ist, die Dingmagie, leitet sich von der Lebenswelt des oberschwäbischen Barock her. So wie die mystische Wirkung des Reliquienglaubens noch heute das Leben in ländlichen Gegenden jener Region bestimmt, so hat diese auch den Wirklichkeitsbegriff von Hirscher schon in jungen Jahren wesentlich geprägt. Nun sollte man in den ausgestellten Objekten nicht etwa vordergründig nach einer religiösen Dimension suchen. Denn des Künstlers Verhältnis zum Barock wie zum Katholizismus ist seit langem ein gebrochenes. Es ist zwiespältig und keinesfalls abgeklärt. Für mich hat es eher den Charakter einer Haß-Liebe. Was davon nachweislich in den eigentümlichen Kunstbegriff von Heinz E. Hirscher eingegangen ist, das ist primär ein Analogon: Es liegt in der Parallele, welche im Prozeß der Verwandlung, der Transformation der Materie vom Subjekt erfahren wird. Während aber die Kraft der Reliquie vorwiegend als Potenz verstanden wird, welche durch ihre wundersame Wirkung auf sich aufmerksam macht - eigentlich unabhängig von ihrer ästhetisierenden Präsentation - so muß der Künstler die wertlose Materie erst präsentieren oder auch formen, damit sie verwandelt wird zum ästhetischen Kleinod mit Ausstrahlung auf die Sinne, das Gemüt und schließlich auch auf den Verstand des Betrachters. Die Fähigkeit, derartige Verwandlungen zu bewirken, erwarb Hirscher sich nur in den Anfangsgründen autodidaktisch. Die methodische Form, jenes noch nicht und auch nicht mehr handwerkliche Produzieren, Montieren, Assemblieren und Collagieren verdankt er vor allen anderen Akademielehrern Karl Hils. - Sozusagen in Parenthese darf ich hier bemerken, daß außer Hirscher (bzw. vor Hirscher) wohl niemand den Hils’schen Lehrstuhl hätte besteigen dürfen - hätten die Verantwortlichen nach Kontinuität in der Lehre, nach pädagogischen und handwerklichen Fähigkeiten und vor allem nach kreativer Potenz gefragt.

Nun aber zurück zu dieser Ausstellung. - 'Plakate und ihre Objekte' heißt der 1. Teiltitel. Von geringerer Bedeutung ist es hier, daß die Objekte überhaupt abgebildet bzw. plakativ vermittelt werden. Wichtiger ist zunächst, daß der Künstler sich selbst plakatiert, indem er, wie seine Kollegen vor ihm, seit die drucktechnischen Voraussetzungen mit der Verbreitung der Lithografie in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts geschaffen worden waren, nicht nur auf dem Plakat für seine Kunst wirbt.

Schließlich: 'Märchen und ihre Zeichnungen'. Als Zeichner und Illustrator ist Hirscher bei weitem nicht so bekannt geworden wie als Objektemacher und Materialbildner. Insofern bietet diese Ausstellung einem breiteren Publikum die Chance, einen Ausschnitt aus dem grafischen 0euvre des Künstlers kennenzulernen. Dabei gilt es, zwei Entwicklungszüge zu unterscheiden. Da gibt es in den 60er Jahren eine postkubistische Phase, die sehr bald didaktische Intentionen verfolgt. Parallel dazu entfaltet sich das illustrative Zeichnen. Doch die Handschrift, der skripturale Verlauf der unendlichen labyrinthischen Linie bleibt als Konstante unverwechselbar. Zeitweise strenger und dann auch wieder freier scheint das Blatt sich geradezu von selber gefüllt zu haben. Wiewohl für einen kurzen Zeitabschnitt auch informelle Einflüsse unabweisbar hervortreten, gehorcht der Prozeß des Zeichnens eher einem psychischen Automatismus, wie er für die frühen Surrealisten bezeichnend war. Die Brücke zu Hirscher wird durch das grafische Werk Jean Dubuffets geschlagen.

Der Gegenstand von Hirschers Illustrationen, seine Märchen, ist so versponnen, so kreativ verspielt, so kraus und sprunghaft, aber auch so melodisch und ja  einfach schön formuliert. Wenn ich diese postsurrealistischen Miniaturen lese, sehe ich Hirscher vor mir, wie er mit verschmitztem Lächeln die gewagten Konstruktionen, die kontralogischen Verläufe selbst genießt und die Pointen sich auf der Zunge zergehen läßt. - Die Sprache ist für Hirscher kein nebengeordnetes Medium, wie man das in der Regel bei einem bildenden Künstler annehmen kann. Sicher bringt dies einem Künstler keine einfache Existenz, wenn es für ihn nie von vorneherein ausgemacht ist, ob er bilden oder schreiben soll. Wenn man die Bedeutung Heinz E. Hirschers für die Kunst unserer Zeit mit wenigen Worten auf den Begriff bringen möchte, so müßte man zum einen seine Objekte und Materialbilder als ureigene und epochale kreative Leistung voller Witz und Poesie würdigen. Zum anderen aber wäre darauf hinzuweisen, daß es hier im süddeutschen Raum in der Person von Hirscher noch einen wirklich vielseitigen Künstler gibt, dessen pädagogischer Furor - gewiß nicht zuletzt auch auf Grund gelegentlicher verbaler Kapriolen - manchen hochspezialisierten Kollegen und auch manchen Akademiker das Fürchten gelehrt hat.

Ganz gegen meine Gewohnheit will ich davon absehen, mit einem zusammenfassenden Ausblick zu schließen. Statt dessen möchte ich Sie auffordern, mit allen Sinnen auf die Werke zuzugehen, und ich möchte Sie ermuntern, auch den Künstler anzusprechen. Heinz E. Hirscher ist ein amüsanter und selbstbewußter Gesprächspartner, den es keineswegs verunsichert, wenn Sie den Versuch unternehmen, ihn selbst auf unkonventionelle Weise auszufragen.