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Christiane Reinhardt: Bilder

Ausstellungseröffnung 17.09.1983. Kunstverein Rastatt

In der breiten Öffentlichkeit gibt es ein ganzes Bündel von standardisierten Vorstellungen darüber, was die Künstlerpersönlichkeit ausmacht. Diesen Vorurteilen auf Seiten des Publikums stehen beim Künstler gewisse Verhaltensweisen und Haltungen gegenüber, welche man summarisch als Künstlerattitüde bezeichnen kann. Insofern also haben jene Vorstellungen des Publikums durchaus einen realen Hintergrund bei der überwiegenden Mehrheit der Künstlerschaft. Die Attitüde äußert sich in einer dezidierten Egozentrik gepaart mit Unangepaßtheit und einem provokanten Ästhetizismus, der leicht als gesellschaftliche Unverantwortlichkeit mißverstanden werden kann. Mit solchen Zuschreibungen kann man gleichzeitig das Bild und die Rolle des Künstlers in unserer Gesellschaft charakterisieren. Allerdings müssen wir klarstellen, daß Aufgabe und Funktion des Künstlers mit derart vordergründigen Merkmalen nicht bestimmt werden können.

Wenn ich mit diesen allgemeinen Überlegungen etwas weiter ausgeholt habe, so hat das im Zusammenhang mit der aktuellen Ausstellung seine besondere Bewandtnis. Denn Christiane Reinhardt paßt nicht in all diese Schematisierungen. Ich wage den Satz: Sie ist eine Künstlerin ohne Attitüde. Mir scheint, dies zu wissen ist wichtig, wenn wir dem Werk von Christiane Reinhardt gerecht werden wollen.

Einer Anregung der Künstlerin folgend, möchte ich nur sehr kurz etwas über ihre Arbeitsweise sagen, jedoch will ich versuchen, anhand von drei exemplarischen Werken aus dieser Ausstellung, die Bedeutung dieses Oeuvres darzustellen. Dies wird allerdings nicht möglich sein auf dem Wege einer immanenten Interpretation. Es soll der Standpunkt des Betrachters ebenso zu seinem Recht kommen wie das Selbstverständnis der Künstlerin.

Bei den hier gezeigten Arbeiten handelt es sich ausschließlich um sog. Mischtechniken, die im abgelaufenen Halbjahr entstanden sind. Als Mischtechnik bezeichnet man ein Verfahren, bei dem Grafisches und Malerisches sich vereinigen. Lineare Elemente werden durch Grafit, Pastell-, Fett- und andere Kreiden aufgebracht. Beim Auftrag dieser Materialien muß starker Druck auf die Fläche ausgeübt werden, weshalb Leinwand sich nicht eignet, sondern nur Plattenmaterial bzw. Zeichenkarton, der während der Arbeit auf eine Platte aufgezogen ist. - Mit flüssigen oder auch pastosen Farben werden malerische Verläufe erzielt, wobei Christiane Reinhardt nur selten die Pinselspur vertreibt, sondern Modulationen, d. h. grenzlose Übergänge durch Wischen gewinnt. Dabei. läßt sie in gewissen Grenzen auch dem Zufall Raum, wenn die flüssige Farbe in Rinnsalen sich ihren Weg selber über den Malgrund bahnt. Stilistisch bedeutet das natürlich einen Rekurs auf den Tachismus, welcher als eine Spielart des Expressionismus im weitesten Sinne sich ja auch in den grafischen Partien wiederfindet. Überhaupt zeugt die Handschrift in Christiane Reinhardts Bildern von einem schnellen und d. h. spontanen Arbeiten. Das hat zur Folge, daß nach Fixieren der ersten Bildidee der Arbeitsprozeß sich autonom vollzieht. Selbstkritik und konzeptionelle Korrekturen sind nur in den Arbeitspausen möglich. Das Programmatische eines Bildes, welches als ästhetische Dimension in Christiane Reinhardts Kunst eine durchaus wesentliche Rolle spielt, gleitet, noch bevor die erste Materialspur auf dem Grund erscheint, aus dem Bereich des Intellektuellen in die pure Anschauung und in die Emotionalität. Insofern ist eine nachträgliche Interpretation als ein nur partiell anschaulicher, umso mehr aber kognitiver Akt diesen Bildern eigentlich fremd. Man sollte versuchen, sie sinnlich aufzufassen und sich von ihrer Gestimmtheit ergreifen zu lassen, um erst dann den Schritt in die dingliche und rationale Lebenswirklichkeit zu tun. In dieser späten Phase des Rezipierens und Verstehens kann auch die Interpretation hilfreich sein.

1. 'Der heiße Herbst'

Christiane Reinhardt sagt selber zu diesem Bild: Menschen in Forstämtern bestimmen die Jagdzeit, das Jagdrevier, und sie bestimmen, wie viele Tiere geschossen werden dürfen ... Währenddessen diese Beschlüsse gefaßt werden, hoppelt der Hase noch nichtsahnend über die Felder ... Die Entscheidung über ihn wurde gefaßt ... Im Herbst wird er 'abgeknallt' ... Während wir hier noch emsig und geschäftig unserer Wege gehen und in unseren Blechkisten herumhoppeln, werden von den 'Mächtigen' die 'Jagdzeiten' ausgearbeitet, Zeit, Revier und wie viele Menschen daran glauben müssen ... Der Hase auf dem Bild hat einen Menschenarm, der gemütlich im Lehnstuhl ausruht, währenddessen man über sein Leben entscheidet. Verwelkte Blumen im Vordergrund in einer Vase - alte Menschen; - im Hintergrund noch nicht aufgeblühte Pflanzen - Kinder! Das Eichenblatt über dem Gewehrlauf symbolisiert die Selbstsicherheit, die wir immer noch in uns tragen ... Rechts unten, unter dem Gewehr, die Jagdtasche oder auch Patronentasche, symbolisiert eine Aufstellung, Statistik oder einfach Striche für Waffen, für Menschen 'en gros'.

Es bedarf keiner weiteren Hinweise, um das Bild zu verstehen - nicht zuletzt auf Grund des Titels, welcher den aktuellen Bezug ('Heißer Herbst') deutlich macht. Doch ist es darüber hinaus aufschlußreich zu wissen, daß die Bildinhalte, obwohl die Künstlerin nicht bewußt eine kunsthistorische Anknüpfung sucht, sich zwanglos in die abendländische Ikonografiegeschichte eingliedern läßt. Schon in der ausgehenden Antike (Plutarch) gilt der Hase nie als einfaches Attribut, sondern er ist ein Gottessymbol. Seine Wachsamkeit und seine Behändigkeit ließen die Menschen schon immer etwas Übernatürliches in diesem Tier ahnen. Aber sie sahen in ihm auch einen Hinweis auf die Flüchtigkeit der Zeit und auf die Kürze des Menschenlebens. In mittelalterlichen Jagdszenen steht der Jäger (hier entsprechend die Büchse als 'pars pro toto') für das Böse, den Teufel und die Hasen für die verfolgten Seelen. Auf Grund seiner großen Fruchtbarkeit nimmt der Hase im ausgehenden Mittelalter die symbolische Bedeutung von Sinnlichkeit an, welche sich in der Renaissance zur Bedeutung 'Unkeuschheit' verengt. Aus aktueller Sicht können wir darin eine eher prüde Episode innerhalb einer 2000-jährigen Ikonografie sehen, welche wir im Sinne von 'Vitalität' in unsere Gegenwartssprache übersetzen und so positiv wenden könnten. Vitalität bedeutet dann über 'Lebendigkeit' hinaus eine positive Einstellung zu allem Lebendigen, ein lebensförderndes und lebenssteigerndes Prinzip, welches jeglicher Destruktion, vor allem dem staatlich organisierten Massenmord im Krieg entgegengesetzt ist. Überhaupt müssen wir Historisches nicht grundsätzlich als gegeben und sakrosankt hinnehmen. Ikonografische Topoi, d. h., bildhafte Inhaltsfixierungen sind so wandelbar wie die Geschichte selbst und wie unsere Einstellung zu derselben. Da z. B. der Hase sich nicht wehrt, sondern flieht, wurde ihm auch die symbolische Bedeutung 'Feigheit und Schwäche' beigelegt. Gerade in diesen Wochen, wo wir angesichts eines wahnwitzigen Wettrüstens auf der ganzen Erde die Möglichkeit eines kollektiven Selbstmordes immer konkreter vor uns sehen, müssen wir auch diese historische Symbolik korrigieren. Durch die Verwendung des Hasen in zahlreichen Happenings von Joseph Beuys ist die Symbolik der Friedfertigkeit bereits in ein breites Bewußtsein vorgedrungen.

2. 'Rette deine Zeit...'

Die Künstlerin sagt zu diesem Bild: Wir gehen alle mit unserer Zeit oft so 'mißachtend' um, vielfach mit einem teuren Instrument oder mit einem Auto sorgsamer um. Kein Windhauch - kein Kratzer - Heiligtum. Unsere Zeit verbringen wir oft mit 'Nichts' - lange Abende mit nichtigen Gesprächen in verräucherten Kneipen - ein Fernsehprogramm, das uns nichts gibt - was wir mit unserer Zeit tun, werden wir!

Wir sehen eine offenbar männliche, nahezu gesichtlose Figur, die eine Gitarre liebevoll wie einen Frauenkörper umfaßt hält. Saiteninstrumente symbolisieren schon seit langem das Gefühl. So muß hier ein Ding den wirklichen personalen Bezug, die symbolische und ästhetische Darstellung die emotionale Kommunikation ersetzen. Die Uhr am linken Bildrand erinnert daran, daß dies alles sich in der Zeit vollzieht, die endlich ist. Offenbar sucht die Künstlerin zwischen dem christlichen 'memento mori' und dem diesseitigen 'carpe diem' eine Synthese: Denke daran, daß deine Zeit bemessen ist und nutze sie - menschlich!

3. 'Sonntag-Nachmittag'

Die Künstlerin sagt dazu: Oft fällt die Maske des Lächelns - die Beherrschung - wenn wir alleine sind. 'Sonntags' - wenn uns keiner über die Schulter sieht ...

Einer jungen Frau ist die Keep-Smiling-Maske vom Gesicht gerutscht. Modisch-mondäne Kleidung und Schmuck zeigen uns, daß sie einen Anspruch, ein Bild von Exklusivität von sich vermitteln möchte. Die zur Schau gestellte Freundlichkeit, das routinierte Lächeln, sagt uns: Ich möchte, daß man mich mag. - Es tritt uns ein leeres Gesicht entgegen: Antriebslos hat sich der Mund geöffnet, und die Mundwinkel sind resignativ nach unten gezogen. - Es gibt zahlreiche Beispiele in der Kunstgeschichte, wo eine negative Grundstimmung durch Blicklosigkeit ausgedrückt wird. Christiane Reinhardt hat hier den Ausdruck einer momentanen und tiefen Depression durch ein ungewöhnliches Mittel erreicht. In die Leere des Gesichts drängt von oben her der Haaransatz nach unten. Obgleich der goldene Flitter einer illusionären Halbwelt noch durchschimmert, entsteht unvermittelt und noch ganz in der subjektiven Vorstellung eine verloren geglaubte Natürlichkeit. Wo die Betriebsamkeit des Alltags zum Stillstand gekommen ist, legt sich auf den Menschen bleierne Schwere und Immobilität. - Mit einer männlichen Figur, die mit schwarzen Augenhöhlen blicklos und kommunikationslos im Hintergrund verharrt, zeigt die Künstlerin, daß depressive Einsamkeit kein spezifisch weibliches Problem ist.

Sicher haben Sie nicht erwartet, von mir erschöpfende Deutungen vorgeführt zu bekommen. Am Anfang meiner Bildbefragungen stand jeweils die Intension der Künstlerin. Es folgten Hinweise zur Symbolik und Ikonografie, wobei ich nie versuchte, meine persönliche Sicht herauszuhalten. Dies sollte Sie anregen, im Dialog mit den Bildern auch Ihre eigene Lebenswirklichkeit anschaulich werden zu lassen.