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Ulrich Klieber: Malerei

Ausstellungseröffnung 04.03.1984. Kunstverein Ludwigsburg

Als ein junger Künstler, der geradezu sprüht von kreativen Ideen und unkonventionellen Lösungen, hatte sich Ulrich Klieber Ende der 70er Jahre im südwestdeutschen Raum einen Namen gemacht. Meinte ein Kritiker, gerade ein Etikett für ihn gefunden zu haben, überraschte dieser bei der nächsten Ausstellung mit lauter neuen Arbeiten. Es schien unmöglich, ihn festzulegen auf eine bestimmte inhaltliche Thematik, ein Medium, ein Produktionsverfahren, ein Format - kurz: eine Handschrift. Wenn Klieber nun nach den brausenden endsiebziger Jahren immerhin seit 1980 bei einem Medium - der Malerei nämlich - geblieben ist, so müssen wir fragen, ob es in der Entwicklung dieses Künstlers einen Bruch gegeben hat und was dieser für die Gesamtentwicklung bedeutet. - Denn das malerische Werk von Ulrich Klieber aus den letzten beiden Jahren, wie es hier in einer Auswahl präsentiert wird, kann nicht sozusagen voraussetzungslos interpretiert werden. Für ein adäquates Verständnis dieser Werkgruppe ist es unabdingbar, daß wir diese in den Kontext der Gesamtentwicklung einbinden.

Natürlich erkennen wir bei dieser Malerei unschwer das, was man als den Oberflächenstil bezeichnen könnte, denn wir stoßen beim ersten Hinsehen auf eine spontane Handschrift, einen frischen Duktus, und es vermittelt sich uns ein allgemeiner expressiver Gesamteindruck. Bei näherer Betrachtung läßt sich das verifizieren, wenn Wir neben dem historischen Expressionismus auch den Fauvismus und die Pop Art unter jenem Begriff subsumieren. Denn ein national begrenztes Stilverständnis würde Ulrich Klieber nicht gerecht - mit allzu viel emotionalem Tiefgang und düsterem Hintersinn. Statt dessen ist es die geistige Klarheit, aber auch die unbeschwerte Diesseitigkeit sowie die Fähigkeit, das schlichte Hinsehen auf das Banale in eine Bühne zu verwandeln, auf der die Dramatik des Alltags als ästhetischer Prozeß sichtbar und genießbar wird. - In der Tat steht Ulrich Klieber dem deutschen Expressionismus nicht besonders nahe, hingegen fühlt er eine Wahlverwandtschaft zu den englischen Pop-Künstlern.

Aber dies sind vordergründige Probleme, die eher den Fachmann und den bildungsbeflissenen Laien interessieren. Schon näher liegt für jeden Betrachter die Frage, welchen direkten Einflüssen sich denn die Entstehung einer solch besonderen Formensprache verdankt. Nicht ableitbar oder herleitbar ist Ulrich Kliebers persönlicher Duktus, der nach Phasen des Experimentierens längst eins geworden ist mit der Person des Künstlers. Hingegen lassen sich von Teilaspekten des Werks her Brücken schlagen zu Akademielehrern. - So können wir konstatieren, daß Hugo Peters Pate stand, als Ulrich Klieber sich für malerische Qualitäten sensibilisierte. Eine Schlüsselrolle dürfte demselben Lehrer zukommen, als Klieber zu seiner persönlichen Thematik fand. Denn von Peters lernte er, wie man ein ästhetisches Problem anschaulich formuliert, wie man es sozusagen systematisch durchdiskutiert. Während Klieber noch in den ersten Semestern in der Klasse Peters nach einem Stil und einer Thematik tastete, eignete er sich binnen kurzem und offenbar mühelos das von seinem Lehrer entwickelte didaktische Prinzip der Permutation an. In dieser Zeit entstanden Bildgeschichten und Textpermutationen nach dem Gesetz von Assoziation und Zufall. - Während Klieber mit Rücksicht auf seine Kunsterzieherausbildung andere Klassen aufsuchte, vertiefte sich die Beziehung zu Peters zu einer dauerhaften Freundschaft.

In der Werkklasse von Horst Bachmayer wandte Klieber sich widerständigen Materialien zu und schuf Materialbilder und Objekte. Allerdings hat man bei allen Arbeiten, die in der Akademiezeit entstanden, nie den Eindruck von Etüden. Klieber nutzte Lernangebote als offene Fragen, eignete sich in deren Rahmen technische Verfahren und Problemlösungsmethoden an und formulierte seine Antworten als je eigene und gültige anschauliche Aussagen. Bei Bachmayer wird es wohl auch gewesen sein, wo Klieber lernte, die Materie im Produktionsprozeß bewußt einzusetzen. Wenn er heute nicht mehr mit widerständigem Material, jedoch originale Pigmente in Eitempera verarbeitet, so hat er wohl eine bewußte und auf die subjektive Materialverbundenheit bezogene Wahl getroffen.

Es folgten drei Jahre in der Klasse Sonderborg. Vielleicht beobachtete Klieber unter dem Einfluß des Lehrers bewußter seinen grafischen Duktus und entwickelte ihn weiter. Vor allem dürfte Klieber hier auf die Bedeutung des schnellen, d. h., des unreflektierten Zeichnens und Malens gestoßen sein. Denn im Gegensatz zu vielem, was sich an heutiger Malerei als spontan und heftig geriert, geht bei Ulrich Klieber Schnelligkeit nie auf Kosten der Qualität. Auch ist er kein zorniger junger Mann, der etwa der Gesellschaft seinen eigenen Frust, seine psychischen Exkremente als Spiegel vorzuhalten versuchte. Ulrich Kliebers Spontaneität ist direkt, sie ist ein Ausfluß seiner Konstitution und seines Lebensgefühls.

Gegen Ende seiner Studienzeit wandte sich Ulrich Klieber recht unvermittelt von jeglicher Inhaltlichkeit ab und begann mit experimentellen Arbeiten. Seine Schachtelauffaltungen gehorchen strengen, formal-geometrischen Gesetzmäßigkeiten.

Während eines Studienaufenthalts in London 1978/79 als Stipendiat des DAAD setzte Klieber seine konstruktiven Arbeiten fort und begann mit Übermalungen, welche einen neuen malerischen, zukunftsweisenden Akzent setzen. - Nach der Rückkehr in die Heimat brachte Klieber die begonnenen Versuchsreihen zum Abschluß, indem er für kurze Zeit das konstruktive Prinzip in die Tiefe des Raums hineinverfolgte. Danach erklärte er das gestaltungstheoretische Moment der Permutation zum alleinigen Prinzip. Indem er zeichenhafte Elemente der Künste - Buchstaben und Textfragmente, musikalisches Notationsmaterial und Bildzeichen - collagierend und übermalend miteinander verband, unterzog er diese einer systematischen Metamorphose. Die Resultate skizzieren wesentliche formale Grundlagen eines neuen Begriffs vom Gesamtkunstwerk.

Nach dem bisherigen Entwicklungsverlauf muß es verwundern, wie Ulrich Klieber 1980 begann, in einer für seine eigenen Maßstäbe konventionellen Technik figürlich zu malen. Doch bedenken wir, daß alle nun wesentlichen Prinzipien schon einmal oder sogar mehrfach von zentraler Bedeutung waren - vor allem:

- die malerische und die grafische Differenzierung und

- das Prinzip von Reihung und Variation,

so müssen wir in dem Schritt zur Malerei die notwendige Konsequenz sehen.

Bei den ersten gemalten Permutationen war der Inhalt noch sekundär. Klieber hatte die Dingwelt überhaupt für sich entdeckt und ließ sie zunächst in spielerischen Metamorphosen sich von Mal zu Mal verwandeln: Mensch, Tier, Pflanze oder einfach ein skurriles Detail - das alles war nur Mittel und niemals Zweck und Ziel. Obwohl immer schlüssige Bilder entstanden, gab es doch nie ein angestrengtes Suchen nach Bedeutung. Im Vordergrund stand und steht immer die Sinnlichkeit des schieren Sehens und des Umgangs mit dem Material. Der Sinn stellt sich mühelos und sozusagen von selber ein - und dann in überraschender Dichte.

Der erste Impuls für die hier gezeigten Figurenbilder waren Beobachtungen und Erlebnisse während des Studienaufenthalts in England. Party- und Tea-Time-Impressionen verdichteten sich durch die Auseinandersetzung mit dem literarischen Werk von Virginia Woolf zu einer Unmittelbarkeit von Situationen und Personen - unabhängig von der Singularität und den Zufälligkeiten einer naturalistischen Abschilderung, Ulrich Kliebers malerische Produktion seit 1982 bietet uns die Dokumentation einer anschaulichen Verarbeitung und zupackenden Interpretation von Wirklichkeit. Seine Stellungnahme ist jedoch immer spezifisch künstlerisch; d. h., sie wertet nicht moralisch, sondern sie weist hin, und sie scheut sich auch nicht, vor den traditionellen Perspektivrahmen noch ein Brennglas zu halten, damit das Charakteristische ja deutlich genug ins Auge falle.

Ulrich Klieber hat in den letzten Jahren eine unmittelbare, eine sehr schnelle Malerei kultiviert. Dies bezieht sich nicht nur auf die Produktion im engeren Sinne, sondern auch auf die Bildinhalte. Es gibt keine stillen Bilder. Gegenstand sind niemals die Personen oder Konstellationen allein, sondern es sind die manierierten Gesten, es ist die Dramatik eines kleinbürgerlichen Alltags, die in Röntgenbildern unter der Oberfläche einer nur scheinbar tragenden Gesellschaftsschicht in Erscheinung tritt.

Wenn bei der eueren Malerei von Ulrich Klieber auf Seiten des Publikums gelegentlich Rezeptionsprobleme auftreten, so geschieht dies immer da, wo der Künstler darauf verzichtet, an ihn gestellte Erwartungen zu erfüllen. Diese betreffen die Vorstellung vom ästhetisch Produzierenden als einem Genie und vom auratischen Charakter der ästhetischen Produkte. Gerade wir Deutschen neigen dazu, einem vermeintlichen Tiefsinn, der in einem orakelnden Titel angedeutet wird, mehr Bedeutung beizumessen als den schlichten sinnlichen Qualitäten eines Kunstwerks. Der gute Wille eines Künstlers ist ehrenwert, doch zum Schluß wollen wir doch wissen, was ins Werk übergekommen ist oder direkter : In welcher Weise der Künstler in der Lage war, die tote Materie so zu verwandeln, dass sie zum Gleichnis unserer Existenz werden kann. Und hier liegt m. E. die Bedeutung der Kunst von Ulrich Klieber. Gerade wenn er seine eigene Rolle nicht stilisiert und auch uns nicht ernster nimmt, als wir es tatsächlich verdienen, gibt dies seinen Arbeiten einen sehr menschlichen Zug. Auf Schritt und Tritt stoßen wir sowohl auf Inhalte als auch auf formale Mittel, die uns eher in die Banalität unseres Alltags zurückverweisen, als daß sie eine sonntäglich überhöhte Stimmung aufkommen ließen. Small-talk, Tischszenen, Parties, Porträts, Hände, Münder: Im Spiegel dieser Bilder erscheint uns das vermeintlich Besondere als die platte Banalität. Die agierenden Figuren oder die Porträtierten werden uns nie angedient als hübsch oder liebenswert, sondern vor allem als markante, als hypersensible, vor allem aber als äußerst schwierige Persönlichkeiten. Symptomatisch hierfür sind die oft stark geröteten Augen. Auch die Verzerrungen und Überdehnungen, das Zooming, die Bewegungslinien und das Non-Finito erwecken eher Assoziationen an Comic-Strips als an hehre Musealität- Und schließlich die plakative Signatur und der Bildtitel als integrierender Bestandteil des Werks sollen wohl kaum den Betrachter provozieren, sondern dies zeigt, in welchem Maße der Künstler den Produktionsprozeß als Totalität erlebt; daran möchte er den Betrachter teilhaben lassen.

Wenn wir Ulrich Klieber gerecht werden wollen, müssen wir beide Seiten seines Schaffens sehen: Einerseits die Sensibilität, mit der er Eindrücke seiner visuellen Umgebung aufnimmt, die Flexibilität, mit der er jene vorgefaßten Absichten einbindet, die Intuition, mit welcher er aus der sich quasi sich selbst steuernden und gestaltenden Materie Bilder wachsen läßt - andererseits das systematische Denken und die geradezu wissenschaftliche Konsequenz seiner thematischen Permutationen. - Der ästhetische Wert von Kunstwerken ist nie daran zu messen, in welchem Maße sie Vorurteile bestätigen und Erwartungen erfüllen - im Gegenteil: Der besondere Wert von Ulrich Kliebers Malerei liegt darin, daß er nicht vorgibt, in einer Art ästhetischen Philosophie die Welt zu erklären oder gar Modelle zu einer Verbesserung anzubieten, sondern vielmehr, daß er in der Direktheit des Materials, der Einfachheit seiner Zeichensprache und in der Einmaligkeit seiner Sujets uns Wahrheiten über unsere alltägliche Existenz anschaubar macht.