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Hansjörg Fuchs: Malerei

Ausstellungseröffnung 12.10.1984. Städtisches Museum Göppingen im »Storchen«

Wenn Hansjörg Fuchs seine 2. Einzelausstellung und seine erste große Schau im Städtischen Museum im »Storchen« in seiner Heimatstadt Göppingen hat, braucht die Person nicht vorgestellt zu werden. Der Künstler ...

und sein Werk sind zu würdigen, allzu selbstverständliche Erwartungen sind zurückzuweisen und durch alternative Deutungen zu ersetzen. - Wie könnten solche Erwartungen aussehen?

1. Hansjörg Fuchs ist der Sohn des hier bekannten 1962 verstorbenen Göppinger Spätimpressionisten und Malermeisters Immanuel Fuchs. Es liegt nahe anzunehmen, daß der realistisch malende Sohn das Werk des Vaters fortsetzt.

2. Da Hansjörg Fuchs bis zum Ende der 70er Jahre Sujets aus der engeren Region bevorzugte, welche dann in Reisebildern sich fortsetzten und auch heute noch fast ausschließlich die traditionsreichen thematischen Bereiche 'Landschaft' und 'Stilleben' bearbeitet, ist man versucht, ihn als Künstler der Region (um nicht zu sagen: Heimatmaler) einzuordnen.

Beide Erwartungen lassen sich bei genauerem Hinsehen nicht einlösen. In der Tat hat Hansjörg Fuchs den ersten intensiven Malunterricht vor der Natur bei seinem Vater genossen. Immanuel Fuchs war ein ernsthafter Sonntagsmaler im besten Sinne. Am Wochenende zog er hinaus, um stimmungsvolle und lichtdurchflutete Landschaftsräume zu aquarellieren. Der Sohn durfte mitgehen und dieselben Motive malen. Da gab es nicht den erhobenen pädagogischen Zeigefinger und keine didaktischen Maßnahmen um ihrer selbst willen. Hilfreiche Hinweise des Vaters konnten immer nur gelegentlich einfließen, so daß der Sohn vor allem mit den Augen stehlen mußte, im übrigen aber seine Begabung frei entfalten konnte.

So gibt es von dem Elfjährigen Landschaftsaquarelle, die zeigen, daß der Knabe die kindliche Naivität im Bildnerischen schon weitgehend abgelegt hat, das Impressive nur so weit gelten läßt, wie er es versteht, jedoch für sich selber eine mutige expressive Handschrift entwickelt.

Ab dem 13. Lebensjahr muß Hansjörg Fuchs auf Rat und Vorbild des Vaters verzichten und seinen eigenen Weg finden. Als bestimmender Einfluß nicht nur der Person des Vaters, sondern auch der Ausbildung im Malerhandwerk bleibt ein Gefühl für Verantwortung zur Sache, zur Arbeit, im Sinne des traditionellen, des sozusagen klassischen Handwerks. Aber auch die Sensibilität für Valeurs und das Lernen durch Zusehen und Experimentieren hat seine Quellen in Kindheit und Jugend. - Besuche von Museen und Ausstellungen von historischer Kunst sowie der klassischen Moderne haben schon in der Kindheit große Bedeutung. Deshalb trifft das Lehrangebot, innerhalb eines Hochschulstudiums nicht nur vertraute Bildwelten, sondern auch die Avantgarde anschaulich und wissenschaftlich zu erschließen, auf einen lernbegierigen Studenten. In der künstlerischen Praxis hingegen sucht der Lehrerstudent keine Betreuung, sondern zieht es vor, eigenständig mit den Stilmitteln von Kubismus, Surrealismus und Dadaismus zu experimentieren.

Die erzwungene Pause durch Arbeitslosigkeit nutzt Fuchs zu einer gezielten Weiterbildung. Über nahezu ein Jahr arbeitet er im Atelier von Ernst Lutz in Adelberg, wo er bewußt keine autonomen Werke schafft, sondern in Einzelstudien Teilprobleme wie Duktus, Proportion, Raum und Maltechnik bearbeitet. Ab 1976 malt er - zunächst noch unregelmäßig - wieder die ersten autonomen Bilder, welche den Beginn seines eigentlichen Oeuvres markieren. Es sind zunächst ausschließlich Landschaftsmotive aus der Region. Die Hauptschaffensphase beginnt jedoch erst 1979. Seitdem malt Fuchs mit großer Intensität, und es ist bereits - wie diese Ausstellung bezeugt - ein respektables Werk zusammengekommen, wobei die Ausweitung der Thematik sowie die Weiterentwicklung von Maltechnik und Duktus vor allem beeindrucken.

Bereits damals (1979) zeigen sich malerische Qualitäten, welche wir heute im nachhinein als Vorgriff auf Künftiges ansehen können. Nicht zuletzt dem Einfluß von Ernst Lutz ist es zu danken, daß Fuchs die Valeurs einer mehrdimensional differenzierten Braunskala entwickelt, die er eigenständig zu den intensiven Tönen hin verlängert. Er hatte schon immer eine positive Beziehung zum leuchtenden Kolorit. So bedeutet der Durchgang durch die braunen und grünen Erdfarben eine Vertiefung, einen Zuwachs an Ernsthaftigkeit. Interessant ist, daß er die Faszination des Malerischen sowohl in der Farbmaterie als auch in der dinglichen Umwelt findet. Es war geradezu zwingend, das landschaftliche Genre durch die Architektur zu erweitern. Dabei ergab sich die Gefahr, das Hinfällige und Marode zu ästhetisieren.

Doch gleichzeitig bot sich mit der Darstellung der Vergänglichkeit - der traditionellen Vanitas-Symbolik - auch die Chance zu einer kritischen Stellungnahme an. Fuchs hat jenen Impuls zu einer Innovation, welcher sicher nicht aus seiner personalen Struktur kam, aufgegriffen. Einer gesellschaftlichen Problematik, die sozusagen in der Luft lag, hat er sich angenommen und sie in seiner individuellen Sprache formuliert.

Gerade dieses Moment scheint mir wesentlich zu sein, wenn wir uns darum bemühen, das Werk von Hansjörg Fuchs zu werten. Denn in der Zeit eines erwachenden Umweltbewußtseins hat sich bereits ein breiter Fächer von ästhetischen Intentionen und inhaltlichen Aussagen herausgebildet, die mehr oder weniger von der ökologischen Bewegung angestoßen wurden. Allerdings dominiert bei den meisten, versucht man eine Summe zu ziehen, doch das Argument über die überzeugende Form. Und an dieser Stelle müssen wir wohl die spezifische und individuelle Leistung von Hansjörg Fuchs sehen, für den weder Inhalte noch Handlungsanweisungen im Vordergrund stehen. Fuchs ist Maler, und d. h., daß er vor dem Denken und Spekulieren zunächst einmal ganz Auge ist und ganz Hand. Am Anfang also steht zweierlei: die Faszination der visuellen Wirklichkeit und eine besonders intensive Form der physischen und motorischen Selbsterfahrung. Über zwei getrennte Wahrnehmungskanäle treffen die Erfahrung des Ich und des Es zusammen und gelangen über die ästhetische Produktion zur Synthese im Werk.

Nach meiner Einschätzung ist das Moment der bewußten körperlichen Selbsterfahrung im Arbeitsprozeß bei Fuchs relativ neu. Denn mit der fortschreitenden Differenzierung der Malkultur hatten sich die Dimensionen zunehmend reduziert - die Formate waren bis zur Größe von Schmuckstücken geschrumpft und drohten ihren zentralen Wert im Dekorativen zu finden. Doch dann wurden im freien Zeichnen (im Atelier Lutz) frühere Bewegungserfahrungen reaktiviert, wie sie beim Schreiben von monumentaler Schrift und in der Dekorationsmalerei gewonnen worden waren. Sensibilität und Aktivität verlagerten sich nun allmählich von den Fingerspitzen über das Handgelenk wieder in den Arm, bis sie beim stehenden Malen der Großformate ('Atelierwand' und 'Nationale') den ganzen Körper zu erfassen begannen. Hier zeichnet sich für uns die Tendenz ab, wie die Entwicklung weitergehen könnte: In vergleichbaren Dimensionen könnte der Duktus zu noch größerer Freiheit gelangen.

Aus dem hohen Differenzierungsgrad der Malerei und der Formate (Rundbogen, Diptychon, Triptychon) könnte man auf eine sehr kalkulierte Produktion schließen. Nehmen wir aber zur Kenntnis, daß Fuchs sich bisweilen abmüht, das endgültige Format zu bestimmen, wobei er sogar gelegentlich ein fertiges Bild beschneidet - so zeigt uns dies, daß er während der Produktion nur beim Malen ist, ganz beim Material und bei der durch dieses hervorgerufenen Illusion. Erst nach Abschluß des Produktionsprozesses legt er sich selbst Rechenschaft ab über die Komposition, bzw. er fragt, welche äußeren Bedingungen noch zu erfüllen sind, damit das Bild auch als autonom gelten kann. Eine weitere Bestätigung für meine Behauptung, die Malerei von Hansjörg Fuchs sei dem äußeren Anscheine zum Trotz eine urwüchsige und keine berechnete, findet sich in den Stilleben der letzten zwei Jahre. Hier steht das Programm weit im Hintergrund, dagegen läßt Fuchs seiner fabulierenden Fantasie die Zügel schießen. Die selbst auferlegte Aufgabe, das reale Ding in der Fläche täuschend ähnlich nachzubilden, bedeutet für ihn keinen Zwang, sondern die Chance, mit den Mitteln des perfekten Illusionismus das Material so zu verwandeln, daß der Betrachter sich täuschen und verblüffen läßt, bevor er sich rekonstruierend die Spanne zwischen Schein und Wirklichkeit ins Bewußtsein rufen kann. Das Ergebnis aber ist ein freudiges Wiedererkennen, eine Art anschauliche Erkenntnis - ähnlich der, welche zuvor der Künstler hatte. Hier liegt wohl auch für den Laien der adäquate Zugang zu den Bildern von Hansjörg Fuchs. Wenn es uns betrachtend gelingt, jene Verwandlung des Materials nachzuvollziehen, sind wir auf dem rechten Wege, diese Bilder auch von ihrer Gesamtintention zu erfassen.