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Ulrich Klieber: Figurenbilder 1982 - 85

Ausstellungseröffnung 24.03.1985. Stadthalle Göppingen

Figurenbilder - das ist ein anspruchsloser Titel, der nichts darüber sagt, daß dies keine alltägliche Ausstellung ist, sondern eine Bilderschau, die gleich in mehrfacher Hinsicht aus dem Rahmen fällt. Dies will ich erklären.

Das Auslaufen des 3-jährigen Atelierstipendiums der Stadt Göppingen nimmt Ulrich Klieber zum Anlaß, sich mit dieser Ausstellung nicht nur bei der Administration, sondern ebenso bei den Bürgern der Stadt zu bedanken. Die Stadt Göppingen ihrerseits kann mit dieser Ausstellung auf anschauliche und sehr direkte Weise auf ihre Verdienste im Bereich der Künstlerförderung hinweisen. Es ist durchaus auch überregional bekannt, daß Göppingen, gemessen an seiner Größe, mit seinen Ateliers für junge Künstler Vorbildliches leistet. Auch im badischen Raum wird von informierter Seite hierauf gelegentlich hingewiesen. Dies ist als gezieltes Kompliment zu verstehen. Aber es gibt auch kritische Stimmen. Diese kommen sowohl von Künstlern als auch von Kunstfreunden und besagen, daß die Kommunen ganz allgemein, wenn es um Ankäufe geht, sich allzu großer Zurückhaltung befleißigen. Inwieweit das auch für Göppingen zutrifft, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber ich glaube, ein kleiner Impuls in dieser Richtung ist nie verfehlt.

Ulrich Kliebers aktuelle Ausstellung ist aber auch eine ganz konventionelle Bilderschau in dem Sinne, daß sie dem interessierten Publikum Gelegenheit gibt, sich über eine begrenzte Schaffensperiode eines regional bedeutenden und überregional sehr geschätzten jungen Künstlers zu informieren. Innerhalb des üblichen Erwartungshorizonts liegt auch die Thematik: Figurenbilder. Es wird darüber zu sprechen sein, inwiefern solche Bilder heute überhaupt eine Existenzberechtigung haben, inwieweit sie das über Jahrhunderte abendländischer Kunstgeschichte tradierte Thema voranbringen. - Den anspruchsvollen und zugleich verwöhnten Vernissage-Löwen unter den Kunstfreunden, welche durch spektakuläre Profilierungsversuche junger Künstler längst abgebrüht sind, mag schon die große Langeweile kommen. Doch Vorsicht! Ulrich Klieber verfolgt keine ausgetretenen Pfade, und er provoziert nie, um Aufsehen zu erregen. Das Publikum und sogar die Kunstkritik versucht immer wieder, den Künstler an ein Konzept zu binden, um ihn in den Griff zu bekommen. Ulrich Klieber hat sich solchen Versuchen noch jedes Mal erfolgreich entzogen. Sobald man ihm ein Etikett anheftete, ließ er zusammen mit diesem eine ganze Werkgruppe hinter sich und stellte sich neue Aufgaben. Das letzte Etikett können Sie in dieser Ausstellung noch zur Kenntnis nehmen: Der anglophile Maler mit den Bildern zu Virginia Woolf.

Auf Entwicklungsphasen vor 1982 will ich nicht eingehen - nicht etwa, Weil ich dies für überflüssig hielte. Im Gegenteil: Man muß alle Facetten von Kliebers Künstlertum sehen, wenn man ihm gerecht werden will. Bei meinen einführenden Hinweisen möchte ich mich auf den Zeitraum beschränken, aus dem hier Bilder vertreten sind. Interessierte Besucher können sich anhand des zum Verkauf angebotenen Ludwigsburger Katalogs von 1984 über das erste Jahrzehnt in Kliebers künstlerischer Entwicklung informieren. - Begnügen wir uns hier mit der paradoxen These, daß die Kontinuität in Kliebers Schaffen gerade im Wandel, in den geradezu sprunghaften Innovationen liegt.

Figurenbilder sind hier ausgestellt. Der Mensch war schon immer das eigentlich bedeutsame Thema der Kunst. Wurde er ausgespart, so ging es doch um die menschliche Wirklichkeit. - Ulrich Klieber hat 1982 zur menschlichen Figur als Thema seiner Kunst zurückgefunden. Dabei blieb die Identifizierbarkeit von Personen bisher immer zweitrangig. Klieber sieht seine Umwelt repräsentiert durch Menschen, durch deren Verhaltensweisen, die sich vorwiegend in der Gestik äußern. Interaktion und Kommunikation bilden also die Thematik im engeren Sinne. Aber Klieber spiegelt keine durch allgemeine Akzeptanz gesicherte Situationen wie Arbeit, Liebe oder Feier. Die Figurengruppen bestätigen uns nicht einen Funken dessen, was wir in unserer abendländischen Weltanschauung gelernt haben, für den Sinn des Lebens zu halten. Verhaltensweisen des Müßiggangs - aber auch Momente im Alltag, die so gar nichts für die Öffentlichkeit bedeuten, gerinnen zum Bild. Der indiskrete Blick der fotografischen Kamera hat uns solches zu sehen gelehrt, und Klieber macht bildwürdig, was wir gerne als nicht fotogen, als mißlungenen Schnappschuß dem Papierkorb des Vergessen ausliefern möchten.

Sowohl der schnelle und mit großer Leichtigkeit vorgetragene Duktus als auch die helle Palette mit dominierendem Weiß suggerieren uns ein unbeschwertes Lebensgefühl. So sind wir geneigt, die Verzerrungen in den Proportionen einer karikierenden Auffassung zuzuschreiben. Die Komik anderer aber wirkt erheiternd und erregt eher Schadenfreude als Selbstkritik. So muß der Interpret betonen, daß Szenen Wie 'Tea-time', 'Hello', 'The bill please', 'small talk' etc. Spiegel unserer Wirklichkeit sind, gerade weil sie so skurril erscheinen und die Mitmenschen bei weitem nicht so wichtig nehmen, wie wir das gerne mit uns selber halten. Wir sollten diese Bilder als Appell verstehen, uns in der Leere, Eitelkeit und Absurdität unserer Aktivitäten wiederzuerkennen.

Noch vor 3 Jahren war nicht abzusehen, was es mit den Zoom-Effekten in Kliebers Bildern, welche zu ausgesprochen manierierten Verzerrungen führten, auf sich hat. In einer Art Geniestreich hat der Künstler die Konsequenz aus jenem Griff in den Illusionsraum gezogen. Er rüttelt am Theoriegefüge der neueren Kunstgeschichte, indem er die ganze Moderne mit dem Kubismus als Repräsentant eines neuen Raumkonzepts nicht als Alternative, sondern als Antithese zum anthropozentrischen Perspektivraum gelten läßt und selber eine Synthese zur Diskussion stellt: Verschiedene Realitätsaspekte erhalten unterschiedliche Bildebenen. Da beobachten wir konventionell höfliche Verhaltensweisen in einem oberen Bereich und ein rücksichtsloses Gerangel unter der Tischplatte. Somit finden die Facetten unseres Wahrnehmens, Fühlens und Denkens ihre Entsprechungen auf besonderen Bildplänen. Der Anspruch des Werkes als Ganzheit, als in sich geschlossenes Symbol der Wirklichkeit wird aufgegeben zugunsten einer Form, welche die Aktivität produktiven Betrachtens erfordert. Hinsehen und betrachten sollen wir und nicht nur genießen. Nach dem eigenen Sehen wird auch die kritische Urteilsfähigkeit provoziert.

Um mehr als nur ein Raumproblem geht es in der Reihe 'Hochzeit der Stile', die durch David Hockneys Varianten des Themas Hochzeit angeregt wurde. Bei Klieber wird der Begriff 'Hochzeit' zu einer stilistisch anschaulichen Metapher: Zwei Stilelemente (z. B. eine solide naturalistische und eine locker comic-haft verzerrende Malweise) finden in einem Arrangement von Bildtafeln zusammen.

Auch die Ein-Tafel-Bilder haben in jüngster Zeit neue Entwicklungsimpulse erhalten. Exemplarisch möchte ich auf die hier ausgestellten 'Sitzenden' hinweisen. Während die Figur immer mehr in sich zusammensackt und ganz bei sich selbst ist, streckt sich das Format, bis es gesprengt zu werden droht. Klieber gelingt es offenbar ohne große Mühe, von der Ruhe des Sitzens auch innerhalb eines extremen Hochformats zu überzeugen. - Bei Tafelbildern im Raum kam es schon gelegentlich vor, daß dingliche Zusammenhänge vom Betrachter nur noch bruchstückhaft zu rekonstruieren waren. Bei den Sitzenden in dem zum schmalen Band verengten Hochformat geschieht dasselbe, so daß zwischen eindeutig Abgebildetem auch immer wieder mehrdeutige oder abstrakte Formen erscheinen, welche die Phantasie des Betrachters herausfordern. Für Klieber gibt es offenbar keinen Konflikt zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Letztere erscheint ihm lediglich als eine notwendige Spielart unserer visuell erfahrbaren Realität. - Ein solches Bildkonzept verändert auch die Rolle des Beschauers. Dieser wird bei Klieber weder in ein weltanschauliches noch in ein ästhetisches Programm eingespannt, sondern ihm wird in ein und demselben Bild die Freiheit eröffnet, sich emotional einzufühlen, den Inhalt kritisch zu reflektieren oder einfach Formen und Farben freudig zu genießen.