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Ulrich Klieber: Figurenbilder

Ausstellungseröffnung 14.09.1985. Kunstverein Rastatt

Als Kunstfreunde werden Sie in einer Bilderschau nicht nur entscheiden wollen, welche Werke eines Ihnen bisher nicht bekannten Künstlers Ihnen gefallen und welche nicht; Sie werden auch das Bedürfnis haben, die jeweils neuen Werke in das Ihnen vertraute Repertoire einzuordnen. M. a. W.: Sie möchten nicht nur ein subjektives und insofern unverbindliches Geschmacksurteil fällen, sondern Sie wollen die Werke auch ein Stück Wegs rational begreifen und hernach mit einem gewissen Grad von Allgemeingültigkeit bewerten. Das aber ist ein Anspruch, mit dessen Erfüllung schon der Experte seine Mühe hat, um wie viel mehr muß der interessierte Laie sich überfordert fühlen.

Und hier sind wir auch schon bei Sinn und Zweck einer Vernissage und einer Eröffnungsrede. Diese soll nämlich dem Auftakt der Veranstaltung nicht nur einen feierlichen Rahmen ermöglichen, sie soll vor allem dem ambitionierten Publikum in Gestalt einer Einführung Verstehenshilfen anbieten.

Bei meiner Einführung werde ich mich im Wesentlichen auf den Kreis der Werke beschränken, die hier in dieser Ausstellung gezeigt werden, d. h., es geht um die Schaffensperiode zischen 1982 und 1985, obgleich es durchaus reizvoll und eigentlich auch notwendig wäre, diesen Arbeitsabschnitt innerhalb der Gesamtentwicklung von Ulrich Kliebers künstlerischem Schaffen zu sehen. Interessierte Besucher darf ich in diesem Zusammenhang auf einen Katalog hinweisen, in dem Kliebers Kunst in ihrer Genese zwischen 1974 und 1984 dargestellt und interpretiert ist.

Gehen wir also von den vorweg angestellten Überlegungen aus, so müssen wir die Frage nach Gefallen oder Nicht-Gefallen beiseite lassen und uns dem zuwenden, das sich klarer fassen läßt: der Stil. Nun, im ausgehenden 19. Jahrhundert fragte man: 'In welchem Style sollen wir bauen?' Zwischen dem Historismus jener Zeit und der zeitgenössischen Postmoderne gibt es durchaus Verbindungen. Allerdings fragt Ulrich Klieber nicht, in welchem Stil er denn malen solle. Klieber ist weder Historist noch Ekklektizist. Seine Beziehung zur Historie ist eher eine integrale. Wenn wir also kubistische, expressionistische, konstruktivistische, tachistische u. a. Stilmerkmale in diesen Bildern finden, so sagen diese noch wenig über die Provenienz jener Kunst. Den Schlüssel zur Art der Stiladaption und -verbindung bietet der Künstler uns in einer Serie von Bildern, von der auch hier einige Exemplare vertreten sind: 'Hochzeit der Stile'. Angeregt wurde Ulrich Klieber durch David Hockneys Varianten des Themas Hochzeit. Bei ihm aber gewinnt der Begriff 'Hochzeit' eine andere, genauer: eine theoretische Dimension, während das Sujet der Brautleute nur noch als äußerer Anlaß, als motivierender Vorwand dient. Zwei gegensätzliche Stilelemente - etwa eine solide naturalistische und eine locker comic-haft verzerrende Malweise - werden miteinander konfrontiert und derart aufeinander bezogen, daß sie im Gesamtarrangement zu einer neuen Einheit gelangen.

Zweifelsfrei können wir die Werke von Ulrich Klieber auf den ersten Blick als Malerei identifizieren. - Malerei ist kein widerständiges Medium wie etwa die Bildhauerei. Die Farbpaste folgt auch leichten Bewegungen der Hand des Malers und läßt sich willig formen. Die traditionsreiche Produktionsform des Malens erlebt ja in den letzten Jahren - vor allem in der sog. wilden Malerei - eine große Aufwertung und Ausbreitung. Doch gerade im Vergleich mit der aktuellen internationalen sog. heftigen Malerei wird das Spezifische an Kliebers Kunst deutlich: Die Spontaneität beim Malen ist Bestandteil von Kliebers Persönlichkeitsstruktur und darf deshalb nicht historisch interpretiert werden - wie das umgekehrt beim Surrealismus, beim Tachismus oder vergleichbaren zeitgenössischen Strömungen beachtet werden muß. Das Malerische selber kommt bei Ulrich Klieber als eine elementare menschliche Tätigkeit aus dem modulierenden Formen, Bilden und Vertreiben der flüssigen bzw. pastosen Farbmaterie. Doch diese Bilder sind nicht reine Malerei im herkömmlichen Sinne. Bei näherem Hinsehen finden wir auch grafische Elemente. Da gibt es neben der malerischen Linie auch Gestisches als pure Bewegungsspur, Skripturales nicht nur als Signatur und Bildtitel, sondern neuerdings auch als reduziertes Bildzeichen. Die hell-dunkel kontrastierende Silhouette hingegen läßt sich als spezifisches formales Versatzstück in Kliebers Bildern schon seit 10 Jahren verfolgen.

Ohne Rekurs auf den erfolglosen amerikanischen Versuch, aus Stoffmustern ein reines Pattern-painting zu kreieren, hat Ulrich Klieber das Patterning eher im Geiste der kubistischen Collage als ein sowohl abstraktes als auch konkretes als auch abbildendes Mittel in seine Malerei integriert. Um das an einem Beispiel zu veranschaulichen: Das Umfahren eines kleinen Brettes mehrfach wiederholt und regelmäßig angeordnet, läßt geometrische Figuren aus Rechtecken und Quadraten entstehen. In ihrer Gesetzmäßigkeit bilden diese ein Muster (also Patterning) und werden im Bildzusammenhang in ihrer realistischen Funktion als Parkettfußboden wiedererkannt.

Mit dem Bildraum hat es in Ulrich Kliebers Kunst eine besondere Bewandtnis. So weit man seine Arbeit zurückverfolgt, kann man feststellen, daß eine permanente Auseinandersetzung zwischen Fläche, Illusionsraum und Realraum stattfindet. Die reinen Tafelbilder, in denen der Realraum nicht direkt thematisiert wird, lassen bereits die Spannung zwischen vor- und nachkubistischer Raumauffassung spürbar werden. - Während die Maler der italienischen Frührenaissance mit den Regeln der wissenschaftlich begründeten Zentralperspektive rangen, konstruierten sie regelmäßig geformte Gegenstände - vor allem Architektur - in der auf den jeweiligen Augenpunkt bezogenen Projektion. Personen hingegen wurden zunächst ausschließlich frontal aufgefaßt. Selbst im Manierismus, als man auch die menschlichen Proportionen beliebig in die Fläche projizieren konnte, tat man sich schwer. Nachdem dann die kubistische Wende die absolute Verbindlichkeit der Zentralperspektive außer Kraft gesetzt hatte, konnte sich gerade bei der menschlichen Figur z. B. im Expressionismus eine neue Primitivität etablieren. - Für Ulrich Klieber ist dies alles - einschließlich der sog. heftigen Malerei - bereits Historie. Denn er springt nun mit einfachen Gegenständen - wie einem Sektglas - frei um, sozusagen als Rückgriff auf kubistisches Sehen. Für die menschliche Figur gelten ihm noch mit Einschränkungen die Gesetze der Zentralperspektive -allerdings erweitert durch die Erfahrung mit dem fotografischen Sehen bei einem sich kontinuierlich verändernden Standpunkt - vergleichbar der Fahrt und dem Zooming einer Filmkamera. Dies erfordert vom Betrachter ein hohes Maß an Flexibilität, d. h., die Bereitschaft, den Perspektivwechsel als subjektive Bewegung wenigstens in der Vorstellung mitzuvollziehen.

Die Differenzierung des Gemäldes in mehrere Tafeln hebt uns den Modellcharakter des Bildes eindrücklich ins Bewußtsein. Nicht nur die Guckkastenbühne hat ausgedient, auch das Kunstwerk als Einheit wird verabschiedet. Wenn dieses aber ein Gleichnis unserer Wirklichkeit darstellt, so bedeutet diese Veränderung eine radikal veränderte Weltsicht. Wenn sich das Kunstwerk weder als Kosmos noch als 'organon', sondern als bloßes Aggregat präsentiert, so spiegelt es unsere Lebenswelt als aspekthaft - und d. h.: als unvollkommen und ohne den bisher als notwendig postulierten inneren Zusammenhang. - Das räumliche Versetzen der Bildpläne ist die unausweichliche Konsequenz aus der Differenzierung des Formats. So entsteht ein neuer Bezug zum Subjekt des Betrachters. Dieser wird bei der sich öffnenden Struktur in den Bildraum einbezogen. Die traditionelle Haltung der Konfrontation von Werk und Betrachter ist hier also nicht nur unangemessen; sie läßt sich nicht mehr realisieren.

Über das Sujet in Ulrich Kliebers Malerei brauche ich nicht viele Worte zu verlieren. Es sind Leute in ihrer realistischen Wirklichkeit. Gewollte Verzerrungen setzen gezielte Akzente und machen die Bilder zu einem Spiegel unserer Lebenswirklichkeit. Wenngleich die Intentionen vom Betrachter nicht immer als schmeichelhaft erkannt werden, sind sie nichtsdestoweniger realistisch.

Eine dezidierte Wertung ist sicher nicht Aufgabe des Eröffnungsredners, sondern sollte von jedem Besucher selbst vollzogen werden. Deshalb erlauben Sie mir, daß ich mit einer offenen Formulierung ende, die es mir gleichwohl erlaubt, meine Person noch im Spiel zu halten: Eine realistische Kunst hat zu allen Zeiten ihre Bedeutung für die jeweilige Gegenwart gehabt. Wenn sie darüber hinaus auch formal innovativ vorgeht und durch neue Mittel Metaphern zum Ergreifen und Deuten der Wirklichkeit anbietet, dann wird sie, dessen bin ich sicher, auch eine Kunst der Zukunft sein.