Archiv                                                                                                               

Rosemarie Vollmer: Malerei

Ausstellungseröffnung 05.09.1986. Kreissparkasse Göppingen

Da wir bereits in dem vorliegenden Katalog durch einen Text Hinweise zum Verständnis des malerischen Werks von Rosemarie Vollmer im allgemeinen und dieser Ausstellung im besonderen gegeben haben, fragt es sich, was nun zur Einführung überhaupt noch zu sagen sei. Ich wiederhole mich ungern und möchte sicherstellen, daß Sie den Katalogtext noch mit Gewinn nachlesen können, nachdem Sie eine möglichst umfassende Anschauung von dieser Malerei gewonnen haben. So will ich nicht abstrakt die wesentlichen ästhetischen Probleme in Rosemarie Vollmers Kunst analysieren, sondern ich stelle fünf scheinbar vordergründige Fragen, die dem Laien möglicherweise auf der Zunge liegen, die er aber hier ungern aussprechen möchte.

1. Frage: Kunst, sagt man, kommt von können. Diese Bilder aber scheinen recht sorglos gemalt zu sein. Ist das überhaupt Kunst?

Antwort: Man sollte nicht Dinge miteinander vergleichen wollen, die in jeder Hinsicht grundverschieden sind. Man sollte nicht den Maßstab eines begrenzten Kunstbegriffs, den man sich meinetwegen an der Malerei der Romantik gebildet hat, an das Gesamtspektrum von Kunst anlegen. In der Tat gibt es eine Malerei des spitzen Pinsels, bei der die Fähigkeit des Künstlers, einen Natureindruck als perfekte Illusion nachzuahmen, im Vordergrund steht. Dies wäre eine Kunst, die zwischen Kopf und Hand sich entwickelt. - Es gibt aber auch eine Kunst, die aus der Hand herauskommt, bei der Material und Werkzeug größte Freiheiten genießen und das Auge nicht als Kontrollorgan fungiert, sondern den Entstehungsprozeß staunend verfolgt. Gerade bei solchen Bildern, die quasi eruptiv entstehen - aus einer Anschauung, einem Gefühl, einer spezifischen Befindlichkeit heraus, aus den Gegebenheiten des Materials und auch gewissen Zufallswirkungen - hier wäre es geradezu disqualifizierend für den Betrachter, wollte er einwenden: Das kann ich auch. - Sie verstehen: Erstens ist das Können hier sowieso eine sekundäre Tugendsund, zweitens geht das 'Auch' am wesentlichen Wert des Werks - nämlich seiner Einmaligkeit - vorbei.

Das Problem, das ein Künstler sich in einem Werk stellt, ist nicht einer mathematischen oder einer technischen Aufgabe vergleichbar. Es läßt sich weder als Gewinn noch als Verlust in Prozentpunkten oder in Mark und Pfennig beziffern. Das künstlerische Problem ist offen und flexibel; es wandelt sich noch im Formulieren. So muß ein Kunstwerk auch den Denkkategorien unseres Alltags fremd bleiben. - Sie verstehen: Wichtiger als Sachwissen über Stil, Farbenlehre, Komposition und Maltechnik ist es für den Kunstfreund, vorurteilsfrei, neugierig und mit einem gewissen Maß an Vertrauensvorschuß auf die Werke zuzugehen. Demnach steht auch beim Betrachter die rechte Einstellung vor dem Wissen und Können.

2. Frage: Mal erkenne ich Gegenständliches in diesen Bildern, mal sehe ich nur ein Spiel von Formen und Farben. Warum entscheidet sich die Künstlerin nicht eindeutig für eine abstrakte oder eine gegenständliche Kunst?

Antwort: Das Publikum ist verunsichert durch die zahllosen Wechselbäder der Stile und Ismen - und dies nicht erst seit kurzem, sondern seit nunmehr einem vollen Jahrhundert. Die Künstler aber haben eine nahezu grenzenlose Freiheit gewonnen. Diese Reisen zwischen der Eigengesetzlichkeit der Mittel, der eigenen Subjektivität und einer zunehmend sich unwirtlich gebenden Realität ist bezeichnend für Künstler, die diese Gegenwart bewußt erleben. Da die Probleme zwischen Ich und Welt sich weder direkt politisch noch im ästhetischen Medium erledigen lassen, muß man sein Leben leben, indem man sich zwischen den Spannungspunkten bewegt - aktiv, reflexiv und kontemplativ.

Schauen wir einmal zu, wie die Malerin Rosemarie Vollmer die Realität erlebt und ästhetisch verarbeitet: Mit ihrem Söhnchen geht sie durch einen kleinen Tierpark. Die Vögel erregen das besondere Interesse von Kind und Mutter, weil an ihnen das Gemeinsame und das Trennende besonders augenfällig wird. - Die Vögel hüpfen oder laufen umher, fressen, beobachten uns, wie wir sie beobachten. Sie sind wie wir Lebewesen. Aber sie tragen ein Federkleid, und sie können fliegen. Davon können mir nur träumen. - Zwei balzende Pfauenhähne versuchen zu imponieren, indem sie in tänzerischen Bewegungen ihre Räder vorführen. - Während man sich noch über die Beobachtungen verständigt, beginnt die Künstlerin zu zeichnen. Es sind schnelle Skizzen: Bizarre Bewegungen, vertraute aber auch verfremdend wirkende Positionen. - Im Atelier wird das Thema zum ureigenen ästhetischen Problem der Malerin: Der Pfau als Impuls zum Veranschaulichen von Farbbewegungen. So können sich auch Details verselbständigen. Das schillernde Blau des Halses kann sich zum Ultramarinblau als pures Pigment steigern und wird so zum konkreten (nicht etwa abstrakten) Farbfleck.

3. Frage: Das mögen reizvolle und nette Bilder sein. Aber grenzt das hier nicht ans Banale? Wo ist der Bezug zur Lebenswirklichkeit, wo wird diese Kunst gesellschaftlich relevant?

Antwort: Kürzlich durchbrach eine Taube im Flug die Glasscheibe eines Atelierfensters von Rosemarie Vollmer und fiel tot zu Boden. Die Künstlerin zeichnete zwei Tage lang Skizzen dem toten Vogel und malte zahlreiche Gouachen und weitere Bilder in Mischtechniken. Während die Bilder entstehen, erlebt die Künstlerin zum wiederholten Mal, wie die Taube auf eine vermeintliche viereckige Öffnung zufliegt. In Sekundenbruchteilen folgen aufeinander:der harte Aufschlag, das Schwinden der Sinne und der Sturz auf den Fußboden des Ateliers. Die ästhetische Arbeit gerät zur Bewältigung einer Todeserfahrung. Uns teilt der ganze Vorgang sich als ein Gleichnis mit, das uns wegen seiner Lebensnähe sehr direkt anspricht. - Natürlich hätte jeder Nichtkünstler in der gleichen Situation anders als die Künstlerin reagiert: 1. Beseitigen des Tierkadavers 2. Ersetzen der zerbrochenen Fensterscheibe 3. Verdrängen des Erlebnisses statt es zu verarbeiten.

Die Taube als Friedenssymbol ist allgemein geläufig. Auch wenn es nicht der primären Intention der Künstlerin entspricht, eine politische Aussage zu machen, möge man in den Bildern mit der toten Taube einen mahnenden Spiegel unserer weltpolitischen Situation sehen. Auch da gilt es, nicht zu verdrängen, sondern zu handeln.

4. Frage: Nun haben wir ein großes Thema, das sich allerdings einem Zufall verdankt. Doch die große Gruppe der Bilder mit biblischen Themen - wem sollen die etwas sagen?

Antwort: Es läßt sich nicht leugnen, daß die religiöse Kunst sich in einer Krise befindet. D. h. ein Künstler, der Probleme des Glaubens zur Anschauung bringt, versperrt sich den Zugang zu einer bedeutenden Publikumsschicht. Dies betrifft jedoch zunächst Kunstwerke, die in engem Zusammenhang mit der Institution Kirche entstehen. Dieser ist aber bei Rosemarie Vollmers Malereien höchstens indirekt auszumachen. Die Quintessenz der Aussagen in den hier gezeigten Bildern nach dem Alten Testament lassen sich Weder konfessionell noch im engeren Sinne - als ausschließlich religiös definieren. So veranschaulicht das Thema 'Jakobs Kampf mit dem Engel' einen Konflikt, das innere Ringen um eine Entscheidung. Den prophetischen Gesichten entsprechen unsere Träume und Wünsche nach einer anderen, einer besseren Wirklichkeit, die uns allem enthebt, was uns mit bleierner Schwere an den Alltag bindet. Natürlich sind solche Tag­

träume nicht real aber nichtsdestoweniger wirklich. Indem Rosemarie Vollmer solche Vorstellungen anschaubar macht, werden sie für den Menschen in einer rationalistischen Welt erst legitim.

5. und letzte Frage: Es mag sein, daß die Künstlerin hier wesentliche existentielle Fragen anschneidet. Aber wie weit reichen die Antworten? Müssen sie nicht notwendig subjektiv bleiben?

Antwort: Eine objektive Antwort zu versuchen würde bedeuten, vom Gegenstand her zu argumentieren und nicht von der Person. Doch was ließe sich da Neues an Anschauung anführen? Insofern ist es gut, wenn ein Künstler zunächst von seinen Augen, von seinem Denken und Fühlen ausgeht und nicht fragt, was wohl bei einer Abstimmung als Mehrheitsbeschluß zustande käme. Die Kunst kann gerade deshalb neben der Politik als gesellschaftliches Regulativ fungieren, weil jeder Künstler und jede Künstlerin mit der ganzen Person dafür einsteht, was er oder sie tut. Gerade weil sie für sich die entlastende Aufspaltung in Rollen (als Künstlerin, als Ehefrau, als Mutter) ablehnt, gibt es für sie auch keine beschränkte Haftung Wie in Wirtschaft und Berufswelt. Die kreative Arbeit aus einer totalen Verantwortung heraus bedingt, daß im ästhetischen Bereich die subjektiven Äußerungen die ersten sind, die einen Anspruch auf Geltung erheben können.

Es war nicht meine Absicht, Ihnen Fakten zu vermitteln. Ich wollte Ihnen vielmehr Mut machen, mit Ihren eigenen Augen zu sehen, mit Ihren eigenen Sinnen zu fühlen und schließlich unvoreingenommen zu urteilen. - Ich wünsche Ihnen, daß Sie Freude daran haben, die Bilder von Rosemarie Vollmer anzuschauen, daß Ihre Neugierde wächst, immer neue Qualitäten in dieser Malerei zu entdecken und daß Sie mit Ihrem Lieblingsbild nie fertig werden.