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Hans-Peter Hauf: Bilder

Ausstellungseröffnung 25.04.1987. Kunstverein Rastatt

Hans-Peter Haufs Bilder kommen dem Betrachter entgegen, öffnen sich ihm. Bei einer ersten Begegnung gewinnen wir den Eindruck, daß alles Wesentliche, welches die Bedeutung dieser Malerei ausmacht, zutage liegt. D. h., der Inhalt erscheint als in der Form evident.

Das erste, das bei diesen Bildern ins Auge fällt, ist ihr Ausdruck. Es gibt eine durchgängige Grundstimmung, eine heitere, insgesamt optimistische Gestimmtheit, die sich dem Betrachter in allen Bildern mitteilt. Das beruht sowohl auf spezifischen Farbakkorden als auch auf dem spontan vorgetragenen, gestischen Duktus. Dies ist das zweite Merkmal, das wir unmittelbar wahrnehmen. Schließlich stoßen wir hie und da auf gegenständliche Relikte, die eher spielerisch in den Bildraum gelangt sein mögen. Einen tieferen Sinn mag man ihnen kaum zutrauen.

Insgesamt treten die Bilder von Hans-Peter Hauf uns also als freundliche und aufmunternde ästhetische Objekte entgegen. Es fällt nicht schwer, sich eines dieser Bilder als angenehme oder gar dekorative Ergänzung der eigenen Wohnung vorzustellen. Doch bevor man sich einen solchen visuellen Untermieter in die eigenen vier Wände holt, kommen die kritischen Einwände fast von selber:

- Wird das Bild der übrigen Umgebung (alte Möbel, neue Möbel, weitere Kunstwerke) standhalten?

- Welche Qualitäten hat das Bild noch, außer daß es schön ist?

- Besteht nicht eher ein Nachteil darin, daß das Bild auf den ersten Blick gefällt? Muß nicht qualitätvolle Kunst
  zuerst einmal schwierig sein?

- Werde ich das Bild auch in zehn oder zwanzig Jahren noch ansehen wollen? Oder werde ich bald damit fertig sein?

- Schließlich: Hat dieses Bild auch eine inhaltliche Dimension? Und wenn ja - Was sagt es über den Künstler, und
  was bedeutet es für mich?

Es wird Ihnen nicht entgangen sein, daß meine Fragen recht individuell gestellt sind, und daß deshalb zu verbindlichen Antworten nur vorläufige Aussagen, sozusagen als Annäherungen, möglich sind. Den letzten und konkreten Schritt auf das Werk zu müssen Sie jeweils selber tun. Das ist so, wie wenn man einen Menschen kennenlernen möchte. Da genügt es auch nicht, wenn man Erkundigungen einholt und ihn aus der Distanz beäugt. Man muß den Mut haben, mit ihm in Kontakt zu treten, sich selbst als Interessent in eine Beziehung einzubringen. Dann weiß man sehr bald, ob es erstrebenswert ist, mit diesem Menschen in engeren Kontakt zu treten. - Trotz dieser Vorbehalte meine ich, daß es sinnvoll sein kann, jene Werke einmal prophylaktisch zu befragen. - Nun also zu den einzelnen Fragen.

Ich habe Hans-Peter Haufs Malereien in völlig gegensätzlichen Umgebungen gesehen: im autonomen Kunstraum von musealer oder avantgardistischer Provenienz und in Wohnräumen. Nie gerieten die Bilder in Legitimationszwang, eher schon das Ambiente.

Die Leichtigkeit des Vortrags droht uns darüber hinwegzutäuschen, daß Hans-Peter Hauf seine Bilder nach quasi klassichen Prinzipien komponiert. Senkrechte und Waagerechte entsprechen nicht nur den immanenten Grundrichtungen, sie vermitteln uns auch die anthropogene Grundfigur bzw. den Grundkonflikt zwischen Mensch und Welt. Durch Neigen der Senkrechten nach rechts ergibt sich die aufsteigende Diagonale, die Kandinsky als die harmonische bezeichnet, Die Linie ist bei Hauf nie eindimensional. Als Bewegungsspur reicht sie bis in die vierte Dimension, aber selbst als Kontur umspielt sie Formen mehr, als daß sie diese definierte. Die oszillierenden Übergänge zwischen Form und Form, zwischen Figur und Grund vermitteln uns Bewegung und Lebendigkeit überzeugender als ein perfekter Illusionismus.

Flächen können bei Hans-Peter Hauf gestrichen, gewalzt oder gespachtelt sein; immer differenziert ein spezifischer Duktus die modulierte Ebene. Da entsteht ein lebendiges Relief, und die Schichtungen bleiben für den Betrachter nachvollziehbar.

Die visuelle Farbe als farbiges Licht ist das Metier des Gefühls; dieses Mittel setzt Hauf mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit ein. - Zur Farbmaterie hat er einen unmittelbaren Zugang. Als pastose und formbare Masse modelliert er sie, oder er bildet noch zwischen feinsten Lasurschleiern imaginäre Räume.

Die sichtbar gewordene Geste im Bild zeugt vom Körpergefühl des Malers, von seinem Bewegungssinn. Hier tritt die erste Wahrheit zutage, die ein Künstler aussprechen kann: Es ist die Richtigkeit des subjektiv Erfahrenen und die Einmaligkeit des Moments.

Im Gegensatz steht die quasi objektive Wahrheit des Kalküls, die wir im allgemeinen visuell verkörpert sehen in der Geometrie. Ohne je die Subjektivität zu verdrängen, beginnt sich ein gewisses Maß an Rationalität in den letzten Jahren in Hans-Peter Haufs Bildern zu etablieren.

Selbst das irritierende Moment des Zufalls, das seit Dada eine ästhetisch interessierte Öffentlichkeit beunruhigt, hat einen legitimen Platz im Schaffensprozeß des Malers Hauf. Da gibt es die spielerischen Annäherungen an ein Thema durch Untermalungen, in denen Phantasie und Kreativität sich ausleben dürfen. Bisweilen werden mechanisch erzeugte Muster in die Komposition einbezogen. Schließlich gibt es Fälle, in denen Hauf in den Farbspuren einer Arbeitsplatte Bilder entdeckt, diese aussägt und rahmt.

Die Qualifizierung von Kunstwerken als einfach bzw. schwierig beruht meist auf Vorurteilen. Oft geben wir uns beim Wiedererkennen einer vertrauten Oberflächenstruktur bereits zufrieden. Aber die Intention eines Werks liegt in der Regel tiefer das gilt für aktuelle wie für historische Kunst in gleicher Weise. Umgekehrt sollte man sich nicht grundsätzlich vom provokanten Auftreten oder vom geheimnisvoll verrätselnden Schamanen beeindrucken lassen. Tiefsinn muß nicht das Ziel jeglicher Kunst sein; er kann sich auch als Endpunkt eines Weges durchs Labyrinth erweisen.

Wir sollten vielmehr die Probe aufs Exempel machen. - Suchen Sie sich ein Bild aus, mit dem Sie meinen, bald fertig zu sein. Suchen Sie wiederum in diesem ein Detail, das Ihnen banal erscheint, und beobachten und befragen Sie es:

Was sehe ich?

Wie ist es gemacht?

Was stellt es dar?

Was sagt es mir?

Wie wirkt die Farbigkeit auf mich?

Versuchen Sie weiterhin, den Duktus des Farbauftrags kinetisch, d. h. gesamtkörperlich nachzuvollziehen! Versuchen Sie auch, sich der Mehrdeutigkeit des Raums zu vergewissern! Und nun: Sind Sie wirklich schon fertig mit diesem Pinselstrich?

Wahrscheinlich möchten Sie sagen: Noch nicht ganz; ich brauche noch etwas Zeit. - Noch wahrscheinlicher ist es, daß Sie selber weitere Fragen stellen und Probleme entdecken, die Sie eigenständig verfolgen wollen. - Fertig werden mit einem Kunstwerk ... - gibt es das wirklich?

Inhaltlich lassen Hans-Peter Haufs Bilder sich fassen mit den Begriffen 'Bewegung', 'Raum' und 'Landschaft'. Die Aufwärtsbewegung wirkt harmonisch und eher allmählich sich entfaltend im Sinne vegetabilen Wachstums und nur selten eruptiv. Die umkreisende Bewegung erhebt einen ganzheitlichen Anspruch. Hier steht die Subjektivität der Intention im Vordergrund. D. h., der Künstler umkreist sich selber und seine ästhetische Thematik. Zugleich lädt er den Betrachter ein, sich an diesem ästhetischen Prozeß zwischen Intuition, Anschauung und Erkenntnis kreativ zu beteiligen. - Mehr malerisch oder mehr grafisch akzentuierte Dreiecks- und Fünfecksformen sind Zeichen für das Haus, das dem Künstler primär Geborgenheit signalisiert. Eine zierliche Bogen- oder S-Form als Rauchfahne zeigt, daß es dort warm ist. Als Telefondraht verweist das lineare Element auf Kommunikation zwischen den Bewohnern der einzelnen Häuser. Als Sproß oder Nabelschnur könnte die schräg aufsteigende Linie zeigen, daß der einzelne Lebensraum in Verbindung mit einem größeren Lebenszusammenhang steht. - Die Häuser befinden sich in einfach gestaffelten Landschaftsräumen. Während der Horizont auf die Grenzen unserer immanenten Erkenntnis verweist, dehnt sich der Vordergrund oft als überdimensionaler Nahraum wie das aufgeschlagene Buch vor den Augen eines Lesers aus. Diese stillen Bildräume, die keineswegs leer, sondern nur sehr verhalten strukturiert sind, eröffnen dem Betrachter das Bild, lassen ihn mit seinen eigenen Wünschen, Maßstäben und Vorurteilen eintreten. Und der Maler Hans-Peter Hauf läßt dies alles gelten. Mit einem großen Maß an Offenheit begegnet dieser Künstler seinem Publikum. Nur selten erleben wir es, daß in unserer Zeit Toleranz nicht nur im Munde geführt, sondern derart ernsthaft gelebt wird.