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Walter Schiementz: Zeichnungen - Bilder

Kunstverein Rastatt. Zur Ausstellungseröffnung am 21.08.1988

Sie mögen sich fragen, ob es nicht doch ein eitler Schnörkel ist, wenn jemand hierher kommt, um dem Rastatter Publikum Walter Schiementz vorzustellen. Denn der künstlerische Berater des Vorstandes dieses Kunstvereins ist Ihnen kein Unbekannter: Derjenige, der mit sicherem Blick junge Künstler fördert, aber gelegentlich auch Stars der internationalen Szene nach Rastatt holt und so dem Kulturleben der Stadt nicht nur Glanzlichter aufsetzt, sondern auch mit dazu beiträgt, daß das Ausstellungswesen hier ein unverwechselbares Profil gewinnen konnte.

Dabei hält er selbst sich als Künstler im Hintergrund, drängt sich nicht vor. Natürlich ist die Kunst als ganzes ihm wichtig, füllt sie doch seinen Tages- und Jahreslauf in Form von Theorie, Lehre und Praxis vollkommen aus. - Wer Walter Schiementz als lebhaften Gesprächspartner, als temperamentvollen Lehrer vor allem in den Bereichen Zeichnung, Malerei und Radierung kennt, der wird es mir angesichts der Exponate wohl auch abnehmen, daß er ein emphatischer Künstler ist, dem der Umgang mit dem bildbaren Material immer zur hitzigen Schlacht gerät. - Und selbstverständlich fällt es dem promovierten Kunstpädagogen keineswegs schwer, fremde oder auch eigene Werke zu kommentieren. Doch wer möchte sich wohl selbst ins rechte Licht setzen oder noch schlimmer: die eigenen Produkte nur mit Vorbehalten präsentieren? - Ich gestehe, daß ich mich jedesmal freue, wenn ich einem Künstler begegne, der sich jenen altmodischen Zug bewahrt hat und meint, sich nicht verkaufen zu müssen. Das hält den Rücken frei, macht unabhängig vom Markt. Mir scheint, die Szene braucht nichts mehr als Künstler, die nicht machen, was der Markt verlangt, sondern schaffen, wozu es sie drängt.

Aus dem persönlichen Umgang weiß man, daß Walter Schiementz immer etwas zu sagen hat. Doch was hat uns der Künstler Schiementz mitzuteilen? - Es dürfte Ihnen nicht entgangen sein, daß die Exponate hier zu thematischen Gruppen zusammengefaßt sind. So ergeben sich bereits Schwerpunkte. Die Titel können eine Verstehenshilfe bieten, sind jedoch nicht als Summe der Aussage zu verstehen. Aspekthaft liegen sie an der Bedeutungsperipherie und bringen den Betrachter auf den Weg, anstatt ihn zu bevormunden. Ich möchte das an einigen Beispielen erläutern.

Wege und Straßen sind uralte bildhafte Topoi, die uns an Lauf und Ziel unseres Lebens erinnern oder auf ein transzendentes Ziel verweisen. Da gibt es den Wegbeginn, den Lichten Abschnitt, den Tiefen Einschnitt und manches andere Bild, das die Episode einer sensiblen Naturbeobachtung überschreitet, sobald wir beginnen, Titel und Ausdrucksgehalt auf unsere eigenen Verhältnisse zu beziehen. Besonders die Bäume als aufrechte Gestalten erweisen sich als anthropogene Symbole ersten Ranges. Während die einen warnen: Erst sterben die Bäume, dann die Menschen, und die anderen drohen: Wenn die Bäume fallen, stehen die Menschen auf, spricht Schiementz uns in seinen Zeichnungen durch Analogien an: Gefällt und Geschleift kann einem kalte Schauer über den Rücken jagen! Man fühlt sich direkt betroffen.

Vergessen im Bildhauergarten - jene Skulpturen von Studenten der Karlsruher Akademie zeigen längst nicht mehr die Frische des behauenen Steins, auch nicht mehr die erhabene Schönheit des einfühlsamen Akts. Die Natur hat sie wieder eingeholt, hat feine Grate mit Algen und Moos eingeebnet, so daß die Gestalten wie mumifiziert wirken. Schiementz hat die paradoxe ästhetische Lebendigkeit dieser Figuren entdeckt, die so merkwürdig tot wirken. - Cézannes Satz, Kunst sei eine Harmonie parallel zur Natur, bildet ein Theoriestück, das beim Bemühen um das Verständnis des Nachimpressionisten weiterhilft. Bei Schiementz' Zeichnungen aus dem Bildhauergarten führt uns Cézannes Sentenz zu einer neuen Bedeutungsebene: figürliche Plastik als Vanitas-Symbol, das uns am Fall des Kunstwerks an unsere eigene Vergänglichkeit erinnert .- Mir scheint es sinnvoll, die drei Zeichnungen nach ägyptischen Motiven in denselben Zusammenhang zu stellen, um den Unterschied um so deutlicher hervortreten zu lassen. Sowohl die Türwächter als auch die Barke werden in ihrer hieratischen Starre gesehen und so eindringlich erfaßt und malerisch übersetzt, daß sie als Formgebilde lebendig werden.

Religiöse Bedeutungsebenen scheinen immer wieder durch im Werk von Walter Schiementz, jedoch nie eindimensional im Sinne einer Missionierungskunst. Dies hat seine Ursache in einer zeitgemäßen aufgeklärten Bewußtseinsstruktur, der gemäß der heutige Mensch das Produkt der abendländischen Kulturgeschichte bildet. Diese wiederum stellt sich jedoch nicht in stringenter Notwendigkeit dar, sondern mit all ihren Widersprüchen - als eine sowohl theozentrische Welt mit ihrer christlichen Tradition als auch als eine anthropozentrische Welt zwischen Antike, Renaissance und dem gegenwärtigen Zeitalter des Overkill. Aus den Widersprüchen in unseren Anschauungen, in unserem Bewußtsein und in unserer Vitalität ruft bei Schiementz jedes traditionelle Thema neue Formen und bringt jedes aktuelle Problem traditionelle Bezüge hervor. So wird in der angedeuteten Weise die Vanitas-Thematik aktualisiert. Der Baum, der im Wege steht, wirft einen kreuzförmigen Schatten und führt schon fast simplifizierend auf eine christologische Deutung. Gleichzeitig wird jener Schatten zum Menetekel für denjenigen, der vergessen hat, daß er, wie es in der Dreigroschenoper heißt, ein Mensch noch ist. Neben den christlichen Vanitas-Gedanken tritt der antike und gleichzeitig höchst aktuelle Begriff der Hybris - der Mensch, der in seinem Übermut nicht nur den Göttern, sondern auch seinem eigenen Geschlecht spottet und sich so aus lauter Dummheit selbst den Untergang bereitet. - Auch der Begriff des Opfers wird von Schiementz neu gesehen und in einen größeren, menschheitsgeschichtlichen Zusammenhang gestellt. Doch welches das Ziel des einen und die Wirkung des anderen Opfer ist, und welche Beziehungen sich zum alttestamentlichen Ritus, welche sich zu unseren sommerlichen Grillfesten knüpfen lassen, wird nicht ausgesprochen. Fast möchte man meinen, der Künstler hielte dem Kunstfreund ein Kartenspiel mit disparaten Bildern entgegen; doch Vorsicht, es sind allesamt Spiegel!

Die Inhaltsbeschreibungen und -deutungen könnten leicht den Eindruck erwecken, der Grundtenor von Walter Schiementz' Kunst sei nicht nur kritisch, sondern sogar pessimistisch. Doch ist dies nicht die ganze Wahrheit. Die Formensprache, die Faktur und der Duktus sprechen eine differenzierende Sprache, welche die inhaltlichen Aussagen in ein spezifisches Licht rücken. Sicher, bei vielen der Zeichnungen fällt die offene Struktur auf, so daß auch von der Tendenz einiges unausgesprochen bleiben muß. Hier ist der Betrachter gefragt: Angeschnittene Fragen fordern von ihm die Stellungnahme als Antwort. - Bei den Zeichnungen zum Thema Opfer ebenso wie bei der Reihe Durchdrungene Zonen haben wir es mit einer geschlossenen Struktur zu tun. Unabhängig vom einzelnen Thema treten uns hier kosmische Bilder entgegen, die von einer großen Ordnung, aber auch vom Wunsch nach einem geschlossenen Weltbild sprechen.

Diese Ausstellung zeigt in ihren wesentlichen Teilen mittel- und großformatige Zeichnungen. Die räumlichen Verhältnisse in der Pagodenburg zwangen zu einem Verzicht auf großformatige Malereien. Anhand von 4 Eitemperamalereien erfährt der Beschauer, in welchen Dimensionen bei Schiementz kleinformatige Malerei beginnt und wie man sein malerisches Temperament einzuschätzen hat. Darüber hinaus verdeutlichen die Malereien exemplarisch das Verhältnis zwischen anschaulichem Impuls, Realisierung und Botschaft. - Im Theater und vor dem Fernsehmonitor skizzierte Schiementz und ergänzte verbale Notizen. In der malerischen Ausführung ist der gestische Duktus ebenso wichtig wie bei den Zeichnungen. Auffällig ist die Pointierung des Charakteristischen, die jedoch nie die Grenze zum Karikieren überschreitet. Dargestellt wird der Schauspieler immer als Rollenträger, nicht als Person im Bildnis. Hier setzt dann auch das besondere Interesse von Schiementz an, seine Faszination für den Schauspieler, der mit Mimik und Gestik Ausdruck vermittelt und jeweils ausspricht, was er selber nicht ist. Die Bildtitel schließlich leisten den zweifelsfreien Transfer zur Person des Betrachters; z. B.: Wir mimen alle.

In ähnlicher Weise hat man sich die Genese der Zeichnungen vorzustellen. Auch hier stehen am Anfang die grafischen und die verbalen Notate, gelegentlich bieten auch Fotos einen ersten visuellen Anstoß. Niemals reicht allerdings ein malerischer Blick oder eine groteske Ansicht aus, um einem Bild die Form zu leihen. Während des Zeichnens drängen sich zudem kompositorische Notwendigkeiten auf: Hier eine Dunkelheit, dort ein weicher Übergang. - Symptomatisch sind jedoch die Anfänge. Die Bildvision ist weit abgedrängt, wenn Schiementz zum weichen Grafitstift greift und mit diesem seine ersten tastenden Spuren auf dem glatten Zeichenkarton zieht. Er zeichnet schnell und flüssig, geizt nicht mit der Linie. Präzisierung erreicht er nicht durch gezieltes Anvisieren, durch intentionales Zeichnen, sondern durch die Multiplikation und Variation der Linie, durch ein Umspielen anstelle eines Umreißens der Form. Der Lebendigkeit der Form, der Wandelbarkeit des Gegenstandes und dem emotionalen Drang des Produktionsprozesses gilt die ganze Hingabe des Zeichners Schiementz. Die Geschwindigkeit und der körperliche Einsatz führt zu einer ästhetischen Produktivität bei herabgesetztem Bewußtsein, wie die Surrealisten es den Tachisten bereits vorgemacht hatten. Allmählich schält sich Form und Gegenform, Ding und Raum heraus; Schiementz selbst fühlt sich selbst immer wieder erinnert an das Auftauchen fotografischer Bilder in der Entwicklerflüssigkeit. Die Parallele mit einem eigendynamischen technischen Prozeß ist sicher kein Zufall, macht sie doch deutlich, in welchem Maße der Künstler im Produzieren auch staunender Beobachter ist. Zum anderen weist uns dieser Sachverhalt auf die große Nähe der Zeichnungen zu den Malereien hin. Betrachten Sie abwechselnd die Resultate beider eigentlich so grundverschiedener Produktionsverfahren nebeneinander und versuchen Sie, an diesen die Genese zu rekonstruieren, so werden Sie das einheitsstiftende Moment, die Homogenität im zeichnerischen und malerischen Duktus erkennen.

Gerade diese ästhetischen Oberflächenwerte machen die besondere Qualität der ausgestellten künstlerischen Arbeiten aus. Die problembeladenen Themen würden den Betrachter eher abstoßen, anstatt ihn zu gewinnen, wäre Walter Schiementz nicht in der Lage, sie mit dieser Leichtigkeit vorzutragen. So aber können wir uns vorstellen, daß seine Bilder sich in jede Wohnung, in jedes Amtszimmer schleichen, um fürs erste genossen zu werden und um des weiteren die Menschen nachdenklich zu stimmen.