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 Ulrich Klieber: Covent Garden in November

Galerie Györfi Herrenberg. Zur Ausstellungseröffnung am 28.02.1988

Erlauben Sie mir bitte eine rhetorische Frage zum Anfang:

Weshalb sind Sie hierher gekommen?
Gefällt Ihnen das Plakatmotiv - sein Stimmungsgehalt, der malerische Duktus?
Mögen Sie London, und möchten Sie Covent Garden nun einmal mit anderen Augen sehen?
Kennen Sie Ulrich Klieber, freuen sich auf ein Wiedersehen mit ihm und seinen Bildern?
Oder gehören Sie einfach zu den zahlreichen Kunstfreunden, die immer wieder neugierig sind auf Kunstwerke, gehören Sie zu den Menschen, die auch mit den Augen essen?

Ich glaube, wenn Sie sich auch nur durch eine meiner Fragen angesprochen fühlen, werden Sie nicht enttäuscht nach Hause gehen.

Seit einem Stipendium am Royal College of Art in London, wo Ulrich Klieber zwischen 1978 und 1979 nach Abschluß seines Akademiestudiums in Stuttgart Malerei studierte, hielt er sich mehrfach in London auf - erst kürzlich im November 1986. Die Stadt ist ihm inzwischen so vertraut, daß er sich dort bewegt wie ein Fisch im Wasser. In besonderer Weise zieht ihn Covent Garden an, die Halle des ehemaligen Marktes für Obst, Gemüse und Blumen. Das Gelände des Covent Garden Market hieß übrigens anfangs Convent Garden, was auf die ursprüngliche Funktion als Klostergarten von Westminster Abbey hinweist.

Ulrich Klieber zeigt hier die Produkte einer dichten Arbeitsphase. Der kurze Entstehenszeitraum von 14 Monaten erlaubt es dem Betrachter, die Einheitlichkeit, die Bezüge zwischen den einzelnen Bildern, aber auch die Originalität des Einzelwerks prägnant abzulesen. Nicht sichtbar wird hingegen der Zusammenhang mit dem Gesamtwerk. Deshalb lassen Sie mich diesen kurz skizzieren.

Die Zeit seines Akademiestudiums von 1973-78 sowie danach bis 1980 ist gekennzeichnet durch experimentelles Arbeiten mit den Mitteln der Collage, der Montage und der Übermalung. Trotz des Suchens zwischen weit auseinanderliegenden Inhalten und Verfahren zeichnete der rote Faden der Probleme, die Klieber noch heute beschäftigen, sich bereits damals deutlich ab. 1980 setzt eine figurativ-malerische Phase mit humorvoll konzipierten Tierbildern ein, die 1 Jahr später durch die Auseinandersetzung mit der menschlichen Figur abgelöst wird.

Die witzig vorgetragenen Tischszenen und Tea-Time-Rituale wechseln mit der eher düsteren Welt der Virginia Woolf. Doch bald kehrt Klieber wieder zu den anonymen Figuren zurück, die als Kellner oder Gäste die Szene von Restaurants bevölkern. Gerade hatte die Kritik Klieber zu fassen gesucht als den Maler der britischen Themen, da entzog er sich auch schon wieder dem Griff der schrecklichen Vereinfacher, klappte die Bildflächen in den Raum und überraschte das Publikum mit komplexen Raumtafeln, mit einem Bildwurm. Passagenweise wurden Formen als Rapport begriffen und zu geometrischen Reihen und Mustern zusammengefaßt. 1985 feierte Klieber, sozusagen als eine Hommage an David Hockney, seine Hochzeit der Stile: Aus Formelementen unterschiedlicher Herkunft komponierte er sein Konzept von künstlerischer Einheit.

Bei der Erstellung von Entwürfen für ein größeres Kunst-am-Bau-Projekt im Jahr 1986 war Ulrich Klieber genötigt, die Situation eines Restaurants einmal mit der einer Kantine zu vertauschen. Die Hektik der Kellner wurde nun noch gesteigert durch die der Essenden, Berge von Geschirr türmten sich auf, der technische und organisatorische Apparat drohte seinerseits den Menschen zu verschlingen.

Nach Abschluß der Verhandlungen über die endgültige Form der Entwürfe, in deren Verlauf Klieber mehr als einmal an die Grenzen seiner Toleranz beim Umgang mit einem quasi anonymen Auftraggeber und dessen zahlreichen Stellvertretern gestoßen war (man stelle sich den Maler in einer Erzählung von Kafka vor!), ging er für 2 Wochen nach London. Er streifte durch die Stadt, drängte sich durch die Menschenmengen, beobachtete und fotografierte das Leben und Treiben in Covent Garden. - Nachdem ich die Fotos gesehen hatte, konnte ich mir Klieber schlecht in der Rolle eines Flaneurs vorstellen - so reizvoll, so schmeichelhaft vom ästhetischen Standpunkt diese literarische Figur sein mag. Aber Klieber ist kein Ästhet, der es genösse, müßig umherzugehen, um die Realität in ein idealisiertes Konstrukt zu verwandeln. Ich greife das Bild des Flaneurs mit Absicht hier auf, um zu zeigen, daß für Klieber eher das Gegenteil zutrifft. Denn er schlendert nicht, er geht zügig und zielgerichtet, wenngleich mit bisweilen unerwarteten Wendungen. Sein Blick tastet und springt zwischen Menschen und Dingen, und er verklärt diese nicht. Er beobachtet intensiv, eindringlich, indiskret und nicht etwa tändelnd. Dabei reizt ihn die pure Oberfläche, die Form, das Charakteristische, das Typische bis an die Schwelle des Individuellen. Aber er dringt nicht in die Psyche der Personen ein. Die Menschen bleiben Figuren, Typen - sie sind unverwechselbar charakterisiert, doch geraten sie trotz gewisser bildnishafter Züge nie zur Persona. Klieber kramt nicht in Problemen, weder in individuellen, noch in gesellschaftlichen. Alles Wesentliche eines Dargestellten liegt für ihn an der Oberfläche offen zutage.

Gelegentlich heißt es, ein Künstler zeichne sich dadurch aus, daß er seine Umwelt sensibler wahrnehme als andere Menschen. Vielleicht muß man noch einen Schritt weitergehen: Für ihn ist jeder Blick neu und gleichsam voraussetzungslos. So kommt es, daß er uns immer wieder auf Neues hinweisen kann. Damit scheint eine Botschaft von Kliebers Bildern zu sein: Der Mensch ist ein kurioses Wesen.

Nun möge man sich nicht vorstellen, daß die Malereien etwa direkt nach dem Gesehenen sozusagen als Erinnerungsbilder entstehen. Ich habe eingangs erwähnt, daß Klieber fotografiert. Um Spekulationen vorzubeugen muß ich betonen, daß diese jedoch nicht als Vorlagen dienen. Vielmehr sind sie nicht mehr als eine visuelle Gedächtnisstütze. Da läßt Klieber sich von einer Handhaltung, von einem Schuh, einem Profil, einem Hut anregen - doch nie übernimmt er eine Person oder gar eine komplette Gruppe. Farblich sind die gemalten Bilder von den Fotos ohnedies unabhängig.

Die weiteren Schritte zum Bild sind vom Außenstehenden nur noch schwer nachzuvollziehen. Denn Ulrich Klieber macht keine Studien im herkömmlichen Sinne. Fragmentarische Bildideen werden auf kleinen und mittleren Formaten skizziert und auch malerisch ausgeführt, so daß sie den Status von autonomen Werken erlangen. Auf größerem Format führt Klieber dann solche Fragmente zusammen. Noch bevor er den bespannten Keilrahmen auf die Staffelei stellt, hat er in seiner Vorstellung bereits vollkommene Klarheit über die Gesamtstruktur des Bildes gewonnen. Nur wenige Linien mit dem Pinsel bestimmen die Komposition, und binnen kurzem beginnt die malerische Arbeit. Diese kommt allerdings nicht so schnell zum Ende, wie die spontane Handschrift dies glauben machen möchte. Klieber arbeitet immer an 2 bis 3 Bildern parallel, damit die frische Farbschicht antrocknen kann, bevor sie überarbeitet wird. Wenn Sie sich die Bilder im Detail anschauen, werden Sie erkennen, daß ein Kontur gelegentlich mehrfach umspielt wird, bis er seine gültige malerische Gestalt gefunden hat. Gerade die Mehrschichtigkeit im Aufbau, die Komplexität der Form und das Schwingen der Farbe macht einen wesentlichen Reiz dieser Bilder aus.

Daß Ulrich Klieber ein ausgeprägtes Temperament besitzt, können Sie am grafischen und auch am malerischen Duktus der Bilder direkt ablesen. Der relativ kurze Zeitraum, in dem die hier gezeigten Bilder entstanden sind, erlaubt kaum zuverlässige Schlüsse auf etwaige Entwicklungstendenzen. Diese zeichnen sich jedoch sehr deutlich ab, wenn man das letzte Jahrzehnt überblickt. - Anfang der 80er Jahre waren die Figuren harmonisch gerundet. In der Folge wurden sie zunehmend gestreckt. Raumgreifende Gesten nahm Klieber zurück, und statt dessen ließ er den Kontur unruhiger werden, bis er zu den zuckend bizarren Linien von Gegenlicht und Schatten der letzten Bilder gelangte, die an gewisse Japonismen des ausgehenden 19. Jahrhunderts erinnern.

Mehrfach hat es Tendenzen mit Aufhellung bzw. Abdunklung der Palette gegeben. Blautöne spielen immer eine wichtige Rolle, gelegentlich drängt auch Gelb zur Dominanz. Neuerdings wird der Großteil der Bilder von Grün beherrscht. Rot verwendet Klieber gern zum Setzen von Akzenten, doch waren diese noch nie so großflächig wie bei den hier gezeigten Bildern. - Die eigentliche Konstante in Kliebers Malerei ist das Weiß - und zwar nicht einfach als Grund, sondern als wesentlicher mitgestaltender Farbwert. - Insgesamt geht die Tendenz der Farbklänge von einem Schwarz-Weiß-Ausgleich mit gezielten Farbakzenten zu einer Polarisierung von Kalt-Warm- und Komplementär-Kontrasten. Die Lokalfarbe spielt für Klieber schon lange keine tragende Rolle mehr. Neuerdings greift er sogar zu der manieristischen Raffinesse von komplementär changierenden Farben, die auf ein und demselben Gegenstand erscheinen, wie wir das schon von Grünewald kennen.

In einem Zeitalter der Spezialisierung wundert es einen nicht, wenn auch Künstler eng begrenzte Schwerpunkte in ihrer Arbeit ausbilden, um in kürzerer Zeit zu höheren Leistungen zu gelangen. Vielleicht mochte sich angesichts der Covent Garden-Bilder auch Klieber betreffend bei Ihnen dieser Eindruck einstellen. Um dem entgegenzuwirken, hatte ich die voraufgegangene Entwicklung des Künstlers skizziert. - Womöglich werden Sie sagen, daß die Produktion sich in den letzten 8 Jahren doch auf die menschliche Figur in einem oft nur notdüftig definierten Nahraum beschränke. - Nun, auch dies trifft nicht zu. Zum einen greift Klieber immer wieder auf das ihm vertraute Verfahren der Collage zurück, das indirekt dann wieder seine Malerei befruchtet. Vor allem aber möchte ich erwähnen, daß Ulrich Klieber seit mehr als 10 Jahren kontinuierlich Landschaften malt, in denen er sich konsequent mit der Bewältigung des Tiefenraums befaßt und in welche Arbeit auch alle seine maltechnischen Errungenschaften eingehen, die er bei der figürlichen Malerei gewonnen hat.

Ziel dieser Ausstellung ist es, Ihnen einen konzentrierten Einblick in eine kurze Schaffensperiode des Malers Ulrich Klieber zu gewähren. Ich selber habe versucht, hierzu nicht nur Verständnishilfen bereitzustellen, sondern Sie auch auf die Vielseitigkeit und Dichte von Kliebers Werk hinzuweisen und Sie neugierig zu machen, dieses zu einem späteren Zeitpunkt auch in größerer Breite kennenzulernen.