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Karl Vollmer und Günter Wagner: Raumarbeiten

Kunstverein Rastatt e.V. Zur Ausstellungseröffnung am 24.07.1989

Raumarbeiten als verbindender Titel, dazu auf der Einladung zwei Abbildungen mit je einem Treppenmotiv in ähnlicher Farbigkeit - das war für Sie die erste Information, und diese bestimmte auch mit Sicherheit Ihre Erwartungen für diese Ausstellung. - Beim Betreten der Pagodenburg sehen Sie sich dann umgeben von sowohl kleinen als auch mittleren konstruktiven sowie mit größeren raumgreifenden Arbeiten. Ich stelle mir vor, daß Sie zunächst einmal versucht haben zu sortieren: Was gehört zu wem? Daß Sie versucht haben, sich möglichst rasch auf die Formsprachen der beiden Künstler einzustellen, um nach einer Phase der Sensibilisierung und der Einfühlung sofort zu erkennen: Dies ist Karl Vollmer, das ist Günter Wagner. - Sofern Sie schon die Zeit gefunden haben, auch das Obergeschoß zu besichtigen, wird Ihnen aufgefallen sein, daß die beiden Künstler, nachdem sie hier unten sozusagen einen gemeinsamen Empfang für Sie inszeniert hatten, sich oben jeweils in eigenen Abteilungen als Künstlerindividuen präsentieren, die nur noch aus der Distanz miteinander in Kontakt treten. - Sie mögen in diesen einleitenden Sätzen den Ausfluß einer rhetorischen Laune sehen. Doch hoffe ich, daß Ihnen bei Ihrem zweiten Rundgang nachher auffallen wird, daß ich zugleich versucht hatte, Ihnen schlaglichtartig etwas über die personalen Beziehungen zwischen den beiden Künstler mitzuteilen, die sich in einem diffizilen System von Nähe und Distanz bewegen.

Und damit möchte ich es auch schon bewenden lassen, soweit es sich um die Personen der Künstler handelt. Denn die beiden Herren sind natürlich auch hier, um nachher im Gespräch zu zweien, zu dreien oder zu vieren mit Ihnen über ihre künstlerische Arbeit zu sprechen. Und bei derselben Gelegenheit gewinnen Sie ein lebendiges Bild von der Person, die jeweils für ein Konzept einsteht. Hingegen ist es hier nicht meine Aufgabe, aus dem privaten Nähkästchen zu plaudern. - Vielleicht nur noch dies, bevor ich zur Sache komme: Ich kenne Karl Vollmer seit einem runden Jahrzehnt, Günter Wagner seit zwei Jahren, und es ist nicht das erste Mal, daß ich den Versuch unternehme, die künstlerische Arbeit der beiden Künstler öffentlich zu kommentieren.

Ich möchte nun einige Anmerkungen zu den ausgestellten Werken machen - zunächst hier zum Erdgeschoß.

Ins Auge fallen zunächst die beiden die Höhe des Raums ausmessenden Installationen. - Rechts sehen Sie Karl Vollmers schlanke Primavera. Eine dreifache Korrespondenz innerhalb des Werks vermittelt uns die spezifischen Akzente des Frühlings-Motivs, das sich in einem Dialog zwischen den Polen Natur und Kunst entwickelt. Über einer Schale mit jung sprießender Grassaat erhebt sich eine in schwebendes Grün getauchte Flächenform, bei der zwei nur entfernt an Vegetabiles gemahnende Lanzettformen ausgespart sind und damit auf besonders zwingende Weise die Wandfläche einbeziehen. - Links daneben schwingt sich Günter Wagners dreiteilige Farbinstallation diagonal durch den Raum. Das nur durch seine gelben Kanten angedeutete Raumgebilde setzt wohl den stärksten Akzent, bildet trotz seiner farbigen Zurückhaltung den härtesten Kontrast zu dem symmetrisch konzipierten Zentralbau. Erst in der doppelten Farbform beginnt die Einbindung. Das komplementäre Ultramarinblau, das sich in seiner leichten Frische betont von der Solidität der kobaltblauen holländischen Fliesen der Sockelzone abhebt, bindet die Bewegung wie durch einen Schattenriß in die Wand- und Fensterebene.

Mich wundert's übrigens gar nicht, daß Karl Vollmer den Nischenraum für diesmal dem Weinbüffet streitig machen mußte, denn dieses Raumkompartiment besitzt einen ganz besonderen Reiz. Schon aus distanzierter Betrachtung fällt nicht nur die räumliche Einbindung, sondern auch die farbige Korrespondenz zwischen dem gebrannten Ziegel und den erdfarbenen Fragmenten einer einstigen Freskomalerei ins Auge. - In das Werk, das Vollmer hier aufgebaut hat, kann man sich so recht hinein träumen. Innerhalb eines in einen Erdwall eingelassenen Mauerrings erhebt sich eine rechteckige Turmruine. Ihr Inneres ist zur einen Hälfte massiv, zur anderen Hälfte ragt aus Ihr ein sich nach oben auflösendes, in freien Rasterrhythmen gebildetes Stahlskelett heraus. Beim ersten Betrachten war mir, als hätte Karl Vollmer eine Art Zeitspiegel-Maschine mit doppelter Projektion entworfen, welche uns zeigt, wie wir uns vorstellen, daß in einer fernen Zukunft unsere Gegenwart als Vergangenheit besichtigt wird. - Ich gestehe zu, daß diese Interpretation den Titel der Arbeit - Castello Vecchio - der lediglich eine Zeitdimension andeutet, sprengt.

Als räumliches Pendent steht auf der gegenüberliegenden Seite Günter Wagners Zwischenraumskulptur aus schwarzem Granit und verchromtem Silberstahl. Aus der Sicht des Künstlers ist sowohl eine liegende als auch eine stehende Anordnung der drei Teile möglich. Die spezifische Art und Weise, in der Wagner Material und Raum sieht und wie er damit umgeht, läßt sich hier ablesen, und Sie können in analoger Weise die drei kleineren Raumskulpturen aus Dreiecksformen im Obergeschoß beurteilen. - Die beiden Teile des Steins, der ausgesparte Spalt und schließlich die Summe daraus stehen für die Masse, den Raum und die als Materialkontrast konzipierte plastische Idee. Die eingestellte Stahlkante setzt nicht nur einen linearen Lichtkontrast in den schwarzen Schattenraum, sie macht uns auch in besonderer Weise bewußt, welche Bedeutung das Material hier hat. Der glänzende Silberstahl selber wirkt geradezu schwerelos und wie eine Lichterscheinung im Raum. Er lenkt aber auch den Blick in die Tiefe, wo noch schwache Reflexe den Stein erhellen. Für die Oberfläche des Granits ist es insgesamt von Bedeutung, daß sie geschliffen und poliert ist und damit nicht nur ihr haptischer Reiz, sondern auch scheinbar ihr Gewicht zurückgenommen wird. Denn während der behauene Stein zum Betasten einlädt, wendet sich die glänzende Oberfläche vorwiegend an das Auge.

Einen bedeutsamen Raumakzent in dieser Ausstellung setzt Karl Vollmers Raumschleuße, die in ihrer Position und durch die Betonung der Vertikalen die Mittelachse des Zentralbaus sichtbar macht und auf menschliche Proportionen bezieht. Zwischen einer quadratischen Marmorplatte unten und einer ebensolchen Stahlplatte oben, die durch vier Vierkantstähle in Schulterhöhe des Künstlers auseinandergehalten werden, läuft ein Glaskanal, der seinen Ausgang von einer blauen Glasflüche, einer Art geistigem und durchaus diesseitigem Zentrum nimmt und sich nach oben in komplexer Asymmetrie in den Raum öffnet.

Lassen Sie uns nun einen Blick auf die Kleinplastiken werfen, die sich mit dem eingangs bereits erwähnten Sujet der Treppe beschäftigen. Die Treppenhausskulptur Nr. 2 von Günter Wagner variiert das Motiv als positive und negative Form innerhalb eines gedrungenen Zylinders. Dabei spielt er zum einen die Potenzen der Materialien Marmor und Stahl gegeneinander aus. Zum anderen vermittelt er uns eine Vorstellung von Masse und Raum sowie über das konzeptionelle Denken in Raumkanten, das man auch als räumliche Zeichnung verstehen kann. - Die in Scheitelhöhe angebrachte Zwischenraum-Skulptur aus Marmor halte ich trotz ihrer bescheidenen Dimensionen für eine besonders anspruchsvolle Arbeit. Denn hier überschreitet Günter Wagner das Spiel mit den Mitteln der künstlerischen Gestaltung bei weitem, wenn er die ausgesparte Treppenform sozusagen nur als Idee eines Emporsteigens vorstellt und der Stirn bzw. der Reflexion des Betrachters zuordnet.

Hier bietet es sich an, einen Blick auf Karl Vollmers Raumweg zu werfen. - Auf einer Stahlplatte erhebt sich ein nur durch drei Glasscheiben angedeuteter, sozusagen idealer Raum, innerhalb dessen zwischen drei Vierkantstäben eine Treppenform sich nach oben in den Raum bewegt. Stäbe und Treppe enden oberhalb der Glasscheiben und auf verschiedenen Höhen, so daß eine Fortsetzung der Bewegung sich unserer Vorstellung aufdrängt. Nicht zuletzt der Kontrast von Schwere und Leichtigkeit zwischen der stählernen Basis und dem weiß lackierten Holz trägt dazu bei, daß unser Sehen zu einer aktiven Tätigkeit angeregt wird.

Zu den Arbeiten, die im Obergeschoß ausgestellt sind, möchte ich auch nicht annähernd so ausführlich sprechen, vor allem, weil wir diese hier nicht vor Augen haben. An den Wänden finden Sie einige Gouachen von Karl Vollmer, die plastischen und räumlichen Arbeiten zugeordnet sind. Bei diesen handelt es sich um malerische Konzepte, die den Installationen vorausgingen, also nicht um Skizzen, Studien oder Entwürfe im traditionellen Sinne. Teils gibt es direkte Korrespondenzen in der Struktur, teils sind diese soweit verschlüsselt, daß wir nur durch angestrengtes Suchen auf Gemeinsamkeiten stoßen - so etwa das Fließen der Farbe einerseits und das Fließen des Raums andererseits. Im übrigen können wir diese Malereien durchaus als eigenständige Werke ansehen.

Unter den kleinen Arbeiten möchte ich besonders auf das große Treppenhaus verweisen, das Sie von der Abbildung in der Einladung her wiedererkennen werden. Das harte Spiegelbild der Standfläche schließt den mäandrierenden Treppenbogen zur unendlichen Bewegung. Dagegen führen die weichen Spiegelungen in den Glasscheiben zu dem Eindruck, daß der Betrachter durch mehrfache optische Brechungen in die gleichwohl kleine Raumkonstellation sich einbezogen sieht. Hier liegt wohl der besondere Reiz dieses narzißtischen Raumkonzepts. - Der schlanken Haus-Figur aus Glas auf schwankenden stählernen Beinen hat Karl Vollmer die Proportionen einer menschlichen Figur verliehen. Steht man ihr gegenüber, so fordert sie geradezu zum visuellen und einfühlenden Dialog heraus.

Schließlich werden Sie sehen, daß Günter Wagner eines der ovalen Raumkompartimente als in sich geschlossenes Raumkonzept mit nur vier Werken sehr sparsam aber nicht minder wirkungsvoll ausgestattet und interpretiert hat. Durch drei Raumskulpturen aus Dreiecksformen, von denen übrigens die mittlere variabel konzipiert ist, akzentuiert er die Richtungen des Raums. Indem er die Zugänge in ihrer Mitte durch Skulpturen verstellt, wird der Besucher zum störenden Faktor, die ästhetische Konstellation hingegen beansprucht absolute Priorität. Diese wird vor allem erreicht durch die eigens für diesen Raum geschaffene monumentale Installation Porta. Hier ist es Wagner in der Tat gelungen, mit den kargen Materialien Stahl und zwei bemalten Holzplatten das barocke Pathos des genius loci für unsere Zeit noch einmal aufleben zu lassen. Bezeichnenderweise verstellt die Installation den Zugang zum Balkon. Das Draußen wird also nur sichtbar aus der Distanz und sozusagen durch den Filter des Kunstwerks.

Ich bin damit am Ende meiner einführenden Bemerkungen angelangt und hoffe, daß es Ihnen nun leichter fallen wird, die ausgestellten Werke im Sinne ihrer Autoren zu verstehen bzw. mit ihnen sinnvoll und nicht zuletzt zu Ihrer eigenen Freude umzugehen. - Erlauben Sie mir bitte abschließend noch einen diskreten Hinweis auf die kleinsten, die preisgünstigsten aber deshalb nicht unbedeutendsten Exponate dieser Ausstellung.

Karl Vollmer und Günter Wagner haben eigens für die Rastatter Ausstellung jeweils ein Objekt geschaffen. Je 2 Exemplare sehen Sie hier auf den Sockeln. Bei beiden handelt es sich um variable Raumgebilde in den Dimensionen einer Kleinplastik, die aufgrund eines Konzepts einzeln in einer Auflage von je 5 Stück hergestellte werden. Sie gehören zur Gruppe derjenigen Plastiken, welche den aktiven und produktiven Eingriff des Beschauers oder Besitzers in besonderer Weise herausfordern. Wie ich höre, hat je ein Exemplar bereits seinen Liebhaber schon gefunden!