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Kunstsammlung der Stadt Schramberg

100. Ausstellung im Schloß. Zur Ausstellungseröffnung am 09.11.1991

Die Stadt Schramberg hat mich durch Herrn Siepmann freundlicherweise eingeladen, aus dem bekannten Anlaß hier vor Ihnen einen Kurzvortrag zu halten. - Nun, ich weiß nicht, was Sie von mir erwarten. Ob Sie von mir die kunstwissenschaftliche Einschätzung einer Sammlung erhoffen, die ich mit ihren Originalen zu sehen - wie ja wohl die Mehrzahl von Ihnen -  hier und heute zum ersten Mal Gelegenheit habe. Natürlich möchte ich weder Sie als Kunstfreunde, noch die Künstler enttäuschen. Aber Sie verstehen, daß ich die Angelegenheit behutsam angehen muß, wenn ich sie - die Kunstwerke, die Künstler und natürlich auch Sie, das Publikum - ernst nehme.

Zunächst aber haben wir allen Grund zur Freude. Denn wenn eine Kommune über ein Jahrzehnt Kunstwerke angekauft hat und sie nun der Öffentlichkeit übergibt, so ist das sicher ein angemessener Anlaß für ein Fest. Das sage ich nicht, weil mir etwa jede Gelegenheit recht wäre, sondern eher umgekehrt: weil ich meine, daß die meisten Feste ihren Ursprung verloren haben. - Hier aber scheint mir, gibt es kaum jemanden, der sich mit dem Ereignis nicht identifizieren könnte.

Ich denke zunächst an Sie, das Schramberger Publikum. Als Kunstfreunde kommen Sie wahrscheinlich relativ regelmäßig zu den Vernissagen bzw. Ausstellungen. So haben Sie sich eine intensive Beziehung zur lokalen Kunstszene aufgebaut, wie das in den großen Städten mit ihrem breitgefächerten und insofern auch weniger verbindlichen kulturellen Angebot auch nicht annähernd möglich ist. Je mehr Ausstellungen Sie gesehen haben, umso größer wird für Sie die Wiedersehensfreude mit den Künstlern und ihren Werken sein. - Wer erst vor kurzem auf die Ausstellungsaktivitäten der Stadt aufmerksam wurde, findet nun über den Rückblick die Chance zu einem Einstieg. - Wenn Sie als Bürger von Schramberg nun auch ein wenig stolz darauf sind, eine eigene Sammlung aktueller Kunst in der Stadt zu haben, halte ich das für berechtigt.

Ich denke sodann an alle, die direkt oder indirekt mit dem Ankaufen und Sammeln befaßt waren: Frau Lixfeld, Herr Siepmann und Herr Roming; vielleicht spielte der Vorstand des PODIUM Kunst mit Herrn Andreae oder eine Ankaufskommission eine aktive Rolle - auf jeden Fall die Administration mit dem gesamten Gemeinderat und dem Oberbürgermeister, Herrn Dr. Zinell, welche Mittel, Personal und Raum zur Verfügung stellten. Natürlich haben auch sie alle Grund zu Freude und Genugtuung am heutigen Tag.

Die Künstler habe ich natürlich nicht vergessen, und sie rangieren auch nicht am Ende der Reihe derer, die Grund zum Feiern haben. Ich sehe es eher umgekehrt: für mich sind sie die eigentlichen Stars des Abends. Gerade für junge Künstler bietet schon jede kleine Ausstellung einen Anlaß für große Erwartungen und Hoffnungen, die sich doch nur allzu selten erfüllen. Man arbeitet monatelang auf eine Ausstellung hin, so daß Arbeitszeiten wie bei einem Spitzenmanager zustandekommen und muß trotzdem auf die Annehmlichkeiten eines bürgerlichen Lebens verzichten. Eine Ausstellung ohne Verkauf stürzt den Künstler notwendig in ein Stimmungstief, und auch ein Umsatz, der lediglich die Unkosten deckt, hinterläßt ein flaues Gefühl. Nur eine kleine Minderheit kann von der künstlerischen Arbeit den eigenen Lebensunterhalt bestreiten; die übrigen benötigen einen zusätzlichen Brotberuf bzw. einen Partner, der die wirtschaftliche Grundlage absichert. - Von den prominenten Starkünstlern, die nicht nur durch ihre Verkaufspreise, sondern auch durch Skandälchen von sich reden machen, brauchen wir nicht zu sprechen, denn sie sind hier nicht vertreten.

Aber dies alles sagt Ihnen nicht ein Künstler, sondern deren Interpret. Unter der großen Zahl von Künstlerpersönlichkeiten, die ich kenne, könnte ich Ihnen keinen nennen, der ständig lamentiert. Aus meiner zugegebenermaßen begrenzten Perspektive würde ich die Künstlerpersönlichkeit etwa so umreißen: Eine insgesamt positive Einstellung zum Leben, Neugierde auf die sichtbare Welt, ein offener Blick in die Zukunft, Toleranz für alles Unkonventionelle, Durchhaltevermögen und eine hohe Frustrationstoleranz. Dies alles braucht ein Künstler neben seinem kreativen Potential.

Oft mischt sich in die Freude über einen Verkauf auch ein wenig Trauer, wenn ein Künstler sich von einem Werk trennen muß, an dem er hart gearbei­tet hat, in das seine ganze Persönlichkeit eingegangen ist und das er nun anschaut, als sehe er in einen Spiegel. Wohin kommt das Bild oder die Plastik? Wie werden die Leute damit umgehen? Kennt man den Sammler, dessen Verständnis man schätzt, so trennt man sich gern von einem Werk - wie von einem erwachsenen Kind, das einen liebenswerten Partner gefunden hat.

Etwas anders liegt die Sache bei öffentlichen Ankäufen. Hier ist das Schicksal eines Werkes noch weniger zu kalkulieren. Natürlich hofft der Künstler, daß es gut präsentiert wird, damit es Beachtung findet und so auf stille und unaufdringliche Weise für seinen Schöpfer werben kann. Es kann auch passieren, daß es in einer entlegenen Ecke einer düsteren Amtsstube aufgehängt wird, wo niemand es beachtet. Im schlimmsten Falle landet es im Depot einer Sammlung, wo es wie lebendig begraben liegt, weil es nur als künstlerisches oder finanzielles Kapital für die Zukunft eingeschätzt wird. Hier kann der Künstler sich nur mit Blick auf seinen Nachruhm trösten.

Vielleicht hatte Sie, die Künstler, gelegentlich die eine oder andere Befürchtung dieser Art beschlichen, wenn Sie einmal an Ihre Schramberger Bilder oder Plastiken dachten. - Nun, nach einem Jahrzehnt Sammeltätigkeit der Stadt wissen wir es besser: die Stadt sammelt nicht nur, sie hat ihre Kollektion nun auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. - Das ist ein bedeutsamer Schritt und zwar aus der Sicht aller Beteiligten.

Die Künstler dürfen mit Genugtuung feststellen, daß ihre Werke die ihnen angemessene Präsentation und Beachtung finden. - Die Kunstfreunde nicht nur aus Schramberg ebenso wie die Kunsttouristen werden nicht nur Einzelwerke suchen, sondern auch das Ensemble, die Konfrontationen und die Dialoge zwischen den Werken. - Für die Gemeinderäte wird dieser Grundstock nun ein Ansporn sein, die Sammlung weiter wachsen zu lassen. Die künstlerischen Berater der Stadt werden verfolgen, wie die Künstler sich weiterentwickeln, und man möchte nach einem halben oder einem ganzen Jahrzehnt auch die übrigen Entwicklungsphasen eines künstlerischen OEuvres vertreten wissen. Durch die Wechselausstellungen wird man auch auf weitere Künstlerpersönlichkeiten aufmerksam werden, von denen man Proben ihres Schaffen der Sammlung anfügen möchte. - Der für uns sichtbare Grundstock wird also notwendig wachsen. Er wird sich verbreitern, und er wird sich an einigen Stellen auch vertiefen.

Je mehr Aufmerksamkeit die Stadt ihrer Sammlung in Pflege und weiterem Ausbau schenkt, umso mehr wird diese auch von einer breiten Öffentlichkeit beachtet und genutzt werden. Ich sage mit Absicht genutzt. Denn Kunstwerke sind nicht ausschließlich zum sinnlichen Genuß bestimmt. Es wäre zu hoffen und zu wünschen, daß jede Schramberger Schulklasse einmal im Jahr mit ihrem Kunstlehrer das Museum besucht, um Unterricht vor Originalen zu machen. Hier eröffnen sich Möglichkeiten und Chancen, von denen man in der Schulstube kaum zu träumen wagt. Hier erfahren Schüler die materialen Charaktere und Dimensionen von Kunstwerken aus direkter Anschauung und sie lernen, diese mit ihren eigenen bildnerischen Arbeiten in Bezug zu setzen. - Es ist keine Frage, daß Unterricht im Museum weder in der Form einer Führung, noch als ein unverbindliches Durchflanieren zustande kommt. Gründliche Vorbereitung ist die erste Voraussetzung, es folgt intensives Hinschauen, genaues Beschreiben und schließlich ein Gespräch, das sich vor allem durch Toleranz im Aushalten von Widersprüchen auszeichnet.

Es mag Sie verwundern, wenn ich vorschlage, die Sammlung mehrmals zu besuchen, noch bevor sie sich weiterentwickelt hat, bevor sie gewachsen ist. Ich meine, es lohnt sich deshalb, weil ich als Beschauer die Bilder und Plastiken doch jedes Mal mit anderen Augen ansehe. Und ich entdecke jedes Mal ein anderes Detail, eine andere Bedeutungsvariante. Nur ein schwaches Werk schließt sich beim ersten Betrachten vollständig auf. Für ein qualitätsvolles Kunstwerk aber braucht man ein ganzes Leben - mindestens! Dies jedenfalls ist meine Erfahrung mit Kunstwerken aus meiner näheren Umgebung. Werke, die mir am Anfang den meisten Widerstand entgegensetzen, sind mir später die liebsten. Denn sie sind reich an Dimensionen, und sie geben mir auch nach Jahren noch etwas zu raten und zu erkennen.

Kunstwerke sind multivalent und multifunktional. D.h. sie führen nicht nur eine einzig richtige Aussage mit sich, sondern sie sind auch mehrdeutig und können vielfältige Wirkungen ausüben. In diesem Punkt unterscheidet sich ein Kunstwerk wesentlich von angewandter Kunst wie Design und Werbung. - Die angesprochene Mehrdimensionalität darf man natürlich nicht als Beliebigkeit mißverstehen im Sinne von: Jeder kann sich dabei denken, was er will! Die Deutungs- und Wirkungsmöglichkeiten bewegen sich innerhalb eines großen aber eben doch nicht unbegrenzten Feldes von Angemessenheit. Die Grenzen dieses Feldes lassen sich nicht definieren, doch ist es möglich, Markierungen zu benennen. Ich möchte mich hier auf zwei beschränken. Zum einen sollten wir als Beschauer den Künstler nicht weniger ernst nehmen, als wir das für unsere eigene Arbeit beanspruchen. Zum anderen sollen wir vor dem Meister und seinem Werk nicht in Ehrfurcht erstarren, sondern uns die Freiheit eigener Phantasie und Kreativität des Wahrnehmens und Erkennens erhalten - sogar ein Schuß Ironie ist hier erlaubt.

Mit Blick auf den angesprochenen Spielraum für mögliche Interpretationen will ich auf die Künstler und ihre Werke zugehen und fragen, in welcher Weise sie das heutige Schramberger Kunstfest wohl anschaulich kommentieren.

Ulrich Klieber, verkleidet als Londoner Gentleman, dem die Fetzen seiner neuesten Collagen-Malereien aus der Reihe In the Gallery aus den Jackentaschen quellen, deklamiert mit Jubilee das Thema des Abends.

Ihm auf den Versen folgt Konrad Hummel, der im feierlichen Grau der Festesstimmung farbige Valeurs entdeckt und dessen Strahlen dafür sorgen sollen, daß die Kunststadt Schramberg über ihre Stadtgrenzen hinauswirkt.

Orlando Castano hingegen führt das Kunststück vor, ohne jegliche Buntheit ein Feuerwerk aus dem Dunkel abzubrennen.

Edith Schäffler und Suzanne Obrecht, kraftvoll und ausdrucksstark, hat jede ihren eigenen Kopf. Und so wünschen sie sich das auch fürs Publikum.

Hannelore Pichlbauer schält das Ich aus der Enge der Materie, und sie wird sich befreit fühlen, wenn sich heute der Lichtschacht zum Rampenlicht der Öffentlichkeit weitet.

Guido Kuczinierz hat dem Publikum eine Flughülle seiner Phantasie überlassen, damit es beim Sehen und Begreifen nicht allzu weit hinter den Träumen der Künstler zurückbleibe.

Gerda Brodbeck, die verständige Beobachterin ihrer Schwestern, plaziert Spiegel im Raum, damit außer ihr noch andere nach der eigenen Identität fragen.

Barbara Haim, die heimliche Philosophin unter den Bildhauern, stellt die plastische Welt vom Kopf auf die Füße, definiert den immateriellen Raum durch die Materie.

Veit Heller hat seinen Kessel schon aufgesetzt, um ein Festgetränk zu brauen.

Rotraud Chudzik stellt materiale Linien und Flächen in den Raum, so daß Sie auch zu fortgeschrittener Stunde noch erkennen können, wo oben und unten ist.

Willi Buchers falsche Masken sind die richtigen. Sie zeigen uns das wahre Gesicht, weil unsere Gesichter längst zu Masken geworden sind.

Der lichte Schemen von Werner Syllwar-Siepmann tritt am heutigen Abend in einer Doppelrolle auf. Ob seine Menschenreihe hier vortanzen wird, ist mir nicht bekannt.

Mit erhobenem Zeigefinger warnt Norbert Nüssle die Schramberger, nicht gar zu ausschweifend zu feiern, damit nicht Kerlonauer Verhältnisse einziehen.

Vielleicht denkt er dabei an Hubert Saint-Eve, der sich den Traum von einer archaischen Kybele erschafft, die ihrerseits farbige Exzesse gebiert, welche sich nicht mehr an die Bildfläche fesseln lassen.

Doch wie der Abend auch verlaufen wird. Ich bin sicher, Bernd Seegebrecht wird morgen keine Mühe haben, für seinen Staubsauger etwas Mugeliges zu finden.

Wenn dies ein Beispiel für jeweils eine - und vielleicht sogar eine recht periphere - Bedeutungsdimension war, so bleibt mir nur noch, Ihnen viel Freude zu wünschen beim Entdecken weiterer und wichtigerer Sinnebenen.