Archiv                                                                                                               

Rosemarie Vollmer: »... Gewand, Granat ...«

Kunstverein Bretten. Zur Ausstellungseröffnung am 10.01.1992

Als wohlerzogene und höfliche Menschen sind wir daran gewöhnt, uns untereinander Freundlichkeiten zu sagen, insbesondere anläßlich von festlichen Ereignissen. Eine Vernissage ist auch ein solches Ereignis.

Wir sagen zum Beispiel: Vielen Dank für die Einladung. Ich bin gerne gekommen. Ihre Bilder gefallen mir ausgesprochen gut. - Ihre Rede fand ich ungemein treffend und hilfreich.

Oder ich sage vielleicht: Ihre Bilder sind in ihrer künstlerischen Qualität und in ihrer Aussage so einzigartig, daß ich gern bereit bin, einen Katalogtext zu schreiben und die Eröffnungsrede zu halten.

Nicht daß ich nun behaupten wollte, dies seien alles leere Schmeicheleien. Aber geht es Ihnen nicht auch so, daß Sie mit einem schalen Geschmack nach Hause gehen, wenn Sie genug Nettigkeiten gesagt und gehört haben? Wie wäre es also, wenn wir's einmal anders herum versuchen? Es verspricht immerhin anregend zu werden, wenn wir all diese vorgestanzten Formulierungen einmal in ihr Gegenteil verkehren. - Sie meinen, dies sei eine Zumutung? Ich stimme Ihnen zu: Dies ist als Zumutung gedacht. Und damit bin ich bei meinem Stichwort: Jede Vernissage ist als ganzes eine Zumutung - auch diese. Und sie besteht im einzelnen aus lauter Zumutungen.

Das beginnt schon mit der Einladung und dem Titel der Ausstellung: "Gewand und Granat" Was hat ein Gewand mit einem Granatapfel zu tun? "..." davor und dahinter signalisieren: Der Zusammenhang bleibt offen. Sollen Sie als Besucher ihn gar herstellen? Sind Sie wirklich hierher gekommen, um sich an Rätselspielen zu beteiligen?

Und dann die Bilder! Nirgendwo sehen wir die gewohnten Klassifizierungen eingehalten. Zwischen den Pfauen eines Vogelparks und den Seraphim des alten Testamentes verschwimmen die Grenzen - und damit auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart, vielleicht sogar zwischen Immanenz und Transzendenz. Stilleben beschränken sich nicht auf die gewohnte Nähe, sondern geben Ausblicke aus einem Fenster nach draußen, zeigen Architektur, Landschaft und wiederum in verwirrender Weise Symbole: den Granatapfel, die Krone, das Schmuckschild des Hohenpriesters, eine Jakobsleiter, das Gefäß der Ausgießungen und immer wieder Lichterscheinungen. - Gewiß, schön sind die Bilder. Eine spontane Handschrift, ein sicheres Gefühl für Farben, das haben die Kunstkritiker der Malerin Rosemarie Vollmer schon immer bescheinigt. - Aber: Rechtfertigt ein Mehr an Lob hier im sog. Reinkünstlerischen eine Enthaltsamkeit auf der Inhaltsebene.

Für Sie, die Vernissagengäste, haben die Zumutungen noch kein Ende. Denn Sie erwarten von einem Redner eine Einführung oder Einstimmung - Antworten auf Fragen, die noch zu stellen wären, aber keine Fragen!

Schließlich, für mich stellt sich die Situation nicht wesentlich anders dar als für Sie. Ich frage mich, warum die Künstlerin nicht einen Redner engagiert, der ihre Weltanschauung und ihre Grundüberzeugungen teilt. Schließlich findet man unter Gleichgesinnten schneller Bestätigung und Applaus. Aber sie mutet mir die Vorstellung zu, daß es zwischen einer religiösen und einer philosophischen Existenz, zwischen Glauben und Wissen eine Brücke und einen möglichen Dialog gibt.

Nun, Sie haben natürlich längst gemerkt, daß dies alles auch ein ironisches aber nichtsdestoweniger ernst gemeintes Gedankenspiel ist. Denn, da ich hier bin und Sie hier sind, gehe ich davon aus, daß wir alle, selbst bei gewissen Unterschieden im Einzelfall, doch bereit sind, uns all diesen Zumutungen zu stellen.

Bilder sind Tatsachen - ebenso wie Dinge und Sätze. Man kann sie nicht wegdiskutieren, weil man im einen oder im anderen Fall anders urteilt. Wenn wir die Malereien von Rosemarie Vollmer verstehen wollen, müssen wir uns auf diese Bildwelt einlassen. Erst in einem zweiten Schritt geht es um die Frage, welche Schlüsse wir für uns ziehen sollen oder wollen. Hier sind wir frei, und jeder wird notwendig seinen eigenen Weg gehen. Trifft man sich unvermutet wieder - umso größer wird die Freude des Wiedersehens sein.

Hätte ich dies alles mit dem Stichwort Vorbehalte überschreiben können, so kündige ich nun Annäherungen an.

Erste Annäherung

Wie viele Freunde von Rosemarie Vollmer mag ich an ihren Bildern die Farbigkeit. Es ist möglich, diese Bilder aus großer Entfernung oder auch aus der Nähe mit zusammengekniffenen Augen anzublinzeln, ohne noch annähernd Formen zu unterscheiden, und es kommt auf das ganz passive Auge ein schwelgerisches Farbereignis zu. Es ist dies ein Moment und eine Haltung, in der ich nichts will und nichts erwarte. Das Bild ist da, und es ist schön. Eine Wand, die wir bewußt in einem asketischen Weiß halten, inhaltsleer und ausdruckslos, kann sich so mit einem rein visuellen Juwel schmücken. 

Zweite Annäherung

Wir können das durch den Augenschein überprüfen, indem wir nahe an ein Bild herangehen. Die Farbschwelgerei offenbart sich als eine Ansammlung von Pigmenten auf Papier, Karton, Leinwand oder gar auf abgetragenen Textilien. Der Materialwert spielt - im Gegensatz zu Kunstwerken des Mittelalters - überhaupt keine Rolle. Im Gegenteil: Eher im Sinne der kubistischen Collagen oder von dadaistischen Materialbildern zieht Rosemarie Vollmer es vor, bereits benutztes Material weiterzuverarbeiten, aufzuwerten und in einem neuen Maßstab zu verwandeln. Der Vorgang der Verwandlung ist ja der zentrale Prozeß in der Kunst. Dieser wird vom Künstler einmal geleistet, und er ist vom Beschauer jeweils zu reproduzieren. - Wie anspruchsvoll und wie aktiv ich sehe, liegt allein an mir selbst. Ich kann an Bildern vorbeiflanieren und sie nur beiläufig mit einem Blick streifen, aber es ist auch möglich, im intensiven Hinsehen den Schaffensprozeß über weite Strecken im Werk noch einmal lebendig werden zu lassen. Eigene Erfahrungen im handelnden Umgang mit Material sind hierfür nicht nur eine nützliche, sondern in einem gewissen Maße auch unentbehrliche Voraussetzung.

Ich könnte sagen: Die Verwandlung des Materials ist das eigentliche Wunder im künstlerischen Schaffensprozeß. Aber ein solcher Satz mit seinen irrationalen Implikationen wird allzu leicht mißdeutet. Denn wenn von einem Wunder oder einem Geheimnis die Rede ist, könnte man meinen, hier solle nicht mehr kritisch hingesehen werden. Bewunderung des Wunders, Ehrfurcht vor der Leistung des Künstlers würden an die Stelle des eigenen, des mündigen Sehens treten. Und das wäre fatal. - Deshalb schlage ich Ihnen vor, daß wir schlicht von dem künstlerischen Schaffensakt sprechen, den jeder im Rahmen seiner subjektiven Möglichkeiten erleben kann. Dies gibt uns die Chance, mit klarem Blick auch auf die Malereien von Rosemarie Vollmer zuzugehen, anstatt sie unnötigerweise rhetorisch zu vernebeln.

Dritte Annäherung

Das Stilleben ist eine Bildgattung, in der unbelebte Gegenstände in räumlicher Nähe und in relativer Schlichtheit und Ruhe uns visuell vermittelt werden. Rosemarie Vollmer erhielt den ersten Impuls durch den Anblick von ein paar Äpfeln, die auf der Fensterbank ihres Ateliers lagen. Natürlich eröffnete sich darüber die Fensterscheibe mit dem Sprung des Auges in die räumliche Tiefe, mit wechselnden Ausblicken auf Benachbartes und Heimatliches bis hin zur unendlichen Freiheit des Phantastischen, zu dem jeder von uns angeregt wird beim Blick auf Wolkengebilde.

Wenn ich Rosemarie Vollmer recht verstehe, würde sie es aber ablehnen, von der Nähe des Hier und Jetzt ihres Fensterbrettes sozusagen im effektvoll surrealen Sprung das Absurde ins Bild zu bringen. Sie sucht nicht den Schock, und sie spekuliert nicht auf Wirkung. Das Nahe und das Ferne, Gegenwart und Geschichte, das Materielle und das Geistige sind ihr nicht gegensätzliche Seinsweisen, sondern Sichtweisen und Aspekte, für die es auch immer eine gemeinsame Betrachtungsebene geben muß - und sei es auf der Fensterbank.

Das Stilleben hatte als Bildgattung in den Akademien bis in unserer Jahrhundert hinein das geringste Ansehen. Denn man traute ihm am wenigstens zu, Aussagen zu existentiellen Fragen machen zu können. Für die ganz großen Themen von epochaler Bedeutung war die Historienmalerei ausersehen.

Insofern eignet sich die Stillebenmalerei wie wohl kaum eine andere Bildgattung, um das Selbstverständnis von Rosemarie Vollmer als Künstlerin zu verdeutlichen.

In der Geschichte der Stillebenmalerei haben wir vor allem das repräsentative Stilleben kennengelernt, welches den Besitz des Auftraggebers und das überragende Können des Künstlers widerspiegelt; darüber hinaus kennen wir das aus der religiösen Kunst erwachsene Vanitas-Stilleben, das den Besitzer als einen gottesfürchtigen Menschen ausweist und an die Vergänglichkeit von Besitz und Schönheit erinnert. - Nach dem Ende der großen Stile und der höfischen Kunst des Rokoko zeigt das Stilleben nur noch die kleinen Dinge, die natürlich die des Menschen sind.

Vierte Annäherung

Rosemarie Vollmer zeichnet die Äpfel auf ihrem Fensterbrett, und sie hebt bei einem das Krönchen des Blütenrestes so hervor, daß es zur Krone eines Grantapfels wird. Der Granat, der in der biblischen Ikonografie mehrfach beschrieben wird als Schmuck am Saum des Priesterkleids, als Frucht im Garten des Hohenliedes usf. - diese nunmehr königliche Frucht schlägt in zahlreichen Bildern die Brücke von der Immanenz eines Alltags, der uns allen gemeinsame Erfahrung ist, zu einer Zeichenwelt, die manchem Anlaß zu Hoffnung gibt.

Fünfte Annäherung

Die Glasscheibe eines Fensters wie die eines Bildes trennt nicht nur das Ich hier von dem anderen und der Bildebene dahinter. Wer kritisch sieht, findet auch immer das eigene Bild in dem Glas gespiegelt. Insofern gibt schon unsere Seherfahrung Anlaß, im Fenster auch Möglichkeiten darzustellen.

Das Choschen, jenes golddurchwirkte Brustschild des Hohenpriesters, auf den in 3 X 4 Edelsteine die Namen der 12 Stämme Israels eingraviert sind, gibt uns nicht nur einen Hinweis auf die geistige Nähe der Malerin zur Welt des Alten Testamentes; hier wird auch ein Bekenntnis zu einem spezifischen Geschichtsverständnis anschaulich. Denn die jüdisch-christliche Kulturtradition, in der wir alle in Mitteleuropa aufgewachsen sind, hat uns geprägt, ob wir das nun wahrhaben wollen oder nicht. So wie die Ethik jener alten Glaubenstraditionen in unsere Verfassungen und Gesetze eingegangen ist, so bestimmt sie auch weiterhin unser Rechtsempfinden im Alltag. Insofern ist das Choschen auch ein Teil unser aller geschichtlichen Heimat.

Sechste Annäherung

Auch das Gewand ist eine Metapher, die von der Malerin Rosemarie Vollmer in einem aktuellen und gleichermaßen historischen Sinne gesehen und dargestellt wird. Als Teil steht es fürs Ganze, d.h. es ist ein Zeichen für den Menschen. - Eine zweite Bedeutungsebene tut sich bei der anfangs angesprochenen Frage nach der Bedeutung des Materials auf. Indem die Malerin auf Textilien, die bereits einmal Gewandfunktion ausübten, ein Bild malt, ist diese Tafel zugleich noch immer Gewand und steht für ihren Träger - den Menschen.

Letzte Annäherung

Auch die Ausgießungen und Ausschüttungen setzen bei Erfahrungen an, die uns allen vertraut sind. Wer viel gibt, wird dadurch nicht notwendig arm, und es kommt noch mehr zurück. Je mehr Besitz jemand anhäuft, umso mehr muß er irgendwann wieder loslassen. - Widersinnig sind solche Formulierungen nur auf den ersten Blick; letztlich können wir uns ihrer Konsequenz nicht entziehen. - Insofern dürfen wir die Bilder von Rosemarie Vollmer auch als anschauliche Beispiele dafür verstehen, daß Transzendenz nicht notwendig in wolkigen Sonntagsreden beschworen werden muß, sondern daß wir sie als Geist in der Materie, in den Dingen und in der Geschichte bereits greifbar vor uns haben.

Diese Annäherungen waren meine Versuche, mit dem Werk von Rosemarie Vollmer umzugehen. Sie sollten die Bilder nicht letztgültig deuten, sondern lediglich zeigen, wie jemand auf sie zugeht. Ich denke, Sie gehen in rechter Weise mit diesem Exempel um, wenn Sie nun ihren eigenen Weg zu den ausgestellten Bildern suchen.