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Ulrich Klieber: Tischszenen – Arbeiten aus Papier 1991/1992

Leonberger Bausparkasse. Zur Ausstellungseröffnung am 10.04.1992

Das ist eine ungewohnte Situation auf einem Bild von Ullrich Klieber: Dem hellgrauen Rechteck des Formats ist ein etwas dunkleres Trapez einbeschrieben, dessen Fläche mit farbigen und grafischen Spuren bedeckt ist. Offenbar hat der Künstler nicht nur Pinsel und Stift, sondern auch ein Messer als Werkzeug benutzt und mit diesem das Papier geritzt und stellenweise durchdrungen. Das Material zeigt Spuren einer intensiven und mit Körpereinsatz geführten Auseinandersetzung. Insofern ist das Blatt unter Glas nicht nur ein Artefakt - ein Werk, das wir zu nehmen hätten, wie es ist. Die Frage: Was ist hier passiert? ist keineswegs laienhaft, sondern durchaus angemessen! - Lassen Sie uns die Frage festhalten, anstatt sie vorschnell zu erledigen, denn der Zusammenhang ist komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint.

Sie sehen, ich wähle als Einstieg das scheinbar einfachste Exponat, das sich vielleicht als das ergiebigste, möglicherweise aber auch als das schwierigste erweisen könnte. - Beschädigtes, malträtiertes Material: Steht dahinter ein aggressiver Künstler, oder versucht dieser einfach einen Affront gegen das Publikum - gegen uns? Wieder muß ich vor allzu einfachen Antworten auf eine durchaus vernünftige Frage warnen.

Ulrich Klieber ist ein Künstler, der für das Heute steht, der bewußt auch Modisches bejaht und die Legitimation seines Handelns nie Vorbildern entlehnt. Trotzdem arbeitet er nicht einfach aus dem Bauch, wie man fälschlicherweise mutmaßen könnte. Als kunsthistorisch gebildeter Künstler ist ihm durchaus bewußt, auf den Schultern welcher Kollegen er steht. Insofern sind gelegentliche Rekurse in die Kunstgeschichte angebracht, wenn wir sein Werk zu verstehen suchen.

Als Lucio Fontana Ende der 50er und in den 60er Jahren Leinwände u.a. Malgründe aufschlitzte und perforierte, gab er der Mehrzahl dieser Bilder den Titel Concetto spaziale, d.h. Raumkonzept. Nachdem es nämlich selbst einem Piet Mondrian nicht gelungen war, der räumlichen Illusion zu entgehen, eröffnete Fontana den realen Raum hinter der Bildfläche. - In allen hier ausgestellten Bildern von Ulrich Klieber gibt es auch reale Räume - nicht nur im aufgeschnittenen, sondern auch im übereinandergeschichteten Material.

Wir können also festhalten: Jedes dieser Bilder besteht in einer sowohl zufälligen als auch wohlkalkulierten Anhäufung von Material, und insofern ist es ganz real da als Papier, Pappe, Pigment und Acrylbinder, als Glas und Rahmen.

Letzteres bedeutet z.B., daß die Spiegelung des Betrachters in der Bildverglasung nicht als Störung der Wahrnehmung mißverstanden werden sollte. Wenn wir uns nicht auf die Suche nach einem idealen Blickpunkt kaprizieren, sondern uns eher spielerisch vor dem Exponat bewegen, wird uns kein Detail entgehen. Und darüber hinaus macht uns das Spiegelbild bewußt, daß wir uns nicht heraushalten können aus dem ästhetischen Zusammenhang, daß das Werk nicht für sich, sondern für uns da ist, denn wir sind beim Wahrnehmen auch jederzeit im Bild.

Wenn ich sagte, daß die Anordnung des Materials sowohl zufällig als auch gewollt ist, so ist dies nur scheinbar ein Paradox. Denn das  Material ist auch geordnet, aber Klieber sucht die Ordnung nicht. Eher findet diese ihn. Das Kunstwerk entsteht, ob der Künstler will oder nicht. Das hatte Marcel Duchamp schon vorgeführt, indem er Künstler blieb, auch noch in seinem Schweigen. Und so kann auch Ulrich Klieber einer Ordnung nicht entgehen, ob er nun in der Tradition des Kubismus und des Konstruktivismus Farbfelder wie ein Schachbrett aneinanderlegt, ob er Linien dem Lineal oder der Schablone unterwirft, oder ob er sie beiläufig krakelnd aus sich selbst entstehen läßt. Kunst ist auch Ordnung, aber Ordnung ist nicht gleich Kunst! Und eine konstruktive Ordnung ist für Klieber kein dogmatisches Prinzip, sondern nur eine Möglichkeit.

Ganz ähnlich steht es überdies mit dem Bedeuten. Zugegebenermaßen mag es auch heute noch Künstler geben, die meinen, sich etwas ausdenken zu müssen, bevor sie es planmäßig ausführen. Der wirkliche kreative künstlerische Schaffensprozeß ist ein äußerst komplexer Vorgang, in dem alles dieses sich gleichzeitig vollzieht: also auch die Konstituierung von Sinn.

Es gehört zum Konzept dieser Ausstellung, daß die stillebenartigen Tischszenen, welche das Thema vorgeben, mit drei monumentalen Figurenbildern konfrontiert sind. Sicher werden Sie sich schon über die Abbildung auf der Einladung gewundert haben, die ein 16teiliges Figurenbild mit zwei männlichen und zwei weiblichen Personen zeigt. Relativ unverbunden stehen die Figuren je in ihrem Bildraum, durch je eine eigene Dominanzfarbe bestimmt. Nur sparsame farbige Übergriffe verklammern die vier hochformatigen Rechtecke in der Horizontalen miteinander.

Dem collagierenden Malen hat Klieber sich übrigens sehr behutsam genä­hert. Das begann mit malerischen Details und gebrochenen Formen, die entfernt an das facettierende kubistische Sehen erinnerte. In seiner Hochzeit der Stile hatte er nicht nur unterschiedliche Handschriften (sozusagen als Hommage à David Hockney) zusammengebracht, sondern auch voneinander abweichende Formate einander im Raum frei zugeordnet. - Längst sind die Bilder wieder an die Wand zurückgekehrt, und die Dynamik der figürlichen Konstellation wurde merklich reduziert. Doch gerade die Statik der Figuren, ihre offenbare Unfähigkeit zu Bewegung, wirkt beunruhigend. Jede Figur behauptet das eigene Terrain als Farbraum und sendet als Zeichen einer Pseudo-Kommunikation eine gestanzte Sprechblase aus. Sie ist nicht nur gesichtslos, sondern als Gestalt auch mehrfach gebrochen. - Die Überlagerung des vertrauten Collageverfahrens mit den Facetten eines Rasters von Rahmen vermittelt ein gebrochenes Menschenbild - vielleicht das neudeutsche - welches mir einen Schauer über den Rücken jagt: Diese Menschen sind schön, reich und meist auch intelligent; sie sind hart, egoistisch, blasiert, und sie haben allesamt vergessen, daß sie eigentlich eine große Verantwortung hätten.

Welches sind nun die Dinge, die zu diesen Menschen gehören? Traditionellerweise werden sie seit einem halben Jahrtausend als Stilleben dargestellt. Aber warum spricht Klieber nicht von Stilleben? Nun, seine Bilder sind nie beschaulich oder still. Auch sind die Dinge formal nicht gänzlich ausgegrenzt und infolgedessen auch nicht annähernd autonom.

Das monumentale Bild mit dem Tisch auf drei mal drei Tafeln kann das verdeutlichen. Da löst die Farbe sich vom Gegenstand und spielt ihr eigenes Spiel. - Fernand Léger hatte das in den 40er und 50er Jahren sehr mutig versucht und doch nicht letztlich bewältigt, da er in seiner Zeichnung zu konventionell-realistisch blieb. Klieber hingegen versucht nicht, die Einheit zu erzwingen, doch sie fällt ihm zu, weil er Farbe, Zeichnung, Raum und Inhaltliches auf je eigenen Ebenen sich frei entfalten läßt. - Dies besagt die Thematik Szenen eben auch: Der Künstler führt formal Fragmentarisches vor, doch dem aktiven Betrachter vermittelt sich ein Ganzes.

Um die Tischszenen von Ulrich Klieber lebendig werden zu lassen, könnten wir uns die Situation etwa so ausmalen:

Vor Tisch stehen die Leute aus der (besseren - versteht sich!) Szene beim Small-talk beieinander. Man begrüßt sich mit jugendlich aufgekratztem Hallo! oder Hello!, beweist mit dem zähnebleckenden Smiling, daß man seine Juppy-Lektion gelernt hat und wendet den Bildern souverän den Rücken zu. Diese Art von Spiegel hatte Klieber uns in seiner Bilderserie In the Gallery kürzlich schon einmal vorgehalten.

Nebenan ist schon angerichtet, oder es wird gerade aufgetragen. Auf einem Tisch ist ein Tablett mit Sektgläsern abgestellt. Die Stiele bilden auf schwarzem Grund einen düsteren Wald von schlanken Glasstämmen, über denen die mit einer Schablone geschnittenen kreisförmigen Öffnungen als Kronen oder Gloriolen (wenn Sie's geistlich mögen) schweben. Die Kreise der leeren Gläser vor hellgelbem Grund scheinen sich darüber zu erheben wie perlender Sekt.

Auf einigen Tischen bietet Klieber die Nouvelle Cuisine à l'artiste an: Einen leeren Teller als hors d'oeuvre (why not?), ein verwässertes Chromoxydgelb als Hauptgang und als Dessert ein winziges Häppchen entmaterialisiertes Ultramarin. Es war höchste Zeit, daß auch die Esoterik in die neue Küche einzog!

Auf einem anderen Tisch - mon dieu, quel faux-pas! Hat doch der Kellner eine satte Portion von der Farbe der Unschuld auf einen Teller geklatscht. Viel zu viel Weiß - davon könnte man ja satt werden!

Spaß beiseite - ist das nun ein Eßplatz oder ein Malplatz? Ulrich Klieber verweigert sich einer Alternative. Demnach ist keines von beiden falsch.

Das war weder ein Stück Kunsttheorie noch eine Interpretation. Wir haben hingesehen und ein wenig nachgedacht, das war alles. Und unter der Hand haben wir eine erste Antwort auf die eingangs gestellte - offenbar banale - Frage: Was ist hier passiert? Das Geschehen bei Tisch war für den Künstler kaum mehr als ein Vorwand und eben sein Motiv - der Gegenstand oder das Ereignis, das ihn motivierte. - In Ulrich Kliebers jüngster Bildersequenz steht im Mittelpunkt des Interesses der Schaffensprozeß, in dem es dem Künstler gelingt, auf besonders witzige Weise relativ nebensächliche Ereignisse mit Pinsel und Messer zu simulieren. Der Malgrund erweist sich als die eigentliche Szene, d.h. die Bühne für die Akteure. Der Künstler übernimmt die Regie. Hauptdarsteller sind diesmal die bildnerischen Mittel mit ihren formalen Möglichkeiten und Bedingtheiten: die Farben Gelb, Rot und Blau, die Nichtfarben Weiß, Schwarz und Grau, die Materialien, die Linien und die Räume. Darüber hinaus gibt es noch eine Vielzahl von Statisten, als welche wir heute mitwirken dürfen. Die Requisitenkammer hingegen wurde geschont: Nur eine Papierserviette benötigte Klieber für das Leonberger Stück. - So entstanden Malereien von einer Doppelbödigkeit und einer künstlerischen Dichte, die man auf den ersten Blick - eben wegen der Leichtigkeit des Vortrags - kaum vermutet hätte.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch viel Freude bei Ihren Entdeckungsreisen durch die Bildwelten von Ulrich Klieber - auf der Bühne und hinter den Kulissen, denn mehr Möglichkeiten bietet er uns nicht. In seiner Kunst gibt es weder einen Zuschauerraum noch ein Foyer.