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Sybille Onnen: Menschenturm – Menschentunnel

Kunstverein Bretten. Zur Ausstellungseröffnung am 13.09.1992

Mit der aktuellen Ausstellung kann dieses Kellergewölbe seit langem einmal wieder seinen eigenen und seinen eigenwilligen Charakter uns vermitteln. Über dem Steinboden die gekalkten Bruchsteine - allein dieser Raum hat schon eine Atmosphäre, die man ganz für sich genießen, ganz für sie selbst nehmen und sein lassen könnte. Vielleicht ein andermal ...

Heute wollen wir mehr. Sybille Onnen will mehr. Sie ist Bildhauerin und Zeichnerin, und Rauminstallationen interessieren sie nur insofern, als sie ihren plastischen Werken als Bühne zu dienen bereit sind. So ist es folgerichtig, daß sie zunächst einmal den Raum ohne uns, das Publikum, gedacht hat. Die beiden finsteren Stelen beherrschen die steinerne Tonne, sie atmen deren Aura. Ihre abweisende Körperlichkeit sympathisiert mit den 3 Reliefs, und sie bildet einen frappieren Kontrast zu der Figurentreppe und dem kleinplastischen Figurenfries. Klein, geradezu winzig vor dem groben Mauerwerk und in Konfrontation mit den Stelen: lauter kleine Davide ohne Steinschleuder, die sich über die beiden Goliade lustig zu machen scheinen. Die Riesen wiegen unmerklich ein wenig die Häupter - ganz überlegen! Die Winzlinge ignorieren Größe und Macht. Temperamentvoll, ja bisweilen übermütig, leben sie ihre Körperlichkeit und Sinnlichkeit miteinander aus. - Zugleich verbergen sie nicht ihre akute Gefährdung, denn sie balancieren in bisweilen recht waghalsigen Positionen auf ihren Sockeln bzw. auf einer Treppe, welche für Aufstieg und Absturz in gleicher Weise stehen kann.

Seinen Galeriecharakter findet der Raum so recht erst wieder durch die beiden Blöcke von 2 mal 6 Zeichnungen. Erst hier gewinnen wir die altgewohnte und vielleicht ersehnte Ruhe der Fläche - in der Zeichnung auf Karton. Der akademische und im Grunde genommen klassische Kunstbegriff hat doch etwas ungemein Beruhigendes, nicht wahr! Er vermittelt uns ein Gefühl der Sicherheit, weil er uns nie enttäuscht, indem er Erwartungen erfüllt ... Doch Vorsicht! Hier hätten wir fast zu kurz gegriffen und Sybille Onnen gründlich mißverstanden. Schließlich liegen die Zeichnungen nicht in den gewohnten Rahmen unter Passepartouts, welche normalerweise den Flächencharakter betonen und eher eine emotionale Distanz zur Wand schaffen. Hier wurden die Zeichnungen in stählerne Sprossenfenster eingespannt, welche ihre materiale Schwere nicht leugnen, sondern plastisch und räumlich wirken und Objektcharakter annehmen. Das Material korrespondiert nicht zufällig mit den Sockeln der Skulpturen.

Insofern stehen im Mittelpunkt dieser Ausstellung im wesentlichen nur zwei Materialien: Stein und Stahl. Der natürliche Stein bildet unter der Erde eine Raumhöhle, in der die Künstlerin ihre magischen Zeichen für uns aufstellte. Wie sind diese entstanden? Bei dem Ausgangsmaterial Ton handelt es sich ja lediglich um eine besondere Art von Erde. Dieser Ton wurde geknetet, geschnitten, mit den Händen geformt. In die mit andersfarbigem Tonschlicker bemalte Oberfläche wurden Zeichen eingekratzt. Dieser Vorgang unter der Hand der Künstlerin ist die erste Verwandlung, bei der aus einem belanglosen Klumpen Erde eine Form entsteht, die bereits unsere Aufmerksamkeit verdiente. Bezeichnend für das Arbeiten mit keramischem Material ist aber die zweite Verwandlung. Eigentlich handelt es sich um einen physikalisch einfach erklärbaren technischen Prozeß, der uns nichtsdestoweniger doch immer aufs neue in Erstaunen versetzt. Bei einer Temperatur von ca. 1000 °C wird aus dem gegen Feuchtigkeit empfindlichen Ton endgültig und für alle Zeiten ein Stein, der, wie wir von Funden wis­sen, durchaus 10 000 Jahre überdauern kann. Dasselbe gilt übrigens für die Farben, die nicht nur durch das Brennen ihre Brillianz und Tiefe gewinnen, sondern diese auch weder durch Licht noch durch Feuchtigkeit je verändern. - In einem schnellebigen Zeitalter wie dem unsrigen ist es beruhigend, solche Metaphern von zeitloser Dauer sehen und besitzen zu können. Zugleich gilt für gebrannten Ton dasselbe wie für Glück und Glas. Insofern verkörpert ein keramisches Objekt eine weise Symbolik: Es verspricht ewige Dauer und kann doch bei sorglosem Umgang unversehens zerbrechen. Offenbar liegen Unendlichkeit und Endlichkeit gar nicht so weit auseinander, wie unser scheinbar aufgeklärter mathematischer Verstand uns das weismachen möchte.

Diese paradoxe Bedeutung läßt sich durchaus auch kulturhistorisch stützen. Denn vor allem in den frühen Kulturen steht die Erde für die Fruchtbarkeit der Muttergottheiten, und die Höhle ist das Gehäuse für Geburt und Tod, für Anfang und Ende des Menschen. D.h. die Erde verkörpert als weibliche Materie den Lebenszyklus. Erst nachdem Prometheus nach dem antiken Mythos mit dem Feuer den Menschen die Kultur gebracht hatte, waren diese in der Lage, die Materie zu verwandeln. Nun konnten sie z.B. aus Erde Stein und aus Erz Eisen herstellen. Das geheimnisumwitterte Element des Feuers steht sowohl für spirituelle als auch für sexuelle Energie. Natürlich hat man diese über viele Jahrtausende in den patriarchalischen Gesellschaften ausschließlich mit dem männlichen Geschlecht in Verbindung gebracht. - Unser Zeitalter hat uns gelehrt, daß Frauen wie Männer mit Technik kreativ umgehen können. Auch im Rollenverständnis der Geschlechterbeziehungen bahnt sich ein Wandel an. Allerdings zeichnet es sich ab, daß in der jüngeren Generation lediglich ein Rollentausch bei der aktiven Anmache stattfindet. - Hier verweist Sybille Onnen auf eine originelle Alternative.

Einziges Motiv von Sybille Onnen ist seit vielen Jahren der menschliche Akt. Die bewegte männliche und weibliche Figur wird gezeichnet, reliefiert und modelliert. Ihre Geschlechtlichkeit lesen wir nicht etwa von so nebensächlichen Merkmalen wie der Kleidung ab, sondern an den primären Geschlechtsmerkmalen, welche die Künstlerin nicht schamhaft hinter Händen, Feigenblättern oder Tüchern versteckt, sondern prägnant genug zur Anschauung bringt. Im Unterschied zu pornografischen Darstellungen wird hier Sexualität nicht isoliert vorgeführt; vielmehr sind diese gezeichneten und modellierten Menschen zunächst für sich, dann füreinander und erst dann für uns da. Und dann spüren wir, daß die Künstlerin Freude daran hat und es genießt, einen männlichen Mann und ein weibliches Weib mit ihren Händen aus einem Klumpen Erde zu schaffen - wie einst der Schöpfergott im Mythos des Alten Testamentes.- Dieser Vergleich sollte keineswegs als blasphemisch mißdeutet werden, denn schließlich formuliert er die anspruchsvollste Metapher für den künstlerisches Schaffensprozeß.

Unter einer Stele verstehen wir ein monumentales, schlankes Bildwerk, das als Träger von reliefierten Schrift- bzw. Bildzeichen dient. Grabstelen in der Antike waren oft mit einem Bild der Gestalt des Toten versehen. Von diese Funktion her haben sich auch die besonderen Proportionen herausgebildet, die an eine stehende menschliche Figur erinnern. - Sybille Onnen verzichtet auf die übliche Symmetrie sowie auf die Einzelfigur. So kann sie trotz der Dimensionen dem Eindruck von Monumentalität entgegenwirken. Denn nicht die Höhe einer Plastik als solche, es ist erst die Monumentalität, die dazu führt, daß ein Kunstwerk auf uns einschüchternd wirkt. Doch dieses Auftrumpfen mit vorgeblicher Wichtigkeit, das Gehabe von tiefen und bedeutenden Aussagen, das doch meistens nur vorgespiegelt wird, um die wirkliche Leere eines lächerlichen Machwerks zu verschleiern, dieses Denken ist Sybille Onnen äußerst fremd. Ihre Figuren sind demnach auch keine epochalen Gestalten, sie sind kleine namenlose Menschlein, denen es aber keineswegs an Selbstbewußtsein mangelt. Sie gewinnen ihre Ich-Stärke weder aus einem Amt noch aus einem Titel, sondern sie leben einfach ihre Körperlichkeit und freuen sich wie Kinder, was doch alles möglich ist miteinander. Dahinter steht wohl die Erfahrung, daß ein wesentlicher Lebenssinn sich durch Kommunikation gewinnen läßt - durch sprachliche und durch körperliche Kommunikation. - Sie können auf den beiden Stelen und den 3 Reliefs mit den Augen spazieren gehen, und Sie werden immer neue Konstallationen und Verhaltensweisen erkennen. Da gibt es einzelne, ekstatisch tanzende Gestalten, immer wieder Paare bzw. Figuren mit einem zu einer bizarren Linie abstrahierten Partner. Und schließlich sind da noch die parallelen Gruppen, deren Mitglieder sich derart ähnlich verhalten, daß ihr Rapport ausgesprochen komisch wirkt. Nur wer naturalistische Details sucht, wird enttäuscht werden. Als Betrachter muß man Phantasie mitbringen, und man wird sogleich ästhetisch belohnt, wenn beim Anschauen aus der Nähe jede Inhaltlichkeit sich in grafische, malerische und plastische Qualitäten verwandelt.

Überhaupt ist es wichtig beim Kennenlernen - nicht nur bei Kunstwerken - zwischen Annäherung und Distanz zu wechseln. Wenn wir von den Stelen zurücktreten, lösen sich zunehmend die Figuren in einem geheimnisvollen Hell-Dunkel auf. Nun sehen wir wieder die Skulptur in ihrer einfachen und individuellen Architektonik. Dabei fällt auf, daß die beiden Plastiken einander ähnlich sind und sich doch auch strukturell wesentlich unterscheiden. Der Menschenturm, der zuerst entstand, bildet eine einfache und geschlossene Form mit einer leicht verspielten, vielleicht ironischen Bekrönung. Der Menschentunnel ist in seinem oberen Drittel gespalten und bildet insofern eine offene, auch weichere Form. So könnten wir auch mutmaßen, daß die Künstlerin mit dem maskulinen Menschenturm und dem femininen Menschentunnel ein komplementäres plastisches Kunst-Paar schaffen wollte.

Insgesamt stammen alle ausgestellten Werke aus den Jahren 1991 und 92, wobei die beiden Stelen und die drei Reliefs älter sind, die Kleinplastiken und die Zeichnungen hingegen jünger. Am augenfälligsten werden die Unterschiede, wenn Sie die Zeichnungen mit den Figuren auf den Stelen vergleichen. In Sybille Onnens Figurauffassung und in ihrem Zeichenstil ist es in jüngster Zeit zu einem Umbruch gekommen. Vor einem halben Jahrzehnt zeichnete sie Figuren, unter deren Haut man das Pulsieren des heißen Blutes verspürte. Sie erschienen als Habitus, sie verkörperten Wünsche und Sehnsüchte, ohne sie letztlich auszuleben. Das quasi animalische Drängen scheint nun sublimiert, doch an Energie und Lebendigkeit haben die Figuren eher gewonnen.

Übrigens dienen diese Zeichnungen nicht als Studien für Skulpturen. Wenn Sybille Onnen plastisch arbeitet, braucht sie weder ein Modell noch Zeichnungen. Letztere sind autonome Werke. Da sie mit solcher Leichtigkeit hingeworfen scheinen, möchte man doch fragen, welche Funktion sie innerhalb der gesamten Arbeit der Künstlerin besitzen.

Nun, zunächst einmal beobachtet die Künstlerin das einzelne Modell und gibt ihm ihre eigene Form. Dieses Transferieren eines Sehbildes in Grafit auf Karton ist ein größerer Sprung, als er beim sogenannten Zeichnen aus dem Gedächtnis erfolgt. Im zweiten Falle fließt die Form mehr aus der Hand, dem Werkzeug und dem Material, als daß sie willentlich gelenkt würde oder ein Erinnerungsbild reproduzierte. Insofern schöpft dieses Zeichnen mehr aus der Erinnerung der Hand als des Auges.

In der Regel hat Sybille Onnen beim Zeichnen nur ein Modell. D.h. die Kommunikation ist nicht die von zwei realen Menschen, sondern sie wird im Zeichnen erst gestiftet, sie ist Teil des kreativen Prozesses. Der Gesamthabitus einer Figur und wohl auch die ersten Striche werden durch die Pose des Modells angeregt. Doch schon bald setzt das Abstrahieren und das Deformieren ein in einer Weise, die sich vom Karikieren grundlegend unterscheidet. Sybille Onnen verfremdet expressiv, und die gelegentlich komischen Pointen kommen quasi unter der Hand, sie werden nicht gesucht.

Eine einzelne Figur allein auf einem Blatt genügt Sybille Onnen nicht. So schafft sie dieser ein Pendant, einen Schatten, einen Partner. Der ist meistens viel freier als die ursprünglich nach dem Modell gezeichnete Figur. Die zweite kann von der ersten Gestalt oder auch vom Bildrand überschnitten werden, sie kann zum bizarren Lineament abstrahiert oder malerisch aufgelöst werden, und es gelingt ihr sogar gelegentlich, sich von der Last der Schwerkraft zu befreien. Selbst ihre Geschlechtlichkeit ist weniger eindeutig als dasjenige der ersten Figur.

Ein Wechsel von Annäherung und Distanz führt übrigens auch beim Betrachten der Zeichnungen zu einem interessanten Effekt. Aus größerer Entfernung erkennen wir die Gestalten in ihrer Plastizität und meinen sogar, die bisweilen heftigen Bewegungen der akrobatischen Körper wahrnehmen zu können. Aus kurzem Abstand sehen wir die kräftigen grauen Konturen sowie die mit quer geführtem schwarzem Stift erzielten malerischen Werte, welche sich nun als nahezu autonom erweisen - frei von jeglicher Abbildfunktion.

Auf meine Frage, wozu eine so souveräne Zeichnerin wie sie immer wieder zum Modell zurückkehre, weist Sybille Onnen mich auf eine kleine Groteske von Berthold Brecht hin:

Wenn Herr K. einen Menschen liebte

"Was tun Sie", wurde Herr K. gefragt, "wenn Sie einen Menschen lieben?" "Ich mache einen Entwurf von ihm", sagte Herr K., "und sorge, daß er ihm ähnlich wird." "Wer? Der Entwurf?" "Nein", sagte Herr K., "der Mensch."

Das Kunstwerk als Maß für uns - wie sollen wir das verstehen? Will die Künstlerin sich hinter einem Paradox verschanzen, das schon einem Literaten nützlich war? Oder offenbart sie ihren vielleicht allzu lange verdrängten pädagogischen Impetus?

Nun, die Künstlerin muß sich nicht erklären - hier sind ihre Werke. - Und meine Aufgabe war es, Sie zum Sehen anzustiften.