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Reinhard Scherer: Skulpturen, Zeichnungen, Stahlprägungen

Podium Kunst Schramberg. Zur Ausstellungseröffnung am 10.11.1995

Obwohl ich mich 365 Tage im Jahr mit Kunstwerken beschäftige, gerate ich immer wieder in Situationen, die Sie auch kennen, und von denen Sie vielleicht glauben, sie seien nur typisch für Laien: Ich trete vor ein sehr einfach aufgebautes Werk, das nur aus wenigen überschaubaren Elementen besteht, und ich frage mich:

Ist das denn mehr, als das was ich sehe?
Ist das mehr als eine Anhäufung von Material?
Steht noch etwas dahinter?
Hat das etwa eine Bedeutung für mich?

Und natürlich stellt sich auch immer die Frage nach der Qualität eines Kunstwerks.

Da ich Reinhard Scherer seit 15 Jahren kenne und ebenso lang seine Arbeit - in Etappen - verfolge, gibt es für mich keine grundsätzlichen Zweifel am Wert seiner Skulpturen. Allerdings muß auch ich mir jedesmal aufs neue einen Zugang erarbeiten. Er fällt mir nicht einfach zu. - So besehen befinden wir uns doch in einer ver­gleichbaren Situation, so daß es sich anbietet, daß wir uns gemeinsam einen Weg zu den hier ausgestellten Werken suchen. - Lassen Sie uns mit den größeren Pla­stiken beginnen. Diese können wir zunächst aus der Distanz betrachten, so wie wir einen Fremden skeptisch mustern, bevor wir uns zu vertrauterem Umgang ent­schließen.

Hier im Mittelraum haben wir die beiden Skulpturen Gefüge I und Gefüge II. Diese Titel leisten natürlich noch keine große Hilfe beim Verstehen; sie verweisen lediglich auf einen Aspekt des Werks - allerdings auf einen zentralen. Die Bauelemente der beiden Skulpturen sind komplex geformte und dennoch geometrisch-gemessen wir­kende Plattenstücke, die autogen ausgebrannt wurden. Diese gebrannten Kanten folgen sozusagen der Idee einer Geraden, doch gewinnen sie, aus der Nähe be­trachtet, etwas handschriftlich Individuelles, und wir können in ihnen ausschnitthaft sogar informelle und chaotische Strukturen entdecken. - Insofern besteht auch ein wesentliches Kennzeichen von Scherers Werken darin, daß in ihnen die Arbeitsspuren nicht verwischt, sondern daß die Arbeitsprozesse geradezu dokumentiert sind. Bei aufmerksamer und geduldiger Beobachtung können wir im Werk noch einen Blick über die Schulter des Künstlers und in sein Atelier werfen.

Die einzelnen Platten sind handwerklich zuverlässig aneinandergeschweißt, so daß nicht nur die Gesamtform gehalten, sondern auch die großen Belastungen des Eigengewichts aufgefangen werden. Insgesamt haben wir bei Scherers Plastiken immer den Eindruck einer soliden Konstruktion. Natürlich haben diese Skulpturen keine irgendwie darstellende Funktion. Darüber hinaus verzichtet Scherer aber auf jede Art von illusionistischen Mitteln. D. h. die Einfachheit, Überschaubarkeit der Gebilde ist durchaus gewollt, und es gibt keine nennenswerte Differenz zwischen der Genese, der Herstellungsgeschichte und der späteren Wirkung des Gebildes.

Nicht nur in der Gestalt der einzelnen Plattenelemente, sondern auch aus den wechselnden Winkeln, in denen diese aneinandergefügt werden, ergibt sich ein komplexer Formzusammenhang, ein spannungsvolles Gefüge, das schon als stati­sches Gebilde größtes anschauliches Interesse erweckt.

Doch eine Skulptur, zumal eine mit monumentalen Ausmaßen, können wir nicht mit einem Blick und in einem Augenblick erfassen, wie wir das mit kleinen flächigen Bildwerken, z. B. mit Pressefotos zu tun pflegen. Wenn wir uns eine solche Plastik aneignen wollen, brauchen wir Zeit; wir müssen sie umschreiten, sie von allen Sei­ten besehen, um auch einen komplexen räumlichen Eindruck zu gewinnen.

Indem wir um das Werk herumgehen und mit dem Blick und letztlich auch mit unse­rem Körper den Weg der Gefügeteile verfolgen, werden wir in eine Bewegung ver­setzt, die eine unmittelbare Analogie zu dem Werk gewinnt. Wir machen die Erfah­rung, daß ein Kunstwerk, daß diese Plastik selber Bewegung ist. Natürlich wird hier keine fremde Bewegung abgebildet oder dargestellt. Aber Sie können immerhin in Ihrer Phantasie das Spiel versuchen und den Bewegungsablauf mit dem eines Tän­zers oder eines musikalischen Motivs vergleichen. Entscheidend ist, daß wir dahin kommen, daß das Auge auch nicht annähernd ausreicht, um solche Kunstwerke an­gemessen zu erfassen. Es ist notwendig, mit der ganzen Person - auch mit dem Körper - mit der Plastik zu kommunizieren. Dann erleben wir ihre Bewegung, dann hören wir sozusagen ihren inneren Klang.

Vielleicht mögen Sie fragen, an welcher Stelle Sie anfangen sollen, um jenem Bewegungszug zu folgen. Nun, zunächst einmal gibt es einen Weg und dann dessen Umkehrung. Und keiner von beiden ist besser als der andere. Dann wird aus einem mühevollen oder energischen Anstieg ein steiler Abfall; aus einem leichten Gefälle wird ein mäßiger Anstieg. Ein Zeitgefühl stellt sich ein, und in den Facetten nur ge­ringer Winkeldifferenzen bündeln sich die Energien wie in einem Parabolspiegel. - Es gibt auch bestimmte Stellen an einer jeden Plastik, die sich bevorzugt als Einsatz bzw. als Endpunkt anbieten. Doch Sie haben die Freiheit, Ihren je ganz eigenen und völlig individuellen Weg durch das Werk zu suchen, um so zu Ihrem persönlichen Bewegungserlebnis zu gelangen - und zwar immer wieder auf neue und immer wie­der anders. Dabei werden Sie zunehmend auch sensibilisiert sowohl für die Spannung der Gesamtform als auch für Details wie die Wellenbewegungen der Ränder, die plastisch sich aufwölbenden und wie geronnenes Magma erstarrten Schweißnähte und nicht zuletzt für die malerisch höchst reizvolle Oberflächenhaut des Eisens.

Auf einen weiteren Aspekt muß ich hinweisen, der für Reinhard Scherers Verständ­nis der Skulptur grundlegend ist. Sie werden diesen an der draußen in der Anlage vor dem Schloß aufgestellten Plastik Materie + Raum besonders augenfällig nachvollziehen können. Ein zu einem Bogen gekrümmtes Stück Vierkantstahl bildet einen spannungsvollen Kontur, innerhalb dessen und an dessen Rand komplexe Flächenelemente ein lebhaftes Spiel treiben. Hier drängt sich die Aufforderung ge­radezu auf, diesen Bogen zu einem Kreis zu schließen. In der Tat gibt es bei einer Vielzahl von Skulpturen von Scherer das Element des offenen Bogens, der uns sei­nerseits provoziert und auffordert, den Kreis zu vollendenden. Dies bedeutet zweier­lei:

Zum einen: Die Arbeiten von Reinhard Scherer sind fragmentarisch, und in ihrer offenen Struktur greifen sie in den Raum, bescheiden sich nicht mit ihrer festen Masse, sondern wir­ken in den offenen Raum, laden diesen mit plastischer Energie und Bewegungse­nergie auf, so daß wir uns unversehens nicht mehr als Gegenüber des Werks, son­dern in diesem, ja, vielleicht sogar als Teil desselben oder dessen Konzeptes wie­derfinden.

Zum anderen: Sie wissen, es gibt räumliche Kunstwerke, begehbare Skulpturen, die wir genauer mit dem Begriff der Installation charakterisieren. Aber gerade diese begriffliche Ab­grenzung hat zu der falschen Auffassung geführt, die Skulptur sei grundsätzlich in einem definierbaren Raum oder sogar nur innerhalb ihres eigenen Volumens zu be­greifen. Reinhard Scherers Skulpturen bilden die exemplarischen Belege für das Gegenteil. - Seit 1980 konnte Scherer vor allem in Baden Württemberg aber auch in anderen Bundesländern zahlreiche Skulpturen im öffentlichen Raum realisieren. Dabei handelt es sich um platz- bzw. architekturbezogene Arbeiten, die Höhen bis zu 20 m erreichen. Hier wird natürlich der Bezugspunkt nicht in erster Linie beim Menschen, sondern bei den Bauwerken und offenen Platzräumen gesucht, so daß der Mensch diesen Relationen deutlich untergeordnet wird. Damit wird die Plastik zu einem Kommunikationsmedium, das die räumlichen Beziehungen zwischen Bauten und innerhalb von Plätzen interpretiert und anschaulich macht. - Im Gespräch äußerte Scherer lakonisch: Ich baue mit dem Raum, nicht gegen ihn. - Solche mo­numentalen Plastiken haben aufgrund ihrer Größe und Offenheit Installationscharak­ter. Sie nehmen bisweilen auch direkten, ein andermal nur losen Bezug auf die Funktion oder Geschichte des Ambientes. In solchen Fällen wird am deutlichsten, daß Reinhard Scherer sich nicht als ein ausschließlich in formalen Kategorien den­kender Künstler versteht, sondern dem Kunstwerk auch eine soziale Funktion zuweist.

Ich habe Ihnen zu vermitteln versucht, inwiefern die monumentalen Arbei­ten eine eigene Sprache sprechen, andere Schwerpunkte setzen als die mittelgro­ßen, und insofern dürfen wir auch von den Kleinplastiken erwarten, daß sie sozusa­gen ein eigenes Genre bilden.

In einem der Seitenräume steht eine plastische Gruppe mit dem Titel Korresponden­ten. Eigentlich handelt es sich um miteinander korrespondierende oder kommunizie­rende Kleinplastiken. Es sind Plastiken, die man natürlich einzeln aufstellen kann, die aber hier so arrangiert sind, daß die Eigendynamik der Werke sinnfällig wird: Eine Einzelplastik wird mit einer Gruppe von vier Plastiken konfrontiert. Jede ein­zelne Plastik ist ein Individuum mit je eigener Gestalt und eigenem Charakter. Das einzeln herausgestellte Werk muß sich in der Weite des offenen Raumes behaupten und muß es sich gefallen lassen, kritischer in den Blick genommen zu werden. Die Vierergruppe ist als solche stark, und hier könnte sogar eine einzelne Figur eine kleine Schwäche verbergen. Vor allem aber muß sie sich dem Gruppencharakter unterordnen. - In der räumlichen Anordnung der Korrespondenten wird nicht nur die Spontaneität von Kunstwerken anschaulich vorgeführt. Sie können auch mit dem Auge experimentieren, indem Sie sich vorstellen, eine andere Plastik träte als Einzelwerk aus der Gruppe heraus.

Wenn Sie die Ausführung der Kleinplastiken mit derjenigen der großen raumgreifen­den Skulpturen vergleichen, werden Sie auffällige Unterschiede feststellen. Die Charaktere des Halbzeugs, des Rohmaterials von Platten und Stangen, werden oft über­spielt, die Übergänge integriert, Schweißnähte verschliffen, so daß die Skulpturen an plastisch geschlossenem Volumen gewinnen. - Doch finden wir auch hier Phä­nomene wieder, die wir schon bei den mittelgroßen Skulpturen als wesentlich er­kannt haben. Auch sie greifen in den Raum, vermitteln Kräfte und deren Bewegung. Auf Grund ihrer kleinen Standflächen und der ausgreifenden Tastbewegungen der Arme spüren wir, daß auch jede Plastik einen Balanceakt vollführt. Diese Art von Aufrichtung, ihre Vertikalität,  ist weit entfernt von vordergründigen Anthropomorphismen, aber als aufrecht stehende Lebewesen, die wir sind, können wir uns in diese Kräftespiel sehr gut einfühlen.

In dem zweiten Seitenraum haben wir eine weitere Serie von Kleinplastiken unter dem Titel Wanderung der Formen, die erst im letzten Jahr entstanden ist. Im Vergleich zu den Korrespondenten sind diese Plastiken kleiner und kompakter, ohne sich je nach außen abzuschließen. Streng genommen handelt es sich nicht um eine Serie, denn die Gemeinsamkeit besteht eher in der Größe und der Einordnung in die Reihe. Im übrigen sind die Formen völlig individuell. Mich erinnern sie an Buchsta­ben, die gemeinsam ein Alphabet oder an Wörter, die gemeinsam eine Sprache bil­den. In diesem Vergleich wird auch deutlich, wie es mit dem Verhältnis von Eigen­ständigkeit und Einbindung in die Gruppe bestellt ist. Wir können auch an Menschen denken, die einmal für sich stehen und sich behaupten müssen und in anderen Si­tuationen sich in die eine oder andere Gruppe integrieren, um wechselnden Rol­lenerwartungen gerecht zu werden.

Dieses Formenvokabular demonstriert auch die Methode des Formdenkens und des anschaulichen Arbeitens von Reinhard Scherer. Nachdem wir an den großen Skulpturen erfahren haben, wie diese in den Raum greifen und sich sozusagen mit diesem verklammern, wie jede fragmentarische Form auf etwas größeres verweist, können wir etwas Ähnliches auch bei der Wanderung der Formen ablesen. Da gibt es kurze flache Bögen, die zu Kreisformen mit großen Radien gehören, und es gibt Platten- und Stangenfragmente, die auf Flächen und Längen von größeren aber nicht definierbaren Dimensionen verweisen. - Wenn wir diese Form- und Bewe­gungskräfte erst einmal beobachtet haben, wird deutlich, daß wir eine solche Wan­dernde Form nicht einsperren dürfen, sondern ihr Raum geben müssen, damit sie ihre volle Wirkung entfalten kann. - Die Anordnung in der Reihe und der Titel Wan­derung signalisiert uns die lineare Bewegung einer Gruppe. Vielleicht sollte ich in diesem Zusammenhang noch erwähnen, daß Reinhard Scherer mit dem Titel auch auf ein uraltes menschliches Phänomen anspielt - auf die großen Wanderbewegun­gen der Völker, von denen wir wissen, daß sie sich seit Jahrtausenden vollziehen, wobei wir uns derzeit mitten in einer Epoche von großräumigen Völkerbewegungen befinden.

In dieser Ausstellung sind schließlich auch Grafiken ausgestellt, und ich möchte nur mit wenigen Worten das ansprechen, worin diese sich von allem unterscheiden, was wir sonst als Druckgrafiken und Bildhauerzeichnungen kennen.

Bei den Prägedrucken handelt es sich um Hochdrucke von Metalldruckstöcken. Diese wurden allerdings nicht mit einer handelsüblichen Druckpresse hergestellt, und die Druckstöcke sind keine dünnen Bleche. Es handelt sich um mehrere Zenti­meter starke flächige Stahlteile, vergleichbar mit den Kleinplastiken. Diese tragen auf ihrer Oberfläche die Zunderschicht des Schmiedefeuers und den Rost, der sich unter dem Einfluß von Luftfeuchtigkeit und Regen bildet, wenn das Eisen im Freien lagert. So entsteht aus dem Zunder eine kühle Grauskala und aus dem Rost eine differenzierte Rot-Braunskala. - Mit Hilfe seines schweren Schlosserkrans zieht Reinhard Scherer nun die ausgebrannten Stahlteile mit Drücken zwischen 4 und 6 Tonnen und einen auf einem Widerlager angebrachten angefeuchteten Kupfer­druckkarton derart gegeneinander, daß die Eisenoxyde allein durch die physikali­schen Kräfte und ohne jedes Bindemittel in das Papier übergehen. Da die Vorberei­tung und vor allem die Präparierung der Druckstöcke sehr aufwendig ist, ziehen die Arbeitsprozesse sich oft über Monate hin, so daß auch nur sehr kleine Serien ent­stehen. Streng genommen handelt es sich nicht um Auflagen, denn jeder Druck ist, wie der Vergleich auf den ersten Blick zeigt, ein Unikat.

In beiden Seitenräumen finden Sie schließlich einige mit Feder und Tusche herge­stellte Zeichnungen aus den Jahren 1992 und 93. Hier geht Scherer von der Bewe­gung einer einzelnen Linie aus, die er anschließend in die Fläche auslaviert. Hinter jeder Zeichnung steht die Idee der Skulptur. Allerdings verzichtet der Künstler auf den Einsatz jeglicher illusionistischer Mittel. Er bleibt bewußt in der Zweidimensio­nalität der Fläche, so daß wir diese Grafiken als abstrakte Bildzeichen vergleichbar mit fernöstlicher Pinselkunst wahrnehmen. Andererseits können wir uns gerade durch die Einfachheit der Zeichen zu einem produktiven Sehen herausgefordert fühlen. Vielleicht gelingt es Ihnen, die Zeichnungen unfixiert zu sehen, so wie man die neuerdings in Mode gekommenen 3D-Bilder ansieht. Dann werden Sie die Zei­chen schweben sehen und erkennen, wie sie für ein paar Sekunden eine räumliche Dimension gewinnen.

Diese am stärksten reduzierten Arbeiten von Reinhard Scherer sind zugleich diejenigen, die unsere Aktivität in höchstem Maße fordern. Das Sehen wird Anstrengung und Vergnügen zugleich. - Und dies wünsche ich Ihnen auch in dieser Ausstellung.