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Ulrich Klieber: Arbeiten aus Papier

Städtische Galerie Die Fähre Saulgau. Zur Ausstellungseröffnung am 28.01.1996

Der genius loci eines traditionsreichen Galeriehauses lebt weniger von den klangvollen Namen der Künstler als viel mehr von den Werken, die hier einmal ihre Aura haben entfalten können. Realistische und expressive sowie am Rande auch kubistische und abstrakte Kunst des deutschen Südwestens hat in Saulgau ihre Spuren hinterlassen.

Wenn ich recht sehe, so war es in erster Linie die Suche nach künstlerischer Qualität, und es war nicht der Schrei nach Modernität um ihrer selbst willen, die das Ausstellen und Sammeln hier bestimmt hat. Doch wenn sich all das, was man in Ober­schwaben schätzt - nämlich das Bodenständige und die Produkte solider Arbeit, die sinnliche Präsenz und nichtsdestoweniger die aus Weltoffenheit geborene Neugier nach dem Neuen, dem Unbekannten - wenn all dies sich in dem Werk eines Künstlers miteinander verbinden läßt, dann darf es natürlich auch ein Repräsentant der Avantgarde sein.

Doch damit wir uns nicht mißverstehen - und bevor wir uns den Exponaten zuwenden, noch ein kurzes Wort zur Problem der Avantgarde heute: Avantgarde, das ist nicht mehr die Speerspitze der Entwicklung, etwa personifiziert durch ein halbes Dutzend von Megakünstlern in einer der großen Metropolen. Die allgemeine Mobilität und die Nutzung elektronischer Medien hat es den Künstlern erlaubt, in die Provinz und aufs Land zu gehen, ohne den Kontakt zur großen Szene zu verlieren. Gerade die großen Ausstellungen wie etwa die documenta zeigen immer wieder aufs neue, wie bedeutende Künstler sozusagen aus dem Nichts auftauchen und sich nicht nur in München, Berlin, Paris, Rom oder New York entwickeln. Die Avantgarde wird heute gebildet sozusagen von den Rändern eines Wachstumsprozesses, und nicht mehr bestimmt durch einen Stil oder eine Schule.

Nun aber zu Ulrich Klieber und seine Kunst. - Ich hoffe sehr, daß es hier in Saulgau und im Oberschwäbischen noch einige Ausstellungsbesucher gibt, die Kliebers Malerei noch nicht kennen und sie mit frischen Augen unvoreingenommen sehen. Ich meine so, wie wenn wir an einem schönen Sonntag oder Ferientag herrlich ausgeschlafen haben, aus dem Fenster in die Sonne blinzeln und erwartungsvoll alles Angenehme auf uns zukommen lassen. Aber auch denjenigen, die mit Kliebers Bildern schon ziemlich vertraut sind, wünsche ich, daß es ihnen immer wieder einmal gelingt, sich in diese Art von Urzustand des Sehens, der bei kleinen Kindern ja den Normalfall darstellt, zurückzuversetzen. - Daneben kann es uns gar nicht schaden, wenn wir beim Betrachten auch unseren Gedanken freien Lauf lassen und es sogar wagen, unseren Verstand zu gebrauchen. Ziel sollte es sein, daß wir diese Bilder als Symptome unserer Zeit erkennen, die uns persönlich betreffen und von denen wir erfahren, daß sie gleichwohl fest in der Geschichte und vielleicht sogar ein wenig in der Region verwurzelt sind.

Aber wie fangen wir es an, diese Bilder nicht nur im Vorbeigehen zur Notiz zu nehmen, sondern auch wahrzunehmen? Als etwas Wahres zu nehmen? Nicht als Witz, nicht als Tapete, nicht als Anlaß, ein paar Freunde wiederzusehen und mit ihnen zu plaudern? - Wir lernen sprechen, wir lernen lesen, schreiben und rechnen. Aber lernen wir auch das Sehen? Lernen wir auch sehend und betrachtend zu begreifen? Nein, das Sehen lernen wir weder im Kindergarten noch in der Schule, und die meisten von uns müssen es sich mühsam selber aneignen. Und der visuelle Analphabetismus ist gerade in den sog. zivilisierten Ländern bei weitem stärker verbreitet als etwa die Unfähigkeit zum Lesen und Schreiben. - Was also bleibt einem Redner sinnvollerweise zu tun, außer die Exponate der Aufmerksamkeit des Publikums wärmstens ans Herz zu legen? Es gibt durchaus Alternativen!

Ich denke, es bietet sich an, daß wir uns exemplarisch mit demjenigen Werk zunächst einmal intensiver befassen, dem Sie bereits eine gewisse Aufmerksamkeit geschenkt haben. Ich meine das Bild „Party“ von 1993, das sowohl auf der Einladung als auch auf dem Plakat - ausschnitthaft - zu sehen ist. Danach können wir noch mit einem quasi schweifenden Blick den Übergang zu den übrigen Exponaten der Ausstellung andeuten.

Die komplexe Bildtafel von 320 : 240 cm ist aus 16 Bildelementen zusammengesetzt, die buntfarbig in gelb, rot, blau, schwarz und weiß einen heiteren Farbklang bilden, so daß die Monumentalität überspielt wird. Sodann gliedert sie sich in 4 vertikale Felder, die nebeneinander aufgereiht jeweils einer Hauptfigur sowie weiteren Nebenfiguren als Raum dienen. Da stehen sie nebeneinander, Frau - Mann - Frau - Mann usw., in der Hand ein Sektglas. Man trinkt - anscheinend jeder für sich - und unterhält sich mit unverbindlichen Nettigkeiten. Man winkt und ruft sich zu: „Hi! Hallo! Man sieht sich!“ - Wir kennen diese Art von Small-Talk - übrigens auch ein Bildtitel von Ulrich Klieber - von Stehparties und Empfängen.

Das formale Prinzip der Isokephalie, d. h. einer Aneinanderreihung von Figuren mit gleicher Scheitelhöhe, hatte mit dem Ende des Mittelalters seine Attraktivität verloren. Klieber verzichtet also auf eine neuzeitliche Komposition, d. h. er sucht das Interesse des Betrachters nicht durch eine ausgeklügelte Raumsituation zu gewinnen. Vielmehr ist der Bildraum ein Flächenraum mit einer eigenen Ordnung. Verfolgen wir die Figuren mit ihren Räumen von links nach rechts, so kommen wir zu folgenden Resultaten.

Die erste weibliche Figur erscheint schwarz auf gelbem Grund. Dieser zehrt stellenweise die Figur auf und macht sie transparent, indem er in die Gestalt hineingreift. Hinter ihrem Kopf sehen wir winkende Männerarme. - Der folgenden männlichen Figur ist ein blauer Grund zugewiesen, in den aber ein gelbes Feld sich von links einschiebt. Auf der Figurenebene bewegt sich eine tastende Hand mit roten Fingernagelkrallen, geführt an einem unglaublich langen Arm bedrohlich auf den Körper des Mannes zu. Der Habitus erinnert an ein phantastisches Insekt, vielleicht eine Gottesanbeterin, welche im Begriff ist, im nächsten Augenblick dem männlichen Partner den Kopf abzubeißen, nachdem dieser seine Gattenpflicht erfüllt hat.

Als nächstes folgt in einem roten Feld eine weibliche Figur, die als einzige nicht trinkt, sondern das Glas vor sich hält. Schachbrettartig wechselt die Gestalt ihre Farbe von Feld zu Feld. Figur und Grund treiben ein kubistisches Spiel von vorne und hinten, positiv und negativ, dem mit realistischer Logik nicht beizukommen ist. - Schultern und Profilkopf der Frau stehen in einem schwarzen Raumfeld vor einer strengen Rahmenform. Das Bild an der Wand könnte somit auch auf eine Galerie, die Party auf eine Vernissage verweisen. - Insgesamt scheint es hinter dem Rücken der Frau lebhaft zuzugehen, denn auf engstem Raum drängen sich der Arm eines Winkenden, 2 Sprechblasen und der in Qualm eingehüllte Kopf eines Rauchers.

Den zwei bzw. drei Männern des 4. Feldes ist ein grauer Grund zugewiesen, wobei auch hier wiederum ein rotes Feld von links auf der Höhe der oberen Körpermitte sich hereinschiebt. Oben treiben die Köpfe der beiden Trinker mit Händen und Gläsern noch einmal das witzige Verwirrspiel des Umschlagens von schwarz und weiß, von Figur und Grund.

In ähnlicher Weise, wie wir die Abfolge der Bildfelder oben und in der Region der Körpermitte der Figuren von links nach rechts betrachtet haben, können Sie die Fußregion verfolgen. Auch hier werden Sie übergreifende Bewegungen, gebildet durch Parkettmuster und Fußschatten, beobachten.

Es gibt im Party-Bild auch vertikale Brücken. Schlieren fließender Farbe treten auf den Plan, wie die Malerei des Tachismus sie benutzt und vor dieser Max Ernst sie entdeckt hatte, um damit die unbewußten Triebkräfte der Psyche zur Anschauung zu bringen. Bei Ulrich Klieber gewinnen die Farbströme über ihre informelle Ebene hinaus auch immer eine inhaltliche Dimension. Bei einigen Atelierstilleben konnten sie sozusagen sich selbst repräsentieren - eben für Farbkleckse und -spritzer stehen. Des weiteren konnten sie in anderen Bilderserien verschüttete Speisen und Getränke, strömenden Regen oder Wassergüsse von vorbeifahrenden Autos darstellen. - Wenn die Stimmung bei der Party steigt, trifft nicht jeder Schluck Wein in die Kehle, sondern einiges fließt zu Boden, ebenso wie auch einmal ein Glas der Hand entgleitet. Dieses Detail befindet sich am äußersten linken Bildrand. - Insgesamt können wir festestellen, daß die Figuren überfließen. Überall fließt es aus den Kleidern und Füßen heraus. Im Zerfließen haben die Menschen ihre innere Festigkeit und vor allem ihr Maß verloren, auf das ein anderes Bild dieser Ausstellung anspielt („Das Maß aller Dinge ist der Mensch“).

Ich möchte mit Ihnen nicht nur ein einzelnes Werk ein Stück Wegs entschlüsseln, sondern Ihnen auch vermitteln, in welchem Maße Ulrich Klieber die Fülle historischer Kunst ebenso wie die Moderne in sich aufgenommen, verarbeitet und im Sinne eines ureigenen künstlerischen Denkens zu einer zeitgemäßen Bildsprache weiterentwickelt hat.

So können wir die rasterartigen Flächenordnungen mit den konstruktivistischen Strömungen des 1. Jahrhundertdrittels in Verbindung bringen, während das fecettierende Umschlagen von Figur und Grund sich kubistischen Quellen verdankt. Die Reinfarbigkeit sowie die comic-artige Bilderzählung weiß sich der Pop-Art verbunden, während der spontane handschriftliche Duktus expressive und informelle Züge mit sich führt. - Dies sollte noch kein Resümee sein, sondern nur eine Art vorläufige Zwischenbilanz. - Damit wollen wir uns noch einem weiteren Phänomen zuwenden.

Ulrich Klieber hat eine sehr direkte Beziehung zum Material, mit dem er arbeitet. Das sind die Farben bzw. die Pigmente und das Bindemittel, und es ist der Bildgrund. Nirgendwo finden Sie einen vertriebenen Pinselduktus. Immer sind die Arbeitsspuren dokumentiert, so daß nie die Vorstellung eines Scheines von Wirklichkeit aufkommt. Und beim Papier erkennen Sie die Schnitte, die Ritzungen und die Fugen. - Die Renaissance hatte uns mit der Zentralperspektive in der Malerei den Illusionsraum beschert, an dessen Demontage inzwischen die Künstler schon ein ganzes Jahrhundert arbeiten, und dieser Prozeß ist noch immer nicht abgeschlossen.

Während diese Entwicklung im gesamten Abendland vergleichsweise synchron abgelaufen ist, gibt es in Oberschwaben eine Besonderheit, die ich in diesem Zusammenhang ansprechen muß. Wir finden hier eine reiche Fülle von Barockkirchen des 18. Jahrhunderts, die allesamt nicht nur Gesamtkunstwerke aus Architektur, Skulptur und Malerei bilden, sondern auch Raumillusionen vermitteln. Zugleich aber sind fast alle diese hochperfekten Kunstgebilde angefüllt mit Zeugnissen einer naiven Volksfrömmigkeit, mit Devotionalien, und es gibt eine oder bisweilen auch mehrere Reliquien. Der Umgang mit letzteren aber beruht auf einer sehr urtümlichen Vorstellung von Dingmagie. Es steht dahinter die Vorstellung, daß das Material - also das was die Erdmutter (= mater) ist und hervorbringt - unsere Existenz wesentlich ausmacht - und nicht der visuelle Schein. - Damit kommen wir zurück zu Ulrich Kliebers Kunst.

Das Party-Bild enthält einige Öffnungen oder Durchblicke. Was hat es damit auf sich? - Ende der 80er Jahre tauschte Klieber die Leinwand als Bildträger gegen Papier aus, und er bearbeitete den Bildgrund nicht nur mit Pinsel und Farbe, sondern auch mit dem Messer. Linien entstanden so als Öffnung der Farbschicht, aber auch schon gelegentlich als Verletzung und Durchbrechung des Papiers. Dann stellte Klieber die Figuren frei. D.h. er gab ihnen keinen Hintergrund, sondern montierte sie zwischen Glasplatten, die mit wahrnehmbarem Abstand vor der Wand angebracht wurden. So trat die Kunstfigur in den realen Raum, wurde sozusagen ein Stück unserer Wirklichkeit und ganz dezidiert kein Dekorationsstück. Klieber gab seiner Kunst auf diese Weise einen höheren Grad an Verbindlichkeit.

Jede Geschichte hat ihre Vorgeschichte. So schlitzte Lucio Fontana ab 1949 Leinwände auf und perforierte Papierflächen, um so der Malerei als einem Illusionsuternehmen endgültig ein Ende zu bereiten, indem die Fläche nun den realen Raum sichtbar machte. - 40 Jahre später findet Ulrich Klieber, daß Fontanas formales Raumkonzept - der concetto spaziale - seine Existenzberechtigung verloren hat, weil es in der ständigen Wiederholung nur sich selber spiegelt, anstatt Sie und Sie und mich persönlich anzusprechen.

Im Party-Bild gibt es 2 Sprechblasen ohne Text. Wir brauchen das nicht weiter zu verfolgen - die Bedeutung liegt auf der Hand. Und dann gibt es eine ausgeschnittene Sprechblase, die den Blick frei gibt auf die Raumebene hinter dem Bild. Diese Sprechblase ist nicht nur scheinbar, sondern wirklich leer. Ihr Inhalt, soweit es sich um die Bildebene handelt, ist ein Nichts! - Da öffnet jemand den Mund, spricht Worte und sagt - nichts. - In gleicher Weise ist der Profilkopf einer weiblichen Figur ausgeschnitten. Dort wo ein Kopf hingehört, ist wiederum nichts - nicht einmal ein Bildgrund.

Des weiteren können Sie beobachten, daß bei den 4 Trinkern jeweils eine viereckige Öffnung in den Leib geschnitten ist. Diese gibt nicht nur einen Durchblick auf die Wand frei, sondern zeigt auch, wie die Getränkeströme nach unten fließen und sich in den jeweiligen Getränkesee ergießen, wobei sie jeweils konzentrische Ringe bilden. - Wir kennen ähnliche Phänomene bei Kinderzeichnungen, die wir dann als Röntgenbilder bezeichnen. Auch die Maler und Bildhauer der Spätgotik zeigten bei der Darstellung der Heimsuchungsgruppe Maria und Elisabeth gern mit partiell durchsichtigem Gewand und Leib, so daß der kleine Jesus und der kleine Johannes - sitzend und jeweils umgeben von einer goldenen Gloriole - sichtbar wurden. - Was in der Gotik und bei unseren Kleinen Zeugnisse eines naiven Realismus sind, gewinnt bei einem Künstler unserer Zeit die Dimension einer messerschafen Analyse mit einem nicht überhörbaren sarkastischen Unterton.

Für jede Eröffnungsrede setze ich mir einen Rahmen. Zeitlich verlangt dieser, die Geduld der Zuhörer nicht über Gebühr zu beanspruchen. Inhaltlich meint er, die Besucher neugierig auf das Selbersehen zu machen und nicht zu viel vorwegzunehmen. - In diesem Sinne möchte ich Sie anregen, Ulrich Kliebers Malereien auf Papier aus den letzten 4 Jahren selbst zu entdecken und zu erforschen.

Vielleicht stellen Sie sich einige Fragen - etwa:

Worin bestehen die Stärken - oder auch die Schwächen - der starken Männer und der starken Frauen?

Was macht die Midlife-crisis bildhaft und anschaulich?

Was sagen der Habitus und die Gesten von Hillary - und warum erscheint die First Lady als Torso?

Wo taucht die Gottesanbeterin sonst noch auf - und was hat das mit einer Verlobung zu tun?

Was bedeutet es, wenn der Fernseher Lichtquelle und Motiv eines Bildes ist?

Wie unterscheidet sich meine Fernsehwirklichkeit zu Hause von den hier gezeigten Stilleben?

Vielleicht versuchen Sie, sich einige Fragen zu beantworten. Aber im Betrachten können Sie auch neue Fragen stellen, und ich versichere Ihnen: Es gibt mehr Fragen als Antworten!