Archiv                                                                                                               

Akademische Verabschiedung von Prof. Dr. Walter Schiementz

Pädagogische Hochschule Heidelberg. Zur Ausstellungseröffnung am 24.06.1997

Dies ist keine gewöhnliche Vernissage. Deshalb erwarten Sie auch sicher nicht, daß der Redner Ihnen die Exponate mit lobenden Worten andient.

Dies ist auch kein kunstwissenschaftliches Kolleg. Und daher wird es wohl auch weder um eine Analyse noch um eine Interpretation der ausgestellten Werke gehen.

Der Anlaß ist bekannt: Der uns allen wohl bekannte, der von uns allen geschätzte und von vielen geliebte Kollege Walter Schiementz verabschiedet sich aus dem aktiven Hochschuldienst. Anstatt aber sich selber mit einem wissenschaftlichen Vortrag zu feiern, tritt er hinter die Produkte seiner künstlerischen Arbeit zurück, überläßt es seinen Werken, für ihn zu sprechen. – Doch das Kunstwerk kann nicht ja und nein sagen. Die Bildsprache ist ambivalent. So sind Mißverständnisse und Fehleinschätzungen vorprogrammiert, wenn etwa jemand die Freiheit des Betrachters mit einer Beliebigkeit des Deutens verwechselt. Somit ist Vorsicht angebracht – selbst wenn der Anlaß ein festlicher ist. Und dies ist auch Walter Schiementz bewußt, denn aus diesem Grunde hat er mich um Gedanken zur Ausstellung gebeten, und eine Laudatio hat er mir strengstens untersagt.

Nun, ich will tun, was in meinen Kräften steht. Allerdings kann ich nicht versprechen, daß ich mich ausschließlich mit den ausgestellten Kunstwerken beschäftigen und die Person des Künstlers ganz außer Betracht lassen werde.

Wie also nähern wir uns in angemessener Weise den ausgestellten Werken? Walter Schiementz gab mir als einziges Stichwort den Begriff Gedanken, und er meinte wohl damit, ich solle über das allmähliche Verfertigen der Gedanken beim Anschauen seiner Bilder sprechen. Hingegen meinte er nicht, daß es etwa darum ginge, Bildungsgüter oder Wissen zu vermitteln. Denn auf diesem Wege würden wir die Werke mit größter Sicherheit verfehlen. Mit dem Anschauen und Nachdenken treffen wir nicht ins Zentrum eines Kunstwerks, doch wir bewegen uns dicht an seiner Peripherie. In wiederholten Annäherungsversuchen können wir uns einen ersten Zugang schaffen, indem wir das Werk anschaulich reflektierend umkreisen und befragen.

Stellvertretend für eine Vielzahl möglicher Zugänge möchte ich zunächst auf einen zentralen künstlerischen Aspekte eingehen. Auf der Formebene möchte ich stilistische Gesichtspunkte im Zusammenhang mit dem Arbeitsprozeß ansprechen.

Wenn wir aus größerer Entfernung auf Gemälde von Walter Schiementz zugehen oder diese nur mit einem flüchtigen Blick streifen, fällt zunächst die Leichtigkeit des Vortrags und als ganz allgemeines Motiv das Licht auf. So vermuten wir zu Recht, daß der Künstler wenn nicht seine frühesten, so doch sehr tiefreichende Wurzeln im Impressionismus hat. – Zunächst ist dies also eine Kunst der Retina, des schönen Scheins und der Oberfläche, die fürs erste von den Dingen, von deren Zweck und Nutzen, aber auch von deren Symbolwert, absieht. Es ist diejenige Dimension der Malerei und der Zeichnung, in der sich auch das heitere und das lebensbejahende Naturell von Walter Schiementz widerspiegelt. So wie der Künstler, hingerissen von dem bizarren Reiz und der malerischen Schönheit einer Landschaft, vor allem auf Reisen Eindrücke in spontanen Skizzen und Zeichnungen festhält, so finden diese Notate nahezu unreflektiert den direkten Weg auf die Leinwand. Wenn wir in der Naturbetrachtung und der Naturverbundenheit auch einen versteckten romantischen Zug vermuten, so befinden wir uns durchaus auf einer richtigen Spur. Ein wenig Gefühl läßt Schiementz durchaus zu, jedoch sperrt er sich vor dem sentimental triefendem Gemüt süddeutscher Provenienz. Ich sehe bei ihm eher einen Schuß französischer Romantik, die sich vor allem in Begeisterungsfähigkeit und temperamentvollem Duktus auslebt.

Wenngleich Walter Schiementz sich gerne den Eindrücken der visuellen Welt hingibt, so erliegt er ihnen doch niemals. In der Ausführung der künstlerischen Arbeit geht es nicht mehr ausschließlich um die inneren Bilder sowie um Form und Farbe, sondern da behauptet sich auch die Materialität der Dinge mit ihrem Bezug zum Menschen. Der pictor doctus, der Maler, der die Kunstgeschichte in Studium und Lehre über Jahrzehnte immer wieder auf neue durchmessen hat, kann beim Malen sein Denken nicht dispensieren. Selbstkritisch muß er seine eigenen Leistungen an denen messen, auf deren Schultern er steht. Und solche Vergleiche lehren uns allemal Bescheidenheit. – Des weiteren aber spornen sie an, daß wir uns nicht selbstzufrieden zurücklehnen, sondern immer alles von uns fordern. Und dies bedeutet zunächst nicht nur Selbstkritik, sondern auch Selbstausdruck.

Neben dem Impressiven ist es also das Expressive, das einen wesentlichen Charakterzug von Walter Schiementz’ künstlerischem Impetus ausmacht. Dabei haben sich in den letzten Jahren die Gewichte zunehmend verschoben von einer eher subjektiven Schau zu Versuchen einer objektivierenden Sicht. Größere Formate schaffen neue kompositorische Probleme, die bewältigt werden müssen, aber sie erlauben auch komplexere Aufgabenstellungen sowie weiterreichende und umfassendere Aussagen.

Ein weiterer Entwicklungsstrang vollzieht sich von der grafischen zur malerischen Arbeit, wobei der lineare Duktus nicht aufgehoben wird, sondern in seinen Schichtungen die neue Qualität gewinnt. – Überhaupt hat das Zeichnen im Verständnis von Walter Schiementz nie eine definierende Funktion erfüllt. Die Linie hat für ihn weder zu zielen noch zu treffen, sie hat weder zu umgrenzen noch zu binden. Die Linie ist ihm das eigentliche Instrument künstlerischer Freiheit. Denn sie bewegt sich frei schwebend, quasi spielerisch tastet sie eine Fläche ab, in Ballung und Streuung, in parallelen und in spitzwinklig einander überkreuzenden Lagen bilden sich Volumina und Räume. Das schnelle experimentelle Zeichnen, das sozusagen dem Konzipieren vorauseilt, gehört eigentlich zu den aleatorischen Verfahren. Die Surrealisten sprachen von der écriture automatique, dem automatischen Schreiben, das unter dem Einfluß von Drogen oder eben durch große Schnelligkeit ein Arbeiten bei herabgesetzter gedanklicher Kontrolle erlaubte. Einzelne informelle Künstler sind gar der Versuchung erlegen, jene Methode in eine Art Stil zu transferieren. – Bei Walter Schiementz hingegen behalten das experimentelle Zeichnen und der frei fluktuierende Duktus ihre dienende Funktion. Sie erlauben es, die Intention zurückzudrängen und im Gegenzug dem kreativen Prozeß Freiräume zu eröffnen, so daß das Zeichnen zeichnet, das Malen malt – und der Künstler ist staunender Zeuge der Geburt eines Kunstwerks.

Natürlich ist die Rolle des Künstlers nicht ausschließlich eine passive, ebenso wenig wie wir ihn uns als Konstrukteur vorstellen sollten. Angemessener ist es, ihn als Moderator zu sehen, der im rechten Moment in die Prozesse eingreift. Dies gilt sowohl für die Komposition als auch für die Konstituierung von Bedeutung. So erwächst das Dingliche und die Motivik aus der Bewegung des Materials. An dieser Stelle verlassen wir nicht die Frage der Form, jedoch wir transzendieren sie in Richtung auf die Inhaltsebene und deren Bedeutungsmöglichkeiten.

Es zeigen sich zunächst kaum mehr als scheinbar vordergründige Präferenzen des Künstlers für die Landschaft mit Berg und Tal, mit Weg, Haus und Baum. Aber es sind gerade die Prinzipien von Wiederholung und Variation, welche das Alltägliche, das scheinbar Banale mit Bedeutung auflädt. Selbst wenn der Mensch nicht anwesend ist, so sind es doch seine Dinge, die ins Bild gesetzt sind. Die Landschaft ist der vom Menschen für seine Zwecke lebensdienlich gemachte Raum. Ein Zaun grenzt das Terrain ab, bietet Schutz oder engt uns ein. Die vertikale Gestalt des Baumes weist am ehesten anthropogene Dimensionen auf, ohne zum direkten Abbild des Menschen zu werden. Ähnlich steht es mit dem Kreuz, das nicht als vordergründig christliches Symbol gedeutet werden sollte; es ist das in radikaler Vereinfachung aufgerichtete Zeichen, das eine mahnende Stellvertreterfunktion übernimmt. Die Wege sind unsere Wege, die wir zurücklegen müssen, wenn wir das Haus, unser Gehäuse, erreichen wollen. Als Fähre oder Arche bietet das Schiff ein mäßig sicheres Gefährt auf unsicher bewegten Gewässern, verspricht ein Überleben bei großer Gefahr oder bringt uns hinüber auf die andere - die unbekannte - Seite. In ähnlicher Weise stellt die Leiter ein transzendentes Bildmotiv dar, denn sie ist dasjenige archaische Hilfsmittel, mit dem wir auch Höhendifferenzen zu überwinden in die Lage versetzt werden, da wir uns doch nicht, wie Vögel, in die Luft erheben können. Seit dem Mittelalter steht die Leiter nicht nur für den Lebensweg des Menschen, sondern auch für seine Fähigkeit, sich in eine höhere Bewußtseinssphäre zu erheben.

Natürlich ist es eine Binsenweisheit, daß die Person des Künstlers sich nicht hinter einem Werk großer Allgemeinheit verbergen kann. So wie die Überlegungen zu Form, Komposition und Duktus vielleicht einige Schlaglichter auch auf den temperamentvollen und eher heiter gestimmten Walter Schiementz werfen konnten, so finden wir in den Motiven und nicht zuletzt in den Bildtiteln deutliche Hinweise auf einen nachdenklich gewordenen Künstler, der mit dem Auge und auf dem Viereck von Papier und Leinwand insistierend nach Lebenssinn sucht.

Gedanken zur Ausstellung  – sie sollten kein Selbstzweck und kein dekorativer Schnörkel in dieser festlich gestimmten Veranstaltung sein. Sie sollten lediglich versuchen, nicht nur Ihre Gedanken, sondern auch Ihr Sehen in die Bildräume zu lenken, auf den Weg zu bringen, in das Haus und auf die Leiter zu führen. Diese Bilder sind Instrumente des sehenden Verstehens, sie sind Vehikel des anschaulichen Denkens. Und mir bleibt am Ende nur noch, Walter Schiementz für den gebotenen Anschauungsunterricht – ich hoffe auch in Ihrem Namen – ganz herzlich zu danken.